Die Frau Abt und ihr Reich (auch: Frau Abt und ihr Reich) ist ein Roman des russischen Exil-Schriftstellers Josef Kallinikow. Er wurde von Wolfgang E. Groeger aus dem russischen Manuskript übersetzt und erschien erstmals 1931. Kurzbeschreibung Die Frau Abt und ihr Reich schildert die Liebesbeziehungen, generationenlangen Zwist sowie die Intrigen um Macht und Einfluss in einer einem russisch-orthodoxen Kloster vorgelagerten Ansiedlung („Vorwerk“), in der die zölibatären Klostermönche ihre Geliebten untergebracht haben. Inhalt Das „Weiberreich“Josef Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich. Roman. Bertelsmann, Gütersloh 1978. S. 37. auf dem Vorwerk des Klosters entstand vor der Berichtszeit des Romans durch einen Abt, der einer Forderung seiner Geliebten nachkam und eine geordnete Konkubinenniederlassung errichtete. „So ließ er ihr denn in einiger Entfernung vom Dorf, an der Fähre, ein Häuschen mit Schindeldach bauen, richtete ihr Hof und Wirtschaft ein […]. Das gefiel den Mönchen. Sie folgten dem Beispiel ihres Abts, nahmen sich Mädchen und siedelten sie jenseits des Flusses an.“Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 36–37. Unbemerkt von den Bauern in der „Siedlung“ und geduldet vom Kloster kam es dazu, dass sich die Frauen von den Bauern „befreiten und in ihrem Weiberreich ihr eigenes Regiment einführten“, dessen Kommandeurin die Mätresse des jeweils amtierenden Abts ist: die „Frau Abt“. Für die Mönche ist das Vorwerk eine vorteilhafte Einrichtung: „So werden die Knechte des Herrn von den Versuchungen der Außenwelt bewahrt und bringen, beruhigt durch Frauenliebe, in ungetrübter Seelenklarheit Gebete und Lobgesang dem Schöpfer dar.“Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 21. Für die Frauen des Vorwerks kann das Vorwerk eine zumindest teilweise vorteilhafte Einrichtung sein, haben sie dort doch „ihre eigenen Sitten, ihre eigenen Bräuche“.Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 19. Nachdem der jeweilige Mönch jedoch verstorben oder nach eigener Einschätzung zu alt für eine Konkubine ist, werden die Frauen verheiratet „mit irgendeinem Bauern“Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 33. und müssen ungünstigenfalls das hinnehmen, was andere Frauen von Beginn an erleben: „Vorwürfe und Schläge“ bis ans Lebensende. Marfa als „Frau Abt“ Die Frau Abt Marfa möchte ihre bereits mit dem Kloster-Schatzmeister Abel verheiratete Nichte Marja als ihre eindeutige Nachfolgerin fördern: Als Herrin fühle man sich freier,Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 27. so Marfa, habe es nicht nötig zu heiraten und schlimmstenfalls vom bäurischen Ehemann verprügelt zu werden. Für Marja gibt es nur zwei potentielle Konkurrentinnen. Zum einen ein Mädchen namens Agafja, über die Marfa meint: „Agafja hat sich nicht ehrgeizig vorgedrängt, nicht neidisch versucht, dich auszustechen“, ist brav das „Frauchen“ eines greisen Mönches geworden, der die Beziehung jedoch rein asexuell hielt und Agafja mit ihrem Liebsten, einem Bauern, verheiratet.Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 28. Die andere Konkurrentin der jungen Marja ist schwieriger auszustechen: Salomea hat schon als Mädchen vor Gleichaltrigen geprahlt, dass sie eines Tages „über euch alle herrschen“ würde.Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 29. „Ihre größte Sehnsucht war, die Mitbewerberin, Vater Abels junges Frauchen Marja […] zu schlagen, die das Ehrenamt von ihrer Tante Marfa […] zu erben hoffte.“Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 20. Um Salomea auszumanövrieren, wird sie mit dem alten, frommen Mönch Kallimach verheiratet, der allerdings nächtelanges Beten dem Zusammensein mit Salomea vorzieht. Da Salomeas weibliches sexuelles Begehren nicht Erfüllung findet, gibt sie sich lüsternen Visionen hin, womit sie sich „im ganzen Kloster unmöglich“ macht.Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 26. Marfa lässt Salomea „von ein paar Mädchen beobachten“, um ihr noch weitere Fehltritte ankreiden zu können, die letztlich zur Folge haben, dass Salomea in die Siedlung „verbannt“ wird. „Salomea war bettelarm in die Siedlung gekommen, seitdem aber ihr Fenster geheimnisvoll durch die Nacht blinzelte, wurde sie von Bäuerinnen, Klosterweibchen und Bauern überlaufen, denen sie wahrsagen sollte. Schnell verbreitete sich ihr Ruhm.“Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 56. Nach dem unglücklichen Ende seiner Beziehung zu Salomea wird Kallimach zum Starez und haust in einer Höhle, wo er sich der Selbstkasteiung hingibt und das Kreuz schlagend den Teufel beschwört, ihn von Salomea zu erlösen, „die durch ihre unersättliche Lüsternheit auch sein Leben verunreinigt hatte“.Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 85. Analog zu Salomea in der Siedlung gewinnt Kallimach bei den Klostermönchen den Ruf eines Ratgebers und Richters. Nach Amtsantritt von Vater Abel als Abt wird Kallimach allerdings zu dessen Marionette, wartet in seiner Höhle „auf das Erscheinen des Abts, um auf dessen Befehl einen zuchtlosen Mönch zu bestrafen, ein Weibchen in die Siedlung zu verbannen oder seinen Segen dazu zu erteilen, daß ein Mönch sich ein Mädchen nahm oder sein Weibchen an einen Bauern verheiratete.“Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 155. Als Kallimach später stirbt, übernimmt Abel klammheimlich die Rolle des Starez Kallimach und verkündet incognito „durch das kleine Schiebefenster der Höhlentür Strafurteile […], um Kloster und Vorwerk in Zucht und Ordnung zu halten.“Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 374. Marja als „Frau Abt“ – Beseitigung Salomeas „Marfa […] ruht aus“, nachdem der alte Abt verstorben ist. Wie gewünscht wird Vater Abel neues Kloster-Oberhaupt und Abels Geliebte Marja neue Frau Abt.Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 58. Marja sieht die Auseinandersetzung mit Salomea noch nicht als beendet an, die inzwischen eine uneheliche Tochter mit dem Flößer Wassilij hat. Diese Tochter könnte in den Augen der Öffentlichkeit jedoch auch von Kallimach stammen und ist damit eventuell eine Konkurrentin zu Marjas Nichte (eigentlich: Tochter) Rufima. Marja möchte Rufima nämlich als ihre Nachfolgerin aufbauen. Marja beschließt, Salomeas uneheliche Tochter Warja mit dem klösterlichen Ladenvorsteher Vater Wafußij zu verbinden. „Der Salomea wird das keine ungetrübte Freude sein, dachte sie schadenfroh, den forschenden Blick auf Warja gerichtet. Aber das Mädchen muß heraus aus dem Elend dort. Für das Kind ist es ein Segen. So tue ich eine gute Tat und ärgere zugleich die Mutter, die Nebenbuhlerin!“Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 62. Auf dem Vorwerk entstehen zwei Bauplätze für zwei Mönche und ihr jeweiliges „Frauchen“, wobei Marja lange Zeit unklar lässt, welches Mädchen das Schicksal als „Frauchen“ als Nächste treffen wird: Warja, Rufima, Agafjas Tochter Nastja oder ein weiteres Mädchen. In ihrer Verzweiflung wendet sich Salomea an den einsamen Starez Kallimach, dringt unerwünscht in dessen Höhle ein. Er schlägt ihre „Bitte um Schutz und Hilfe für Warja“ ab,Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 87. Salomea wirft wütend eine Rauchbombe aus Hanf, Salpeter und Salz in ein Feuer,Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 96. ein physikalischer Prozess, der vom Glaubensfanatiker Kallimach allerdings religiös interpretiert wird: Er flieht panisch aus der Höhle, beschwert sich im Kloster: „Mit höllischem Feuer hat sie mich überschüttet, mit Pech und Schwefelgestank meine Höhle geschändet.“Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 90. Abel sieht in diesem Eklat die Chance, gegen Salomea einzuschreiten, „und die Siedlung wird uns nicht verurteilen, wenn das Kloster gegen Salomea vorgeht. Sie aber soll die Strafe des Gesetzes spüren.“Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 91. Weltliche Obrigkeit verhaftet Salomea,Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 94. und sie stirbt in Polizeigewahrsam.Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 109. In hintersinnigem Schein-Großmut verkündet Marja, Warja bei sich aufnehmen zu wollen: „Hat ihre Mutter sich auch versündigt, so kann ja die Tochter nichts dafür.“Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 101. Warja jedoch ist der ihr zugedachte Vater Wafußij zuwider: „Wafußij verschlang das zarte Mädchen mit hungrigen Wolfsblicken“.Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 114. Marja bedroht Warja: „Lehnst du dich gegen die Bruderschaft auf, so mußt du auf die Straße. Bekommst den gelben Schein des Freudenmädchens. Die sind Ausgestoßene, Verfemte in der Welt der anständigen Menschen.“Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 123. Die Verbindung kommt zustande, während Warjas biologischer Vater Wassilij und Warjas Schwarm Jewsik beschließen, es mit Warja abseits der heimischen Scholle zu versuchen.Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 129. Jewsik gelingt es nicht, Warja zu entführen, weil Wafußij im letzten Moment auftaucht, Jewsik die schockstarr verharrende Warja nicht mitnehmen kann, allein flieht, während Wafußij erstmals Warja vergewaltigt.Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 131–133. Damit aber hat Wafußij die Sitten und Gebräuche des Vorwerks verletzt, Marja verspricht der gepeinigten Warja, sie könne Jewsik heiraten, und bewirkt als „machtstarke Frau“Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 149. bei Abel, dass Wafußij sich dem Urteil des Starez Kallimach beugen solle, der zu jener Zeit schon eine bloße Marionette Abels ist. Kallimachs Urteil lautet: „In die Einsiedelei, zu ewiger Buße bei Wasser und Brot in der unterirdischen Kapelle“, was einer Verurteilung „zu langsamem und sicherem, qualvollem Tod“ gleichkommt.Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 152–153. Warja wird „ins städtische Krankenhaus gebracht. Es hieß, sie würde in zwei Monaten wiederhergestellt sein, und Jewsik harrte der Zeit, da sie sein werden sollte.“Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 154. Marja als „Frau Abt“ – Rufimas Flucht in die Stadt Für Rufima haben Marja und Abel insgeheim schon besprochen, dass sie das „Frauchen“ von Kastrichij werden soll, Abels Nachfolger als Kloster-Schatzmeister, eine Funktion, in der Kastrichij sich auch selbst bereichert. Rufima ist allerdings empört über den Umgang mit Warja, mit der sie zusammen in die Kreisstadt fliehen wollte: „Niemand soll mich haben, dachte sie finster, und alles in ihr war Aufruhr und Ablehnung.“Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 122. Außerdem ist Rufima in Agafjas Sohn Nikita verliebt,Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 127. der ihr in der Anfangsphase der Flucht hilft, nachdem Warja nicht wie verabredet erscheint.Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 135. Der aufgrund des Fluchtplans seiner Tochter Warja in der Kreisstadt weilende Warja-Vater Wassilij empfiehlt Rufima, bei der reichen Kaufmannswitwe Gusina Arbeit zu suchen,Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 156. einer Gönnerin des Klosters und heimlichen Geliebten von Vater Kastrichij. Die Gusina lässt Rufima in einer Zigarettenfabrik arbeiten. Rufima genießt einerseits das Stadtleben, besucht Max-Linder-Kinofilme, wehrt männliche Avancen erfolgreich ab, weil sie auf Kastrichijs Wunsch unter der indirekten Protektion der Gusina steht.Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 171–173. Andererseits entfremdet Rufima sich von Nikita, der sein Versprechen nicht wahr machen möchte, zu ihr in die Stadt zu kommen: Sein Vater sei gestorben, die „Wirtschaft ruht jetzt auf mir. Mutter und Nastja können’s allein doch nicht schaffen.“Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 174–175. Nachdem Rufima sich einige Zeit in der Stadt hat austoben können, wird Rufima entlassen, und am nächsten Morgen kommt die Polizei bei ihr vorbei: Sie dürfe ohne Ausweis nicht leben, und einen Ausweis bekäme sie nur, wenn sie volljährig wäre, was sie nicht ist – ansonsten würde sie in ihr Heimatdorf gebracht. Rufima, „mürbe geworden“, gibt ihre Flucht auf und kehrt auf das Vorwerk zurück.Kallinikow: Frau Abt und ihr Reich, S. 178–179. Marja als „Frau Abt“ – Rufimas neue Leiden