mini|200px|Maurice Viollette (1929). Maurice Gabriel Viollette (* 3. September 1870 in Janville, Département Eure-et-Loir; † 9. September 1960 in Dreux, Département Eure-et-Loir) war ein französischer Politiker, der unter anderem zwischen 1902 und 1919 und von 1924 bis 1930 Mitglied der Abgeordnetenkammer war. Er fungierte ferner als Minister für Versorgung und Seeverkehr vom 20. März bis 4. Juli 1917 im Kabinett Ribot V sowie zwischen 1925 und 1927 als Generalgouverneur von Algerien. Er war des Weiteren von 1930 bis 1939 Senator sowie vom 4. Juni 1936 bis 18. Januar 1938 im Kabinett Blum I sowie im Kabinett Chautemps III Staatsminister (Ministre d’État). Er bekleidete das Amt als Staatsminister vom 13. März bis 10. April 1938 abermals im Kabinett Blum II. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war er zwischen 1945 und 1955 Mitglied der Nationalversammlung.
Leben Rechtsanwalt, Kommunalpolitiker und Mitglied der Abgeordnetenkammer mini|200px|Viollette wurde nach Abschluss seines Studiums Rechtsanwalt in der Anwaltskanzlei von Alexandre Millerand. Maurice Gabriel Viollette stammt aus einer Handwerker- und Arbeiterfamilie aus Beauce, die sich seit dem 18. Jahrhundert in Sancheville und Ende des 18. Jahrhunderts in Janville niedergelassen hatte, und war der Sohn und Enkel der langjährigen Bürgermeister von Janville. Nach dem Besuch des Lycée in Orléans begann er 1889 ein Studium der Rechtswissenschaften an der Sorbonne, der Universität von Paris, und schloss dieses mit einem Lizenziat (Licence en droit) ab. Als Student schloss er sich der Gruppe der Republikanischen Jugend (Jeunesses républicaines) an und trat der Parti socialiste broussiste, der Sozialistischen Partei von Paul Brousse bei. Er schrieb Beiträge für die Parteizeitungen, insbesondere La Petite République, und mit einem Vortrag über Louis Blanc gab er in Anwesenheit von René Viviani sein eigentliches Debüt im politischen Leben. Nach Abschluss seines Studiums erhielt er 1892 seine Zulassung als Rechtsanwalt am Berufungsgericht (Cour d’appel) von Paris. Kurz darauf wurde er Mitarbeiter in der Anwaltskanzlei von Alexandre Millerand, die er in sehr wichtigen Prozessen wie die von La petite République, La Dépêche de Toulouse und Jean Jaurès gegen Rességuier über den Streik von Carmaux. Parallel dazu schloss er 1896 zwei Dissertationen ab: die eine über reale Angebote im französischen Recht, die andere über die Wertschöpfung durch den scheidenden Landwirt. Mehrere Jahre lang verfasste er juristische Artikel für die von Jean-Baptiste Sirey gegründete Sirey-Sammlung.
Seine politische Laufbahn begann Viollette 1896 als Mitglied des Gemeinderates von Janville und war im Anschluss von 1898 bis 1902 Mitglied des Gemeinderates von Tours. 1898 bewarb er sich bei den Parlamentswahlen im Arrondissement Chinon, unterlag aber mit nur 3.898 Stimmen von 21.725 Wählerstimmen gegen den radikalen Kandidaten Eugène Leffet. Als Leiter des Privatsekretariats von Millerand, der am 22. Juni 1899 Minister für Handel, Industrie und Post und Telegraphen im Kabinett Waldeck-Rousseau wurde, trat er im Februar 1902 von diesem Amt zurück, um für die Radikale Partei Parti républicain, radical et radical-socialiste (RRRS) selbst am 11. Mai 1902 bei den Wahlen zur Abgeordnetenkammer (Chambre des députés) zu kandidieren. Im ersten Wahlgang am 11. Mai 1902 unterlag er im Wahlkreis Dreux mit nur 5.544 Stimmen gegenüber 6.488 für Joseph Dubois, Sohn des zurückgetretenen Abgeordneten, und 3.520 für Renard. Allerdings gewann er in der zweiten Runde von 16.048 Wählerstimmen mit 8.507 Stimmen gegen 7.464 für Dubois. Als überzeugter Anhänger des Säkularismus versäumte er es nicht, in dieser Legislaturperiode 1905 für die Gesetzesvorlage zur Trennung von Kirche und Staat zu stimmen. Er konnte sein Abgeordnetenmandat regelmäßig, jeweils im ersten Wahlgang, verteidigen: bei den Wahlen am 6. Mai 1906 mit 9.895 Stimmen von 16.936 Stimmberechtigten, bei den Wahlen am 24. April 1910 mit 8.659 Stimmen von 16.148 Wählern und bei den Wahlen am 26. April 1914 mit 8.801 Stimmen von 15.968 Wählern. Gleichzeitig wurde er 1906 Mitglied des Generalrates des Département Eure-et-Loir sowie 1908 Mitglied des Gemeinderates und Bürgermeister von Dreux, ein Amt, das er bis 1940 bekleidete. Aus einem landwirtschaftlich geprägten Land entwickelte sich nach und nach eine besonders lebendige Modellstadt, in der sich die Errungenschaften sozialer Art vervielfacht haben.
Vizepräsident der Abgeordnetenkammer, Erster Weltkrieg und Minister für Versorgung und Seeverkehr miniatur|Im fünften Kabinett Ribot von Premierminister Alexandre Ribot war Viollette 1917 Minister für Versorgung und Seeverkehr. In der Abgeordnetenkammer, wo er sich der Fraktion der Sozialistischen Republikaner (Groupe républicain socialiste) anschloss, war er als Mitglied des Finanzausschusses (Commission des finances) im Jahr 1911 für den kolonialen Haushaltsbericht zuständig und verurteilte nachdrücklich die besorgniserregenden Missbräuche einer bestimmten Form der Kolonialisierung. Er deckte in einer Veröffentlichung die Affäre der Société N’Goko-Sangha auf. Er war auch Mitglied des Ausschusses für Justizreformen und Zivilgesetzgebung (Commission de la réforme judiciaire et de législation civile) und legte 1912 einen Gesetzentwurf über die Suche nach der Vaterschaft (Loi sur la recherche de la paternité). Er war des Weiteren Berichterstatter der Gesetzesvorhabe über die Löhne verheirateter Frauen und zur Legitimation nichtehelicher Kinder. Zugleich war er zwischen 1914 und 1917 Vizepräsident der Abgeordnetenkammer, nahm jedoch zugleich während des Ersten Weltkrieges als Hauptmann (Capitaine) und Kompaniechef einer Gebirgsjägerkompanie (Alpine Chasseurs) in Bourg-Saint-Maurice an Angriffen bei Tracy-le-Val und Tracy-le-Mont teil, wofür er mit dem Croix de guerre 1914–1918 ausgezeichnet wurde. Als Mitglied des Heeresausschusses (Commission de l’armée) prangerte er die Unzulänglichkeiten hinsichtlich der Ausrüstung an.
Im fünften Kabinett übernahm Maurice Viollette vom 20. März bis 4. Juli 1917 den Posten als Minister für Versorgung und Seeverkehr (Ministre du ravitaillement et des transports maritimes) sowie zwischen dem 4. Juli und dem 7. September 1917 als Versorgungsminister. 1918 wirkte er maßgeblich an der Revision des Hypothekensystems mitwirken.
Wahlniederlage 1919, Wiederwahlen in die Abgeordnetenkammer und Generalgouverneur von Algerien Die Parlamentswahlen vom 16. November 1919 fanden nach dem Listensystem mit Verhältniswahl statt. Nachdem er sich geweigert hatte, dem Nationalen Block (Bloc national) beizutreten, wurde Maurice Viollette geschlagen, obwohl er persönlich 18.286 Stimmen von 54.014 Wählern erhalten hatte. Dieser Misserfolg hinderte ihn nicht daran, 1921 zum Präsidenten des Generalrates des Département Eure-et-Loir gewählt zu werden. Bei den Wahlen vom 11. Mai 1924 wurde er dann wieder zum Mitglied der Abgeordnetenkammer gewählt und führte eine Liste der Union der Linken (Union des gauches) an, die 32.005 Stimmen von 62.347 Wählerstimmen erhielt. In der Abgeordnetenkammer wurde er erneut Mitglied des Finanzausschusses und übernahm dann die Funktion des Generalberichterstatters für den Haushalt.
Als Nachfolger von Théodore Steeg und Henri Dubief (kommissarisch) wurde Viollette am 12. Mai 1925 zum Generalgouverneur von Algerien ernannt und bekleidete dieses bis zum 20. November 1927, woraufhin Pierre Bordes ihn ablöste. In dieser Position strebte er danach, eine Politik der Gerechtigkeit, Freundlichkeit und des Verständnisses gegenüber Muslimen zu praktizieren. Diese Zeit inspirierte ihn zu seinem Buch L’Algérie vivra-t-elle?.
Nach seiner Rückkehr aus Französisch-Algerien, wurde er am 29. April 1928 für die Republikanisch-Sozialistische Partei PRS (Parti républicain-socialiste) wieder zum Mitglied der Abgeordnetenkammer gewählt: Nachdem er im ersten Wahlgang 6.233 Stimmen gegen 4.169 für Laroche, den Kandidaten der Union der Demokratischen Republikaner URD (Union des républicains démocrates), erhalten hatte, profitierte er im zweiten Wahlgang vom Rückzug des Sozialisten Béranger von der Französischen Sektion der Arbeiter-Internationale SFIO (Section française de l’Internationale ouvrière), wodurch er sich mit 7.742 Stimmen von 15.301 Wählern deutlich gegen 4.624 für seinen Gegner Laroche durchsetzen konnte.
Senator, Staatsminister und das Algerien-Projekt mini|200px|„Projet Blum-Viollette“ (Paris-Soir vom 7. März 1937) mini|200px|„Projet Blum-Viollette“ (L’Écho d’Alger vom 9. Februar 1938) Im folgenden Jahr wurde Maurice Viollette angesprochen, um als Bewerber der Demokratischen Linke GD (Gauche démocratique) für die Senatswahlen zu kandidieren, die am 20. Oktober 1929 stattfinden sollten. An diesem Tag erhielt er 407 Stimmen von 714 Stimmen im Wahlmännerkollegium und belegte damit den zweiten Platz unter den Kandidaten, während drei Sitze zu besetzen waren. Damit wurde er am 14. Januar 1930 Mitglied des Senator für das Département Eure-et-Loir. Im Senat befasste er sich insbesondere mit Themen wie rechtliche oder militärische Probleme, Algerienfragen und insbesondere Angelegenheiten der Landwirtschaft wie landwirtschaftliche Pachtverträge, den Getreidepreis, die Verteidigung der Agrarmärkte oder den Betrieb der Weizenbehörde (Office du blé). Er gehörte im Senat dem Finanzausschuss, dem Ausschuss für Zivil- und Strafgesetzgebung (Commission de législation civile et criminelle), dem Algerien-Ausschuss (Commission de l’Algérie), dessen Vizepräsident er 1936 wurde, und dem Armeeausschuss (Commission de l’armée) an.
Am 4. Juni 1936 übernahm Viollette im ersten Kabinett Blum bis zum 21. Juni 1937 das Amt als Staatsminister (Ministre d’État). Er empfahl die bereits während seiner Amtszeit als Generalgouverneur von Algerien empfohlene Assimilation durch die Zuerkennung der französischen Staatsbürgerschaft an Einheimische ab einer bestimmten Entwicklungsstufe, lehnte dagegen die systematische Ausweitung des Wahlrechts auf alle Einheimischen ab, die sich teilweise von Agitatoren oder der Verwaltung mitreißen lassen könnten. Dieses damals als zu gewagt geltende Reformprojekt, verwirklicht durch den vom ersten Kabinett Blum am 30. Dezember 1936 vorgelegten und als Blum-Viollette-Projekt (Projet Blum-Viollette) bekannten Gesetzentwurf, entfesselte die Befürworter einer großen Kolonialisierung gegen ihn und zwang die Regierung zum Rücktritt.
Das Amt als Staatsminister bekleidete er vom 22. Juni 1937 bis zum 18. Januar 1938 auch im dritten Kabinett Chautemps sowie abermals vom 13. März bis 10. April 1938 im zweiten Kabinett Blum. Im selben Jahr 1938 wird er wegen seiner Opposition gegen das Münchner Abkommen vom 29. September 1938 zu den „Kriegstreibern“ gezählt und er wird mit seiner kompletten Liste bei der Wahl zur Erneuerung eines Drittels der Senatoren am 23. Oktober 1938 geschlagen. Nachdem er in der ersten Runde 274 Stimmen von 721 Wahlmännerstimmen erhalten hatte und damit Sechster wurde, gewann er in der zweiten Runde 305 Stimmen, was ihn auf den vierten Platz brachte, wobei jedoch nur noch zwei Sitze zu besetzen waren. Damit schied er am 9. Januar 1939 aus dem Senat aus.
Gegner des Vichy-Regimes und Mitglied der Konstituierenden Versammlungen 1945 und 1946