„Patriotische Union“ nannte sich eine 2021 gegründete deutsche, mutmaßlich rechtsterroristische Gruppe der Reichsbürger- und QAnon-Bewegung um Heinrich XIII. Prinz Reuß. In den Medien wird sie meist Gruppe Reuß, Reuß-Gruppe oder Reußgruppe genannt.

Im Dezember 2022 ließ der Generalbundesanwalt bei einer weiträumigen Razzia zunächst 25, später nochmals drei mutmaßliche Mitglieder oder Unterstützer der Gruppe unter dem dringenden Verdacht festnehmen, sie hätten eine terroristische Vereinigung gebildet und einen bewaffneten Staatsstreich gegen die staatliche Ordnung der Bundesrepublik Deutschland geplant. Seit August 2023 wurde gegen insgesamt 69 mutmaßlich Beteiligte ermittelt.

Im Dezember 2023 erhob der Generalbundesanwalt gegen 27 davon Anklage wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung. Der Strafprozess wurde dreigeteilt: Seit Ende April 2024 verhandelt das Oberlandesgericht Stuttgart gegen neun Angeklagte, seit Mai 2024 das Oberlandesgericht Frankfurt am Main gegen neun weitere, ab Juni 2024 das Oberlandesgericht München gegen die übrigen acht. Ein Angeklagter verstarb vor, eine Angeklagte nach Prozessbeginn.

Ermittlungsverlauf Im Mai 2021 erhielt die Bayerische Polizei eine anonyme Strafanzeige mit dem Hinweis auf ein YouTube-Video: Darin kündigte ein späteres Mitglied der Gruppe Reuß einen Putsch „in Bund und Ländern“ an.Jürgen Dahlkamp, Maria-Luisa Kotsev: Prozess gegen »Reichsbürger«: Die Banalität des Blöden. Spiegel, 6. Juli 2025 (kostenpflichtig)

Im April 2022 stießen Ermittler im Umfeld der „Vereinten Patrioten“ auf eine ideologisch nahestehende Gruppe um Heinrich Reuß. Daraufhin beobachtete das Landesamt für Verfassungsschutz Hessen einen „Gefährdungssachverhalt“ um Reuß und seine Kontaktpersonen. Das Bundeskriminalamt (BKA) und mehrere Verfassungsschutzämter observierten deren Treffen, hörten Telefonate ab und sammelten Beweise für deren mutmaßliche Pläne.Maik Baumgärtner et al.: Codename »Krone«: Das Innenleben der »Reichsbürger«-Truppe. Spiegel, 15. Dezember 2022 (kostenpflichtig)

Ab November 2022 planten das BKA und mehrere Landeskriminalämter einen gemeinsamen Großeinsatz gegen die Gruppe, um die Umsetzung ihrer weit fortgeschrittenen Umsturzpläne zu verhindern.Christoph Koopmann: Reichsbürger: Sie nannten ihn nur den „Prinzen“. Süddeutsche Zeitung (SZ), 20. Dezember 2022 (kostenpflichtig) Am 27. November 2022, als der Einsatztermin schon feststand, besuchte das Bayerische Landeskriminalamt den Hauptverdächtigen Maximilian Eder für eine Gefährderansprache. Dieser warnte dann seine Nachbarin vor einem weiteren Polizeibesuch und informierte eventuell auch andere Gruppenmitglieder. Der Vorgang gefährdete somit die Sicherung von Beweismitteln.J. Mueller-Töwe, J. Bebermeier, A. Leister: Ermittlungspanne alarmierte „Reichsbürger“. T-online.de, 13. Dezember 2022

Am 7. Dezember 2022 ließ der Generalbundesanwalt die Räume von 52 Personen durchsuchen und 23 davon in Deutschland festnehmen, je eine weitere Person in Österreich und Italien. Sie sollen eine terroristische Vereinigung gebildet und einige sollen sich konkret darauf vorbereitet haben, bewaffnet und gewaltsam in den Deutschen Bundestag einzudringen.Festnahmen von 25 mutmaßlichen Mitgliedern und Unterstützern einer terroristischen Vereinigung sowie Durchsuchungsmaßnahmen in elf Bundesländern bei insgesamt 52 Beschuldigten. Generalbundesanwalt.de, Pressemitteilung vom 7. Dezember 2022. – Die dort abgekürzten Namen werden hier ausgeschrieben, sofern Sekundärbelege dafür vorliegen. Mit rund 5000 beteiligten Polizisten war diese Razzia der bisher größte bundesdeutsche Antiterroreinsatz.Entscheidung in Perugia: Italien liefert bei »Reichsbürger«-Razzia verhafteten Deutschen aus. Spiegel, 19. Dezember 2022 Bis zum 21. Dezember 2022 wurden 25 Haftbefehle in Vollzug gesetzt.Haftbefehle gegen 23 mutmaßliche Mitglieder und Unterstützer einer terroristischen Vereinigung in Vollzug gesetzt und Auslieferungsverfahren gegen zwei mutmaßliche Mitglieder einer terroristischen Vereinigung eingeleitet. Generalbundesanwalt.de, 9. Dezember 2022; Haftbefehl gegen ein weiteres mutmaßliches Mitglied einer terroristischen Vereinigung in Vollzug gesetzt. Generalbundesanwalt.de, 21. Dezember 2022 Der in Perugia festgenommene Maximilian Eder wurde am 16. Februar 2023 nach Deutschland ausgeliefert.Haftbefehl gegen ein weiteres mutmaßliches Mitglied einer terroristischen Vereinigung in Vollzug gesetzt. Generalbundesanwalt.de, 17. Februar 2023 Zudem ermittelte der Generalbundesanwalt gegen 29 weitere, nicht festgenommene mutmaßliche Unterstützer der Gruppe.Maik Baumgärtner et al.: Operation Staatsstreich: Die Putschfantasien der »Reichsbürger«-Truppe. Spiegel, 9. Dezember 2022 (kostenpflichtig) Am 12. Dezember 2022 informierte die Bundesanwaltschaft den Rechtsausschuss und den Innenausschuss des Bundestags über die Razzia.Nach Razzia gegen „Reichsbürger“ – „Keine Waffen in Hände von Extremisten“. Tagesschau.de, 12. Dezember 2022

Die Besondere Aufbauorganisation (BAO) „Schatten“ des BKA wertete die gesicherten Beweismittel mit zeitweise mehr als 300 Ermittlern monatelang aus. Man fand weitere Kontaktpersonen der Gruppe, darunter drei aktive Polizeibeamte, einen aktiven Soldaten und vier Reservisten der Bundeswehr.Razzia gegen »Reichsbürger«-Szene: Wohnungen von Polizisten und einem Soldaten durchsucht. Spiegel, 22. März 2023 Sie sollen zum Teil weitere staatsfeindliche Netzwerke und Gruppen gebildet haben.Florian Flade, Katja Riedel, Sebastian Pittelkow: „Patriotische Union“: Schüsse bei neuer „Reichsbürger“-Razzia. Tagesschau.de, 22. März 2023

Am 22. März 2023 ließ der Generalbundesanwalt in Deutschland und der Schweiz Räume von fünf mutmaßlichen Unterstützern und vierzehn Zeugen durchsuchen. Dabei schoss Markus L. in Reutlingen mit einem Selbstladegewehr AR-15 auf das Spezialeinsatzkommando (SEK) Baden-Württemberg und durchschoss den Unterarm eines Beamten, bevor er sich ergab und festnehmen ließ. Der Generalbundesanwalt leitete ein Verfahren wegen des dringenden Verdachts des mehrfachen versuchten Mordes und der gefährlichen Körperverletzung gegen ihn ein.Übernahme der Ermittlungen wegen des Verdachts des versuchten Mordes. Generalbundesanwalt.de, 22. März 2023; Haftbefehl wegen versuchten Mordes in Vollzug gesetzt. Generalbundesanwalt.de, 23. März 2023

Am 22. Mai 2023 ließ der Generalbundesanwalt drei weitere mutmaßliche Gruppenmitglieder festnehmen.Drei weitere Festnahmen wegen Umsturzplänen. Tagesschau.de, 22. Mai 2023; Festnahme von drei weiteren mutmaßlichen Mitgliedern einer terroristischen Vereinigung. Generalbundesanwalt.de, 23. Mai 2023; Haftbefehl gegen zwei weitere Mitglieder einer terroristischen Vereinigung in Vollzug gesetzt. Generalbundesanwalt.de, 23. Mai 2023 Am 21. Juni 2023 ließ er die Wohnungen von fünf mutmaßlichen Anhängern der Gruppe in Aldingen, Empfingen, St. Johann, Ebersbach an der Fils, Tübingen und Hameln durchsuchen, ohne sie festzunehmen.Sven Röbel, Jens Witte: Radikale Politsekte: Durchsuchungen bei Anhängern von »Reichsbürger«-Aktivist Heinrich XIII. Prinz Reuß. Spiegel, 21. Juni 2023

Im März 2023 wurde einer der 23 Haftbefehle aufgehoben; der Tatverdacht blieb bestehen.Franz Feyder: Razzia in Reutlingen im „Reichsbürger“-Milieu: Maschinengewehr und Handgranaten: Schütze hatte Waffenarsenal. Stuttgarter Nachrichten, 22. März 2023 Im Juli 2023 verlängerte der Bundesgerichtshof (BGH) die Untersuchungshaft der übrigen 22 Beschuldigten, weil sie „hochwahrscheinlich“ anstrebten, „die grundgesetzliche Ordnung gewaltsam zu ändern“.Bundesgerichtshof ordnet Fortdauer der Untersuchungshaft gegen Beschuldigte aus dem sogenannten Reichsbürgermilieu wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung und Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens an. BGH, 19. Juli 2023 Im Oktober 2023 wies das Bundesverfassungsgericht die Verfassungsbeschwerde eines Beschuldigten gegen bestimmte Haftbedingungen ab.Erfolglose Beschwerde eines U-Häftlings nach „Reichsbürger“-Razzia. Beck-aktuell, 26. Oktober 2023; BVerfG, Beschluss der 1. Kammer des Zweiten Senats vom 16. Oktober 2023 – .

Bis November 2023 ließ der Generalbundesanwalt das Gelände des KSK in Calw zweimal nach illegalen Munitions- und Waffendepots durchsuchen. Man vermutete dort vermisste ehemalige NVA-Waffen, die der frühere Bundeswehroffizier Rüdiger von Pescatore in den 1990er Jahren unterschlagen hatte.Martin Kaul, Sebastian Pittelkow: Auf Bundeswehrgelände: Ermittler suchen illegales Waffenlager. Tagesschau.de, 15. November 2023

Am 4. Juni 2024 ließ die Bundesanwaltschaft mit rund 700 Polizisten sieben Objekte und drei Grundstücke in Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und Sachsen durchsuchen, darunter ein Rittergut, Bunker und einen ehemaligen Truppenübungsplatz. Auf den Grundstücken wurden bisher nicht gefundene Waffendepots vermutet, von denen die Gruppe wiederholt gesprochen hatte. Sie gehören zwei mutmaßlichen Unterstützern der Reußgruppe, einem 73-jährigen Mann und seiner 63-jährigen Ehefrau, und sollen zur Rekrutierung von „Heimatschutzkompanien“ gedient haben. Der Mann soll eine große Menge an Waffen besitzen.Neue Razzien im Fall Prinz Reuß: Polizei sucht Waffendepots von »Reichsbürgern«. Spiegel, 4. Juni 2024 (kostenpflichtig) Zugleich ließ die Generalstaatsanwaltschaft Dresden in Seiffen und Pockau-Lengefeld Räume von zwei weiteren mutmaßlichen Mitgliedern oder Helfern der Gruppe durchsuchen.Konrad Litschko: Durchsuchungen in BaWü und Sachsen: Wieder Razzien gegen Reuß-Gruppe. taz, 4. Juni 2024

Am 11. Juni 2024 erfolgten Razzien in Rinteln (Landkreis Schaumburg), Dannenberg (Elbe) (Landkreis Lüchow-Dannenberg), Wahrenholz (Landkreis Gifhorn) und Allstedt in Sachsen-Anhalt. Dabei wurden Wohnungen und Häuser von vier weiteren mutmaßlichen Unterstützern oder Mitgliedern der Reußgruppe durchsucht, je zwei Frauen und zwei Männern. Eine Verdächtige ist Ärztin und soll sich bereit erklärt haben, im Wendland eine „Heimatschutzkompanie“ aufzubauen. Die Generalstaatsanwaltschaft Celle übernahm vom Generalbundesanwalt sieben Ermittlungsverfahren gegen 13 mutmaßliche Unterstützer, die bis dahin nicht festgenommen wurden.„Reichsbürger“: Razzia gegen mutmaßliche Prinz-Reuß-Unterstützer. NDR, 11. Juni 2024

Bis Juli 2024 gab der Generalbundesanwalt 47 weitere Ermittlungsverfahren zu möglichen Unterstützern der Gruppe an Staatsanwaltschaften der Länder ab.47 weitere Verfahren zu Prinz-Reuß-Gruppe bei den Staatsanwaltschaften. Beck-aktuell, 29. Juli 2024

Im September 2024 ließ die Staatsanwaltschaft Stuttgart die Wohnung eines 45-Jährigen in Jettingen (Landkreis Böblingen) durchsuchen. Ein SEK beschlagnahmte Beweismittel und Waffen. Der Verdächtige soll die Umsturzpläne der Reußgruppe gekannt haben.„Reichsbürger“ um Prinz-Reuß: Polizei durchsucht Wohnung. Tagesschau.de, 25. September 2024 Im November 2024 erfolgten weitere Razzien bei mutmaßlichen Unterstützern der Gruppe in Judenbach (Landkreis Sonneberg), Naila (Kreis Hof), im Saale-Orla-KreisRazzia im Zusammenhang mit der Terrorgruppe „Reuß“. Radio Eins, 8. November 2024 und am oberen Rennsteig.Sören Göpel-Schulze: Gruppe Reuß: Terror-Razzia in Judenbach und am Rennsteig. Insuedthueringen.de, 7. November 2024 (kostenpflichtig)

Am 7. August 2025 führte das LKA Bayern mit rund 300 Beamten acht weitere Razzien im Umfeld der Reußgruppe durch, vier davon in Bayern (Landkreis Forchheim, Landkreis Nürnberger Land), drei in Sachsen (Erzgebirgskreis, Chemnitz) sowie eine in Thüringen (Landkreis Eichsfeld). Beschuldigt wurden eine Frau und fünf Männer, von denen drei als mutmaßliche Gruppenmitglieder festgenommen wurden. Ferner wurden Waffen und Datenträger sichergestellt.Drei mutmaßliche „Reichsbürger“ um Gruppe Reuß bei Razzia festgenommen. Tagesschau.de, 7. August 2025; Festnahmen und Durchsuchungen gegen Mitglieder einer terroristischen Vereinigung im Zusammenhang mit der Gruppe um Prinz Reuß. Bayerische Polizei, 7. August 2025