mini|hochkant=1.4|Bildstöcke in Franken. Im Uhrzeigersinn: Kreuzschlepper, Bergrheinfeld-Garstadt ; Wettermarter, Hallstadt-Dörfleins ; Feldkreuz, Haßfurt-Prappach ; Madonna, Bad-Mergentheim ; Altarbildstock, Nordheim am Main ; Georgsmarter, Höchstadt an der Aisch-Sterpersdorf Die Bildstocklandschaft FrankenJosef Dünninger: Bildstöcke und Martern in Franken. In: Josef Dünninger, Bernhard Schemmel: Bildstöcke und Martern in Franken. Würzburg 1970. S. 9. beschreibt den Bildstockbestand in der Region Franken in seiner historischen Entwicklung. Franken wird zu den Gebieten Europas gezählt, die besonders viele der christlichen Kleindenkmäler aufweisen. Die Bildstocktradition entstand im Spätmittelalter und wird bis in die Gegenwart fortgeführt. Dabei entwickelten vor allem katholisch geprägte Landstriche eine große Vielfalt an unterschiedlichen Typen und Darstellungsformen, wobei auch die umgangssprachliche Bezeichnung Marterla für solche Objekte charakteristisch für die Bildstocklandschaft ist.

Besondere Bedeutung für die heutige Bildstocklandschaft hat die in manchen Regionen über Jahrhunderte geübte Setzung von Bildstöcken über die Standesgrenzen der vormodernen Gesellschaft hinweg. Die Bildstöcke wurden bereits mit der Romantik im 19. Jahrhundert ein Signum für katholische Gebiete innerhalb Frankens. In der Folge finden sich die Stöcke auch auf Arbeiten der bildenden Kunst wieder. Bildstockinventarisation und Bildstockforschung wurde im 20. Jahrhundert zu einer Disziplin der Heimatforschung und auch von akademischer Seite, insbesondere der Volkskunde, aufgegriffen. Der Bestand der Bildstocklandschaft war allerdings auch in allen Zeiten durch Vandalismus und Verfall bedroht.

Etymologie, Definition und Abgrenzung Das Wort Bildstock hat seinen Ursprung im Mittelhochdeutschen. Das Wort „stoc“, das eng mit dem Wort Stück im Sinne eines Einzelstücks verwandt ist, bildet das Suffix. Der Begriff steht mit ähnlichen Reihenbegriffen wie Wurzelstock, Bienenstock oder Stockwerk in Verbindung. Das Präfix Bild- ist dagegen bereits althochdeutschen Ursprungs („bilidi“) und machte im Laufe des Mittelalters eine Begriffsveränderung durch. Diente es zunächst als Beschreibung eines Musters bzw. Vorbildes, erkannte man später darin das Abbild eines ursprünglichen Objekts.

Das Wort „Bildstock“ taucht in den Quellen seit dem 17. Jahrhundert auf, ist allerdings nur eine von vielen Möglichkeiten der Bezeichnung eines solchen Denkmals. Stattdessen überwiegen, je nach Stiftungsanlass, andere Namen. So wurde das gesetzte Zeichen häufig auch lediglich als BILD in Majuskeln, Bildnis oder Biltnus beschrieben. Eine fränkische Besonderheit stellt die Bezeichnung Marter bzw. als Diminutiv Marterla dar, die sich auf Darstellungen des gemarterten bzw. gekreuzigten Christus beschränkt. Sonderformen wie der Kreuzschlepper oder das Kruzifix entwickelten ebenfalls eigenständige Bezeichnungen. Bei der Benennung von einzelnen Bildern mit besonderem Bezug zu Orten, Sagen oder Personen sind der Fantasie dabei keine Grenzen gesetzt. Von denkmalpflegerischer Seite werden die Stöcke als Kleindenkmäler, Flurdenkmäler, Gedenktafel oder religiöse Freifiguren bezeichnet.Stefan Popp: Bildstöcke im nördlichen Landkreis Würzburg Inventarisierung und mentalitätsgeschichtliche Studien zu religiösen Kleindenkmalen. Diss. Würzburg 2004. S. 25–38.

Bei einem Bildstock handelt es sich um ein freistehendes, volkstümliches Mal an öffentlichen Wegen und Plätzen. Besondere Bedeutung hat die christliche Konnotation, die sich in der ikonografischen Tradition auf diesen Stöcken ausdrückt. Dargestellt werden Christus, Heilige bzw. Szenen aus der heiligen Überlieferung. Die am häufigsten anzutreffende Form entspricht dabei der Bildsäule: Über einen Sockel ragt ein Pfeiler oder eine Säule auf, die von einem Aufsatz in Form einer Ädikula bekrönt wird. Da die Definition aber vor allem den Sinn der Stiftung eines solchen Stocks umfasst, die Setzung eines „Frömmigkeitszeichens des Volkes“, werden auch Hochkreuze, Freifiguren und Heiligenhäuschen sowie Baumbilder zu den Bildstöcken gezählt.Stefan Popp: Bildstöcke im nördlichen Landkreis Würzburg Inventarisierung und mentalitätsgeschichtliche Studien zu religiösen Kleindenkmalen. Diss. Würzburg 2004. S. 25. Abgegrenzt werden lediglich Hausfiguren, Kreuzwegstationen und Kreuzsteine, die eigenständige Funktionen wahrnehmen und andere Standorte besetzen.

Die fränkische Bildstocklandschaft unterscheidet sich dabei in vielen Details von den angrenzenden Regionen in Niederbayern, dem Alpenvorland, Oberbayern, Schwaben und Württemberg. In Österreich ist der Tabernakelbildstock weit verbreitet, vor allem in Tirol trifft man oft Stöcke an, die mit einer Laterne abschließen. Die verwendeten Materialien grenzen die Landschaften ebenfalls voneinander ab. Herrscht im Alpenvorland der Holzbildstock vor, ist in Niederbayern auch Granit zu finden. Aus Ziegelsteinen gemauerte und verputzte Bildstöcke wurden in Oberbayern, Schwaben und Württemberg geschaffen. In Franken herrscht die Verwendung von Sandstein vor.

Geografische Verbreitung Die geografische Ausdehnung der Bildstocklandschaft Franken ist vor allem über die historischen Diözesangrenzen, also die sogenannte „geistliche Landschaft Franken“ nachzuvollziehen. Innerhalb der geistlichen Herrschaftsbereiche der Bischöfe bzw. Erzbischöfe von Bamberg, Eichstätt, Mainz mit dem Fokus auf das Obere Erzstift westlich des Spessarts und Würzburg wurden in Mittelalter und Früher Neuzeit die meisten Stöcke aufgestellt. Hierdurch entstand eine von Bildstöcken geprägte Region, die sich im Norden bis ins heutige Hessen (mit dem erst 1802 gegründeten Bistum Fulda) und dem thüringischen Eichsfeld zieht. Im Osten wird sie vom Frankenwald begrenzt, während im Süden die Bildstocklandschaft Bayern nahtlos anschließt.

Dabei wurde dieses Areal nicht gleichmäßig mit Bildstöcken übersät. Ein Schwerpunkt ist in der heutigen, bayerischen Region Mainfranken zu erkennen, die im Wesentlichen von Maindreieck und Mainviereck gebildet wird und bis in die Rhön im Norden bzw. das württembergische Tauberfranken reicht. Es handelte sich dabei um in Mittelalter und Frühneuzeit um den weltlichen Herrschaftsbereich des Würzburger Fürstbischofs. Innerhalb dieses Gebietes liegt ein Schwerpunkt der Bildstöcke auf den Weinbaugebieten, die über genügend wirtschaftliche Potenz verfügten, um Bildstockstiftungen zu finanzieren.Stefan Popp: Bildstöcke im nördlichen Landkreis Würzburg Inventarisierung und mentalitätsgeschichtliche Studien zu religiösen Kleindenkmalen. Diss. Würzburg 2004. S. 96. Einen weiteren Kernraum bildet das Hochstift Bamberg.

Geschichte Ursprünge Während die ältere Literatur, allen voran die Gebrüder Grimm im 19. Jahrhundert, die Bildstöcke als Überbleibsel germanischer Bräuche interpretierte, geht man heute von einer rein christlichen Tradition aus. Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die Bildstöcke als Zeichen für die Weiterführung eines Totenkultes der alten Germanen ausgelegt. Wahrscheinlicher ist stattdessen ihre Verwandtschaft mit den iro-schottischen Hochkreuzen, Friedsäulen oder Totenleuchten. Der Brauch, ein Zeichen zu setzen, wäre so im Zuge der angelsächsischen Mission im Frühmittelalter nach Kontinentaleuropa und Franken gelangt.

Eine weitere Tradition, aus denen sich die Setzung solcher Objekte erklärt, ist die Entstehung von Kreuzsteinen bzw. Steinkreuzen. Diese steinernen Landschaftsbestandteile finden sich in ganz Europa, wobei es sich meist um einfache monolithische Steine handelt, die mit einem Kreuz verziert wurden oder aus denen die Kreuzesform herausgemeißelt wurde.Carlheinz Gräter, Jörg Lusin: „dem got genat“. Steinkreuz und Bildstock in Kunst und Literatur. Würzburg 2008. S. 7. Seit dem ausgehenden Hochmittelalter wurden solche Steine als Rechtsmale aufgestellt. Sie dienten dem Ersatz der Blutrache und wurden von verurteilten Totschlägern als Zeichen der Sühne an den Orten der Tat gesetzt. Hier vollzogen sie die von der Kirche auferlegten Bußpraktiken, die für solch eine Tat vergeben wurden.

Die Tradition der Setzung dieser Sühnekreuze endete im Heiligen Römischen Reich abrupt mit der Einführung der Constitutio Criminalis Carolina durch Karl V. im Jahr 1532. Totschlag galt fortan als Kapitalverbrechen, das strafbewehrt war und nicht durch religiöse Sühne ersetzt werden konnte. Die frühesten Setzungen von Bildstöcken überschneiden sich zeitlich allerdings mit der Aufstellung von Sühnekreuzen, so weist ein auf 1361 datiertes Kreuz in Gremsdorf-Krausenbechhofen im mittelfränkischen Landkreis Erlangen-Höchstadt bereits eine Nische mit einer primitiven Ritzzeichnung der Kreuzigung auf.Josef Dünninger, Bernhard Schemmel: Bildstöcke und Martern in Franken (Abbildungsteil). Würzburg 1970. S. 166 (Nr. 7). So ergänzte man die Sühnefunktion, die vor allem dem Totschläger galt um eine Gedenkfunktion. Das Steinkreuz wurde jetzt zum Mal für den hier Verstorbenen.

Gründe für die Setzung Noch im 14. Jahrhundert differenzierten sich die Gründe für die Setzung von Bildstöcken weiter aus, wobei die Inschriften, die auf den einzelnen Bildstöcken angebracht wurden, teilweise auf diese Hintergründe verweisen. Bildstöcke entstanden in Franken als private Stiftungen unterschiedlicher Personengruppen. Häufig lag dieser Stiftung ein vorhergehendes Gelöbnis zugrunde. Dieser Gelöbnischarakter wurde in den Inschriften auf dem Stock zum Ausdruck gebracht. So spricht der sogenannte Kreuzdachbildstock von 1767 nahe der Marienkapelle in Gefäll in der fränkischen Rhön von der Stiftung „VON WEGEN EINES SCHWERS“.Bernhard Schemmel: Verlöbnis. In: Josef Dünninger, Bernhard Schemmel: Bildstöcke und Martern in Franken. Würzburg 1970. S. 53. mini|Bildstock in Volkach-Fahr mit einem Hinweis auf die Missernte von 1626 „IN DISEM IAR HAT GENOMEN SCHADEN BERG VND TAL AN WEIN UND KORN IM FRANCKENLAND“ Die Erinnerung an einen Verstorbenen, der teilweise selbst noch zu Lebenszeit die Stiftung initiierte, wurde ebenfalls immer wieder auf Bildstöcken vermerkt. So findet sich auf einer Marter am Stadtrand des unterfränkischen Volkach der Hinweis auf „H. Jörg Behm [...] gewessner des Rahts ahlhier [...] so den 22. July 1644 seeligen Todte ufahrn.“ Häufig verfasste man die Inschriften dann im Namen der Erben, wobei vor allem Söhne und die Witwen die Setzungen vornahmen. Vereinzelt nahm man in den Inschriften aber auch auf die Steinmetzen Bezug. Im oberfränkischen Weismain findet sich an einem Kreuzschlepper von 1714 die Inschrift: „MID EIGEN HEND GEMACHD VND HIE HERGESETZ“.

Parallel zum Totengedächtnis entwickelten sich in den Inschriften auch eine Memorialfunktion für noch lebende Personen. In der Uffenheimer Straße in Aub im Landkreis Würzburg findet sich die folgende Inschrift auf einem Bildstock: „Hatt der ehrbare und achtbar Michael Glock des Raths Gott zu Ehrn bey seinem lebendige Leib disses Marterbilt aufrichten und machen lassen“. Stifter von Bildstöcken rekrutierten sich häufig aus den Oberschichten der Dörfer und Ackerbürgerstädte, die ihren Einfluss über den Tod hinaus zum Ausdruck bringen wollten.

Obwohl die Bildstöcke zuallererst zur Ehre Gottes und der Heiligen aufgestellt wurden, findet sich diese Tatsache explizit als Begründung nicht überall. An der Bundesstraße 26 in der Gemarkung des Arnsteiner Gemeindeteils Binsfeld in Unterfranken wurde 1759 die paradigmatische Inschrift „Gott und seinem Heiligen Sohn zu ehren“ an einem Stock angebracht. Daneben finden sich Anrufungen von einzelnen Stationen des Heilsgeschehens, so in Hammelburg-Feuerthal auf einem Bildstock von 1715 („ZU EHREN DER G. W. AVFERST. H. V. N. CHRISTUS“).