Unproduktive Arbeit (oder nicht-produktive Arbeit) ist ein aus der klassischen Nationalökonomie stammender umstrittener Begriff und ein politisches Schlagwort, unter dem die geringfügige oder fehlende Produktivität einer Arbeit verstanden wird.
Allgemeines „Unproduktive Arbeit“ setzt sich aus den Bestandteilen „unproduktiv“ und „Arbeit“ zusammen. Unproduktiv bedeutet, dass eine bestimmte Arbeit keine oder eine zu geringe Arbeitsproduktivität aufweist. „Unproduktive Arbeit“ ist ein geschichtsbelasteter Begriff, dessen früherer Begriffsinhalt sich heute verändert hat. Die Kontroverse um produktive und unproduktive Arbeit ist als „Produktivitätsstreit“ in die Geschichte der ökonomischen Theorie eingegangen.Hans R. G. Rück, Dienstleistungen in der ökonomischen Theorie, 2000, S. 23 Dabei ging es um die Streitfrage, ob Bauern die eigentlich Produktiven seien (so argumentierten die Physiokraten) oder Industrielle (so argumentierte Adam Smith), Unternehmer oder Arbeiter (so Karl Marx); der Streit wurde um 1900 ergebnislos abgebrochen.Henning Eichberg, Minderheit und Mehrheit, Band 2, 2011, S. 128 Arbeit müsse die Eigenschaften der Materie (Agrarrohstoffe, Grundstoffe, Rohstoffe) derart verändern, dass ihr ein höherer Nutzen zukomme,Hans R. G. Rück, Dienstleistungen in der ökonomischen Theorie, 2000, S. 26 um als produktive Arbeit eingestuft zu werden. Später (1960) ist die Debatte durch die Theorie von Piero Sraffa neu belebt und vertieft worden (siehe Kapitel „Unproduktive Arbeit in Sraffas Reproduktionsanalyse“).
Allgemeiner Sprachgebrauch Besonders umstritten ist die Verwendung des Begriffs „unproduktive Arbeit“ in der Umgangssprache. Oft wird hier jede Art von Dienstleistung als unproduktiv angesehen, weil sie keine materiellen Güter hervorbringe.Mi-Kyong Kim, Frauenarbeit im Spannungsfeld zwischen Beruf und Familie, 2000, S. 62 Dieser Streit, ob Dienstleistungsarbeit eine produktive oder unproduktive Arbeit sei, lässt sich auf Karl Marx zurückführen.Ian Gough, Marx‘s Theory of Productive and Unproductive labour, in: New Left Review Nr. 76, November/Dezember 1972, S. 48 ff. Doch der Ausdruck „unproduktive Arbeit“ stammt nicht von Marx, sondern ist viel älter.
Ausgehend von diesen Erkenntnissen wird heute oft in der Produktionswirtschaft die Ansicht vertreten, dass die nicht unmittelbar an der Produktion beteiligten Arbeitskräfte wie Mitarbeiter der Verwaltung (Dienstboten, Pförtner, Reinigungskräfte, Sachbearbeiter) als unproduktiv zu klassifizieren seien.Friedrich Henzel, Verlustquellen in der Industrie, 1951, S. 97Karl Knackfuß, Die Arbeitszeit-Frage in der rheinisch-westfälischen Eisen- und Stahlindustrie, 1927, S. 55 Dies kann nur dann als zutreffend gelten, wenn mit „unproduktiv“ als „nicht unmittelbar an der Produktion beteiligt“ gemeint ist.„Produktiv“ ist jedoch das Adverb von „Produktivität“. Häufig wird auch die Auffassung vertreten, dass der gesamte öffentliche Dienst unproduktiv sei. Das kann zutreffen auf die Bereiche mit Bereitschaftsdienst wie Feuerwehr oder sonstige Rettungsdienste; hier steht jedoch nicht die Arbeitsproduktivität, sondern die Daseinsvorsorge und öffentliche Sicherheit im Vordergrund. In anderen Bereichen des öffentlichen Dienstes kann unter „unproduktiver Arbeit“ allenfalls das als zu gering empfundene Arbeitstempo, also die geringe Arbeitsintensität, verstanden werden.
Physiokratie Der Physiokrat François Quesnay veröffentlichte im Dezember 1758 sein Tableau économique (), in welchem er die Landwirte als produktive Klasse () ansah. Die unproduktive „sterile“ Klasse () forme die Agrarprodukte der produktiven lediglich um (Handel, Handwerk und Gewerbe), während zwischen beiden Klassen die Grundbesitzer () stehen. Die sterile Klasse erwirbt Quesnay zufolge von der erzielten Handelsspanne (der Differenz der Verkaufspreise aus dem Handel und den Kaufpreisen der Vorleistungsgüter) Agrarprodukte für den Eigenverbrauch.François Quesnay, Tableau économique, et maximes générales du governement économiques, Versailles, 1758, S. 1 ff. Für die Physiokraten wie Quesnay galt produktive Arbeit als solche, die Reichtum in Form materieller Güter hervorbringt. Er gilt als erster Ökonom, der die „unproduktive Arbeit“ erwähnte.
Der hoch politische Kontext dieser Analyse erklärt, warum nicht gesagt wird, dass nur unter diesen französischen feudalen Bedingungen Handwerk und Manufaktur sterile Klassen sind – in England war dies anders – und dass sie, wenn sie beginnen, zunehmend für die zu fördernde Landwirtschaft Geräte und Dienstleistungen zu erstellen, zunehmend produktiv werden, weil die Einkommensverteilung sich veränderte. Mit den Sturz Turgots schwand der Einfluss der Économistes auf die französische Politik. Weitere Kreditaufnahme und die fortgesetzte Förderung der Produktion von Luxusgütern führten letztendlich zur Französischen Revolution.
Klassische Nationalökonomie Ihr Hauptvertreter Adam Smith unterschied im März 1776 in seinem Buch Der Wohlstand der Nationen ebenfalls zwischen „produktiver“ und „unproduktiver Arbeit“ (). Produktive Arbeit sei Arbeit, „die dem Wert des Gegenstandes, auf den sie verwendet wird, etwas zusetzt“.Adam Smith, An Inquiry to the Wealth of Nations, Buch 2, 1776/1973, S. 80 Produktive Arbeit führt für ihn zu einer Wertschöpfung, unproduktive Arbeit dagegen nicht. Deshalb waren für ihn Arbeiter in einer Manufaktur produktiv, Dienstboten dagegen nicht. Unproduktive Arbeit führe zur Verschwendung und nicht zur Steigerung des Reichtums: „Wohlhabend wird also, wer viele Arbeiter beschäftigt, arm hingegen, wer sich viele Dienstboten hält“.Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen, 1776/1990, S. 272 Er räumt aber ein, dass unproduktive Arbeiten nützlich (Dienstbote), angenehm (Sängerin) oder notwendig (Richter) sein können.Adam Smith, An Inquiry to the Wealth of Nations, Buch 2, 1776, S. 331
In der Theorie der ethischen Gefühle (1759) sprach Smith davon, dass eine unsichtbare Hand dafür sorgt, dass die Prasserei der Reichen den Armen ein Auskommen schafft, da der Magen eines Reichen einen begrenzten Umfang habe.„The rich only select from the heap what is most precious and agreeable. They consume little more than the poor, and in spite of their natural selfishness and rapacity … they divide with the poor the produce of all their improvements. They are led by an invisible hand to make nearly the same distribution of the necessaries of life, which would have been made, had the earth been divided into equal portions among all its inhabitants, and thus without intending it, without knowing it, advance the interest of the society, and afford means to the multiplication of the species.“; A. I.. Macfie/D. D. Raphael (Hrsg.): The Glasgow edition of the Works and Correspondence of Adam Smith. vol. 1: The Theory of Moral Sentiments. 2007, S. 184–185. Nach seiner Frankreichreise (1764–1766) und den Gesprächen mit den Économistes ist im Wohlstand der Nationen für Smith dieser Konsum der Reichen unproduktive Arbeit, die das Wirtschaftswachstum schmälert. Für Smith war Quesnay der Vater der Volkswirtschaftslehre, und ihm hätte er seine Wealth of Nations gewidmet, wäre Quesnay nicht schon früher gestorben.Dugald Stewart: Vorwort. In: Essays on Philosophical Subjects by The late Adam Smith. LL. D., Fellow of the Royal Societies of London and Edinburgh, Basil, Printed for the Editor of the Collection of English Classics, Sold by James Decker, 1799, S. lxvii-lxviii; from the Transactions of the Royal Society of Edinburgh, Read by M. Steward, January 21, and March 18, 1793; reprint The Glasgow edition of the Works and Correspondence of Adam Smith, vol. 3, S. 304.
Smiths Wachstumsprogramm Edwin CannanEdwin Cannan (Hrsg.): Editor’s Introduction. In: Adam Smith: An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. Methuen, London 1904, S. xxix-xxxiii. stellt im Vorwort zum Wohlstand der Nationen fest, dass Adam Smith die Struktur seiner früheren Vorlesungen beibehält, dass aber neue Elemente hinzukamen, die Adam Smith auf seiner Frankreichreise von den Économistes übernahm. Diese neuen Elemente sind die Konzepte der klassischen ökonomischen Theorie, die Smith an den Anfang des Werkes stellt. Der Wohlstand der Nationen ist somit ein inhomogenes Buch, und Ricardo versuchte in den Principles of Political Economy and Taxation (1817), die Spreu vom Weizen zu trennen.
Adam Smith beginnt den Wohlstands der Nationen mit seinen Wachstumsprogramm: „Die jährliche Arbeit eines Volkes ist die Fundus ( im Sinne von Input, fehlleitend meist als „Quelle“ übersetzt), aus der es ursprünglich mit allen notwendigen und angenehmen Dingen des Lebens versorgt wird, die es über das Jahr verbraucht. ... Zwei Faktoren bestimmen nun in jedem Land diese Pro-Kopf-Versorgung: Erstens die Produktivität der Arbeit als Ergebnis von Geschicklichkeit, Sachkenntnis und Erfahrung, und zweitens das Verhältnis der produktiv Erwerbstätigen zu denen, die nicht auf diese Weise erwerbstätig sind. Von beiden Umständen hängt es ab, ob in einem Land das Warenangebot reichlich oder knapp ausfällt.“ [Heraushebung hinzugefügt].
Ein reichliches und billiges Warenangebot (), d. h. der Wohlstand der Nationen, wird erreicht, wenn über eine vertiefte Arbeitsteilung die Produktivität der Arbeiter erhöht wird und durch Verminderung des Anteils „unproduktiver Arbeit“ den Arbeitern in der nächsten Periode ein größerer Kapitalstock bereitgestellt wird. Die Frage, ob die Arbeit eines Menschen produktiv oder unproduktiv (im Sinne von A. Smith) ist, hat nichts zu tun mit dessen Ansehen oder Stellung in der Gesellschaft. Adam Smith schreibt dazu: „Auch die Arbeit einiger angesehener Berufsstände ist, wie die der Dienstboten, unproduktiv. ... Der Herrscher mit all seinen Beamten für Rechtswesen und Krieg, das ganze Heer und die Flotte sind unproduktive Arbeiter. ...In die gleiche Gruppe muss man auch einige Berufe einreihen, die äußerst wichtig und würdevoll oder sehr leichtsinnig [frivolous] sind: zum einen Geistliche, Rechtsanwälte, Ärzte und Schriftsteller [men of letters] aller Art, zum anderen Schauspieler, Clowns, Musiker, Opernsänger und Operntänzer“
David RicardoDavid Ricardo: Principles of Political Economy and Taxation. vol. 1: The Works and Correspondence of David Ricardo. 10 Bände. Hrsg. Piero Sraffa. Cambridge University Press, Cambridge 1951–1955, S. 150. formulierte das Ziel der klassischen Ökonomie fast mit den gleichen Worten: „Wohlstand lässt sich auf zweierlei Weise vermehren, nämlich dadurch, dass ein größerer Anteil des Einkommens für den Unterhalt produktiver Arbeit verwendet wird – was nicht nur die Menge, sondern auch den Wert [gemessen in Arbeitseinheiten] der Gütermenge erhöht – oder ohne eine Zusatzmenge an Arbeit durch die produktivere Verwendung der bestehenden [produktiven] Arbeitsmenge – was die Fülle, aber nicht den [Arbeits-]Wert der Güter erhöht [da das Preisverhältnisse dem Verhältnis an Arbeitsinputs langfristig entspricht].“ „Im ersten Fall würde ein Land nicht nur reich werden [riches = physische Menge], auch der Wert seines Reichtums (, Menge an direkten und indirekten Arbeitseinheiten als Warenwert) würde sich vermehren. Es würde reich werden durch Sparsamkeit, durch Einschränkung seiner Ausgaben für Luxusgegenstände und Genüsse, und durch Verwendung dieser Ersparnisse zur Reproduktion.“ „Im zweiten Fall wird nicht notwendigerweise eine verringerte Ausgabe für Luxusgegenstände und Genüsse vorliegen oder eine vermehrte Menge produktiver Arbeit, sondern mit derselben [produktiven] Arbeit würde mehr produziert; der Wohlstand würde zunehmen, aber nicht sein [Arbeits-] Wert. Von diesen beiden Arten, den Wohlstand zu vermehren, muss letztere vorgezogen werden, da sie dieselbe Wirkung erzeugt ohne eine Verringerung der Genüsse …“