mini|hochkant=1.3|Blick auf das Areal der Keltensiedlung Sandberg
Die Keltensiedlung Sandberg (auch: Keltenstadt, Keltensiedlung Roseldorf oder Keltischer Fürstensitz Sandberg) befindet sich auf dem Sandberg (340 m) in den politischen Gemeinden Sitzendorf an der Schmida und Zellerndorf in Niederösterreich. Sie ist die größte keltische Siedlung und die älteste Münzprägestätte in Österreich sowie jene keltische Siedlung mit den meisten keltischen Heiligtümern überhaupt.Kunsthistorisches Museum Wien. (abgerufen am 28. Oktober 2022) Das Ausmaß der Siedlung ist nach wie vor nicht bekannt, wobei der Umfang je nach Quelle auf eine Größe von mindestens 38 Hektar (Stand 2022) gesichert sind. Da die Siedlungsgrenzen bis jetzt nur im Süden und Westen dokumentiert werden konnten, ist anzunehmen, dass die Siedlung deutlich größer gewesen ist.Peter Trebsche: Größe und Wirtschaftsstruktur latènezeitlicher Flachlandsiedlungen im österreichischen Donauraum. In: Zborník Slovenského Národného Múzea. Band 106 (= Archeológia, Band 22), 2012, S. 131–167, hier S. 134, 136f. (snm.sk [PDF]).Roseldorf. Interdisziplinäre Forschungen zur größten keltischen Zentralsiedlung Österreichs (= Schriftenreihe der Forschung im Verbund. Band 102), 2009, Veronika Holzer: A.3. Roseldorf – Bedeutung der Fundstelle einst und heute, S. 7.
Nachgewiesen ist die überregionale Bedeutung der Siedlung durch die hier geprägten Münzen.Roseldorf. Interdisziplinäre Forschungen zur größten keltischen Zentralsiedlung Österreichs (= Schriftenreihe der Forschung im Verbund. Band 102), 2009, Veronika Holzer: A.4. Roseldorf – ein spezieller keltischer Siedlungstyp, S. 9. Obwohl die Siedlung städtischen Charakter hatte, kann derzeit (Stand 2023) nicht von einem keltischen Oppidum mit Murus Gallicus, sondern eher von einer befestigten Großsiedlung oder Zentralsiedlung bzw. keltischen Stadt gesprochen werden.BUFM 49, Veronika Holzer: Der keltische Kulturbezirk in Roseldorf, S. 125. Die Datierung der Siedlung ist unsicher. Allgemein wird der Beginn der keltischen Besiedelung am Sandberg für die Früh-Latènezeit im 4. Jahrhundert v. Chr. angenommen. Das Ende der Siedlungstätigkeit dürfte im 1. Jahrhundert v. Chr. gewesen sein.Peter Trebsche: Größe und Wirtschaftsstruktur latènezeitlicher Flachlandsiedlungen im österreichischen Donauraum. In: Zborník Slovenského Národného Múzea. Band 106 (= Archeológia, Band 22), 2012, S. 131–167, hier S. 134 (snm.sk [PDF]).
Lage und Namensgebung Die Keltensiedlung am Sandberg ist seit dem frühen 18. Jahrhundert durch Oberflächenfunde bekannt,Roseldorf. Interdisziplinäre Forschungen zur größten keltischen Zentralsiedlung Österreichs (= Schriftenreihe der Forschung im Verbund. Band 102), 2009, Veronika Holzer: A.13. Zusammenfassung und Datierung, S. 77. wurde jedoch erst seit dem Jahr 1995 mit dem Arbeitstitel „Keltischer Fürstensitz Sandberg“ als damals erst zweitePeter Trebsche: Größe und Wirtschaftsstruktur latènezeitlicher Flachlandsiedlungen im österreichischen Donauraum. In: Zborník Slovenského Národného Múzea. Band 106 (= Archeológia, Band 22), 2012, S. 131–167, hier S. 131 (snm.sk [PDF]). latènezeitliche Flachlandsiedlung in Österreich beforscht.BUFM 49, Veronika Holzer, Der keltische Kulturbezirk in Roseldorf, S. 125. Als archäologische Bezeichnung hat sich „Keltensiedlung Roseldorf“ bzw. „Anlage Roseldorf“ in der Literatur eingebürgert, weil die Siedlung zum größten Teil innerhalb der politischen Grenzen von Roseldorf (Gemeinde Sitzendorf) liegt. Zum kleineren Teil wiederum reicht die Siedlung in die politischen Grenzen von Platt (Gemeinde Zellerndorf) hinein, dieses ist der Keltensiedlung aber geografisch näher als Roseldorf. Aus diesem Grund hat sich im allgemeinen Sprachgebrauch die „politisch neutrale“ Bezeichnung „Keltensiedlung Sandberg“ eingebürgert. Da bis heute die Ostgrenze (wie auch die Nordgrenze) der Siedlung nicht erforscht ist, könnte man sogar spekulieren, dass eine weitere Gemeinde (Guntersdorf) Anteil an dieser Siedlung hat. Wie die Kelten selbst ihre Siedlung genannt haben, ist nicht bekannt, weil darüber keine schriftlichen Aufzeichnungen vorliegen.
Siedlungstyp und Befestigung mini|Keltenmauer (Murus Gallicus) Über Frage nach dem Siedlungstyp „Oppidum“ herrscht bei der Keltensiedlung Sandberg nach wie vor keine akademische Einigkeit. Für manche Akademiker stellt der Begriff des „Oppidum“ einen eng definierten keltischen Siedlungstyp aus der späten Latènezeit dar (Siedlung, befestigt mit einem Murus GallicusDie Münzprägung der Kelten an der mittleren Donau – Entwicklung und Einflüsse aus fremden Gebieten, Helmut Raubec, Universität Wien 2013, S. 16.Roseldorf. Interdisziplinäre Forschungen zur größten keltischen Zentralsiedlung Österreichs (= Schriftenreihe der Forschung im Verbund. Band 102), 2009, Veronika Holzer: A.4. Roseldorf – ein spezieller keltischer Siedlungstyp, S. 8.), der von Cäsar für gallische Keltensiedlungen beschrieben wurde.
Andererseits sind viele Wissenschaftler der Meinung, dass der Begriff „Oppidum“ zum einen vom städtischen Charakter einer Siedlung abhängt (also Handwerksviertel, Wohnviertel, eine gewisse ansässige Industrie, Versammlungsorte und dergleichen), zum anderen davon ob die Stadt überhaupt befestigt war. Nicht überall waren Steine in geeigneter Zahl verfügbar, sodass Steinmauern um eine Siedlung errichtet werden konnten. Wenn man den Begriff „Oppidum“ im Sinne von „bewehrter Stadt“ verwendet, ist der Kreis der „Oppida“ deutlich größer gefasst. Auch ist zu bedenken, dass Cäsar die gallischen Siedlungen beschrieb und auch wenn es sich um die gleiche Kultur handelte, können die Kelten im Osten hier ihre eigenen Bräuche gehabt haben.
Zwar gibt es Siedlungen in Mitteleuropa die sich, obwohl sie bereits wie die Keltensiedlung Sandberg in der frühen Latènezeit bestanden, später zum (cäsarischen) Oppidum entwickelt haben (zum Beispiel das Oppidum von Manching), trotzdem kann die Keltensiedlung am Sandberg mindestens als „oppidumartige“ Siedlung oder Stadt bezeichnet werden. Die Keltensiedlung am Sandberg war wahrscheinlich lediglich mit einem Grabensystem, möglicherweise in Kombination mit Palisaden, Wällen und Toranlagen, vielleicht auch teilweise mit einer Pfostenschlitzmauer gesichert. Eine entsprechende archäologische Grabung im Herbst 2023 soll hier Aufschluss bringen.
Auch denkbar, nach Holzer und Urban, wäre entsprechend der römischen Einteilung statt Oppidum als andere Bezeichnung „Urbs“ für die Siedlung am Sandberg, beziehungsweise nach Trebsche und Jandaurek die Nicht-Römische Einteilung „Großsiedlung“.
Funde
Allgemeines mini|V. l. n. r.: Drachme des Typs Leier-Stern, Obol Roseldorf II, Obol Roseldorf III. Das Material der Münzen ist Elektron. Zu sehen sind die Münzen in der keltischen Dauerausstellung des NHM Wien, Saal 13. Seit dem frühen 18. Jahrhundert gab es am Sandberg immer wieder aufregende Oberflächenfunde, wie zum Beispiel in Form einer großen Anzahl an Münzen, aber auch keltische GürtelhakenVeronika Holzer: Die Gürtelhaken aus Roseldorf – Altes und Neues. In: Franz Pieler, Peter Trebsche (Hrsg.): Beiträge zum Tag der Niederösterreichischen Landesarchäologie 2017. Festschrift für Ernst Lauermann. Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums N. F. 541, Asparn/Zaya 2017, S. 238–247., Waffen und Glas wurden hier aufgesammelt. Vieles davon verschwand in privaten Kanälen und verscholl im Laufe der Zeit oder ist heute der Fundstätte nicht mehr zuordenbar. Nur Weniges wurde von Museen aufgekauft, wie die Münzsammlung des Kunsthistorischen Museums Wien, die fast 600 keltische Münzen vom Typ Roseldorf, insgesamt etwa 1500 Münzen aus der Fundzone der Keltensiedlung am Sandberg besitzt.Netzwerk Geschichte Österreich Jahresschrift 2012, Harald Jandrasits: Österreichs älteste Münzprägestätte und Fälscherwerkstatt, S. 25. Noch in den 1980er Jahren suchten „Schatzjäger“ auf allen Vieren die Felder des Sandberges ab, um Münzen aufzusammeln. Später kamen Sammler mit Metalldetektoren, um erfolgreich Münzen und andere Metallgegenstände aufzuspüren. Seit 1990 stehen diese Felder unter Denkmalschutz, ein Aufsammeln jeglicher Gegenstände von dort ist verboten. In neuerer Zeit werden die Felder auch durch Kameras überwacht und illegales Sammeln ausnahmslos zur Anzeige gebracht.
Ab 1995 wurde unter der Leitung von Veronika Holzer (NHM Wien) am Sandberg Forschungen vorgenommen, wobei in der Folge neue spektakuläre Befunde zu Tage traten. Die damals relativ neue Technik der geophysikalischen Prospektionen brachte bereits im Vorfeld einzigartige Befunde hervor, da die Siedlung am Sandberg nie überbaut wurde. Durch diese einphasige Bebauung konnten Ergebnisse anderer Siedlungen in der Keltenforschung erstmals eindeutig interpretiert und zugeordnet werden, wo sie bei vorherigen Prospektionen anderer, (mehrphasiger) Flachlandsiedlungen nicht zuordenbar waren. Die folgenden Grabungen brachten neben einem tollen Befund eines Getreidespeichers drei gut erhaltene, zeitgleich bestehende Kultbezirke innerhalb des keltischen Siedlungsareals hervor, die in Mitteleuropa einzigartig sind.Veronika Holzer: Die Großsiedlung Roseldorf / Niederösterreich und ihre Heiligtümer – Varianten, Opfer und Rituale. In: Stephan Fichtl, Philippe Barral, Gilles Pierrevelcin, Martin Schönfelder (Hrsg.): Les agglomérations ouvertes de l’Europe celtique (IIIe–Ier s. av. J.-C.) / Offene Großsiedlungen im keltischen Europa (3.–1. Jh. v. Chr.) (= Mémoires d’Archéologie du Grand Est. Band 4). Association pour la Valorisation de l’Archéologie du Grand Est, Strasbourg 2019, ISBN 978-2-9561936-3-0, S. 389–410. Münzen als Opfergaben aus archäologischen Schichten in den Heiligtümern ermöglichten erstmals eine zeitliche Einordnung derselben.
Im Großen Heiligtum I wurden im Jahr 2003 fünf Gusstiegel (davon drei nur als Fragment) geborgen, für welche teilweise die Verarbeitung von Silber und Bronze nachgewiesen ist.Veronika Holzer, Maciej Karowsky: Fünf Gusstiegel(-Fragmente) aus dem großen Heiligtum Befund Nr. 1 von Roseldorf, Niederösterreich. In: Peter C. Ramsl, Katharina Rebay-Salisbury, Peter Trebsche (Hrsg.): Schichtengeschichten. Festschrift für Otto H. Urban (= Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie. Band 328). Verlag Dr. Rudolf Habelt, Bonn 2019, ISBN 978-3-7749-4206-6, S. 191–204.
Münzprägestätte und Münzen mini|hochkant|Roseldorf I, Silber, keltische Kleinmünze, Obol mini|hochkant|Roseldorf II, Silber, keltische Kleinmünze, Obol mini|hochkant|Roseldorf III, Silber, keltische Kleinmünze, Obol