Sergio Sartorelli (* 27. Mai 1928 in Alessandria; † 28. November 2009 in Turin) war ein italienischer Automobildesigner, der für Ghia, OSI und Fiat arbeitete. Sartorelli entwarf neben Einzelstücken auch Aufbauten für Klein- und Großserienfahrzeuge. Zu seinen allgemein bekannten Kreationen gehören unter anderem Volkswagens „Großer Karmann-Ghia“ und der fast 30 Jahre lang gebaute Fiat 126 „Bambino“. mini|hochkant=1.3|Karosserie von Sergio Sartorelli: VW Karmann-Ghia Typ 34

Werdegang Sartorelli wuchs in der norditalienischen Stadt Alessandria auf. Bereits als Teenager zeichnete er Autos und Lastkraftwagen. Einer Quelle zufolge war das Zeichnen für Sartorelli eine Möglichkeit, die Bedrohungen des Zweiten Weltkriegs gedanklich auszublenden. Nach dem Ende des Krieges absolvierte er am Polytechnikum Turin eine Ausbildung zum Maschinenbauingenieur. Während seines Militärdienstes arbeitete er freiberuflich als Zeichner für die Carrozzeria Boano.

Versuche, nach der Wehrzeit eine Anstellung bei Boano oder bei Pininfarina zu erhalten, blieben erfolglos. 1956 wurde Sartorelli von der Carrozzeria Ghia eingestellt. Nachdem deren bisheriger Designchef Giovanni Savonuzzi 1957 zu Chrysler gewechselt war, wurde Sartorelli Ghias Chefdesigner für Prototypen. Bis 1965 gestaltete Sartorelli neben Studien eine Reihe von Einzelstücken und Kleinserienfahrzeugen für Ghia. Ende 1965 wechselte er zur Officine Stampaggi Industriali (OSI) in Turin, die zeitweise eng mit Ghia verbunden war. Ghias Inhaber Luigi Segre hatte OSI 1960 zusammen mit dem Rechtsanwalt Arrigo Olivetti mit dem Ziel gegründet, Ghia zu entlasten: Ghia sollte sich künftig allein auf Designarbeiten konzentrieren, während die Serienfertigung von Karosserien ausschließlich bei OSI stattfinden sollte. Entsprechend dieser Aufgabenverteilung hatte OSI anfangs kein eigenes Designstudio, sondern übernahm von Ghia Sartorellis Entwürfe. Als Segre 1963 starb, zerbrach OSIs Verbindung zu Ghia. In den folgenden zwei Jahren arbeitete OSI als Dienstleister mit Entwürfen unabhängiger Designer wie Giovanni Michelotti, bevor Sartorelli den Auftrag erhielt, für OSI ein eigenes Designstudio aufzubauen. Das Centro Stile e Esperienze OSI nahm 1966 den Betrieb auf; Sartorelli wurde Chefdesigner. Seine Stelle bei Ghia übernahm Giorgio Giugiaro. Zu dieser Zeit geriet OSI in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Mehrere Verträge liefen aus, und Giacomo Biancho, der nach Segres Tod die Leitung des Unternehmens übernahm, schaffte es nicht, Anschlussaufträge zu akquirieren, die den Kapazitäten des Werks entsprachen. Ende 1967 stellte OSI den Betrieb ein. Sartorelli wurde mit der Abwicklung des Unternehmens beauftragt. OSIs Designabteilung ging 1968 in Fiats Centro Stile auf.Richard Heseltine: British Beef, Italian Sauce. Thoroughbred & Classic Cars, Heft August 2009, S. 101. Sartorelli selbst ging ebenfalls zu Fiat, wo er bis 1984 – zuletzt als Head of Future Studies – arbeitete.

Nach seinem Ausscheiden bei Fiat gründete Sartorelli in Turin das Studio Esse Design, mit dem er als selbständiger Berater und Dienstleister im Industriedesign tätig war. Esse Design wurde unter anderem von Audi und Saab konsultiert. 1988 löste Sartorelli Esse Design auf, um sich fortan seiner Familie zu widmen.Biografie Sartorellis auf leroux.andre.free.fr. (abgerufen am 1. September 2023).

Von Sergio Sartorelli gestaltete Autos

Ghia In seiner Zeit bei Ghia (1956 bis 1965) entwarf Sartorelli eine Reihe von Serienkarosserien; außerdem war er an der Gestaltung zahlreicher Prototypen und Designstudien beteiligt.

Fiat 500 und 600 Jolly

Eine von Sartorellis ersten Arbeiten für Ghia war der Entwurf eines Strandwagens auf der Basis der Kleinwagen Fiat 500 und 600. Angeblich auf eine Idee Gianni Agnellis zurückgehend,Der Fiat 600 Jolly auf www.carrozzieri-italiani.com (abgerufen am 31.08.2023). hatten seit 1954 verschiedene italienische Karosseriebaubetriebe offene, meist türlose Fahrzeuge auf Fiat-Basis entworfen, die fast alle Einzelstücke blieben.Pininfarina hatte für Gianni Agnelli und Henry Ford II bereits 1955 einige als Eden Roc bezeichnete Strandwagen auf der Basis des Fiat 600 Multipla gebaut; weitere Unikate kamen von Fissore (Marinella), Savio und Vignale. Ghias Inhaber Luigi Segre erkannte das Marktpotential eines solchen Autos und ließ Sartorelli einen leicht in Serie zu produzierenden Strandaufbau entwickeln. Sartorellis Entwurf ließ sich gleichermaßen auf der Basis des Fiat 500 wie auch des Fiat 600 verwirklichen. Sartorelli behielt die Front- und die Heckpartie der Serien-Fiats bei. Alles oberhalb der Gürtellinie bis auf einen Teil des Windschutzscheibenrahmens wurde ebenso wie die Türen und ein Stück der Seitenbleche zwischen den Achsen entfernt und stattdessen Versteifungen eingeschweißt, die von der A-Säule bis zum Ende der vergrößerten Türausschnitte reichten und um einiges höher waren als die ursprünglichen Schweller. Darüber gab es ein einfaches Stoffdach auf einem Stahlrohrgestell. Die serienmäßigen Sitze wurden durch geflochtene Korbsessel ersetzt. Die Antriebstechnik des Fiat mit Zwei- (500) oder Vierzylindermotor (600) blieb unverändert. Das Fiat 500 bzw. 600 Jolly (deutsch: Joker) genannte Auto wurde einige Jahre lang produziert. Insgesamt entstanden etwa 440 Fahrzeuge. Zu den Kunden gehörten Aristoteles Onassis, Lyndon B. Johnson, Grace Kelly, Yul Brynner und John Wayne.

Sartorellis Designkonzept wurde in den folgenden Jahren mehrfach kopiert. Giovanni Michelotti etwa entwarf auf der Basis des Fiat 850 den Michelotti Shellette, der ebenfalls offene Seitenteile und ein Dach aus Stoff hat.

Crown Imperial Limousine

mini|Imperial Crown Limousine (1960) Die Crown Imperial Limousine (auch: Imperial Ghia) ist ein Repräsentationsfahrzeug (im anglo-amerikanischen Sprachgebrauch: Limousine) der zum US-amerikanischen Chrysler-Konzern gehörenden Luxusmarke Imperial, das von 1957 bis 1964 bei Ghia entstand. Imperial hatte verschiedene zwei- und viertürige Standardmodelle im Programm, die mit den Produkten von Cadillac und Lincoln konkurrierten und regelmäßig in Chryslers nordamerikanischen Werken gebaut wurden. Außerdem gab es in jedem Modelljahr eine verlängerte Repräsentationslimousine, deren Fertigung aus Kapazitäts-, vor allem aber aus KostengründenRichard M. Langworth: Encyclopedia of American Cars 1930–1980. New York (Beekman House) 1984, ISBN 0-517-42462-2, S. 387.Monte McElroy: The 1961–1963 Imperial Models. Teil 1: WPC News, Mai 1982, S. 12. zu Ghia nach Italien ausgelagert war. Das Design der Chauffeur-Limousinen entwickelte Sartorelli für Ghia. Bei dem Entwurf ging er von den Serien-Coupés aus und gestaltete den Mittelteil unter Einbau zweier Türen für den verlängerten Passagierraum neu. Ghia übernahm auch die Herstellung der Limousinen, wobei die Standardteile (Hauben, Türen, Verglasung) als Bausätze aus den USA kamen. Die Kooperation von Chrysler und Ghia dauerte bis 1964, danach kooperierte Chrysler in diesem Segment vorübergehend mit dem spanischen Betrieb Barreiros.

Fiat 2300 Coupé

mini|Fiat 2300 Coupé Im Herbst 1961 führte Fiat in der oberen Mittelklasse die Baureihe 2300 ein. Neben der viertürigen Limousine und dem fünftürigen Kombi, die jeweils in Fiats Centro Stile gestaltet worden waren, gab es auch ein zweitüriges Coupé mit eigenständiger Karosserie, die ein Entwurf der Carrozzeria Ghia war. Verantwortliche Designer des Coupés waren Sergio Sartorelli und Tom Tjaarda.Heinrich Lingner: Express-Zuschlag. Fahrbericht Fiat 2300 S Coupé in: Motor Klassik Heft 1/2003, S. 44. Ein markantes Stilmerkmal ist der filigran gestaltete Dachaufbau. Die gebogene C-Säule verläuft annähernd im gleichen Winkel wie die A-Säule. Die Heckscheibe ist dreiteilig und erweckt den Eindruck einer großen Panoramascheibe. Das Coupé wurde inoffiziell als „Ferrari des kleinen Mannes“ bezeichnet.Zitiert nach Frank Oleski, Hartmut Lehbrink: Seriensportwagen. Könemann, Köln 1993, ISBN 3-89508-000-4, S. 198. Die Karosserie wurde anfänglich bei Ghia hergestellt; später übernahm OSI die Fertigung des Aufbaus und die Montage des Fahrzeugs. Außerdem entstanden auf Kundenwunsch einige Cabriolet-Ausführungen des 2300.Abbildung auf der Internet-Seite www.Zuckerfabrik24.de (abgerufen am 10. März 2023) Ihr Produktionsumfang war gering. Die Angaben in der Literatur schwanken zwischen drei und fünf Exemplaren.Heinrich Lingner: Express-Zuschlag. Fahrbericht Fiat 2300 S Coupé in: Motor Klassik Heft 1/2003, S. 46. Schließlich gab es in Einzelstücken das Kombicoupé Fiat 2300 Club mit großer, oben angeschlagener Heckklappe, das ebenfalls von Sartorelli entworfen worden war.

Maserati 5000 GT

1961 baute Ghia für den Industriellen Fernandino Innocenti (Società Anonima Fratelli Innocenti) ein individuell gestaltetes Coupé auf dem Fahrgestell des Maserati 5000 GT (Nummer Nr. AM 103.018). Der Entwurf wird üblicherweise Sartorelli zugeschrieben. Seine Urheberschaft ist allerdings nicht völlig unbestritten; einzelne Quellen weisen stattdessen Giovanni Michelotti als Designer aus. Das Einzelstück existiert noch. In den 1970er-Jahren verkaufte Innocenti das Auto an einen Sammler in Saudi-Arabien, der es unsachgemäß lagerte, sodass der Maserati verfiel. Jahrzehnte später wurde er wiederentdeckt und 2019 bei einer Auktion im kalifornischen Monterey in unrestauriertem, stark verfallenem Zustand für 533.000 $ (seinerzeit etwa 480.000 €) verkauft.

VW Karmann-Ghia Typ 34

mini|VW Typ 34 Karmann-Ghia Seit 1955 hatte Volkswagen mit dem Karmann-Ghia Typ 14 ein zweisitziges Sportmodell im Programm, das auf Käfer-Technik aufbaute und eine bei Ghia entworfene Karosserie hatte. Verantwortliche Designer dieses ersten Karmann-Ghia waren Luigi Segre, Felice Mario Boano, Sergio Coggiola und Giovanni Savonuzzi. Als VW dem Käfer 1961 den größeren Typ 3 zur Seite stellte, ließ das Unternehmen auch auf dieser Plattform eine Coupé-Version entwickeln. Daraus wurde der 1961 vorgestellte Karmann-Ghia Typ 34, der den kleinen Typ 14 nicht ersetzte, sondern ergänzte. Er wurde im Volksmund oft der „große Karmann-Ghia“ genannt. Sein Karosseriekörper wurde von Sartorelli gestaltet, der sich an den Linien des zeitgenössischen US-amerikanischen Chevrolet Corvair orientierte. Die Heckpartie hingegen war eine Arbeit von Tom Tjaarda.Werkschau auf tom-tjaarda.net (abgerufen am 30. August 2023). Sartorellis Design wurde rückblickend als „eine elegante Mischung aus Ami-Style, Italo-Schick und Wolfsburger Gemütlichkeit“ beschrieben. Der Typ 34 war das bis dahin schnellste und zugleich teuerste Serienmodell Volkswagens. Wie schon beim kleineren Typ 14 wurden auch die Serienmodelle des Typs 34 nicht bei Ghia bzw. OSI in Italien, sondern bei Karmann in Osnabrück gebaut. Bis zur Produktionseinstellung 1969 entstanden 45.500 Autos.

Fiat 1500 GT Ghia mini|Fiat 1500 GT Ghia Ab 1963 baute Ghia in Kleinserie den Fiat 1500 GT Ghia, einen zweisitzigen Sportwagen auf der verkürzten Plattform des Fiat 1500. Die Fließheckkarosserie war ein Entwurf Sartorellis. Viele Designdetails erinnern an zeitgenössische Ferrari-Sportwagen. Zu den stilistischen Besonderheiten des Fiat 1500 GT Ghia gehören die lange Motorhaube, die weit nach hinten versetzte Fahrgastzelle und die versteckten Türgriffe. Der 1500 GT Ghia wird als Antwort Ghias auf den von Giorgio Giugiaro für Bertone gestalteten, ähnlich dimensionierten ASA 1000 GT gesehen, einen inoffiziell als kleiner Ferrari („Ferrarina“) bezeichneten Sportwagen, dessen Entwicklung seit 1959 in der italienischen Öffentlichkeit breit diskutiert wurde. Er war ein Nischenmodell im Fiat-Programm und wurde zu einem Preis verkauft, der auf dem Niveau des Porsche 356 lag. Bis 1967 entstanden insgesamt 846 Autos.

Ghia 230 S

mini|Ghia 230 S