Der Cadillac Seville der Modelljahre 1975 bis 1979 ist eine nach US-amerikanischem Verständnis mittelgroße luxuriöse Limousine, die der Automobilkonzern General Motors unter der Marke Cadillac verkaufte. Der auf der konzerneigenen X-Plattform basierende Seville war der kleinste Cadillac seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Er war eine Reaktion auf den Erfolg der teuren Importmodelle von Mercedes-Benz und BMW. Während er außerhalb der USA ein Außenseiter blieb, verkaufte sich der Seville auf dem heimatlichen Markt gut. Er war konzeptionell und stilistisch einflussreich. General Motors’ Konkurrenten Ford und Chrysler zogen mit ähnlichen Modellen nach. Eine im Iran gebaute Version des Seville hieß Cadillac Iran oder Cadillac Civil. Bis 2004 brachte Cadillac noch vier weitere Generationen des Seville auf den Markt.

Entstehungsgeschichte mini|Günstiger als der Seville, aber größer: Cadillacs Standardmodell Sixty Special (1976)

Die General-Motors-Marke Cadillac, die seit den 1960er-Jahren mit dem Slogan Standard of the World warb,Verkaufsprospekt von 1965 (abgerufen am 25. Dezember 2022). produzierte in der Nachkriegszeit ausschließlich Full-Size-Modelle,In den 1970er-Jahren wurden die Automobilklassen in den USA üblicherweise unter Rückgriff auf den Radstand definiert. Intermediate Cars hatten einen Radstand von 112 Zoll (2845 mm) bis maximal 118 Zoll (2997 mm). Autos mit längerem Radstand waren Full-Size-Cars, Autos mit kürzerem waren Compact Cars. die zu den größten und am stärksten motorisierten Personenwagen der USA gehörten.Der viertürige Cadillac Sixty Special war in seiner Ausführung von 1974 insgesamt 5944 mm lag, wog leer 2330 kg und hatte einen 7,7 Liter großen Achtzylinder-V-Motor. Als nächster Konkurrent war der Lincoln Continental einige Zentimeter kürzer und hatte einen V8-Motor mit 7,5 Litern Hubraum. Der Imperial LeBaron war nochmals geringfügig kürzer. Internationale Konkurrenz gab es in diesem Größensegment nicht. Erst mit Ausbruch der Ersten Ölkrise 1973 und dem damit verbundenen starken Anstieg der Kraftstoffpreise begann die amerikanische Oberschicht, ein breites Interesse für kleinere und verbrauchsgünstige, aber hochwertige Luxusfahrzeuge aus Europa zu entwickeln. Binnen kurzer Zeit erzielten Importfahrzeuge wie der Mercedes-Benz „Strich Acht“ und der BMW 2500 oder 2800 große Erfolge in den USA.

Amerikanische Hersteller hatten dem zunächst nichts entgegenzusetzen. General Motors erkannte als Erster der großen drei amerikanischen Automobilkonzerne einen potentiellen Markt für kleinere Luxusmodelle der eigenen Marken. Anfänglich wurde erwogen, den deutschen Opel Diplomat B, der in seiner höchsten Ausstattungsstufe von einem Chevrolet-Achtzylindermotor angetrieben wurde, im Wege des Badge Engineering in den USA als Cadillac zu vermarkten.So verfuhr General Motors bereits mit dem deutschen Opel Kadett C und dem Manta A, die in den frühen 1970er-Jahren als Buick angeboten wurden. Von 1996 bis 1998 verkaufte GM außerdem den in Rüsselsheim produzierten Opel Omega B in den USA als Cadillac Catera. Aus wirtschaftlichen Gründen gab Cadillac diese Idee frühzeitig auf: Wegen der geringen Fertigungstoleranzen der deutschen Konstruktion hätte der Diplomat nicht ohne Weiteres in den USA hergestellt werden können; da er außerdem keine Gleichteile mit Autos US-amerikanischer Produktion hatte, wäre der kostenintensive Neuaufbau der Teileversorgung in den USA notwendig gewesen. Stattdessen fiel die Entscheidung, den kleinen Cadillac von der hauseigenen X-Plattform abzuleiten, die seit 1968 in amerikanischen Mittelklasse-Fahrzeugen zum Einsatz kam.Richard M. Langworth: Encyclopedia of American Cars 1930–1980. New York (Beekman House) 1984, ISBN 0-517-42462-2, S. 94. Die technisch anspruchslose X-Plattform wurde für den Cadillac in K-Plattform umbenannt.Im Laufe des Entwicklungsprozesses wurden die Elemente der X-Plattform in einigen Details erheblich überarbeitet. Deshalb und um die Wurzeln des Seville im Großseriensegment zu verschleiern, führte General Motors für die technische Basis des Seville formal die Bezeichnung K-Plattform ein. Die X- bzw. K-Plattform war – wie seinerzeit in den USA üblich – auf Hinterradantrieb ausgelegt. Obwohl Cadillac mit dem Eldorado ein erfolgreiches, hochpreisiges Auto mit Frontantrieb im Programm hatte, war der Frontantrieb keine Option für die erste Seville-Generation: General Motors’ Fertigungskapazitäten reichten zu dieser Zeit noch nicht aus, um Frontantriebskomponenten für ein weiteres Modell zu produzieren.

Für die Entwicklung des Seville hatte Cadillac lediglich 16 Monate Zeit. Im Dezember 1973 erhielt das Projekt die grundsätzliche Freigabe des Managements, und bereits im Mai 1975 fand die Markteinführung statt.

Der Seville gehörte als erster Cadillac zur Klasse der Intermediates. Er war 50 cm kürzer und nahezu 450 kg leichter als die Full-Size-Modelle der DeVille- bzw. 60-Special-BaureiheAlbert R. Bochroch: American Cars of the Seventies. Warne’s Transport Library, London 1982, ISBN 0-7232-2870-1, S. 35. und entsprach in seinen Dimensionen damit annähernd der US-Version der zeitgenössischen S-Klasse von Mercedes-Benz. Zugleich war er hochwertiger ausgestattet als die regulären DeVilles; das Ausstattungsniveau de Seville entsprach etwa dem des Personal Luxury Coupés Eldorado. Die erste Seville-Generation blieb fünf Jahre im Programm. Zum Modelljahr 1980 ersetzte Cadillac den Wagen durch eine Neuauflage mit Frontantrieb.

Der erste Seville war bedeutsam für die Marke Cadillac. Er zeigte, dass sich kleinere, luxuriös ausgestattete Autos aus amerikanischer Produktion gut verkaufen ließen und bereiteten damit den Downsizing-Prozess vor, den Cadillac 1977 mit den Volumenmodellen der DeVille- und Fleetwood-Brougham-Reihe vollzog.

Modellbezeichnung Anfänglich hatte General Motors erwogen, für den neuen kleinen Luxuswagen die Bezeichnung LaSalle wiederzubeleben, die von 1927 bis 1940 für eine Schwestermarke Cadillacs verwendet worden war. Das hätte allerdings historisch einen Bruch bedeutet, weil LaSalle traditionell preiswerte Schwestermodelle Cadillacs angeboten hatte, während der neue kleine Cadillac eines der teuersten Modelle der Marke werden sollte. Darüber hinaus wurde auf Marktforschungen verwiesen, nach denen LaSalle mit dem Image eines Verlierers verbunden sei.Im Original: „loser image“. Vgl. Richard M. Langworth: Encyclopedia of American Cars 1930–1980. New York (Beekman House) 1984, ISBN 0-517-42462-2 S, 94. In Betracht wurde auch der Name „Leland“ gezogen, der auf Henry Leland, den Gründer Cadillacs, verweisen sollte. Dagegen sprach aber die starke Ähnlichkeit mit dem britischen Automobilhersteller British Leyland.

Stattdessen wurde der Begriff Seville gewählt, der sich auf die spanische Stadt Sevilla bezieht. Cadillac hatte ihn bereits von 1956 bis 1960 als Zusatzbezeichnung für die Eldorado-Baureihe genutzt: Als der 1953 eingeführte Eldorado, der anfänglich nur als zweitüriges Cabriolet erhältlich war, 1956 ein Hardtop-Coupé als geschlossene Ergänzung erhielt, wurde der offene Eldorado zum Eldorado Biarritz, während der geschlossene Zweitürer als Eldorado Seville verkauft wurde. Ab 1961 gab es keinen Eldorado Seville mehr.

Modellbeschreibung Fahrwerk und Bodengruppe mini|Technisch eng mit dem Cadillac Seville verwandt: Chevrolet Nova

Der Cadillac Seville hat – anders als die zeitgenössischen Full-Size-Cadillacs – eine selbsttragende Karosserie. Vorn und hinten sind Hilfsrahmen montiert. Der hintere Hilfsrahmen ist von General Motors’ X-Plattform abgeleitet und ähnelt deshalb der Konstruktion, die unter anderem beim Großserienmodell Chevrolet Nova verwendet wurde. Von der X-Plattform wurde auch die Grundkonstruktion der Bodengruppe übernommen, die für den Seville allerdings um 90 mm verlängert wurde.

Die vorderen Räder sind einzeln aufgehängt und haben Schraubenfedern; hinten gibt es eine Starrachse mit Blattfedern, die unverändert vom Chevrolet Nova übernommen wurde.

In den ersten beiden Produktionsjahren waren Scheibenbremsen nur an den Vorderrädern eingebaut, hinten hatte der Seville Trommelbremsen. Beginnend mit dem Modelljahr 1977 wurden alle Sevilles serienmäßig mit Scheibenbremsen an allen Rädern ausgestattet.Georg Amtmann: Cadillac. Lechner Verlag, Genf 1990, ISBN 3-85049-071-8, S. 40.

Karosserie mini|Glattflächiges Design und eckige Konturen

Die Karosserie des Cadillac Seville besteht aus Stahl. Die Bleche wurden bei der GM-Tochter Fisher in Detroit gepresst.

Der Karosserieentwurf wird üblicherweise dem GM-Designchef Bill Mitchell zugeschrieben. Sein tatsächlicher Beitrag beschränkte sich allerdings auf ein paar grundlegende Ideen. Die wesentlichen Detailarbeiten leistete Cadillacs Designteam unter der Leitung von Stanley F. Parker, dessen Entwurf sich frühzeitig gegen einen Schrägheck-Vorschlag von Wayne Kady durchgesetzt hatte.

Das Design des Seville hat keine Bezüge zu den zeitgenössischen Full-Size-Cadillacs. Stilistische Vorbilder waren die S-Klasse von Mercedes-Benz und der Rolls-Royce Silver Shadow. Der Seville ist betont glattflächig und eckig gestaltet und hat weniger Chromschmuck als die anderen Cadillac-Modelle. Nahezu kein Teil der sichtbaren Karosseriebleche ist mit anderen Cadillac- oder General-Motors-Modellen austauschbar. Eine Ausnahme galt in den ersten beiden Produktionsjahren für das Dach. Der vordere Teil des Daches entspricht dem der X-Body-Limousinen aus General Motors’ Mittelklasseprogramm; die Blechteile wurden mit den gleichen Pressen hergestellt. Im Bereich der C-Säule ist die Dachpartie des Seville dagegen eigenständig. Die Schweißnaht zwischen den beiden Dachteilen wurde durch einen Vinylbezug des gesamten Dachs kaschiert. Zum Modelljahr 1977 änderte sich der Produktionsprozess. Von nun an wurde das Dachteil in einem Stück gepresst. Damit entfiel die Schweißnaht. Daraufhin war es möglich, ein von den Kunden oft gewünschtes lackiertes Blechdach ohne Vinylbezug zu liefern.

Einige Designmerkmale des Seville wurden zu Trendsettern. Die glattflächige, schnörkellose Karosseriegestaltung wurde in den folgenden Jahren nicht nur von Cadillacs verkleinerter Full-Size-Reihe übernommen, sondern auch von anderen Herstellern wie beispielsweise Ford (Fairmont von 1977 und LTD von 1978). Das Arrangement der vorderen Leuchteneinheiten – zwei nebeneinander angeordnete rechteckige Scheinwerfer, darunter die Blinker- und Standlichteinheit – fand sich ab 1976 bei zahlreichen Modellen aller vier US-Autokonzerne.

Motor und Kraftübertragung Der Cadillac Seville war mit zwei verschiedenen Motoren erhältlich:

Standardmotorisierung war während des gesamten Produktionszeitraums ein 350 cui (5735 cm³) großer Ottomotor mit acht Zylindern in V-Anordnung. Der Block wurde von der GM-Division Oldsmobile zugeliefert, Cadillac konstruierte aber einen eigenen Ansaugkrümmer. Eigenständig war auch die serienmäßige elektronisch gesteuerte Benzineinspritzung, die von Bendix entwickelt worden war. Die Motorleistung lag bis zum Modelljahr 1977 bei 180 SAE-PS und fiel wegen strenger gewordener Emissionsvorschriften in den letzten beiden Modelljahren auf 170 SAE-PS. Im Laufe des Modelljahrs 1978 führte Cadillac als aufpreispflichtige Sonderausstattung einen Achtzylinder-Dieselmotor ein, der ebenfalls von Oldsmobile produziert wurde. Der Hubraum des Motors entsprach exakt dem des Saugmotors. Die Höchstleistung lag bei lediglich 120 SAE-PS. Im Vergleich zum Ottomotor war der Kraftstoffverbrauch des Seville mit Dieselmotor deutlich geringer. Cadillac gab den Verbrauch mit 21 mpg (11,5 Liter auf 100 km) für den Stadtverkehr bzw. 30 mpg (7,5 Liter auf 100 km) für den Autobahnbetrieb an. Der Aufpreis für den Dieselmotor betrug 2.286 US-$.

Die Kraftübertragung auf die Hinterräder erfolgt serienmäßig durch ein automatisches Dreiganggetriebe (TH-400 Turbo-Hydramatic).

Produktion und Preise