Bin Tepe (deutsch: Tausend Hügel, auch Bintepeler genannt) ist ein langgestreckter neogener Kalkstein-Höhenrücken aus dem oberen Miozän bzw. Pliozän in der Westtürkei, 10 Kilometer westlich der Kreisstadt Salihli und 50 Kilometer östlich der Provinzhauptstadt Manisa. Er ragt aus der Grabenebene des Gediz Nehri (in der Antike Hermus) und trennt diese von der Senke des Marmara Gölü (in der Antike Gygaean-See bzw. See Koloë) im Norden. Erschlossen ist dieses Hügelland durch die staatliche Verbindungsstraße D555 zwischen Akhisar und Salihli (beide Provinz Manisa), die südlich der Kreisstadt Gölmarmara unmittelbar den Marmara Gölü tangiert und den Bin-Tepe-Höhenrücken in Längsrichtung über 15 Kilometer ostwärts durchschneidet. Benannt ist die Landschaft nach ihren monumentalen Tumuli (vorgeschichtliche Hügelgräber) lydischer Könige und Elitefamilien der Eisenzeit. Diese „Nekropole der tausend Hügel“ erstreckt sich als beeindruckendes kulturhistorisches Denkmal mit einer Breite von 10 Kilometern etwa 6 Kilometer nördlich der antiken lydischen Hauptstadt Sardes und bildete zusammen mit Sardes nebst Umland, dem Tmolos-Gebirge (türkisch Boz Dağlar) im Süden und dem Marmara Gölü im Norden, das historische Zentrum des antiken lydischen Kernlandes in Westanatolien. Seit 2025 gehören die Tumuli von Bin Tepe gemeinsam mit den Ruinen von Sardes zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Hintergründe mini|Blick vom Kırmutaf Tepe nach Osten über einen Teil der lydischen Königsgräber von Sardes im Bin Tepe mini|Blick nach Süden über die Ruinen des Artemis-Tempels von Sardes auf den Anstieg der Boz Dağlar (Tmolos-Gebirge) und die westlich des Paktolos (Sart Çayı) gelegenen Nekropolen-Hügel gegenüber dem Artemis-Tempel Die Hauptstadt des alten Königreichs der Mermnaden, Sardes, hatte zwei Nekropolen: Die erste, westlich des Paktolos (Sart Çayı), ein mit Gruben bedeckter Hügel gegenüber dem Artemis-Tempel, wurde von der Bronzezeit bis zur Römerzeit genutzt. Die zweite namens Bin Tepe liegt nördlich der antiken Stadt und besteht aus (heute) 116 Grabhügeln und diente vom 7. bis 4. Jahrhundert v. Chr. als Friedhof. Seit der Entdeckung eines Königreichs aus der Bronzezeit im Becken des Gygaean-Sees (Marmara Gölü) und der wissenschaftlichen Akzeptanz dieses Landstrichs als bedeutende „heilige Landschaft“ Zentral-Lydiens, die sich aus den periodischen Überflutungs-Zyklen seiner Gewässer ergab, geht die Forschung davon aus, dass lydische Könige den Bin-Tepe-Höhenzug für ihre Grabstätten auswählten, um sich selbst und ihre eigene Bedeutung mit Erinnerungen an lokale Helden, Heilige und besondere Werte zu verbinden und diese für sich selbst zu übernehmen. Aus einer Landschaft sanfter Hügel erheben sich dort drei große Hügelgräber, (von Ost nach West) Kocamutaf Tepe (auch: Koca Mutaf Tepe: großer Futtersackhügel), Karnıyarık Tepe (Flohwegerich-Hügel) und Kırmutaf Tepe (auch: Kır Mutaf Tepe: grauer Futtersackhügel), aus dem Kalksteinkamm des Bin Tepe - mit Blick auf den Gygaean-See und die Berge des Göl Dağı (1280 m) im Norden, auf die weiten Ebenen des Hermus (Gediz) im Osten, Westen und Süden, auf Sardes im Süden mit der im Hintergrund aufragenden Tmolos-Kette (Boz Dağlar, 2159 m) und den Kämmen von Çal Dağı (1034 m) und Gür Dağ (2,300 ft/701 m) im Westen. Man nimmt an, dass die Verwendung von Grabhügeln in Lydien für die Bestattung von Königen und Eliten von phrygischen Bestattungstraditionen inspiriert wurde, insbesondere von den Grabhügeln in der Nähe der phrygischen Hauptstadt Gordion. So wird der Kocamutaf Tepe, der größte und als frühester datierte Tumulus, mit dem lydischen König Alyattes in Verbindung gebracht, der um 560 v. Chr. starb. Dagegen wurden trotz diverser Versuche, den Karnıyarık Tepe mit Gyges, dem Gründer der Mermnad-Dynastie im frühen 7. Jahrhundert v. Chr. zu verknüpfen, dieser und der kaum untersuchte Kırmutaf Tepe nicht definitiv mit einer bestimmten Person in Verbindung gebracht.
Der Tumulus mit Kammergrabkomplex aus Felsen oder Stein war seit der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. wohl eine der begehrtesten Bestattungsformen unter wohlhabenden Landbesitzern der lydischen und achämenidischen Zeit und vermutlich unter solchen mit entsprechend engen sozialen und politischen Verbindungen zum Hof von Sardes, in ganz Lydien verbreitet. Wahrscheinlich identifizierten sich diese Gruppen bei der Wahl ihrer Grabmäler durch stilistische Merkmale, durch Kunstwerke, architektonische Formen, Malereien und dekorative Figuren, die dazu bestimmt waren, an die Abstammung, den elitären Alltag des Verstorbenen zu erinnern und Prestige sowie Luxus ihres Lebens auf ihr Dasein nach dem Tod zu übertragen. Wissenschaftler gehen allerdings darüber hinaus davon aus, dass die monumentalen Tumulus-Bauten von Bin Tepe nicht nur der Zurschaustellung eigener Bedeutung und persönlichen Reichtums dienten, sondern auch betonen sollten, dass das „heilige“ Gebiet wahrscheinlich von lydischen Königen explizit zur Nutzung als besondere sakrale Ruhestätte ausgewählt worden war und als Herzstücke für die Feier von Göttlichkeit und Königtum in der Eisenzeit diente.
Forschungsgeschichte Neben der antiken lydischen Ruinenstadt Sardes waren Bin Tepe und der nördlich vorgelagerte Gygaean-See in den letzten Jahrhunderten Gegenstand zwar zahlreicher, aber im Allgemeinen eher oberflächlicher Erkundungen und keiner gezielten Forschung. Dabei inspirierten Erwähnungen des Gygaean-Sees und der Tumuli am Bin Tepe durch antike Autoren zumeist nur „Kavalierstouristen“ oder Bildungsreisende im weiteren Sinne zu Besuchen. Herodot z. B. berichtete, dass es in Sardes ein Bauwerk gab, das außer den Wundern Ägyptens und Babylons alle anderen an Größe übertraf: Es war das Tumulus-Grabmal für Alyattes, Vater des sagenhaft reichen Königs Krösus. mini|Blick von Südosten auf die restaurierte Front des Gymnasions (mit Bad und Synagoge) von Sardes im Mai 1989 Die wissenschaftliche Forschung in und um Sardes begann 1444 mit dem Besuch von Cyriacus von Ancona, der die Topographie und Denkmäler dort kommentierte und Texte von Inschriften aufzeichnete. Erste Grabungen erfolgten mit dem Besuch von Robert Wood und seinem Team 1750 mit der Freilegung einer Säule im Tempel der Artemis in Sardes. Er machte Notizen über und Skizzen von seinen Funden.; S. dazu Unter den wissenschaftlichen Besuchern des späten 17. und 18. Jahrhunderts waren auch Reisende, wie Edmund Chishull und Richard Chandler. Zu den zunehmend wissenschaftlicheren Aufenthalten und Berichten des 19. Jahrhunderts gehörten die von Anton von Prokesch (1825), William J. Hamilton (1836) sowie die von Charles Fellows und John Robert Steuart (um 1840) oder die Chronik der Abfolge der Ereignisse aus der Zeit, als Charles Fellows die antike Stadt Xanthos entdeckte, von Enid Slatter. Über die Anzahl der Tumuli im Gebiet von Bin Tepe bemerkte Hamilton 1836: „über sechzig“; Ludwig Spiegelthal verzeichnete laut Ernst Curtius mehr als 100 und nach der von Ignaz von Olfers (1858) veröffentlichten Karte vielleicht sogar 127; George Dennis, englischer Konsul in Smyrna, bezifferte sie laut einem Brief von Francis BaconSiehe , der damals bei Assos arbeitete, auf etwa 130, und Howard Crosby Butler zählte von der Spitze der Akropolis in Sardes aus 72 Tumuli, nahm aber an, dass es mehr als 100 waren. William Simpson, schottischer Kriegskorrespondent und Künstler, hat die Landschaft des Bin Tepe in einem Aquarell festgehalten, das derzeit Teil der Art Gallery of New South Wales in Australien ist. Die ersten dokumentierten Ausgrabungen in Bin Tepe, durchgeführt von Ludwig Spiegelthal, dem preußischen Generalkonsul in Smyrna (İzmir), konzentrierten sich auf mehrere Grabhügel, darunter Kocamutaf Tepe, den sogenannten königlichen Grabhügel des Alyattes, den größten dortigen Grabhügel und vielleicht in ganz Anatolien. Spiegelthals Arbeit führte auch zur ersten veröffentlichten Karte der vielfältigen Landschaft von Bin Tepe bei von Olfers (1858). George Dennis und Auguste Choisy gruben in den 1870er und 1880er Jahren mehrere weitere Tumuli aus. Zumindest ein Teil des von George Dennis geborgenen Materials befindet sich heute im British Museum in London.
Die kulturhistorischen Hintergründe der Hügelgräber in Lydien näher beleuchtet haben aber erst Ausgrabungen und archäologische Reinigungsarbeiten im 20. Jahrhundert. Am Bin Tepe erfolgten die frühesten entsprechenden Arbeiten damals durch die erste Sardes-Expedition mit Ausgrabungen von vier Tumuli 1910–1914 unter der Leitung von Howard Crosby Butler. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben dann Wissenschaftler der zweiten Sardes-Expedition unter der Leitung von George M. A. Hanfmann der Universitäten Harvard und Cornell, später dann Crawford H. Greenewalt jr., vom Regionalmuseum in Manisa und von lokalen türkischen und ausländischen Universitäten, damit begonnen, auch andere Schwerpunkte am Bin Tepe einzubeziehen, und zwar unter Verwendung moderner archäologischer Techniken, u. a.
an Plätzen von der frühen Bronzezeit bis zur späten Römerzeit; bei Ausgrabung und Säuberung von etwa zwanzig Tumuli durch die Sardis-Expedition (1962–1966) und durch das Manisa-Museum (1980er Jahre –1998) sowie gleichzeitig epigraphische und historische sowie sonstige Untersuchungen (1980er bis rezent).
2001 zielte eine Studie von Christopher H. Roosevelt an Grabhügeln im gesamten Großraum Lydiens darauf ab, mögliche geografische Bezüge zwischen Häufung von Hügelgräbern und Siedlungen zu klären. Allerdings fand der Bin Tepe dabei keine Berücksichtigung, da der Platz inzwischen traditionell als königlicher Friedhof von Sardes angesehen wurde und seine Beziehung zu Sardes als etabliert galt, so dass sich das Interesse eher auf Hügelgräber im unmittelbaren Umfeld von Sardes und auf solche im gesamten Groß-Lydien konzentrierte, von denen viele an Größe mit denen von Bin Tepe konkurrierten. Dabei wurden mehr als 500 Hügelgräber im Großraum Lydien außerhalb von Bin Tepe dokumentiert und ihre Häufung als Markierungen von Familiengütern aus der Lyder- und Achämenidenzeit interpretiert. Da sich etwa 80 % der lydischen Tumuli außerhalb von Bin Tepe befanden, muss diese Grabhügelform offenbar auch über das unmittelbare Umfeld der Hauptstadt Sardes hinaus Prestige mit sich gebracht haben.
Bin Tepe und das Gygaean-Seebecken mini|Blick vom Tumulus Kırmutaf Tepe im Bin Tepe-Hügelland nordwärts auf die Westseite des Marmara Gölü Im Jahr 2005 begann der Central Lydia Archaeological Survey mit der Arbeit im Gygaean-Seebecken, u. a. um mögliche Beziehungen zwischen Bin Tepe und Sardes sowie zwischen den Tumuli von Bin Tepe und denen im gesamten Großraum Lydien zu klären und zu erkunden, wie alte Völker z. B. der Eisenzeit in der damaligen Landschaftswelt lebten und diese verstanden. Dabei konzentrierten sich die entsprechenden Studien speziell auf die Hügelgräber von Bin Tepe und Zentral-Lydien, wo etwa 20 % der Hügelgräber von Lydien auf dem dichtesten Grabhügelfriedhof der Region, wenn nicht sogar in ganz Anatolien, gehäuft vorkommen. Ein Bohrkern-Programm betraf zudem den Gygaean-See und die umliegenden Überschwemmungsgebiete, um die Bedingungen der dortigen Paläoumwelt zu bewerten: