mini|Theresienstraße 46, Südfassade Die Theresienstraße 46, 48 ist ein denkmalgeschütztes Wohnhochhaus in München und wurde 1950/51 nach Plänen von Sep Ruf errichtet. Der achtgeschossige Bau in der Maxvorstadt an der Ecke zur Türkenstraße gilt als erstes Wohnhochhaus Münchens und als eines der frühesten Zeugnisse der Nachkriegsmoderne in der Stadt.
Lage Das Gebäude steht an der Nordseite der Theresienstraße an deren Kreuzung mit der Türkenstraße, unmittelbar westlich des Geländes der Technischen Universität München. Ruf setzte den Baukörper hinter die alte Baufluchtlinie zurück, sodass zur Theresienstraße hin ein Vorbereich entstand. Heute liegt das Haus im Kunstareal gegenüber dem 2009 eröffneten Museum Brandhorst.
Geschichte
Grundstück und Bauherr Entlang der Theresien- und der Türkenstraße hatte während der Zeit des Nationalsozialismus vor allem die Deutsche Arbeitsfront zahlreiche Liegenschaften erworben. Nach 1945 gingen diese Vermögenswerte gemäß der alliierten Kontrollratsdirektive Nr. 50 an die bayerische Landesregierung über, die die im Krieg zerstörten Grundstücke zum Verkauf anbot. Am 4. April 1950 erwarb der Verein zur Behebung der Wohnungsnot e. V. die Grundstücke an der Theresien- und Türkenstraße.
Die 1948 in Nürnberg gegründete Vereinigung, die später unter dem Namen Wohnbau-Treuhandgesellschaft mbH firmierte, hatte in Nordbayern mehrgeschossige Wohnhäuser errichtet, deren Bewohner Miteigentümer wurden. Die ersten nach dem Prinzip des selbstgenutzten Eigentums – einer in Deutschland damals völlig neuen Form der Finanzierung – errichteten Wohngebäude waren 1949 auf der Bauausstellung in Nürnberg gezeigt worden. Der Verein gründete daraufhin unter anderem in München eine Zweigstelle, deren stellvertretender Vorsitzender Sep Ruf wurde. Ruf übernahm für den Verein die Planung mehrerer Münchner Wohnbauprojekte, darunter das Gebäude an der Theresienstraße, das im Rahmen des sozialen Wohnungsbauprogramms nach dem Ersten Wohnungsbaugesetz vom 24. April 1950 als Miteigentum entstehen sollte.
Planung und Genehmigung Der Entwurf knüpfte an eine städtebauliche Studie an, die Robert Vorhoelzer 1946 im Auftrag des bayerischen Kultusministeriums für den Wiederaufbau der Maxvorstadt und Schwabings erarbeitet hatte und die eine aufgelockerte, durchgrünte Bauweise sowie eine Zurücksetzung der alten Bauflucht vorsah. Vorhoelzer, der im April 1950 zu einer gutachtlichen Stellungnahme aufgefordert wurde, lobte Rufs Entwurf ausdrücklich: Ruf verfolge eine „Auflockerung nach den Grundsätzen von Licht, Luft, Sonne und Abkehr von der Blockbebauung mit den toten Winkeln“.
Mit 23 Metern war das Haus nicht nur rund zehn Meter höher als die Vorkriegsbebauung, sondern überschritt auch die seit 1904 geltende Münchner Staffelbauordnung, nach der kein Gebäude vom Bürgersteig bis zur Dachrinne 22 Meter übersteigen und die Höhe nicht mehr als die Breite der Straße betragen durfte. Ein Bau mit mehr als fünf Geschossen galt bereits als Hochhaus; die Errichtung von Hochhäusern bedurfte in München einer Sondergenehmigung der Regierung von Oberbayern. Das Baugesuch vom 30. Mai 1950 wurde mit Beschluss vom 19. Juli 1950 genehmigt; für die Nichteinhaltung der Baulinie und die Überschreitung der zulässigen Stockwerkszahl wurden Dispense erteilt.
Bau und Bezug Der Rohbau stand nach sieben Wochen; im April 1951 war der Bau fertiggestellt. Die Wohnungen kosteten je nach Lage und Größe zwischen 14.000 und 18.000 DM. Das Finanzierungsmodell sah vor, dass die Käufer ein Fünftel der Summe beim Einzug zu entrichten hatten und anschließend monatlich zwischen 80 und 100 DM zahlten; nach zehn Jahren halbierte sich dieser Betrag, nach 27 Jahren gingen die Wohnungen vollständig in das Eigentum der Bewohner über. Um das Kaufinteresse zu wecken, waren auf Anregung Rufs vom 7. bis 15. April 1951 im Osthaus vollständig eingerichtete Musterwohnungen zu besichtigen, für die er auch die Möbel ausgewählt hatte. Ein Modell des Gebäudes zeigte der Verein 1951 auf der Bauausstellung Constructa in Hannover.
Beschreibung
Baukörper und Städtebau Ruf entwarf für das Grundstück einen schmalen, achtgeschossigen Baukörper in Form einer Wohnscheibe. Im Erdgeschoss sah er Läden vor, darüber 42 als Dreispänner organisierte Wohnungen mit Größen zwischen 51 und 68 Quadratmetern, die er nach Süden mit raumhohen Fensterelementen ohne Sturz, Brüstung oder Schwelle öffnete. Die davorliegenden dünnen Balkone unterstreichen die Leichtigkeit und Transparenz der Anlage. Um den Baukörper in den städtebaulichen Kontext einzubinden, nahm Ruf die Ecksituation an der Straßenkreuzung auf: Er gab der vor Kopf liegenden Wohnung an der Türkenstraße eine geringere Tiefe und ließ den durchlaufenden Balkon über die Gebäudekante auskragen. Den oberen Abschluss bildet ein Flachdachüberstand auf Metallstützen in Blockhöhe.
Trotz der verhältnismäßig geringen Grundfläche wirken die Wohnungen durch die aufgeglaste Fensterfront und die grazilen Balkone großzügig und hell. Damit stand die Anlage im Gegensatz zum zeitgenössischen sozialen Wohnungsbau, der ein uniformes Erscheinungsbild mit Lochfassade, kleinen Fenstern und Mini-Balkonen aufwies.
Konstruktion und Ausstattung Ruf wählte eine Schottenbauweise mit 32 Zentimeter starken Wänden aus Schüttbeton. Diese Bauweise, geringe Spannweiten und die Verwendung einfacher Materialien ermöglichten einen niedrigen Herstellungspreis von 38 DM pro Kubikmeter. Auf eine Zentralheizung wurde zugunsten von Luftheizöfen verzichtet; auf eine Unterkellerung verzichtete Ruf ebenfalls und verlegte Versorgungsräume sowie Garagen in einen rückwärtigen eingeschossigen Bau.
Rezeption In der Öffentlichkeit löste Münchens „erstes Wohnhochhaus“ kontroverse Diskussionen aus, vor allem weil die Bauform in Bayern bislang unbekannt war. Ein erstes Modellbauvorhaben dieser Art war 1946 in Hamburg mit den Grindelhochhäusern entstanden; die dortige Reihe von zwölf Scheibenhäusern mit neun bis vierzehn Geschossen wirkte allerdings wesentlich radikaler als Rufs achtgeschossige Bebauung an der Theresienstraße.
Viele Münchner Bürger wünschten sich „keine Revolution des Baustils“ und forderten, „München muß München bleiben“. In der Presse wurde das Gebäude mit seinen vom Boden bis zur Decke reichenden Fenstern abfällig als „Glaskasten“ tituliert. Der Architekturkritiker Hans Eckstein datierte hingegen mit der Fertigstellung des Baus den Beginn einer „zeitgemäßen städtebaulichen Ordnung“ Münchens. Zur Eröffnung schrieb er, das achtgeschossige Wohnhochhaus habe „für das so stark von konservativem Lokalgeist beherrschte Planen und Bauen in München größte Bedeutung“; es sei „der erste vollendete Neubau in – von Befangenheiten in historischen Reminiszenzen – völlig freien Formen“.
Für die Maxvorstadt blieb das Haus ein Einzelfall; exemplarisch vermittelt es aber bis heute eine Vorstellung vom geplanten Umbau eines ganzen Stadtviertels. Zu den wenigen vergleichbaren Münchner Bauten dieser Jahre zählt das 1953 von Georg Brenninger errichtete Wohn- und Geschäftshaus am Maximiliansplatz mit der ersten vorgehängten Glasfassade der Stadt. Erst im Laufe der Jahre wurden die von Ruf geschaffenen Qualitäten erkannt.
Anlässlich des 70-jährigen Bestehens gab die Sep Ruf Gesellschaft 2021 eine Dokumentation mit Zeichnungen, Fotografien und Stimmen der Bewohner heraus. Der Architekt Dietrich Fink regte in diesem Zusammenhang an, den Vorbereich des Hauses vom „Abstandsgrün“ zu befreien und damit den ursprünglichen städtebaulichen Ansatz wieder erlebbar zu machen; unterstützt wurde der Vorschlag unter anderem von Winfried Nerdinger.
Sanierungen Von 2007 bis 2008 wurde die Fassade denkmalgerecht instand gesetzt. Die Planung lag bei dem Büro Bauer Kurz Stockburger & Partner; Bauherrin war die Wohnungseigentümergemeinschaft. Im Mittelpunkt stand die statische Sicherung der Balkonplatten durch Betonsanierung, nachdem eine zu geringe Betondeckung und Bewehrungskorrosion zu Abplatzungen geführt hatten. Die Geländer wurden aus Sicherheitsgründen leicht erhöht und geringfügig nach außen versetzt, wodurch sich zugleich die nutzbare Balkonfläche vergrößerte; vom Straßenraum aus sind die Eingriffe kaum wahrnehmbar. Das Projekt wurde 2010 im Rahmen der Architektouren der Bayerischen Architektenkammer gezeigt.
Von 2011 bis 2014 sanierte Max Otto Zitzelsberger eine der Wohnungen; das Ergebnis wurde von Sebastian Schels fotografisch dokumentiert.
Baudenkmal Das Wohnhochhaus und die Garagenanlage sind als Einzelbaudenkmal unter der Aktennummer D-1-62-000-6867 in die Bayerische Denkmalliste eingetragen und im Denkmalatlas des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege sowie in der Liste der Baudenkmäler in der Maxvorstadt verzeichnet. Der Eintrag beschreibt das Objekt als „Wohnhochhaus, achtgeschossiger zurückgesetzter Stahlbetonbau in Schottenbauweise mit zurücktretendem Ostteil und erdgeschossiger Ladenzone, Flachdachüberstand auf Metallstützen in Blockhöhe, durchgehende Balkonzonen und raumhohen Fensterelementen, von Sep Ruf, 1950–52; mit Garagen“.
Literatur Irene Meissner: Sep Ruf 1908–1982. Leben und Werk. Deutscher Kunstverlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-422-07192-6, S. 144–150. Winfried Nerdinger (Hrsg.): Sep Ruf 1908–1982. Moderne mit Tradition. Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2008, ISBN 978-3-422-06840-7.
Weblinks
Einzelnachweise
Theresienstrasse 46 Theresienstrasse 46 Theresienstrasse 46 Kategorie:Erbaut in den 1950er Jahren Kategorie:Sep Ruf Kategorie:Hochhaus in Europa