mini|Russische Hirtenflöten (dudki) aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Musikmuseum Moskau Dudka (kyrillische Schrift дудка, Plural дудки, dudki) ist in slawischen Sprachen die Verkleinerungsform von duda („Pfeife“, „Sackpfeife“) und bezeichnet in Russland, Belarus und der Ukraine kleine Kernspaltflöten, in Russland auch eine randgeblasene Längsflöte (Zungenspaltflöte). Dudka ist der Oberbegriff für unter regionalen Namen bekannte Hirtenflöten, darunter in Russland swirel und in der Ukraine sopilka. Die Flöten werden traditionell von den Spielern aus unterschiedlichen Materialien selbst hergestellt und meist solistisch oder zur Begleitung eines Chorgesangs in der Volksmusik gespielt.
Namen Sprachlich wird bei Musikinstrumenten selten nach der Tonerzeugung, dafür häufiger nach dem Verwendungsbereich unterschieden. So bedeutet das Wortumfeld von duda, das über die slawische Wurzel du- mit dut, „blasen“, und duch, „Luft“ verbunden ist, zunächst allgemein „Pfeife“, worunter Flöten und Rohrblattinstrumente zu verstehen sind. In Mittel- und Osteuropa werden mehrere Sackpfeifentypen mit duda oder mit dem Plural dudy benannt. Darüber hinaus war duda eine regionale Bezeichnung für die frühere ungarische Holztrompete fakürt und eine andere Holztrompete in Litauen heißt abgewandelt daudyte. Die Verkleinerungsform dudka kann außer einfachen Flöten auch früher aus Rinde konisch gewickelte Tröten (instrumentenkundlich Naturtrompeten) oder heute aus Plastik bestehende entsprechende Blasinstrumente für Kinder bezeichnen. Damit entspricht dudka etwa dem slowakischen píšťalka („Pfeifchen“, Diminutiv von píšťala, „Flöte“) für frühere einfache Weidenrindenflöten, Gefäßpfeifen aus Ton ohne Fingerlöcher, etliche weitere Flöten und Pfeifen bis zu Trillerpfeifen.Vgl. Oskár Elschek: Die Volksmusikinstrumente der Tschechoslowakei. Teil 2: Die slowakischen Volksmusikinstrumente. (Ernst Emsheimer, Erich Stockmann (Hrsg.): Handbuch der europäischen Volksmusikinstrumente, Serie 1, Band 2) Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1983, S. 164–190 In südslawischen Sprachen sind duda und dudaljka alte Bezeichnungen für kleine Spielzeugpfeifen, die namentlich mit duduk für „Flöte“Rudolf Alois Fröhlich: Handwörterbuch der ilirischen und deutschen Sprache. Erster Teil. Wien 1853, S. 44 (bei Google Books) und andere Blasinstrumente verbunden sind (vgl. türkisch düdük, armenisch duduk, tutak, turkmenisch tüidük).
Dudka ist auch ein weiterer Name für die ukrainische Sackpfeife duda, die Einfachrohrblätter besitzt und hauptsächlich mit den Huzulen im Westen des Landes verbunden ist. Aus der Region Hrodna im Westen von Belarus ist eine dudka genannte einfache Klarinette (Einfachrohrblattinstrument) ohne Fingerlöcher bekannt, bei der das schwingende Ende des Rohrblatts wie unter anderem bei der ägyptischen maschura (vgl. zummara) und bei der in der tadschikischen Musik vorkommenden qoshnay nach oben gerichtet ist. Durch diese besondere umgekehrte Position des Rohrblatts lassen sich höhere und durch Lippen und Zähne in ihrer Höhe veränderliche Töne erzeugen.Jürgen Elsner: Klarinetten. III. Klarinetteninstrumente in der europäischen Volksmusik und außerhalb Europas. 2. Ergologie. In: MGG Online, November 2016
Die zahlreichen regionalen Bezeichnungen anstelle von dudka verweisen ebenfalls auf ein kleines und damit hoch tönendes Blasinstrument im Bedeutungsumfeld von „Pfeife“: In Belarus gehören hierzu die Flöten pasvistsyol, svistsyol, svishchik, svistok, sipovka und sapyolka. In Russland heißen in der Volksmusik verwendete Hirtenflöten swirel, pyschatka (pyzhatka), sipowka und sopel (im 17. Jahrhundert eine Schalmei)I.M. Yampolsky, Rosamund Bartlett: Moscow: 1600–1703. In: Grove Music Online, 2001 und in der Ukraine sopel, sopilka und dentsivka. In Kiew bezeichnete sopel schon im 13. Jahrhundert eine Hirtenflöte.Nina Gerasymova-Persydska, Onisja Schreer-Tkatschenko: Kiew. II. Die Entwicklung bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts. In: MGG Online, Mai 2022 Sopilka ist heute der gängige Name für diesen Flötentyp in der Ukraine, besonders im Osten, während im Westen des Landes dentsivka gebräuchlicher ist.
Herkunft und Verbreitung mini|hochkant|Ein Hirte spielt eine konische Flöte. Illuminierte armenische Handschrift, bekannt als Nachitschewan-Evangeliar, 1304. Sammlung Matenadaran, MS 3722 Weil bei Kernspaltflöten die Tonerzeugung leichter fällt, gelten solche Flöten aus Rohr oder Knochen mit einer Kerbe am Rand als wahrscheinlich entwicklungsgeschichtlich älter als durch das offene Ende angeblasene Flöten, obwohl letztere einfacher herzustellen sind. Auf Eintonflöten, also Pfeifen ohne Grifflöcher, folgten Flöten mit Grifflöchern.Curt Sachs: Geist und Werden der Musikinstrumente. Reimer, Berlin 1928 (Nachdruck: Frits A. M. Knuf, Hilversum 1965), S. 24 Für manche außereuropäische Flöten versagen diese Entwicklungstheorien,Hermann Moeck: Ursprung und Tradition der Kernspaltflöten der europäischen Folklore und die Herkunft der musikgeschichtlichen Kernspaltflötentypen. (Dissertation) Georg-August-Universität zu Göttingen, 1951. Nachdruck: Moeck, Celle 1996, S. 5f in Europa sind jedenfalls Kernspaltflöten seit dem Neolithikum bis in die gegenwärtige Volksmusik häufiger als über ein abgeflachtes oberes Ende angeblasene Flöten. Davon bildet Südosteuropa eine Ausnahme, wo bei den Südslawen auf dem Balkan randgeblasene Hirtenflöten (kaval) mit Ursprung im Nahen Osten (nay und schabbaba) überwiegen. Zu diesen gehört auch eine bis zu ein Meter lange randgeblasene Hirtenflöte in Serbien, die duduk genannt wird.Sibyl Marcuse: A Survey of Musical Instruments. Harper & Row, New York 1975, S. 555, S. 574
Die ältesten Knochenfunde in Europa, die als Pfeifen oder Flöten interpretiert werden, stammen aus dem Aurignacien und sind rund 40.000 Jahre alt. Knochenpfeifen aus der archäologischen Stätte Moldowa in der Ukraine werden auf 23.000 v. Chr. datiert und Knochenflöten dieser Fundstätte auf 17.000 bis 12.000 v. Chr. Ein als Panflöte interpretierter Fund von langen Knochen wurde in einem Friedhof der Dnjepr-Donez-Kultur (6. Jahrtausend v. Chr.) bei Mariupol in der Ostukraine ausgegraben.Beate-Maria Pomberger, Nadezhda Kotova, Peter Stadler: Flutes of the first European farmers. In: Annalen des Naturhistorischen Museums in Wien, Band 120, 2017, S. 453–470, hier S. 459–461 Ansonsten sind Panflöten in Europa erst seit der Bronzezeit nachgewiesen. Aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. wurde in der Oblast Wolyn in einem Grab eine Panflöte aus fünf bis sechs Knochen neben einer eiförmigen Gefäßrassel aus Ton gefunden. Nach der hieraus gezogenen Schlussfolgerung war der Bestattete ein Musiker, der wohl mit einer Hand die Flöte spielte und mit der anderen Hand die magischen Zwecken dienende Rassel (kalataltsya) schüttelte, was eine Assoziation mit dem mittelalterlichen Einhandflöten-und-Trommel-Spieler nahelegt.A. Oleynik: Questions for Reconstruction Musical Instruments Stone Age – with Bronze in Ukraine. In: V.G. Vytkalov (u. a. Hrsg.): Department of Education and Science of Ukraine, Rivne State Humanitarian University, Rivne 2014 (PDF unpaginiert)
Die älteste bekannte Abbildung eines Musikinstruments im Baltikum ist eine Ritzzeichnung auf einer Tontafel aus dem 13. Jahrhundert, die in Tērvete im Süden Lettlands gefunden wurde. Sie zeigt einen Musiker, der ein konisches Blasinstrument mit vier Fingerlöchern spielt. In Heinrichs Livländischer Chronik aus demselben Jahrhundert werden tympanum et fistulas, Trommeln und Blasinstrumente (Flöten oder Rohrblattinstrumente) erwähnt, die zu militärischen Zwecken verwendet wurden.Valdis Muktupāvels: Musical Instruments in the Baltic Region: Historiography and Traditions. In: The World of Music, Band 44, Nr. 3 (Traditional Music in Baltic Countries) 2002, S. 21–54, hier S. 23 Flöten im nordöstlichen Europa sind wie diejenigen auf dem Balkan eng mit der Kultur der Schafhirten verbunden. Hirten spielten überwiegend Blasinstrumente, außer Flöten häufig auch Holztrompeten.
Auf dem Gebiet von Belarus wurden Knochenflöten ab dem 2. Jahrtausend v. Chr. ausgegraben. Vom 9. bis zum 12. Jahrhundert, als sich nach dem Zerfall der Kiewer Rus die ersten Fürstentümer bildeten, kam es zu einer kulturellen Beeinflussung der lokalen Traditionen durch das Byzantinische Reich. Nach mehreren Theorien sollen in dieser Zeit etwa Schalenhalslauten aus Byzanz nach Westeuropa und arabische Kastenzithern von Slawen aus Byzanz nach Russland und ins Baltikum gebracht worden sein, wo sie unter dem slawischen Namen husle bekannt wurden. Der musikalische Einfluss aus Westeuropa wurde im 14. Jahrhundert durch die familiäre Verbindung zwischen den Herrscherhäusern des Königreichs Polen und des Großfürstentums Litauen begünstigt. In der Folge kamen westeuropäische Kammermusikensembles und Wandertheater auch nach Belarus. Umgekehrt zogen etwa Wandermusiker um 1430 aus Ruthenien und Litauen durch Polen bis nach Deutschland.Katarzyna Morawska: The Middle Ages. Part 2: 1320–1500. (The History of Music in Poland, I, herausgegeben von Stefan Sutowski) Sutowski Edition, Warschau 2001, S. 68 Zur italienischen Renaissancemusik im 15./16. Jahrhundert gehörten neben Saiteninstrumenten wesentlich Flöten. Im 17. Jahrhundert organisierten Mitglieder der Gesellschaft Jesu zahlreiche Konzerte in Kirchen, bei denen Flötisten mitwirkten, auch bei den übrigen klassischen Musikgattungen gehörten üblicherweise Konzertflöten zur Besetzung.Chen Jinxia: Musical Communication in Belarusian Folk Culture. (Masterarbeit) Belarusian State University, Minsk 2021, S. 41 (Abstract)
Die in der Volksmusik von Belarus gespielten Hirtenflöten stehen ebenfalls mit den polnischen Flöten in Beziehung. Zu diesen gehören endgeblasene Obertonflöten ohne Fingerlöcher (fujarka), Hirtenflöten mit Kernspalt und Grifflöchern (fulyrka) und eine Doppelflöte (piszczałka).Ewa Dahlig: Poland. In: Thimothy Rice, James Porter, Chris Goertzen (Hrsg.): Garland Encyclopedia of World Music. Band 8: Europe. Routledge, New York / London 2000, S. 704 Ein früherer polnischer Name für Flöten ist dutka.Zygmunt Gloger: Budownictwo drzewne i wyroby z drzewa w dawnej Polsce. Warschau 1909, S. 27, s. v. „Fujara,fujarka“ Eine den Formvarianten der Kernspaltflöten dudka entsprechende Hirtenflöte in Litauen ist die lumzdelis (lamzdelis oder ähnlich, Plural lamzdeliai), die aus einer 15 bis 40 Zentimeter langen Röhre aus Holz oder Rinde mit sechs (bis zu neun) Grifflöchern besteht.Jadvyga Čiurlionytė: Lithuania. II. Traditional music. 6. Instruments. In: Grove Music Online, 2001