mini|Französisch-reformierte Kirche Magdeburg (vor 16. Januar 1945) Die Französisch-reformierte Kirche Magdeburg war das Gotteshaus der französisch-reformierten Kirchengemeinde, die mit den in Frankreich verfolgten calvinistischen Christen in Magdeburg entstand. Der Sakralbau wurde beim Luftangriff auf Magdeburg am 16. Januar 1945 schwer beschädigt und 1960 gesprengt.

Lage Die Kirche stand in der Magdeburger Altstadt nördlich der Großen Marktstraße, am nördlichen Ende des von der Großen Marktstraße nach Norden abgehenden Gangs zur Französischen Kirche. Heute befindet sich der ehemalige Standort nördlich der Julius-Bremer-Straße zwischen dem westlich gelegenen Logenhaus Ferdinand zur Glückseligkeit und dem östlich erbauten Hochhaus Jakobstraße 7.

Geschichte Vorgängerbebauung An der Stelle der Kirche und ihres unmittelbaren Umfeldes stand vermutlich das 1498 vom Magdeburger Bürgermeister Hans Alemann bewohnte Haus. Der Kämmerer Jakob Rohde, ein Urenkel Alemanns, erbte es später. Zum mit Braurecht versehenen Anwesen gehörte ein Garten, von dem es nach der Zerstörung Magdeburgs für das Jahr 1646 hieß, dass sich ihn Soldatenvolk angemaßt hatte. Im Jahr 1647 ging der Garten als Entschädigung an den Schneider Hans Seedorf, der die kranke und mittellose Gertrud Rohde bis zu ihrem Tod gepflegt hatte. Das wohl nach der Zerstörung der Stadt wüste Grundstück des Wohnhauses gehörte noch bis 1651 den Rohdischen Erben. Es wurde dann von Leutnant Askan Hellwig erworben und neu bebaut. 1674 ist seine Witwe als Besitzerin genannt. 1687 veräußerte sein Sohn Justav Johann Hellwig es für 1500 Taler an die Witwe des Christian Johann Lutteroths. Sie heiratete in zweiter Ehe den 1688 als Brauer erwähnten Georg Wilhelm von Wannekau. Er verkaufte das Gebäude 1697 an den Generalmajor Bernhard von Hutten für 2000 Taler.Ernst Neubauer: Häuserbuch der Stadt Magdeburg 1631–1720. Teil 1. Herausgeber: Historische Kommission für die Provinz Sachsen und für Anhalt. Magdeburg 1931, S. 147.

Gründung der Gemeinde Am 29. Oktober 1685 erließ Kurfürst Friedrich Wilhelm das Edikt von Potsdam, wodurch den calvinistischen Franzosen, die Ludwig XIV. mit dem Edikt von Fontainebleau in Bedrängnis gebracht hatte, Schutz gewährt wurde. Von 1685 bis 1705 kamen etwa 1550 religiös verfolgte Menschen nach Magdeburg, welche die Französische Kolonie zu Magdeburg bildeten. Schon im Dezember 1685 äußerte der Prediger David Jansee gegenüber dem Kurfürsten die Bitte zur Errichtung einer eigenen Gemeinde. Der Kurfürst schob die Gründung jedoch zunächst auf, bis der von ihm vorgesehene Prediger Bancelin in Magdeburg einträfe. Zum Prediger wurde dann jedoch vom Kurfürsten am 30. April 1686 in Berlin Louis du Cros ernannt. Seine Antrittspredigt hielt er am 27. Juni 1686. Sein Gehalt wurde auf 300 Taler, zu zahlen aus der Kollekte, festgesetzt. Die Gottesdienste fanden in der Wohnung des Sprachlehrers Charles des Hayes in der Poststraße 6 statt. Dort wurde am 4. Juli 1686 auch das erste Abendmahl gefeiert. mini|Kapelle St. Gertrauden Die Gemeinde bemühte sich um die Zuweisung eines Gotteshauses. Obwohl es mehrere leerstehende Kirchen und Kapellen gab, traf man jedoch auf erheblichen Widerstand der lutherischen Geistlichkeit.Johannes Maresch: Die Französisch-Reformierte Gemeinde zu Magdeburg. Ein Rückblick auf 250 Jahre ihrer Geschichte 1687 – 1937. Magdeburg 1937, Seite 13 Der Kurfürst wies ihnen letztlich am 7. November 1686 als Gotteshaus die Stiftskapelle St. Gertrauden zu, wo am zweiten Weihnachtsfeiertag das erste Abendmahl gefeiert wurde. Am 27. Februar 1687 wurde das Konsistorium und die Anciens (Gemeindeältesten) gewählt. Nachdem die Namen der Gewählten an drei Sonntagen ohne Einspruch verkündet worden waren, erfolgte am 20. März 1687 die feierliche Einführung durch den Prediger, womit die Gründung der Französisch-reformierten Gemeinde in Magdeburg abgeschlossen worden war.Johannes Maresch: Die Französisch-Reformierte Gemeinde zu Magdeburg. Ein Rückblick auf 250 Jahre ihrer Geschichte 1687 – 1937. Magdeburg 1937, Seite 14 In der Anfangszeit hatte die Gemeinde bis zu vier Prediger, ohne das Rangunterschiede bestanden.Johannes Maresch: Die Französisch-Reformierte Gemeinde zu Magdeburg. Ein Rückblick auf 250 Jahre ihrer Geschichte 1687 – 1937. Magdeburg 1937, Seite 21

Bereits 1687 setzte die Gemeinde mit dem Kaufmann Pierre Dubosc einen Armenpfleger ein, über den Geld, Lebensmittel, Kleidung und Brennholz an Bedürftige verteilt wurde. Dubosc errichtete auf seinem Grundstück an der Hohen Pforte auch ein Armenhaus (Maison des pauvres). Zunächst hatte es nur einen gemeinsamen Wohnraum für alle und zwei getrennte Schlafräume für Männer und Frauen, die jeweils auf Stroh schliefen. Nach und nach wurden Möbel angeschafft und die Ausstattung verbessert. Das Haus wurde auch als Hospital genutzt, in dem Chirurgen und Barbiere Behandlungen vornahmen. Der Kurfürst übertrug der Gemeinde Äcker, um die Armenpflege zu sichern. Außerdem erhielten die Häuser der Armenpfleger das Privileg der Steuerfreiheit. Ein bekannter Bewohner des Hauses war Jacques Gally. Der ehemalige Schuster war wegen seines Glaubens in Montpellier verstümmelt und auf die Galeeren gebracht wurden. Er floh nach Amerika und kam mit finanzieller Hilfe von Hugenotten über England zurück.Johannes Maresch: Die Französisch-Reformierte Gemeinde zu Magdeburg. Ein Rückblick auf 250 Jahre ihrer Geschichte 1687 – 1937. Magdeburg 1937, Seite 29

Die Mitglieder der Gemeinde waren häufiger Fremdenfeindlichkeit ausgesetzt. Im Jahr 1700 musste in den deutschen lutherischen Kirchen Magdeburgs eine Ermahnung des Rates verlesen werden, in der aufgefordert wurde, Kinder und Jugendliche dazu anzuhalten, Mitglieder der französischen bzw. wallonischen Gemeinde nicht mit Schneebällen oder Steinen zu bewerfen. Bei einem Brand dreier Häuser von Hugenotten auf dem Alten Markt soll es vorgekommen sein, dass Löscharbeiten mit den Worten Lasset die Franzosen brennen! behindert wurden.Johannes Maresch: Die Französisch-Reformierte Gemeinde zu Magdeburg. Ein Rückblick auf 250 Jahre ihrer Geschichte 1687 – 1937. Magdeburg 1937, Seite 18 f.

Als Friedhof der Gemeinde wurde ab 1687 ein Teil des Augustinerfriedhofs.Johannes Maresch: Die Französisch-Reformierte Gemeinde zu Magdeburg. Ein Rückblick auf 250 Jahre ihrer Geschichte 1687 – 1937. Magdeburg 1937, Seite 19

1690 ermahnte das Konsistorium die Frauen der Gemeinde, sich nicht mit auffallenden Perücken, gepudertem Haar, farbigen Bändern oder sonst auffällig zu schminken, männliche Zivilisten sollten ohne Degen erscheinen. Wer Sonntags arbeitete, sollte öffentlich in der Kirche dafür getadelt werden.Johannes Maresch: Die Französisch-Reformierte Gemeinde zu Magdeburg. Ein Rückblick auf 250 Jahre ihrer Geschichte 1687 – 1937. Magdeburg 1937, Seite 16

Gottesdienste wurden jeweils Sonntags, im Sommer um 8.00 Uhr, im Winter um 9.00 Uhr, sowie am Nachmittag sowie Dienstag nachmittags und Donnerstags früh gehalten. Die Predigten dauerten 1,5 bis zwei Stunden, bis der König 1717 eine Begrenzung auf maximal eine Stunde befahl. Der Prediger trug zunächst jeweils einen großen Hut mit breiter Krempe, während die Gemeindemitglieder barhäuptig saßen, bis der Kurfürst 1698 das Tragen einer Kopfbedeckung verbot und diese Praxis so an die auch in lutherischen Kirchen übliche anpasste. 1693 wurde der Gottesdienst durchschnittlich von 500 Personen besucht.Johannes Maresch: Die Französisch-Reformierte Gemeinde zu Magdeburg. Ein Rückblick auf 250 Jahre ihrer Geschichte 1687 – 1937. Magdeburg 1937, Seite 16 Beim Heiligen Abendmahl 1690 wurden 1819 Gäste, darunter 791 Frauen, gezählt. Zur Gemeinde gehörten zu diesem Zeitpunkt 395 Mitglieder. Das Abendmahl wurde acht Mal im Jahr gefeiert. Zum Besuch des Abendmahls war eine Zulassung erforderlich, die von den Ältesten (Anciens) durch die Übergabe von Zulassmarken (méreau) bei Besuchen der jeweiligen Familien erteilt wurde. Taufen wurden innerhalb vom zweiten bis achten Tag nach der Geburt vor der versammelten Gemeinden vollzogen.Johannes Maresch: Die Französisch-Reformierte Gemeinde zu Magdeburg. Ein Rückblick auf 250 Jahre ihrer Geschichte 1687 – 1937. Magdeburg 1937, Seite 18

In der Gemeinde wurde der Psalmenstreit stark diskutiert. In dem Streit diskutierten französisch-reformierte Gemeinden, ob Psalmen in der von Calvin veranlassten Fassung von 1563 oder in einer neueren Variante von 1679 gesungen werden sollten. Auf Befehl des preußischen Königs Friedrich I. wurde in Preußen und damit auch in der Magdeburger Gemeinde, erstmalig am 29. Mai 1701, die modernere Variante genutzt. Es gab Übertritte von und zur Wallonisch-reformierten Gemeinde, die noch länger an der ursprünglichen Fassung festhielt.Johannes Maresch: Die Französisch-Reformierte Gemeinde zu Magdeburg. Ein Rückblick auf 250 Jahre ihrer Geschichte 1687 – 1937. Magdeburg 1937, Seite 17

Die Gemeinde wuchs weiter, 1699 kamen auch 155 Hugenotten aus der Schweiz hinzu. So wuchs auch der Wunsch nach einer eigenen Kirche. 1699 war die Kapelle so überfüllt, dass Gottesdienstbesucher nicht mehr hineingelangten. Auch machte der Kirchenrat der Johanniskirche den Bedarf für eine Rückgabe der Gertraudenkapelle geltend, da sie für die Armen des Gertraudenhospitals benötigt werde. Überlegungen im Jahr 1699 zu einer gemeinsamen Nutzungen der Paulinerkirche mit der Deutsch-Reformierten Gemeinde wurden letztlich, die Deutsche Gemeinde wandte sich gegen eine gemeinsame Nutzung, nicht umgesetzt.Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 103

Bau der Französisch-reformierten Kirche Am 6. März 1704 erwarb Antoine Charles im Auftrag seiner Gemeinde für 2.055 Taler von den Erben des 1697 verstorbenen Bernhard von Hutten das Grundstück Rohden im Sackim Zentrum der Stadt, nördlich der Großen Marktstraße. In den Jahren ab 1704 wurden Gelder für den Bau der Kirche gesammelt.Alfred Hentzen: Magdeburger Barockarchitektur. Dessau 1927, S. 90. Pierre Foissin, ein ehemaliger Hofrat am Hof Ludwig XIV., engagierte sich stark. Auf der Leipziger Messe gelang es ihm 895 Taler einzuwerben, worauf ihm das Kollektenwesen für den Bau und der Vorsitz der Baukommission übertragen wurde. Er sammelte an verschiedensten Orten und Gelegenheiten und suchte auch Fürstenhöfe und Stadtobrigkeiten, bis hin zu Amsterdam auf. Beim Juwelier Garrigues hatte er ein kleines Modell der Kirche als Sammelbüchse anfertigen lassen. Anlässlich eines Besuchs des Königs von Polen in Potsdam im Jahr 1708 erhielt er von ihm 100 Taler, der gleichzeitig anwesende König von Dänemark gab hingegen nichts. Später ergab sich jedoch eine langwierige Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Konsistorium, da er die Position eines Ancien (Ältesten) der Gemeinde anstrebte, ihm vom Konsistorium jedoch vorgeworfen wurde, in Frankreich sich als Katholik ausgegeben und so den evangelischen Glauben verleugnet zu haben. Dafür wurde von ihm öffentlich Buße verlangt.Johannes Maresch: Die Französisch-Reformierte Gemeinde zu Magdeburg. Ein Rückblick auf 250 Jahre ihrer Geschichte 1687 – 1937. Magdeburg 1937, Seite 23 f.

Am 6. August 1705 erfolgte die Grundsteinlegung für den Kirchenbau durch Generalmajor Johann Heinrich von Börstell im Namen des Königs. Nach einer Predigt Valentins stieg von Börstell hinab in die Fundamente und legte eine Kupferplatte in den Grundstein. Die Platte trug eine lateinische Inschrift mit der Bedeutung Der Ehre des allmächtigen allgütigen Gottes geweiht. Unter der Herrschaft Friedrichs I., König von Preußen, und des Heiligen Römischen Reiches Kurfürsten legte den ersten Stein der Kirche der reformierten Franzosen, ihrer Religion wegen vertrieben, im Namen des Königs der Edle Johann Heinrich von Börstell, Generalmajor, im Jahre des Heils 1705, 6. August.Johannes Maresch: Die Französisch-Reformierte Gemeinde zu Magdeburg. Ein Rückblick auf 250 Jahre ihrer Geschichte 1687 – 1937. Magdeburg 1937, Seite 24