Das Theater und Orchester Heidelberg ist ein Fünf-Sparten-Haus mit Musiktheater, Konzert, Schauspiel, Tanz und Junges Theater. Es besteht seit 1853 und wurde mehrfach erweitert und umgebaut. 2012 wurde das komplett sanierte und um einen großen neuen Saal erweiterte Haus wiedereröffnet.
Seit 2005 gehört auch das Philharmonische Orchester der Stadt Heidelberg zum Theater und bildet eine eigene Sparte mit zahlreichen Konzerten sowie der Begleitung von Operninszenierungen. Intendant ist seit der Spielzeit 2011/12 Holger Schultze. Am 1. Juni 2017 verlängerte er seinen Vertrag bis 2026.
Das Theater und Orchester Heidelberg gehört mit 90–93 % zu den deutschlandweit bestausgelasteten Theatern und ist das Theater mit den meisten Festivals in einer Spielzeit. Neben den jährlich über 1.000 Vorstellungen veranstaltet das Theater und Orchester Heidelberg das Barockfest Winter in Schwetzingen, den Heidelberger Stückemarkt und die Heidelberger Schlossfestspiele, biennal das iberoamerikanische Theaterfestival ¡Adelante! und die Tanzbiennale.
Neben dem Marguerre-Saal, der 550 Zuschauer fasst, spielt das Theater und Orchester Heidelberg auf verschiedenen Bühnen wie dem Alten Saal, dem Zwinger 1 und 3 sowie Außenspielstätten im Stadtraum.
Das Theater beschäftigt über 350 feste Mitarbeiter und fast ebenso viele regelmäßige Gäste.
Geschichte Das Theater der Stadt Heidelberg wurde vom Stadtbaumeister Friedrich Lendorf im spätklassizistischen Stil erbaut und am 31. Oktober 1853 mit einer Aufführung von Friedrich Schillers Die Braut von Messina eröffnet. Im 19. Jahrhundert erweiterte man das Gebäude und baute es mehrmals um. 1924 wurde es innen und außen umgestaltet und 1925 mit Johann Wolfgang Goethes Egmont wiedereröffnet.
Im Jahr 1933 wurde mit Kurt Erlich ein linientreuer Nationalsozialist (NSDAP-Mitglied seit 1932) als Nachfolger von Erwin Hahn Intendant des Stadttheaters Heidelberg. Dort war er in den Sommern 1934–1938 zugleich mit der organisatorischen und technischen Leitung der sogenannten Reichsfestspiele im Heidelberger Schloßhof betraut, denen im Rahmen der nationalsozialistischen Freilicht- und Thing-Festspiele herausragende Bedeutung zukam. Erlich galt als linientreuer und zuverlässiger Parteigenosse, der die kulturpolitischen Ziele des Nationalsozialismus im Theaterwesen mit Nachdruck umsetzte. Er favorisierte im Einklang mit den Vorgaben der Deutschen Reichsdramaturgie in Berlin die Klassikerpflege, deutsche Unterhaltungsstücke, Geschichtsdramen und völkische Zeitdramatik.
1934 fand die Grundsteinlegung der Heidelberger Thingstätte statt, die als Außenstelle für die sogenannten Reichsfestspiele von 1935 bis 1939 für Aufführungen genutzt wurde. Nachdem der Spielbetrieb des Theaters 1944 eingestellt worden war, kam es 1945 relativ schnell zu einem Neuanfang. Der aus dem Schweizer Exil zurückgekehrte Gustav Hartung gründete gemeinsam mit Karl Heinz Stroux im Stadttheater die Kammerspiele Heidelberg. Bereits im selben Jahr erlebte auch das Musiktheater unter der Intendanz von Heinrich Köhler-Helffrich einen Neustart unter dessen Leitung beide Sparten 1946 zu den Städtischen Bühnen Heidelberg zusammengefasst wurden.
1978/79 erfolgte eine weitere erneute Restaurierung des Theatergebäudes in der Heidelberger Altstadt, 1990 eine Foyererweiterung, wobei der Zustand von 1924 wiederhergestellt wurde.
Zeitweise Schließung 2006–2009 und Sanierung 2009–2012 2006 wurde das Theater wegen erheblicher baulicher Mängel geschlossen. Im August 2009 wurde mit der Sanierung des Theaters sowie einem Theaterneubau begonnen. Ermöglicht wurde dies unter anderem durch ein außergewöhnliches bürgerschaftliches Engagement, insbesondere einer Großspende des Heidelberger Unternehmers Wolfgang Marguerre. Die Gesamtkosten betrugen knapp 60 Millionen Euro, etwa 19 Millionen davon wurden gespendet, Marguerre allein trug 15 Millionen Euro bei. Der Neue Saal des Gebäudes wurde nach ihm benannt.
Die Sanierung wurde von dem Darmstädter Architekturbüro Waechter + Waechter durchgeführt. Sie umfasste den gesamten Komplex des ehemaligen Theaters. Der denkmalgeschützte Zuschauerraum in der Theaterstraße 8 und die historischen Gebäude Theaterstraße 4, 6 und 10 sowie das denkmalgeschützte Haus in der Friedrichstraße 5 wurden in einen modernen Theaterbau integriert. Alle Theaterwerkstätten, ein Orchester- und Chorprobesaal und vier Probebühnen befinden sich jetzt unter einem Dach. Durch moderne Bühnentechnik, Beleuchtung und eine sehr gute Akustik können nun künstlerisch-technische Ideen in hoher Qualität umgesetzt werden. Das Theater wurde darüber hinaus um einen neuen zweiten Saal erweitert. Beide Bühnen verfügen über unabhängige Zugänge für das Publikum. Die Ersatzspielstätten während der Sanierung waren das Opernzelt (bis Mitte Juni 2012) und das im ehemaligen Schlosskino untergebrachte Theaterkino (bis Mitte Juli 2012).
Darüber hinaus gibt es die regulären kleineren Spielstätten Zwinger 1 für das Schauspiel sowie kleinere Tanz- und Kammeropern und als Bühne für das Junge Theater den Zwinger 3. Die Wiedereröffnung des Theaters mit der Premiere von Tschaikowskys Mazeppa fand am 24. November 2012 im neuen Marguerre-Saal statt, der ca. 600 Zuschauer fasst.
Sparten Schauspiel Im Schauspiel gehören Klassiker ebenso zum Repertoire wie zahlreiche Uraufführungen und deutschsprachige Erstaufführungen. Schwerpunkte der Programmgestaltung sind internationale Kooperationen, thematische Festivals sowie die kontinuierliche Förderung von Theaterautoren. Seit 1984 gibt es den Heidelberger Stückemarkt, eines der traditionsreichen deutschen Festivals für Gegenwartstheater mit einem jährlich wechselnden Gastland und renommierten Autorenwettbewerben. 2011, zum Beginn der Intendanz von Holger Schultze, setzte das Zweitaufführungs-Festival Don't Believe the Hype ein Zeichen für Nachhaltigkeit im Kulturbetrieb. 2014 thematisierte das Festival Born with the USA den Abzug der amerikanischen Streitkräfte aus Heidelberg auf dem Gelände des ehemaligen US-Hospitals. Seit 2017 veranstaltet das Theater Heidelberg mit dem Festival ¡Adelante! eine deutschlandweit einzigartige Präsentation der iberoamerikanischen Theaterkultur; daraus entstanden internationale Koproduktionen wie Nimby, La flauta mágica und Propaganda. 2022 feierte das Uraufführungsfestival Remmidemmi die Gegenwartsdramatik mit zehn neuen Stücken, die als Auftragsarbeiten während der Corona-Pandemie entstanden und sich mit dem Thema Widerstand beschäftigten. Immer wieder inszenieren namhafte Regisseur am Heidelberger Schauspiel wie zum Beispiel Claudia Bauer, Victor Bodó, Christian Brey, Stephan Kimmig, Daniela Löffner, Luise Voigt und Stas Zhyrkov. Stückaufträge erhielten unter anderem Raphaela Bardutzky, Rebekka Kricheldorf, Philipp Löhle, Björn SC Deigner und Roland Schimmelpfennig.
Tanz Zu Beginn der Intendanz von Holger Schultze wurde in der Spielzeit 2012/13 mit der Dance Company Nanine Linning/Theater Heidelberg wieder eine eigene Tanzcompagnie am Theater und Orchester Heidelberg etabliert. Mit der Spielzeit 2018/19 übernahm der spanische Choreograf und ehemalige Tänzer Iván Pérez die künstlerische Leitung des neuen Dance Theatre Heidelberg (DTH). Das Dance Theatre Heidelberg plädiert für eine zeitgenössische Ästhetik sowie eine integrative Arbeitsweise innerhalb der deutschen Land-, Stadt- und Staatstheaterlandschaft. Das Repertoire der Compagnie umfasst verschiedene Kreationen von Iván Pérez – oft in Zusammenarbeit mit dem Philharmonischen Orchester Heidelberg und anderen Sparten des Hauses – und Auftragswerke von internationalen Gastchoreografen. Das zweijährig stattfindende Festival Tanzbiennale Heidelberg ist eine Kooperation mit dem UnterwegsTheater und zeigt ein internationales Gastspielprogramm. Das DTH wurde in den letzten Jahren zu Gastspielen nach Taiwan, Spanien, Paris und Amsterdam eingeladen.
Musiktheater Die Musiktheatersparte des Theaters und Orchester Heidelberg umfasst das Sänger-Ensemble und den Opernchor (plus Extra- und Kinderchor) sowie das Philharmonische Orchester Heidelberg, das die Operninszenierungen begleitet und als Konzertorchester eine eigene Sparte bildet. Das Repertoire des Musiktheaters umfasst Werke aller musikalischen Epochen, vom Barock bis zum zeitgenössischen Musiktheater, und der Genres Oper, Operette und Musical. Das jährliche Festival, das Barock-Fest Winter in Schwetzingen, erweckt im Schwetzinger Rokokotheater unbekannte Opernraritäten zu neuem Leben. Seit der Spielzeit 2018/19 steht die Musiktheatersparte unter der gemeinsamen Leitung von Ulrike Schumann (Operndirektion-Leitung Dramaturgie) und Thomas Böckstiegel (Operndirektion-Leitung Casting).
Philharmonisches Orchester
Das Philharmonische Orchester Heidelberg gehört seit 2005 zum Theater der Stadt. Mit zahlreichen Konzerten und der Begleitung von Operninszenierungen bildet es eine eigene Sparte. Das Orchester prägt mit einer stilistischen Flexibilität vom Barock bis zur Moderne sowie abwechslungsreichen Konzertformaten das Musikleben der Stadt. Zweimal wurde es vom Deutschen Musikverleger-Verband mit dem Preis für das Beste Konzertprogramm ausgezeichnet. Die pädagogische Musikvermittlung spielt eine große Rolle. Seit 2006 beschäftigen sich die Philharmoniker im Rahmen des Festivals Winter in Schwetzingen mit historischer Aufführungspraxis. Mit dem Heidelberger Künstlerinnenpreis und seinen Konzertprogrammen setzt sich das Orchester regelmäßig mit dem Werk von Komponistinnen auseinander. Mit der Spielzeit 2024/25 wurde Mino Marani zum Generalmusikdirektor des Philharmonischen Orchesters Heidelberg berufen.
Der Spielort für die Philharmonischen Konzerte ist die Stadthalle Heidelberg. Seit der Spielzeit 2019/20 befindet diese sich in Sanierung und wird im Januar 2026 durch das Philharmonische Orchester Heidelberg wieder eröffnet.
Kinder- und Jugendtheater Das Kinder- und Jugendtheater wurde 1984 eröffnet und feierte im März 2014 sein 30-jähriges Jubiläum unter der Schirmherrschaft von Franziska van Almsick. Als vierte Sparte des Theaters und Orchesters Heidelberg verfügt das Junge Theater über eine eigene Spielstätte (Zwinger 3) und ein eigenes sechsköpfiges Ensemble. Pro Spielzeit entstehen ca. sechs Inszenierungen für Kinder und Jugendliche aller Altersstufen, darunter ein Kinderstück auf der großen Bühne in der Vorweihnachtszeit sowie eine Open-Air-Produktion im Rahmen der Heidelberger Schlossfestspiele. Seit der Spielzeit 2016/17 ist Natascha Kalmbach Leiterin des Jungen Theaters Heidelberg.
Es gibt in jeder Spielzeit unterschiedliche Formate, bei denen Kinder, Jugendliche und Erwachsene selbst Theater spielen können: Spielclubs, Ferienclubs, Gruppen-Workshops und das Theaterlabor. Zusätzlich werden die Heidelberger Schultheatertage mit Vorstellungen, Workshops und Gesprächen veranstaltet.
Seit der Spielzeit 2016/17 ist Natascha Kalmbach Leiterin des Jungen Theaters Heidelberg.
Theaterprojekte Im Rahmen der Kooperation „Theater und Schule“', eingeführt mit der Intendanz von Holger Schultze, besuchen alle Schüler der beteiligten Schulen in Heidelberg und Umgebung mindestens einmal im Jahr eine Theatervorstellung und erhalten darüber hinaus theaterpädagogische Angebote wie Vor- und Nachbereitungen oder Theaterführungen. Das Heidelberger Modell bietet unabhängig von Herkunft, Religion, Nationalität oder Vorerfahrung eine Begegnung mit dem Theater und seinen Künstlern. Mehrere tausend Schüler besuchen dadurch regelmäßig jede Spielzeit Vorstellungen aller Sparten, Proben sowie Workshops und werden theaterpädagogisch begleitet.
In Ferienprojekten können Kinder und Jugendliche zu Forschern werden. Mit Künstlern aus verschiedenen Disziplinen untersuchen sie gemeinsam in Experimenten ein bestimmtes Thema in all seinen Facetten. Zum Abschluss des viertägigen „Theaterlabors“ präsentieren die zu Experten gewordenen Teilnehmer ihre Forschungsergebnisse vor Publikum.