Hedwig von Rohden (geb. 10. Dezember 1890 in Helsinki, damals Großfürstentum Finnland, gest. 25. März 1987 in Loheland bei Fulda in Hessen)Bibliothèke national de France (BnF), „Hedwig von Rohden (1890-1987)“, https://data.bnf.fr/fr/16910149/hedwig_von_rohden/ ; https://data.bnf.fr/ark:/12148/cb16910149c war eine deutsche Turnlehrerin, Turntheoretikerin (Loheland-Gymnastik) und Mitbegründerin der anthroposophischen Siedlung Loheland bei Fulda in Hessen.

Kindheit und Jugend mini|Gustav und Agnes von Rohden mit acht Kindern, 1906. Hedwig von Rohden ist wahrscheinlich die dritte von links. Hedwig von Rohden war das vierte von acht KindernKulturimpuls, „von Rohden, Hedwig“, Biographische Archiv-Notiz, http://biographien.kulturimpuls.org/detail.php?&id=1005 : „Sie war das vierte Kind von acht Geschwistern“ des evangelischen Theologen, Gefängnisgeistlichen und Buchautors Gustav von Rohden (1855–1942) und seiner Frau Agnes, geb. Dörpfeld (geboren am 3. Mai 1858 in Barmen, gestorben am 29. April 1907 in Düsseldorf). Gustav von Rohden arbeitete bis zum Herbst 1894 als Pastor in Helsinki (Finnland). Dort wurden fünf seiner Kinder geboren: Agnes, Friedrich, Hedwig, Karl und Harald. Hedwigs Großvater mütterlicherseits war der Pädagoge Friedrich Wilhelm Dörpfeld (1824–1893; Autor von: „Die freie Schulgemeinde und ihre Anstalten auf dem Boden der Freien Kirche im freien Staate“), ein Onkel mütterlicherseits war der Archäologe Wilhelm Dörpfeld (1853–1940).

Im Alter von vier Jahren kam Hedwig von Rohden im Herbst 1894 nach Deutschland. Sie besuchte Schulen in Werden an der Ruhr, Düsseldorf und Berlin. In Düsseldorf, wo die Familie von Rohden neben der Haftanstalt wohnte, war Hedwigs Vater Gefängnisseelsorger.Kulturimpuls, „von Rohden, Hedwig“, Biographische Archiv-Notiz, http://biographien.kulturimpuls.org/detail.php?&id=1005 Als Hedwigs Mutter Agnes von Rohden im Jahr 1907 starb, übernahm die siebzehnjährige Hedwig die Haushaltsführung. Als Gustav von Rohden 1908 als Konsistorialrat nach Berlin berufen wurde, zog die Familie dorthin um.

Wandervogelbewegung, Körperkultur und Gymnastik Hedwig von Rohden wurde Mitglied des Steglitzer Wandervogels.Bernd Wedemeyer-Kolwe, „»Der neue Mensch« Körperkultur im Kaiserreich und in der Weimarer Republik“, S. 47, Fn. 61, https://nish.de/wp-content/uploads/2022/07/bwk-der_neue_mensch-ocr.pdf Sie besuchte die Soziale Frauenschule und 1909 für ein halbes Jahr das Seminar für Harmonische Gymnastik der Reformpädagogin Hedwig „Hede“ Kallmeyer (1884–1948) in Berlin-Zehlendorf.Kulturimpuls, „von Rohden, Hedwig“, Biographische Archiv-Notiz, http://biographien.kulturimpuls.org/detail.php?&id=1005

Im Jahr 1911, mit 21 Jahren, wurde von Rohden Assistentin an der Schule für harmonische Gymnastik von Hedwig Kallmeyer. Wahrscheinlich in Zehlendorf lernte sie den evangelischen Theologen Karl Friedrich Zimmer (1855–1919) kennen, den Gründer des Evangelischen Diakonievereins. Zimmer bat von Rohden, nach Kassel an sein Frauenbildungsseminar zu kommen. Hedwig von Rohden gründete in Kassel im Jahr 1911So: Forschungsstelle Kulturimpuls, Biographien Dokumentation, „Hedwig von Rohden“, http://biographien.kulturimpuls.org/detail.php?&id=1005 . Ebenso: Uta Jahns, Lohelandgymnastik, https://www.lohelandgymnastik.de/ oder 1912So: Eckhardt Köhn, „Das geheime Deutschland der Frauen. Amazonenstaat in der Rhön: Das Loheland war die Geburtsstätte einer neuen Weiblichkeit aus dem Geist des Tanzes und der Fotografie“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Oktober 2005. Ebenso: Bernd Wedemeyer-Kolwe, „»Der neue Mensch« Körperkultur im Kaiserreich und in der Weimarer Republik“, Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg 2004, S. 29, https://nish.de/wp-content/uploads/2022/07/bwk-der_neue_mensch-ocr.pdf das Seminar für klassische Gymnastik innerhalb der Mathilde-Zimmer-Stiftung. Ein halbes Jahr später wechselte auch die Malerin Louise Langgaard (1883–1974) an das Seminar in Kassel. Louise Langgaard war von der aus den Niederlanden stammenden amerikanischen Ärztin und Gymnastiklehrerin Bess Mensendieck (1864–1957) in Gymnastik ausgebildet worden.

Hedwig von Rohden und Louise Langgaard leiteten das Seminar mehrere Jahre lang nach ihren eigenen Vorstellungen. Der Schwerpunkt lag auf Gymnastik, Physiotherapie, Sport und Tanz. Sie hatten ausschließlich weibliche Studenten. Unter anderem bildeten sie Anna Müller-Herrmann (1888–1975) aus, die Begründerin der Pflegerischen Gymnastik. Die beiden junge Frauen – die 22-jährige Hedwig von Rohden und die knapp 30-jährige Louise Langgaard – begannen, ein eigenständiges Erwachsenenbildungskonzept für Frauen auf der Basis von Bewegungsstudien zu entwickeln.Elisabeth Mollenhauer-Klüber, „Drei Frauen – drei Geschichten. Eine Einführung.“, in: Loheland-Stiftung (Hrsg.), „Drei Frauen – drei Geschichten. Perspektiven auf die frühe Siedlungsgemeinschaft Loheland. Herta Dettmar-Kohl, Imme Heiner und Elisabeth Hertling erzählen“, Schriftenreihe der Loheland-Stiftung, Heft 4, März 2012, ISBN 978-3-943873-01-6

Das Seminar für klassische Gymnastik zog von Kassel zunächst (wahrscheinlich 1914) nach Potsdam und später (wahrscheinlich 1916) ins thüringische Tambach um.Bernd Wedemeyer-Kolwe, „»Der neue Mensch« Körperkultur im Kaiserreich und in der Weimarer Republik“, Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg 2004, S. 47, https://nish.de/wp-content/uploads/2022/07/bwk-der_neue_mensch-ocr.pdf Während des Ersten Weltkriegs, ab 1917, wurde das Schloss Bieberstein für die Aktivitäten des Seminars genutzt. Der deutsche Reformpädagoge und Gründer der Landerziehungsheime Hermann Lietz (1868–1919) hatte 1904 das Schloss Bieberstein gekauft und es zu einem Landerziehungsheim im Sinne seiner Reformpädagogik umgebaut.

Anthroposophie Hedwig von Rohden ließ sich 1918/19 in München durch den Arzt Felix Peipers in die Anthroposophie einführen. 1922 nahm sie Kontakt mit Rudolf Steiner auf, dem Begründer der Anthroposophie. Dessen zweite Ehefrau Marie Steiner, geb. von Sievers, (1867–1948), besuchte Loheland im Jahr 1926. Auf ihre Empfehlung hin entschloss sich Hedwig Rohden dazu, 1927/28 im schweizerischen Dornach Eurythmie zu studieren.Forschungsstelle Kulturimpuls, Biographien Dokumentation, „Hedwig von Rohden“; Original: http://biographien.kulturimpuls.org/detail.php?&id=1005 ; Archiviert bei archive.org/Wayback machine unter: https://web.archive.org/web/20210422234522/http://biographien.kulturimpuls.org/detail.php?&id=1005

Reformprojekt „Loheland“ Nach dem Ersten Weltkrieg, als Lietz 1919 starb, mussten Hedwig von Rohden und Louise Langgaard das Schloss Bieberstein verlassen. Sie begannen, nach etwas Eigenem zu suchen, und fanden im Mai 1919 eine mehr als 40 Hektar große Wald- und Landfläche in der Nähe von Fulda – das von ihnen so genannte Loheland. Anfangs bestand die Siedlung aus Zelten; zügig erfolgte jedoch der Aufbau der ersten Gebäude und Werkstätten sowie der benötigten Infrastruktur auf dem bis dahin unbebauten Heideland, mit Unterstützung durch Schülerinnen und Freunde. Der Unterricht konnte im Herbst 1919 wieder aufgenommen werden.Elisabeth Mollenhauer-Klüber, „Drei Frauen – drei Geschichten. Eine Einführung.“, in: Loheland-Stiftung (Hrsg.), „Drei Frauen – drei Geschichten. Perspektiven auf die frühe Siedlungsgemeinschaft Loheland. Herta Dettmar-Kohl, Imme Heiner und Elisabeth Hertling erzählen“, Schriftenreihe der Loheland-Stiftung, Heft 4, März 2012, S. 7, ISBN 978-3-943873-01-6 Die meisten Gebäude hat Louise Langgaard entworfen. Die Loheländerinnen der ersten Generation lebten noch bei den Bauern der Umgebung.Sandra Uredat, „Frauenbewegtes Lohland“, in: Deutschlandfunk Kultur, 23. September 2008, https://www.deutschlandfunkkultur.de/frauenbewegtes-lohland-100.html

Die Loheland-Schülerinnen arbeiteten auf dem eigenen Bauernhof und in den eigenen Werkstätten, aber auch als Lehrerinnen in den umliegenden Dorfschulen und als Landarbeiterinnen auf den umliegenden Bauernhöfen. Hedwig von Rohden gründete auf dem Gelände eine Weberei (1919), eine Korbflechterei, eine Schreinerei (1920), eine Drechslerei (1924), eine Lederwerkstatt, ein Fotolabor (1926 in der Waggonia), eine Schneiderei (1927), eine Zuchtstätte für Deutsche Doggen (1930) und eine Töpferei (1931).Jürgen Tietz, „100 Jahre Bauhaus: Die Frauensiedlung Loheland. Amazonen Avantgarde: Eine Ausstellung im Vonderau Museum Fulda gibt erstmals einen gezielten Einblick in die Geschichte und Kunstproduktion der Reformsiedlung“, in: Der Tagesspiegel, 20. Dezember 2019, https://www.tagesspiegel.de/kultur/die-frauensiedlung-loheland-4129225.html Die Handwerksbetriebe bildeten nicht nur das finanzielle Fundament des Lohelands; im Sinne einer ganzheitlichen Ausbildung konnten die Gymnastikschülerinnen dort auch eine Berufsausbildung absolvieren – für junge Frauen aus bürgerlichen Haushalten keine Selbstverständlichkeit.Sandra Uredat, „Frauenbewegtes Lohland“, in: Deutschlandfunk Kultur, 23. September 2008, https://www.deutschlandfunkkultur.de/frauenbewegtes-lohland-100.html

Loheland verstand sich nicht als gewöhnliches Siedlungsprojekt, sondern als ein körperliches und geistiges, auch emanzipatorisches Reformprojekt. Der Verleger Eugen Diederichs bezeichnete Loheland als „Amazonenstaat“.Jürgen Tietz, „Mit Dogge und Demeter. Mit ihrer Kunstgewerbeproduktion und ihren Bauten gehörte die Frauensiedlung Loheland in den 1920er Jahren zu den Zentren der Reformbewegung in Deutschland. Heute harrt sie der Wiederentdeckung“, in: Neue Zürcher Zeitung, 27. Februar 2016, https://www.nzz.ch/feuilleton/kunst_architektur/mit-dogge-und-demeter-ld.101367

Schon bald konnten in Loheland neben dem Diplom als staatlich geprüfte Gymnastiklehrerin noch weitere berufsqualifizierende Abschlüsse erworben werden.Elisabeth Mollenhauer-Klüber, „Drei Frauen – drei Geschichten. Eine Einführung.“, in: Loheland-Stiftung (Hrsg.), „Drei Frauen – drei Geschichten. Perspektiven auf die frühe Siedlungsgemeinschaft Loheland. Herta Dettmar-Kohl, Imme Heiner und Elisabeth Hertling erzählen“, Schriftenreihe der Loheland-Stiftung, Heft 4, März 2012, S. 7, ISBN 978-3-943873-01-6

Das Loheland erregte auch durch seine neue Tanzkultur Aufmerksamkeit. Der expressionistische, freie Tanz der Loheländerinnen entsprach einem Trend der Zeit. Im Jahr 1919 präsentierten Loheland-Mitglieder ihren Tanz deutschlandweit auf öffentlichen Theaterbühnen. Loheland-Tänzerinnen wie Eva Maria Deinhardt, Berta Müller, Bertha Günther und Edith Sutor trugen dabei futuristische Kostüme aus Papierschnüren und goldgleißendem Material. Ein Brand im Jahr 1923 zerstörte jedoch sämtliche Kostüme. Louise Langgaard und Hedwig von Rohden nahmen dies zum Anlass, die Tanzdarbietungen zu beenden.Sandra Uredat, „Frauenbewegtes Lohland“, in: Deutschlandfunk Kultur, 23. September 2008, https://www.deutschlandfunkkultur.de/frauenbewegtes-lohland-100.html

1926 wurde die „Lichtbildwerkstatt Loheland“ gegründet. Dort entstanden hochklassige Werbe-, Portrait- und Landschaftsaufnahmen. Die Loheländerinnen setzten die Fotografie gezielt zur Vermarktung ihrer Produkte ein. Eine Besonderheit sind jedoch die Fotogramme der Loheländerin Berta Günther. Sie experimentierte mit der direkten Belichtung des Fotopapiers, ohne Kamera. Ihre Fotogramme zeigten vor allem Blüten- und Blätterkompositionen.Sandra Uredat, „Frauenbewegtes Lohland“, in: Deutschlandfunk Kultur, 23. September 2008, https://www.deutschlandfunkkultur.de/frauenbewegtes-lohland-100.html

Anthroposophie und Eurythmie 1927 wurde in Loheland eine biodynamische Landwirtschaft nach den anthroposophischen Demeter-Richtlinien eingeführt.Beatrice Härig, „Die anthroposophische Siedlung Loheland: Werte, Waggons, vegane Doggen“, in: Monumente, Deutsche Stiftung Denkmalschutz, 2019, https://www.monumente-online.de/de/ausgaben/2018/6/JBH-Waggonsiedlung-Loheland.php

1928 erhielt von Rohden ihr Diplom für Eurythmie von der Eurythmieschule in Dornach.

„Loheland“ im Nationalsozialismus