mini|200px|Whampoa Anchorage, ca. 1810. Pazhou, ehemals Whampoa oder Whampoa Island, ist eine Insel im Perlfluss mit einer Fläche von etwa 15 Quadratkilometern (5,8 Quadratmeilen). Sie liegt 25 Meilen (40 km) flussaufwärts der Humenstraße und etwa 12 Meilen (19 km) östlich der historischen, früher ummauerten Stadt Guangzhou. Durch die starke Expansion Guangzhous, ist Pazhou heute Teil des Stadtzentrums.
Weiterhin ist die Insel Pazhou ein sog. Straßenviertel () des Stadtbezirks Haizhu im Südosten von Guangzhou in der Provinz Guangdong in der Volksrepublik China.
Die Insel ist Standort der Pazhou-Pagode.Artikel: The Pazhou Pagoda (Whampoa Pagoda) and Haitang Temple, Guangzhou. auf der Webseite Historical Photographs of China. Link, abgerufen am 12. November 2022 (in englischer Sprache). Ihre östliche Bucht war früher der wichtigste Ankerplatz für Schiffe des Außenhandels von Guangzhou. Händler aus Übersee, darunter zumeist Europäer, aber auch Inder und Araber mussten ihre Schiffe in Pazhou (zu dieser Zeit als Whampoa Island bezeichnet) festmachen, während kleinere Schiffe Waren zwischen der Insel und dem Gebiet der Dreizehn Fabriken in den westlichen Vororten von Guangzhou transportierten. Die Handelsgesellschaften mieteten Lager für Vorräte und Reparaturwerkstätten auf Whampoa Island. Bilder des Ankerplatzes waren ein häufiges Motiv in der Kunst des 18. Jahrhunderts.Evan Lampe: The Most Miserable Hole in the Whole World: Western Sailors and the Whampoa Anchorage, 1770-1850. International Journal of Maritime History. Ausgabe 22. 2010. ISSN 0843-8714. Seiten 2–10.
Mit der Erweiterung von Guangzhou ist der Straßenbezirk heute Teil des Stadtzentrums mit vielen Hotels, Geschäfts- und Freizeiteinrichtungen. Das ansässige Guangzhou International Convention and Exhibition Center ist der aktuelle Schauplatz der jährlichen Canton Fair, der größten Import- und Exportwarenmesse Chinas.
Namensgebung Das englische, französische und dänische Whampoa und das schwedische Wampoa sind uneinheitliche Umschriften des chinesischen 黃埔, : gelbe (Sand-)Bank. Der Name wurde zugleich auf die Insel, ihre Siedlung und den Ankerplatz angewandt.
Geographie mini|200px|Das Perlflussdelta. Vor den neuzeitlichen Vertiefungsarbeiten machte der vom Perlfluss mitgeführte Schlick diesen bis nach Macau flach und unberechenbar, mit großen Sandbänken und schnellen Strömungen, die die Schifffahrt ab der Humenstraße behinderten.Sven T. Kjellberg: Svenska Ostindiska Compagnierna 1731–1813: Kryddor, Te, Porslin, Siden. (The Swedish East India Company 1731–1813: Spice, Tea, Porcelain, Silk). 2. Ausgabe. Allhem. Malmö. 1975. ISBN 91-7004-058-3. S. 95–103. Ausländische Schiffe waren auf lokale Lotsen angewiesen.Tore Frängsmyr: Ostindiska Kompaniet: Människorna, Äventyret och den Ekonomiska Drömmen. (The Swedish East India Company: The People, the Adventure, and the Economic Dream) 2. Ausgabe. Wiken. Höganäs. 1990. ISBN 91-7024-653-X. Seite 70. Der relative Windmangel bedeutete auch, dass die meisten Segelschiffe von der Meerenge nach Norden geschleppt werden mussten. Der Hauptankerplatz lag vor dem südöstlichen Pazhou. Südöstlich davon lag Changzhou („Däneninsel“). Südlich von Pazhou lag Xiaoguwei („Französische Insel“) und südwestlich Henan („Honam Island“).Hosea Ballou Morse: The International Relations of the Chinese Empire. Paragon Book Gallery. New York. S. 144.
Geschichte Bereits die Yue-Völker hatten seit der Jungsteinzeit Siedlungen in der Umgebung von Guangzhou. Die Chinesen datieren die Besiedlung der Insel allerdings zeitgleich zur Gründung von Panyu durch Soldaten unter Zhao Tuo während der Qin-Eroberung. Von da an bildete die Insel einen wichtigen Hafen am Südchinesischen Meer, der über ein Netz von Kanälen mit Hunan und Nordchina verbunden war. Der Hafen wurde durch seine Stadtmauer und durch Befestigungen und Marinestützpunkte rund um die Humenstraße (früher „Boca Tigris“ oder „The Bogue“ – : Tigertor oder Tigerrachen – genannt) geschützt. Kriegsschiffe durften nicht näher an die Stadt heranfahren. Der europäische Handel begann mit der Ankunft des portugiesischen Seefahrers Rafael Perestrello auf einer einheimischen Dschunke im Jahr 1516Charles Knight (Hrsg.): Commercial Intercourse with China. Knight’s Store of Knowledge for All Readers. Charles Knight & Co. London. 1841. Seite 135 und wurde ursprünglich direkt an der Küste von Guangzhou abgewickelt. Portugiesisches Fehlverhalten und Gerüchte, dass sie vorher versklavte Kinder essen würdenJohn E. Wills Jr., John Cranmer-Byng, John W. Witek: China and Maritime Europe, 1500–1800: Trade, Settlement, Diplomacy, and Missions. Cambridge University Press, Cambridge. 2010. ISBN 978-0-521-17945-4. Seite 28., unterbrachen den Zugang schnell. Dieser wurde aber nach dem Luso-Chinesischen Abkommen von 1554 wiedererlangt. Ihr Handel wurde dann von Macau aus abgewickelt, aber nachdem die allgemeinen Seefahrtsverbote („Hai jin“) 1684 aufgehoben wurdenYibing Gong: The Circulation of Foreign Silver Coins in Southern Coastal Provinces of China 1790-1890. University of Hong Kong. Hong Kong. 2006., wurde Pazhou (als Whampoa) zu einem wichtigen Ankerplatz, da die Ostindienfahrer mit ihrem größere Tiefgang die dortigen Tiefwasserverhältnisse nutzten.Paul A. Van Dyke, Maria Kar-wing Mok: Images of the Canton Factories 1760–1822: Reading History in Art. Hong Kong University Press. Hong Kong. 2015. ISBN 978-988-8208-55-5. Seiten XVII–XVIII.
mini|200px|Karte der Inseln um Pazhou (Whampoa), ca. 1840. Henan Island liegt südwestlich, Changzhou („Dane’s Island“) im Osten und Xiaoguwei („French Island“) im Südosten. Der „Whampoa Anchorage“ liegt dazwischen. Frühe Händler folgten den Monsunwinden und erreichten Whampoa zwischen Juni und September, führten ihre Geschäfte durch und reisten dann zwischen November und Februar ab. Typischerweise wurde die Fracht von der eigenen Besatzung von den Schiffen gelöscht und neue Ware auf Kosten der chinesischen Kaufleute auf Leichtern zu den Schiffen gebracht. Um Diebstahl oder Piraterie zu vermeiden, begannen ausländische Händler, diesen Schiffen einige ihrer eigenen Seeleute als Wachen zuzuweisen. Das Produktionsghetto, das im 17., 18. und 19. Jahrhundert ausländischen Händlern zugewiesen wurde, genannt die Dreizehn Fabriken, befand sich in den westlichen Vororten von Guangzhou. Die Fahrt zwischen dem Ankerplatz und den dortigen Kais betrug etwa 26 km.
1686 durften westliche Händler auch Unterkünfte im Fabrikviertel mieten, um nicht jede Nacht nach Pazhou zurückfahren zu müssen. Die Supercargos, ihre Assistenten und die Buchhalter blieben somit größtenteils in den Fabriken, die Besatzung – mit Ausnahme einiger Wachen oder Landgänger – blieb bei den Schiffen, und die Kapitäne setzten Fähren zwischen den beiden Orten ein. Ein Komprador (買班) kümmerte sich um die Schiffsvorräte in Pazhou, wo sich sog. „Sampan-Damen“ um die Schiffe drängten, um Wäsche und Gelegenheitsarbeiten für die Seeleute zu erledigen.
mini|200px|Sampans vor dem Haus eines Mandarins, ca. 1800. Als zusätzliche Verteidigungs- und Einnahmeebene erzwangen die Stadtbeamten weiterhin das Ankern in Pazhou, selbst als kleinere private Schiffe in zunehmender Zahl in den Handel eingriffen, nachdem die Entdeckung der Route über die Philippinen Mitte des 18. Jahrhunderts ihnen erlaubte, an- und abzureisen ohne mehrere Monate auf den Monsun warten zu müssen. Bis dahin wurden am Ankerplatz von Pazhou feste Liegeplätze für verschiedene Nationen eingerichtet. Den westlichsten erhielten die Amerikaner, nach ihnen kamen die Holländer und die Schweden. Als Nächstes kamen die Dänen und Franzosen in der Nähe der Inseln Changzhou („Däneninsel“) und Xiaoguwei („Französische Insel“), die sie als Stützpunkte nutzten. Die Verstorbenen der Franzosen, Briten, Schweden und einige Holländer wurden in Gräbern auf Xiaoguwei beigesetzt, die Dänen und andere Holländer bestatteten ihre Toten auf Changzhou.Elijah Coleman Bridgman, Samuel Wells Williams: The Chinese Repository. Maruzen Co. Tokyo. 1833. S. 222. Beide Inseln wurden auch für chinesische Gräber genutzt.Evan Lampe: Work, Class, and Power in the Borderlands of the Early American Pacific: The Labors of Empire. Lexington Books. Plymouth. 2013. ISBN 978-0-7391-8241-3. Seite 147. Die Briten waren die letzten im äußersten Osten damit am weitesten von Guangzhou entfernt.Kield Erik Brødsgaard, Mads Kirkebæk: China and Denmark: Relations Since 1674. Nordic Institute of Asian Studies Press. 2001. ISBN 87-87062-71-2. Seite 39. Um ein Schiff von der Humenstraße nach Pazhou zu bringen, war normalerweise nur eine Tagesreise und die Unterstützung eines lokalen Lotsen erforderlich.Tore Frängsmyr: Ostindiska Kompaniet: Människorna, Äventyret och den Ekonomiska Drömmen. (The Swedish East India Company: The People, the Adventure, and the Economic Dream) 2. Ausgabe. Wiken. Höganäs. 1990. ISBN 91-7024-653-X. Seite 71. Englische Kaufleute behaupteten gelegentlich, die Reise ohne Hilfe zu unternehmen. Die schnelle Strömung und der Windmangel bedeuteten, dass die meisten Schiffe geschleppt werden mussten. Dies geschah zumeist mit den Beibooten der Schiffe, einige benötigten allerdings Hilfe von anderen Schiffsbooten oder den chinesischen Sampans. Der Lotse und 30 Sampans, die das schwedische Schiff Prins Carl 1765 zum Ankerplatz schleppten, kosteten 26 Tael. Chinesische Vorschriften bestimmten, dass die Dollbords dieser Boote mit einer „Paunk Suite“, einem bunten Tuch mit gelben Bändern geschmückt sein sollten, wenn sie in den Ankerplatz einfuhren. Die Besatzungen mussten ebenso spezielle Kleidung: schwarze Samtmützen, Quasten, Baumwollstrümpfe, Kniestrumpfbänder und Schuhe mit Schnallen und spezielle Knöpfe. Bemerkenswert war der hohe Geräuschpegel durch das ständige Abfeuern von Salutschüssen als Zeichen des Respekts bei Ankunft und Abfahrt, beim Passieren besonderer Punkte und anderer Schiffe und wenn prominente Offiziere ein Schiff erreichten oder verließen. Auf einen solchen Gruß musste ein Schiff in gleicher Weise antworten,Herman Lindqvist: Historien om Ostindiefararna. (The Story of the East Indiamen). Hansson & Lundvall. Gothenburg. 2002. ISBN 91-85023-02-7. Seite 95. wobei mehr als zwanzig Schiffe gleichzeitig in Pazhou vor Anker liegen konnten.