mini|Stella Bowen (1920) Stella Bowen (* 16. Mai 1893 in Adelaide, South Australia; † 30. Oktober 1947 in London; bürgerlicher Name: Esther Gwendolyn Bowen) war eine australische Malerin und Schriftstellerin. 1944/1945 arbeitete sie in Großbritannien als Kriegsmalerin im Auftrag des Australian War Memorial. Neun Jahre lang war sie die Lebenspartnerin des englischen Schriftstellers Ford Madox Ford.

Leben Jugend in Adelaide Stella Bowen wurde in North Adelaide geboren, dem nördlichen Teil der City of Adelaide. Ihr Vater – von Beruf Landvermesser – starb, als sie erst drei Jahre alt war.C. B. Christesen: Bowen, Esther Gwendolyn (Stella) (1893–1947). Australian Dictionary of Biography, abgerufen am 14. Dezember 2022. Stella hatte einen jüngeren Bruder, Tom.Tom wurde am 17. Januar 1897 geboren. (Thomas Sturt Perry Bowen. Geni, abgerufen am 6. Januar 2023.) Die Kinder wuchsen in komfortablen finanziellen Verhältnissen auf und wurden nach konservativen Wertvorstellungen erzogen. Stella besuchte die Privatschule Tormore House School in North Adelaide. Ihre Mutter riet ihr davon ab, Künstlerin zu werden; doch sie erlaubte ihr um 1910 eine Kunstausbildung bei Margaret Preston zu beginnen.Lola Wilkins: Stella Bowen: Article. Australian War Memorial, abgerufen am 18. Dezember 2022. Stella hätte die Ausbildung gerne in Melbourne fortgesetzt; das war aber nicht möglich, weil ihre Mutter erkrankte.Stella Bowen – her life. Australian War Memorial, abgerufen am 18. Dezember 2022.

London und Sussex mini|Stella Bowen: Selbstporträt, um 1929. Art Gallery of South Australia, Adelaide Nach dem Tod ihrer Mutter zog Stella 1914 nach London, wo sie nach einer ersten, unbefriedigenden Erfahrung schließlich an der Westminster School of Art bei Walter Sickert studierte. Von ihm lernte sie, in der Malerei spontaner zu werden und einen eigenen Stil zu entwickeln.

Auch in ihrem Privatleben eröffneten sich neue Möglichkeiten. Sie schloss Freundschaften mit gleichaltrigen Engländerinnen, u. a. mit Margaret Cole (damals noch Margaret Postgate, siehe unten: Fünf ausgewählte Werke) und der Autorin Mary Butts; zusammen mit ihnen genoss sie das kulturelle Leben und die gesellschaftlichen Freiheiten der Großstadt. Zufällig wurde sie mit Ezra Pound bekannt, der sie in Londons literarische Kreise einführte. An seinen wöchentlichen Einladungen lernte Bowen u. a. T. S. Eliot, William Butler Yeats, May Sinclair und Violet Hunt kennen; durch Hunt dann 1917 deren damaligen Lebenspartner, den verheirateten Schriftsteller Ford Madox Ford. In ihn verliebte sich Bowen; es sollte die einzige große Liebe in ihrem Leben werden. Sie war 24, er 43 Jahre alt.

Nachdem sich ihre Beziehung zunächst vor allem im Briefwechsel entwickelt hatte, zogen Bowen und Ford 1919 zusammen. Bis 1922 lebten sie in einem baufälligen Cottage in Sussex. Bowen widmete sich vor allem den Bedürfnissen ihres schreibenden Lebenspartners; für die Malerei blieb wenig Zeit. 1920 wurde ihre Tochter Julia geboren.Esther Julia Madox Ford, * 29. November 1920 in London, † 26. Dezember 1985 in Altadena, Kalifornien. (Quellen: 1. Esther Gwendolyn (Stella) BOWEN. My Pioneer Ancestors, archiviert vom Original am 13. Mai 2016. – 2. Esther Julia Loewe (Ford). Geni, abgerufen am 1. Januar 2023.)Julia besuchte die London Theatre School und wurde Bühnenbildnerin. Während des Kriegs heiratete sie den Amerikaner Roland Loewe. Stella Bowens Enkel Julian Loewe wurde 1947 geboren, drei Wochen vor ihrem Tod. Bald darauf ließ sich die Familie Loewe in Kalifornien nieder. (Lola Wilkins: Stella Bowen: Article. Australian War Memorial, abgerufen am 18. Dezember 2022. Vgl. Julia Madox Ford. Australian War Memorial, abgerufen am 14. Januar 2023.)

Frankreich mini|Selbstporträt, um 1934. National Portrait Gallery, Canberra mini|Jardin Exotique, um 1938 1922 hatten Ford und Bowen genug vom rauen englischen Landleben und begaben sich nach Frankreich – vorübergehend, wie sie dachten. Zuerst wohnten sie im Ferienhaus eines Freundes auf der Halbinsel Cap Ferrat im Südosten Frankreichs.

Von Cap Ferrat aus reiste Bowen im März 1923 auf Einladung von Dorothy und Ezra Pound nach Italien. Obwohl dieser Ferienaufenthalt nur drei Wochen dauerte, beeinflusste er ihr Schaffen nachhaltig. Sie besuchte Florenz, Perugia, Assisi, Cortona, Arezzo und Siena; sie bewunderte Fresken aus dem 14. und 15. Jahrhundert – von Giotto, Simone Martini, Fra Angelico und Piero della Francesca –, deren formale Komposition, feine Textur und beschränkte Auswahl an Farbtönen, ohne starke Hervorhebung von Licht und Schatten, sie tief beeindruckten."I had expected to be worried by the crudities of the early painters and to find difficulty in understanding them, and I knew that Ezra would not let me admire anything later than 1500. Actually, it was precisely the formal patterns of the earlier painting which enchanted me as I had never before been enchanted. It was like the first time I heard Bach … Fresco itself seemed to me the most wonderful medium. The texture was lovely and the narrow tonescale which it imposed eliminated those heavy effects of light and shade which I knew were not what I was looking for." Stella Bowen: Drawn from Life. Reminiscences by Stella Bowen. 1941, Nachdruck (Drawn from Life: A Memoir) Picador, Sydney 1999, ISBN 0-330-36164-3, S. 110–111. Auch beim Anblick der italienischen Landschaft war Bowen fasziniert von klaren Strukturen: „Ich hatte etwas Weiches und Romantisches erwartet, und siehe da, ich erblickte ein hartes Land, in dem alles Kanten hatte und wunderbare formale Muster ergab: eine geordnete Abfolge von Bäumen in dichten Reihen und Felsen; Flüsse genau dort, wo sie sein mussten, um das Bild zu komponieren.“"I had expected something soft and romantic, and behold! I had seen a hard country where everything had a lovely edge to it, and fell into marvellous formal patterns. Trees in serried rows and rocks in sequence and rivers in the exact position required to compose the picture." Bowen S. 109.

Gegen Ende des Jahres 1923 zogen Bowen und Ford mit ihrer kleinen Tochter nach Paris, wo Ford die Literaturzeitschrift The Transatlantic Review gründete und unter den englischsprachigen Schriftstellern eine führende Rolle übernahm. Bowen fand sich im Zentrum des literarischen und gesellschaftlichen Lebens, in einer Zeit voller neuer Möglichkeiten. In der Malerei folgte sie ihren eigenen Neigungen und betonte das Private und Häusliche. Ab 1925 konnte sie in einem eigenen Atelier arbeiten.

Bowens Beziehung zu Ford litt zunehmend unter Spannungen, da er sich auf Affären mit anderen Frauen einließ, u. a. mit der Schriftstellerin Jean Rhys. Während eines längeren USA-Aufenthalts von Ford 1926/1927 hatte Bowen Zeit zu malen, so lange sie wollte; sie nutzte diese Möglichkeit, obwohl sie die anregenden Gespräche mit ihm vermisste. 1928 trennte sie sich von Ford. Immerhin blieb sie mit ihrem ehemaligen Lebenspartner in Kontakt, und dieser unterstützte sie und ihre Tochter gelegentlich; später überließ er Bowen seine Autorenhonorare aus Buchverkäufen in Großbritannien.Im Sommer 1938, ein Jahr vor seinem Tod, schrieb Julia an ihren Vater: „Diese Honorare haben praktisch unser Leben gerettet, weil Stella für die Malerei ein sehr schlechtes Jahr hatte.“ ("These royalties have been just about saving our lives because Stella has had a very bad year for painting.") (Lola Wilkins: Stella Bowen: Article. Australian War Memorial, abgerufen am 18. Dezember 2022.)

Als alleinerziehende Mutter war Bowen nun in einer schwierigen Situation, doch sie hatte mehr persönlichen Freiraum, um sich der Malerei zu widmen. Sie bekam allmählich Porträtaufträge, verdiente damit allerdings kaum genug für den Lebensunterhalt. Der Kunstmarkt war in schwieriger Verfassung: Nach dem Börsenkrach von 1929 mussten auch die Kunstliebhaber sparen; Amerikaner, die ihr Vermögen verloren hatten, verließen Paris und viele Galerien schlossen. 1932 weilte Bowen sechs Monate in den USA, auf Einladung des Schriftstellers Ramon Guthrie (im folgenden Porträt dargestellt) und weiterer Freunde, die ihr auch Aufträge vermitteln konnten. Meist erhielt sie aber nur kargen Lohn für ihre Arbeit.In einem Brief an eine Freundin schrieb Bowen: „Die Leute schätzen meine Bilder sehr, und wenn die Wirtschaftskrise nicht wäre, hätte ich sicher viel mehr Aufträge erhalten. … Die meisten Maler müssen hungern, und ich habe nur Arbeit, weil ich Kinder male, und zwar zum halben Preis.“ ("People have liked my pictures a lot, & if it were not for the depression I can see how certainly I'd have got many more orders. … Most painters are just starving, & I've only had work because I've been painting children, & doing them for 1/2 price.") Stella Bowen an Kathleen Kyffin Thomas, 15. Juli 1932. (Lola Wilkins: Stella Bowen: Article. Australian War Memorial, abgerufen am 18. Dezember 2022.)

Rückkehr nach England mini|White Steps, 1936. Art Gallery of South Australia Nach ihrem Aufenthalt in den USA musste Bowen einsehen, dass sie sich das Leben in Paris nicht mehr leisten konnte: Die Weltwirtschaftskrise machte es für Künstlerinnen und Künstler immer schwieriger, sich finanziell über Wasser zu halten. Im Mai 1933, an ihrem 40. Geburtstag, zogen sie und Julia wieder nach London.

Um mit Kinderporträts Geld zu verdienen, entwickelte Bowen eine effiziente Maltechnik; Ölskizzen auf Karton konnte sie nun in zwei bis drei Tagen vollenden. Da ihr dennoch die Malerei allein kein ausreichendes Einkommen verschaffte, gab sie daneben Malunterricht und schrieb während zweier Jahre Artikel über Kunstthemen für die Tageszeitung News Chronicle. Als ein neuer Herausgeber der Zeitung sie 1936 entließ, schrieb Julia in einem Brief an ihren Vater: „Die einzige Neuigkeit von Bedeutung ist, dass meine Mutter ihren Job als Kunstkritikerin verloren hat, so dass Gott allein weiß, woher unsere nächste Mahlzeit kommen soll. Aber das ist ein ganz normaler Zustand.“"The only event of importance lately has been that my mother has lost her job as critic, so that God only knows where the next meal comes from, but that, however, is quite an ordinary state of affairs." Julia Ford an Ford Madox Ford, 8. April 1936. (Lola Wilkins: Stella Bowen: Article. Australian War Memorial, abgerufen am 18. Dezember 2022.)

Im Spätsommer 1936 verbrachte Bowen sechs Wochen mit einer Freundin, der Journalistin Ruth Harris, in Cagnes-sur-Mer in Südfrankreich. Harris schrieb und Bowen malte, in idyllischer Umgebung und gastfreundlicher Gesellschaft. In dieser Zeit entstanden vier Bilder, darunter White Steps und Provençal Conversation (siehe unten: Fünf ausgewählte Werke), die erahnen lassen, wie glücklich Bowen während dieses Aufenthalts war.

Im Sommer 1939 zogen Stella und Julia in das Cottage Green End in Purleigh, Essex (östlich von London). Die Miete war günstig, weil die Anflugroute nach London über diese Region führte, und Bowen konnte den Blumengarten anlegen, von dem sie in London lange geträumt hatte. Dank ihrer Beziehung zu Ford Madox Ford erhielt sie einen Vorschuss für eine Autobiografie und veröffentlichte 1941 das Buch Drawn from Life („nach dem Leben gezeichnet“). Das Werk wurde von der Kritik sehr gut aufgenommen,Drusilla Modjeska: Stravinsky's Lunch. Picador, Sydney 1999, ISBN 0-330-36259-3. aber der finanzielle Ertrag war gering: Wegen Papiermangels wurden nur relativ wenige Exemplare gedruckt, und eine zweite Auflage kam nicht in Frage.Brad Bigelow: Drawn from Life, by Stella Bowen (1941). The Neglected Books Page, abgerufen am 25. Dezember 2022.

In Australien wurde man nicht nur durch dieses Buch auf Bowen aufmerksam, sondern auch durch Radiosendungen des Pacific Service der BBC, in denen sie von ihrem Leben als australische Künstlerin in England erzählte. 1943 kaufte die Art Gallery of South Australia in ihrer Heimatstadt Adelaide das Bild Embankment Gardens (siehe unten: Fünf ausgewählte Werke).

Kriegsmalerin