Das Entwicklungsprojekt zur Poudrerie nationale de Sainte-Livrade-sur-Lot hatte als Projektziel die Errichtung einer seit Mitte der 1930er Jahre von der französischen Regierung geplanten Schießpulverfabrik (Poudrerie) zur Ergänzung der schon bestehenden Anlage in Bergerac.CAFI: À l’origine un projet de poudrerieZur Geschichte der Poudrerie in Bergerac siehe: Paul Rigail et Jacques Plazanet: L’industrie des poudres et explosifs face aux grandes crises: la Poudrerie nationale de Bergerac, 1915-1960 Das Gelände wurde mit einem etwa 7 km langen Verbindungsgleis an die Bahnstrecke Villeneuve-sur-Lot–Falgueyrat angeschlossen.
Beschreibung Mit dem Bau der Fabrik, deren Gelände sich über die Gemarkungen der drei Gemeinden Bias, Casseneuil und vor allem Sainte-Livrade-sur-Lot verteilte, wurde Ende 1939 begonnen, doch wurden die Arbeiten nach dem Waffenstillstand von Compiègne (1940) ausgesetzt. Danach erfolgten noch für etwa ein Jahr Arbeiten auf dem Fabrikgelände, die vor allem dem Rückbau dienten und den Vorbereitungen zur Rückgabe der Flächen an die lokalen Landwirte.
Parallel zur Errichtung der Pulverfabrik entstanden fünf große Internierungslager zur Unterbringung der am Bau beschäftigten Arbeiter, überwiegend Spanier, die während oder nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs nach Frankreich geflüchtet waren und dort für staatlich organisierte Arbeitseinsätze zwangsrekrutiert wurden. Die Lager, in denen sie untergebracht waren, überdauerten die kurze Epoche der Proudrerie; sie wurden nach deren Ende zur Unterbringung der unterschiedlichsten Personengruppen benutzt und entwickelten sich teilweise zu Wohngebieten, wie im Falle von Casseneuil oder Sainte-Livrade, in denen sich noch Spuren der ehemaligen Lager finden lassen. Auch Ruinen der nie in Betrieb genommenen Produktionsstätten der Poudrerie sind heute noch vorhanden, und etwa ein Viertel des ehemaligen Fabrikgeländes beherbergt seit den 1950er Jahren eine landwirtschaftliche Ausbildungsstätte.
Die Landnahme für die Poudrerie Der Bau der Poudrerie geht auf Dekrete der Regierungen von Édouard Daladier und Pierre Laval zurück. In vielen Quellen wird als treibende Kraft dahinter der 1936 verstorbene Senator und Bürgermeister von Sainte-Livrade, Gaston Carrère, genannt. Er soll dieses Projekt vorangetrieben haben, um der Region durch die Industrialisierung einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung und der Gemeinde hohe Steuereinnahmen zu bescheren.La Poudrerie de Sainte-Livrade, La Tribune Livradaise, 19. September 2015 Die Poudrerie sollte langfristig 2.000 Arbeitsplätze schaffen.Clément Goulinat: 1939 – La Poudrerie Nationale de Sainte-Livrade-sur-Lot
Für den Bau der Fabrik wurden 421 Hektar Land benötigt, weitere 39 Hektar für die Lager der Arbeiter. Mehr als 60 Landwirte mussten dafür ihr Land hergeben, die meisten von ihnen wurden enteignet, da das Projekt für dringend und im öffentlichen Interesse eingestuft worden war. Erst im Oktober 1939 erfuhren die Landwirte und sonstigen Landbesitzer, dass sie mit Wirkung vom 1. November 1939 ihr Land verlieren würden. Über den Kreis der Betroffenen hinaus scheint das in der Gegend kein Aufsehen erregt zu haben.
Das Fabrikgelände erstreckte sich in seiner Nord-Süd-Achse in etwa zwischen dem nördlichen von Sainte-Livrade eingerichteten Internierungs- und Flüchtlingslager Camp du Moulin du Lot (Punkt 2 auf der Karte) und dem heutigen Cassneuiler Ortsteil Cité Belle Rive, der aus dem Internierungslager Camp de la Glaudoune (Punkt 3 auf der Karte) hervorging. Die westliche Grenze bildete der Lot, die östliche Grenze die heutige D 217, die Route de Casseneuil, die auf einer Länge von fast 3 Kilometern am Fabrikgelände entlang führte.Eine Karte, die die Grenzen des Poudrerie-Geländes verdeutlicht, findet sich bei Mario Graneri-Clavé, Juan Morente-Alvarez: La Poudrerie des camps et des hommes, S. 16 (pdf-S. 6); sie ist in dem Online-Auszug des Buches enthalten. An dieser Straße befindet sich als Teil des heutigen Agrocampus 47Homepage Agrocampus 47 das Lycée Etienne Restat (Punkt 1 auf der Karte), eine landwirtschaftliche Schule, die in den 1950er Jahren in den ehemaligen Verwaltungsgebäuden der Poudrerie eröffnet wurde. Das Land im unmittelbaren Umfeld gehörte zur Domaine de Miquels mit dem noch erhaltenen Château de Miquels () an der heutigen Route de la Poudrerie.Eine Karte von 1836 mit dem Gebiet der Domaine de Miquels ist auf der Webseite der Région Nouvelle-Aquitaine (siehe Weblinks) zu finden. Die Straße Route de la Poudrerie wird unter dem Namen nur bei OpenStreetMap angezeigt, bei Google Maps heißt sie Miquels. { "type": "FeatureCollection", "features": [
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Die Poudrerie und ihre Zwangsarbeiter Die Arbeiten an der Pulverfabrik begannen Ende 1939 und wurden nach dem Waffenstillstand von Compiègne (1940) ausgesetzt. In dieser Zeit entstanden ca. 600 Gebäude auf dem Gelände, meist aus Beton und aus Sicherheitsgründen weit voneinander entfernt. Zudem wurden 25 Kilometer Gleise verlegt. Goulinat schätzt, dass es lediglich noch 12 Monate benötigt hätte, um die Produktion aufzunehmen.
Nach der Einstellung der Arbeiten zur Errichtung der Poudrerie erfolgten noch für etwa ein Jahr Arbeiten auf dem Fabrikgelände, die vor allem dem Rückbau dienten und den Vorbereitungen zur Rückgabe der Flächen an die lokalen Landwirte. Einige Bauwerke, die damals entstanden – so zum Beispiel die Hallensklette am Impasse de l'Ancienne Poudrerie () –, sind heute noch vorhanden und auch Gegenstand öffentlicher Führungen.
Um in dieser kurzen Zeit eine solche Leistung erbringen zu können, waren große Mengen an Arbeitskräften erforderlich. Frankreich befand sich zu der Zeit im Krieg mit Deutschland, viele Männer waren in der Armee, und folglich herrschte Arbeitskräftemangel. Dennoch waren auf der Baustelle etwa 5.000 Menschen im Einsatz. Die meisten von ihnen waren jedoch keine Franzosen, sondern Spanier: 3.500 spanische Bürgerkriegsflüchtlinge, zusammengefasst in 14 Compagnies de Travailleurs Étrangers, waren als Fremdarbeiter zwangsverpflichtet worden.
Zur Unterbringung dieser Arbeiter, die anfangs in Waggons und notdürftigen Behausungen untergebracht waren, wurden mehrere Lager errichtet, an deren Bau ihre künftigen Bewohner mitwirken mussten: in Sainte-Livrade das Camp du Moulin du Lot (8 ha groß) (Punkt 2 auf der Karte) – das spätere CAFI. Es war das einzige Lager, das sich innerhalb des Poudrerie-Geländes befand.Mario Graneri-Clavé, Juan Morente-Alvarez: La Poudrerie des camps et des hommes, S. 16 in Casseneuil das Camp de la Glaudoune (heute Stadtteil Belle Rive) (Punkt 3 auf der Karte) am nördlichen Rand des Poudrerie-Geländes und das Camp de la Gare (15 ha), auch bekannt als Camp de Sauvaud oder Camp de Casseneuil; auf dessen Gelände befindet sich heute ein Industriegebiet (Punkt 4 auf der Karte) in Bias das Camp d'Astor (12 ha) (Punkt 5 auf der Karte) in Villeneuve-sur-Lot das Camp de Carrère (4 ha) (Punkt 6 auf der Karte) Zu den Lebens- und Arbeitsbedingungen der in diesen Lagern untergebrachten Männer heißt es auf der CAFI-Seite:
Nach dem CAFI-Artikel war die Internierung in den Lagern von Bias und Casseneuil weniger streng reglementiert, und die Männer hatten die Möglichkeit an Sonntagnachmittagen in begrenztem Maße am Leben außerhalb der Lager teilzunehmen. Nach kleineren Zwischenfällen wurden sie in der Lokalpresse aber schnell als unerwünschte Personen gegeißelt, und auch die Bevölkerung begegnete ihnen mit Ressentiments, denn „in Lot-et-Garonne, wie anderswo in Frankreich, hatten die spanischen Republikaner den Ruf, Wilde zu sein, "Priesterfresser"“. Zudem gab es schon früh Bestrebungen, die wenigen Bewegungsmöglichkeiten stärker zu reglementieren, wie ein Vorschlag eines Offiziers aus dem Jahr 1939 zeigt. Dieser schlug vor, schrittweise den Spielraum der spanischen Männer einzuschränken, ihnen den Zugang zur Stadt – insbesondere zu Cafés und öffentlichen Plätzen – zu verwehren; Militärposten in den Unterkünften zu postieren und insgesamt die Unterbringung in einem geschlossenen Lager vorzusehen, das ab dem 10. oder 15. Januar 1940 zur Verfügung stünde.CAFI-Materialien: Idee directive 1939, ohne genaues Datum
In einem Bericht vom 26. Februar 1941 hieß es, dass sich zu diesem Zeitpunkt noch 1.700 spanische Arbeiter sowie 200 weitere Angestellte, Arbeiter und technisches Personal auf dem Fabrikgelände aufgehalten hätten, deren Arbeiten aber kurz vor dem Abschluss stünden. „Ein Teil der Belegschaft wird Ende dieses Monats entlassen, und es ist davon auszugehen, dass die spanischen Arbeitskompanien bis Ende April das Gelände verlassen müssen, da die Mittel für die Pulverfabrik fast auf Null gesunken sind.“CAFI-Materialien: Rapport sur l'utilisation des terres, 26. Februar 1941, S. 8. „Une partie du personnel sera licencié à la fin du présent mois et il est à présumer que pour la fin du mois d'Avril, les crédits alloués à la Poudrerie étant féduits presque à zéro, les Compagnies de Travailleurs espagnols devront quitter les lieux.“ Nach der CAFI verließen die spanischen Arbeiter in der Tat ab 1941 die Lager. „Einige wurden requiriert, um an den Standorten des Atlantikwalls zu arbeiten. Andere wurden von Bauern in der Gegend angestellt und ließen sich dauerhaft in der Gegend nieder, indem sie mit einem jungen Mädchen aus der Gegend eine Familie gründeten.“„Certains furent réquisitionnés pour aller travailler sur les chantiers du Mur de l’Atlantique. D’autres furent embauchés par des agriculteurs des environs et s’installèrent définitivement dans les environs en fondant une famille avec une jeune fille de la région.“ (CAFI: À l’origine un projet de poudrerie) Zumindest für das Camp de la Gare in Casseneuil kann aber als sicher gelten, dass dort weiterhin Fremdarbeitereinheiten (Groupes de Travailleurs Étrangers (GTE)) stationiert waren.Christian Eggers: Unerwünschte Ausländer. Juden aus Deutschland und Mitteleuropa in französischen Internierungslagern 1940 – 1942, Metropol Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-932482-62-X, S. 196