Orthodoxie, Autokratie und Nationalität () war die herrschende ideologische Doktrin in der Regierungszeit des russischen Kaisers Nikolaus I. Diese auch Offizielle Nationalität genannte Ideologie wurde 1833 von Sergei Semjonowitsch Uwarow entworfen, um den subversiven Einfluss liberaler und demokratischer Ideen aus dem westlichen Europa abzuwehren. Sie stützte sich auf den alten Mythos, dass sich Russen von den Europäern durch ihre intensive Hingabe an die orthodoxe Kirche und den Zaren unterschieden, und folgte der nationalromantischen Idee, dass der Charakter einer Nation im einfachen Volk zu finden ist, wo er geschützt vor fremden Einflüssen über Jahrhunderte bewahrt worden sei. Die Doktrin ordnet sich in den reaktionären Trend nach dem Wiener Kongress ein, als in ganz Europa die von Napoleon gestürzte politische Ordnung des Ancien Régime wiederhergestellt und verteidigt wurde (Metternichsches System).

Die Doktrin der offiziellen Nationalität wurde vom Kaiser und seinem Establishment schnell angenommen, von Historikern und Schriftstellern lautstark unterstützt erlangte sie breite öffentliche Anerkennung. Als Russlands erste landesweite politische Ideologie seit dem 16. Jahrhundert markiert die offizielle Nationalität eine grundlegende Wende im Verhältnis Russlands zu Europa, mit ihr setzt eine Russifizierung und die Entwicklung eines zunächst kulturell geprägten russischen Nationalismus ein.

Inhalt und Bedeutung mini|Porträt des Grafen Sergei Uwarow (1833) von Wilhelm August Golicke Die Doktrin geht auf Sergei Semjonowitsch Uwarow zurück und wird daher auch als Uwarowsche Triade bezeichnet. Sergei Uwarow, seit 1810 Kurator des St. Petersburger Bildungsbezirks, ab 1818 Präsident der Russischen Akademie der Wissenschaften und seit 1833 Bildungsminister, war ein hoch gebildeter Literaturwissenschaftler und Schriftsteller. Am Beginn seiner politischen Laufbahn nahm er an, Russland werde sich nach dem Vorbild der westeuropäischen Nationen entwickeln – allerdings auf einem eigenen Weg ohne Revolutionen – und das Bildungssystem werde dafür die Voraussetzungen schaffen. Unter Nikolaus I. passte er sich jedoch an das repressive Regime an und glaubte, dass das Reich eine eigene, autochthone Ideologie brauchte, um dem gefährlichen Einfluss westlicher Ideen entgegenzuwirken. Uwarows Bildungsprogramm war eine Art umgekehrte Aufklärung: Die Erziehung sollte keine selbständig urteilsfähigen Individuen schaffen, sondern ein kollektives Verständnis dafür, dass die Beherrschten vom Herrscher zu beurteilen sind.

In einem Bericht, den Uwarow 1832 noch als Stellvertreter des Bildungsministers verfasste, nennt er diese Triade zum ersten Mal:

Dies ist das früheste offizielle Dokument, in dem der Begriff „narodnost“ verwendet wird. Als Uwarow 1833 dem Kaiser das Programm für sein Ministerium vorlegte, schrieb er:

Uwarow hat seine dreigliedrige Formel bewusst der Losung des revolutionären Frankreich – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – entgegengesetzt.

Die Bezeichnung „offizielle Nationalität“ oder „offizieller Patriotismus“ geht auf den Historiker Alexander Nikolajewitsch Pypin zurück, der diese Lehre 1873 als offiziell proklamiertes Volkstum () bezeichnete, das den Boden bildete, auf dem sich das geistige Leben bewegen durfte, den Ideenkreis, der für Literatur und Wissenschaft verbindlich gemacht wurde.

Orthodoxie Im zweiten Drittel des 16. Jahrhunderts, als das Moskauer Großfürstentum zum einzigen orthodoxen Reich geworden war, bildete sich im kollektiven Bewusstsein die Überzeugung heraus, dass die russisch-orthodoxe Kirche zur einzigen Bewahrerin des unverfälschten christlichen Glaubens berufen sei. Innerhalb der Kirche fand dieser Glaube seit dem 16. Jahrhundert seinen Ausdruck in der messianisch-nationalreligiösen Formel von Moskau als drittem und letztem Rom. Peter der Große hatte die Kirche entmachtet, indem er 1721 an die Stelle des Patriarchen den Allerheiligsten Dirigierenden Synod als oberstes Kirchenorgan einsetzte und ihn weltlicher Kontrolle unterstellte. Seine Nachfolger behielten diese Regelung bei.

Indem Uwarow die Orthodoxie an erster Stelle nennt, möchte er die ethische, kulturelle und spirituelle Bedeutung der russisch-orthodoxen Kirche wieder stärken, ihre Rolle als einigendes Band des Landes, als Bewahrerin der Tradition, die das Volk zur treuen Unterordnung unter die autokratische Herrschaft anhält. Widerstand gegen Veränderungen gehörte seit jeher zu ihrer Tradition, sei es gegen die Nikonsche Reform der liturgischen Bücher oder gegen alle Formen von Verwestlichung. Wiederholt wurde im 16. bis 18. Jahrhundert die Befürchtung geäußert, das russische Volk könnte von den Nichtorthodoxen, seien es Katholiken, Lutheraner oder Muslime, angesteckt und verdorben werden. In der Uwarowschen Triade nimmt die Orthodoxie die Position ein, die in der revolutionären Losung Frankreichs die Freiheit innehat.

Der russische Historiker Andrei Borissowitsch Subow meint, dass Uwarow die Orthodoxie als Universalerben aller bisherigen Kultur betrachtete: Er sah in der Orthodoxie jenes kulturelle Fundament, jenes Erbe der griechischen Antike, das dem lateinischen Westen vorenthalten blieb. […] die Verarbeitung der indischen Tradition durch die heidnische griechische Antike und schließlich die Blüte aller bisherigen Kultur und ihre moralische und religiöse Vollendung in der griechischen Version des Christentums – in der Orthodoxie.

Autokratie Die Autokratie ist das Herrschaftssystem Russlands seit dem 16. Jahrhundert. Das Konzept der zarischen Autokratie, die Auffassung vom gottgekrönten unbeschränkten Herrscher und seiner Dynastie, wird [im 16. Jahrhundert] zum Eckpfeiler der Moskauer politischen Ideologie. Im politisch orientierten Nationalbewusstsein […] wird das Konzept der Autokratie verknüpft mit den schon seit der Kiewer Zeit bekannten Komponenten der Orthodoxie und des russischen Landes, wobei dieses Leitbild nun zu einem neuen Reichsgedanken erweitert wird.

In Frage gestellt wurde die Autokratie erst durch politische Ideen wie Liberalismus und Demokratie, Volkssouveränität, Parlamentarismus und Konstitutionelle Monarchie, die seit der Französischen Revolution in Europa Verbreitung fanden und auch in Russland im Adel und in der Intelligenzija diskutiert wurden. Seit die Dekabristen am 26. Dezember 1825 dem Kaiser den Eid verweigert und die Errichtung einer konstitutionellen Monarchie gefordert hatten, war die Regierung Nikolaus’ I. von ständiger Angst vor einer Revolution geprägt.

Für Uwarow bedeutete Autokratie bedingungslose Loyalität gegenüber dem Haus Romanow und Ablehnung aller politischen Ideen, die eine Beschränkung oder Gefährdung der absoluten Herrschaft darstellen könnten. Damit knüpfte er nahtlos an den Begründer des russischen Konservatismus, Nikolai Michailowitsch Karamsin, an, der 1811 Kaiser Alexander I. mit der Denkschrift Aufzeichnung über das Alte und Neue Russland erinnerte: „Autokratie ist das Palladium Russlands; seine Unversehrtheit ist für sein Glück unerlässlich“ (). Russland dürfe nicht fremdem Modellen und Vorbildern folgen, sondern allein seinen eigenen Regeln und Traditionen. Die Behörden müssten „mehr schützende Weisheit als schöpferische Weisheit“ haben.

Dass Uwarow die Autokratie als Gegenposition zur französischen Égalité wählte, sei Ausdruck seiner Überzeugung, dass eine Republik extreme Ungleichheit und Revolutionen hervorbringe und dass nur die monarchische Autokratie die Gleichheit aller Untertanen gewährleisten könne.

Narodnost: Nationalität oder Volkstum Die dritte Komponente stellt eine originelle, aber mysteriöse Erfindung Uwarows dar, es gab keine klare Definition für dieses Konzept, das bei den Gebildeten damals in Mode war. Narodnost geht auf , das Volk, zurück, und wird als Volkstum, Volkstümlichkeit, Volksbezogenheit oder Nationalität übersetzt. Narodnost wurde erstmals 1819 von Pjotr Andrejewitsch Wjasemski als russisches Äquivalent zum französischen Wort „nationalité“ verwendet. Aber während der französische Begriff „Nationalität“ potenziell alle Bürger Frankreichs umfasste, setzte das russische Wort „Narodnost“ bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts den Akzent auf „einfaches Volk“, ähnlich wie das deutsche „Volkstum“. Die slawophile Interpretation schloss aus Narodnost nicht nur die adelige Elite aus, sondern auch die durch den westlichen Einfluss „verdorbenen“ städtischen Schichten. In den Arbeiten russischer ethnographischer Sammler wurde Narodnost im Sinne von „Volkscharakter“ verwendet.

Bevor Narodnost Bestandteil der Staatsdoktrin von Nikolaus I. wurde, war sie ein zentraler Grundsatz russischer Schriftsteller des romantischen Nationalismus. Sie priesen die Einzigartigkeit des russischen autokratischen Systems, die friedlichen Tugenden seiner Einwohner und glaubten, dass Russland dem „verfallenden“ Westen überlegen und auserwählt sei für eine glorreiche Mission zur Rettung der Menschheit. Eine andere Auffassung von Narodnost vertraten die sog. dynastischen Nationalisten, welche die Nation mit dem autokratisch beherrschten Staat gleichsetzten. Uwarow selbst glaubte, dass der Staat die „wahren“ nationalen Werte definieren, leiten und einer passiven Bevölkerung aufzwingen sollte. Sein Konzept der Narodnost schloss die schöpferische Tätigkeit des Volkes aus und machte es zum Synonym für die Loyalität gegenüber Thron und Altar.

Öffentliche Rezeption mini|hochkant=1.5|Michail Nesterow: Seele des Volkes. Tretjakow-Galerie, Moskau Während des gesamten 19. Jahrhunderts hatte das Konzept der offiziellen Nationalität einen starken Einfluss auf die konservativen Kreise der russischen Intelligenz. Die staatlich zensierte Presse nahm die neue Doktrin eifrig auf und wurde bis zum Ende der Regierungszeit von Nikolaus I. von ihr beherrscht. Faddei Wenediktowitsch Bulgarin und Nikolai Iwanowitsch Gretsch, beide bezahlte Agenten der russischen Geheimpolizei, gaben gemeinsam eine Reihe reaktionärer Periodika heraus, darunter die Zeitung „Nördliche Biene“ () und die Literaturzeitschrift Syn otetschestwa, die das exklusive Recht zur Veröffentlichung politischer Nachrichten hatte. Ihr Auftrag war, Regierungspropaganda zu verbreiten loyale Gefühle zu wecken und dem wahren Ziel zu folgen, d. h. der Hingabe an den Thron und die Reinheit der Moral, wie es Alexander von Benckendorff ausdrückte, der Leiter der Geheimpolizei. Ihr Verständnis von narodnost war eine defensive Doktrin zur Verteidigung des status quo und der Rolle Russlands als Großmacht. Nach ihrem Verständnis hieß Russentum – selbst für Baltendeutsche und Polen – Loyalität gegenüber dem autokratischen Herrscher; die Nation setzten sie dem von der Dynastie beherrschten Staat gleich und sahen in ihm Quelle und Wahrzeichen der nationalen Kultur.

Stepan Schewyrjow (), Mitherausgeber der Zeitschrift Moskwitjanin, schrieb: „selbst wenn wir gewisse unvermeidliche Makel des Westens aufgenommen haben, so haben wir doch in uns selbst drei Grundgefühle in ihrer Reinheit bewahrt, die Keim und Garant unserer zukünftigen Entwicklung sind.“Nicholas Valentine Riasanovsky: Russian Identities: A Historical Survey. Oxford University Press 2005, ISBN 978-0-19-515650-8.

Michail Pogodin beschwor die paternalistische, friedliche Natur der Autokratie, wie sie von Slawophilen gesehen wurde: „Das Geheimnis der russischen Geschichte, das Geheimnis, das kein westlicher Weiser zu begreifen vermag: Die russische Geschichte zeigt Russland immer als eine einzige Familie, in der der Herrscher Vater ist und die Untertanen seine Kinder. Der Vater behält die volle Autorität über die Kinder, während er ihnen volle Freiheit gewährt […] es kann keinen Verdacht, keinen Verrat geben; ihr Schicksal, ihr Glück, ihren Frieden teilen sie gemeinsam. Das ist wahr im Verhältnis zum Staat als Ganzem...“