Nika Shakarami oder Schakarami (; geboren am 2. Oktober 2005 in Chorramabad; gestorben am 20. September oder 21. September 2022 in Teheran) war eine Iranerin, die die Proteste im Iran seit September 2022 gegen die Tötung von Jina Mahsa Amini unterstützte und dabei selbst von Regimekräften ermordet worden ist. Berichte über ihren Tod, dessen ungeklärte Umstände und die widersprüchlichen Angaben des Iran-Regimes dazu machten die Getötete weltweit bekannt und verstärkten die Proteste im Iran erheblich. Nika Shakarami wurde wie Jina Mahsa Amini und weitere Todesopfer der Proteste im Iran ab September 2022 zur Symbolfigur der Widerstandsbewegung gegen das repressive Regime der Islamischen Republik.
Leben Nika Shakarami wurde am 2. Oktober 2005 in der Provinz Luristan geboren.Fereshteh Ghazi, Hooman Askary, Michael Scollon: Mother Of Dead Teen Protester Accuses Iranian Authorities Of 'Lying' About Her Death In Attempt To 'Exempt Themselves'. Radio Free Europe / Radio Liberty, 6. Oktober 2022. Ihr Vater war Buchhalter in einem Bergbaubetrieb und starb, als sie zehn Jahre alt war. Eines ihrer Hobbys war das Singen, das für Frauen im Iran streng verboten ist. In einem Video, das nach ihrem Tod weltweit verbreitet wurde, steht sie auf einem kleinen Podest, hält ein Mikrofon und singt vor Mitschülerinnen in breitbeiniger Pose.
Im Mai 2021 freundete sich die 15-Jährige auf Instagram mit der deutschen Schülerin Nele aus Leipzig an, schrieb und telefonierte täglich mit ihr. Während sie einander kennenlernten, zog Nika nach Teheran zu ihrer Tante Atash Shakarami, einer Malerin. Von ihr erhielt sie Zeichenunterricht und ging nicht mehr zur Schule, obwohl sie gute Leistungen erbrachte. Sie wollte nach der Schulzeit ins Ausland gehen.Farnaz Fassihi: How Two Teenagers Became the New Faces of Iran's Protests. NYT, 17. Oktober 2022. Um unabhängig zu sein, arbeitete sie in Teilzeit in einem Café, wo sie eine Ausbildung als Barista absolvierte. Ihren Freunden zufolge ging Nika offen mit ihrer Liebesbeziehung zu Nele um, so dass viele Bekannte davon gewusst hätten. Seit den Protesten gegen Jina Masha Aminis mutmaßliche Ermordung veränderten sich Nikas Nachrichten an Nele und lasen sich für sie im Nachhinein wie ein Abschiedsbrief.Luisa Hommerich: “Just Take Care of Ur Self”. Zeit Online, 17. Oktober 2022.
Todesumstände Am 19. September 2022, drei Tage nach Jina Mahsa Aminis Tod, beschloss Nika Shakarami, sich den Protesten anzuschließen, die inzwischen auch Teheran erfasst hatten. Nach Angaben ihrer Tante Atesh Shakarami, bei der sie wohnte, verließ sie das Haus am nächsten Tag mit einer Flasche Wasser und einem Handtuch, wohl um sich vor Tränengas der Polizeikräfte zu schützen.
Der Sender CNN rekonstruierte den wahrscheinlichen Verlauf der Proteste jenes Tages anhand von dutzenden Videos und Zeugenberichten. Demnach fanden die größten Protestversammlungen jenes Abends um die Universität Teheran und den Keshavarz-Boulevard statt. Zwischen 17:00 und 18:00 Uhr versammelten sich Studenten beim Laleh-Park in Teheran. Wie ein Handy-Video zeigt, stand Nika Shakarami dort auf einem Müllcontainer und verbrannte ihren eigenen Hidschāb und andere, die ihr gereicht wurden. Im Hintergrund riefen Anwesende die Parole „Tod dem Diktator“. Die Demonstrantin Najmeh sagte CNN: „Ich erinnere mich, wie mutig sie war, denn sie kletterte auf die Mülltonne und kam nicht mehr herunter. Sie verbrannte auch ihr Kopftuch.“ Somit stand sie zu Beginn jener Nacht an vorderster Front der Proteste. Mehreren Zeugen zufolge führte sie furchtlos Sprechchöre an. Vermutlich wurde sie darum zur Zielscheibe für die Polizei und die gefürchtete Basidsch-Miliz. Laut Zeugenaussagen griffen die Regimekräfte die Demonstranten zwischen 19:00 und 20:00 Uhr mit Tränengas und Schrotkugeln an und packten sie, um sie festzunehmen. Daraufhin begannen die Demonstranten zu flüchten, um der Festnahme zu entkommen. Nach weiteren Belegen verfolgten Polizisten Nika Shakarami in dieser Nacht. Eine Mitdemonstrantin bezeugte, sie habe Nika mit einer Gruppe, die vor dem Tränengas der Polizei geflohen war, bei einer Tankstelle nahe der Universität Teheran gesehen. Andere Zeugen filmten, wie Beamten in Zivil Demonstranten festnahmen. Augenzeugen berichteten, dass die Polizei mit Schlagstöcken auf Frauen einschlug und diese dann in Polizeiwagen einsperrte. Eine Filmaufnahme von 20:37 Uhr zeigt Nika Shakarami auf einer Straße zwischen Autos, umgeben von 20 bis 30 auf Motorrädern patrouillierenden Basidschi. Auf dem letzten bekannten Video der lebenden Nika war sie von drei Seiten von Regimekräften umzingelt. Einer Augenzeugin zufolge soll sie mit Steinen nach ihnen geworfen haben, worauf Polizisten in Zivil sie verhaftet und in ein Auto gezwängt hätten.Gianluca Mezzofiore, Katie Polglase, Adam Pourahmadi: What really happened to Nika Shahkarami? Witnesses to her final hours cast doubt on Iran's story. CNN, 27. Oktober 2022.
Laut Nikas Mutter Nasrin Shakarami hatte sie abends am 20. September 2022 oft mit Nika telefoniert, als diese auf dem Keshavarz Boulevard Teherans unterwegs war, und sie gebeten, nachhause zu kommen. Die Anrufe seien wegen der Unruhe dort oft abgebrochen. Gegen 23:30 Uhr habe sie letztmals mit Nika gesprochen und ihre Freunde sagen gehört, sie seien auf der Flucht vor den Regimekräften. Im Hintergrund habe sie Schreie von Demonstranten und Polizisten gehört. Das Telefonat sei abgebrochen, dann sei das Handy abgestellt worden. In derselben Nacht löschten Unbekannte Nikas Konten in den Sozialen Medien und sperrten ihr Handy.
Suche nach der Vermissten In der Annahme, man habe Nika festgenommen, fragte die Familie die Polizei in Teheran ab dem 21. September 2022 immer wieder nach ihrem Verbleib. Nach Angaben der Mutter wusste niemand etwas. Nur ein einziger Beamter habe ihnen wiederholt mitgeteilt, es gehe Nika gut. Um sie zu beruhigen, habe er gesagt: Die Iranische Revolutionsgarde (IRGC) halte Nika in Gewahrsam, um sie zu verhören. Sie sei mit vielen anderen Häftlingen an einem guten Ort; dessen sei er sicher. Wo, teilte er nicht mit. Er kannte aber Nikas nationale Identifikationsnummer und gab sie der Mutter, um ihr die Nachfragen bei Behörden zu erleichtern.
Ab 21. September 2022 machten Nikas Tante Atash und ihr Mann Mohsen Shakarami im Internet Nikas Verschwinden und dessen Umstände bekannt. Atash Shakarami verwies auf ein Video, das Nika selbst während der Demonstration auf ihr Instagramkonto hochgeladen hatte, bevor dieses gelöscht wurde. Es zeigte sie beim Verbrennen von Hidschabs.
Zehn Tage lang suchte die Familie erfolglos nach Nika, unter anderem in Gefängnissen, Krankenhäusern und Leichenschauhäusern. Ihre Tante Atash Shakarami postete Nikas Foto auf ihrer Instagram-Seite und bat um Hilfe bei der Suche. Nach etwa einer Woche berichtete sie der BBC Farsi, ein ungenannter Kontaktmann der IRGC habe ihr mitgeteilt: Nika sei einige Tage lang im Gewahrsam der IRGC gewesen. Nach Abschluss der Verhöre und Aufbau einer Anklageschrift habe man sie vor ein, zwei Tagen in das Evin-Gefängnis in Teheran gebracht.
Verhalten der Behörden des Iran Bekanntgabe des Todes und Leichenübergabe Nach vielen Anfragen der Familie Shakarami zeigte die Polizei ihr am 29. September 2022 ein Foto der toten Nika. Man teilte der Mutter mit, das Foto sei noch am 20. September entstanden. Dass die Polizei die Angehörigen erst neun Tage später über den angeblichen Fund der Toten informierte, erklärte sie mit dem „Chaos und der Unruhe“ durch die Proteste. Nikas Mutter widersprach dem am 6. Oktober 2022 öffentlich: Nika habe ihren Ausweis und ihr Telefon bei sich gehabt. Nur diese beiden Gegenstände habe man der Familie nicht wiedergegeben, sonst alle Habe Nikas.
Die Angehörigen sollten die Tote am 30. September 2022 in einer Leichenhalle identifizieren. Dort sagte man Nikas Shakaramis Mutter, die Tote sei schon am 21. September eingeliefert worden. Nach ihren Angaben durfte die Familie dort nur ein paar Sekunden lang Nikas Gesicht anschauen.Iran: Authorities 'stole' body of teenage protester, report says. Middle East Eye, 4. Oktober 2022. Die Leichenhalle von Kahrisak gehört zu einer Haftanstalt Teherans, die nach den Massenprotesten von 2009 im Iran eingerichtet wurde und für systematische Folter und Morde an Häftlingen bekannt ist.Mostafa Aslani: The Crimes in Iran’s Kahrizak Prison and Khamenei’s Scandal. Irannews, 2. Januar 2020. Nach unbestätigten Berichten soll Nika zuvor dort gefangen gehalten worden sein.Alarm grows over teen's death as Iran denies protest link. France24, 5. Oktober 2022.
Am 1. Oktober 2022 übergaben die Behörden den Leichnam der Familie zur Bestattung. Erst danach erkannten die Angehörigen Nikas tödliche Verletzungen: Ihre Nase war zerschmettert, ihr Schädel gebrochen und zerfallen, offenbar durch viele Schläge eines harten Objekts. Dies bezeugte Atash Shakarami an jenem Tag gegenüber der britischen Zeitung The Daily Telegraph.Ahmed Vahdat: Thousands of young Iranians continue to protest despite deadly government crackdown. Telegraph, 1. Oktober 2022 (kostenpflichtig). Am 2. Oktober berichtete sie der BBC Persian Television, die IRGC hätten ihr mitgeteilt, sie hätten Nika fünf Tage lang in ihrem Gewahrsam gehabt und dann Gefängnisleitern übergeben.
mini|Solidaritätskundgebung für die Proteste im Iran, London, 1. Oktober 2022
Raub des Leichnams und heimliches Begräbnis Familie Shakarami wollte Nika in ihrer Heimatstadt Chorramabad mit einer öffentlichen Feier bestatten und hatte dazu auf dem örtlichen Friedhof eine Grabstelle erworben. Die Behörden wollten das öffentliche Begräbnis verhindern, behinderten die Überführung des Leichnams und verboten der Familie eine öffentliche Trauerfeier, um Demonstranten davon fernzuhalten. Sie drohten, Angehörige Nikas zu töten, die zur Bestattung in Chorramabad gehen würden. Dies entsprach der bekannten Methode des Regimes, Tote als Druckmittel gegen Opferangehörige zu benutzen, um sie zum Schweigen zu bringen.Iran: Teen protester Nika Shakarami's body stolen, sources say. BBC, 4. Oktober 2022.
Nikas Mutter weigerte sich, die Feier abzusagen. Diese sollte am 3. Oktober 2022, Nika Shakaramis 17. Geburtstag, stattfinden. Kurz vor dem Termin entdeckte die Familie, dass Regimekräfte Nikas Leichnam heimlich gestohlen und unter schweren Sicherheitsvorkehrungen in dem etwa 40 km entfernten Dorf Veysian bestattet hatten. Der Familie blieb nur eine Feier ohne Nikas Leichnam; dabei ehrten die Angehörigen sie als Märtyrerin. Auf dem Friedhof von Chorramabad versammelten sich hunderte Protestierende und riefen Parolen gegen das Regime, etwa „Tod dem Diktator“, bezogen auf den obersten religiösen Führer Ali Chamenei.
Festnahmen und erzwungene Falschaussagen Bis zum 2. Oktober 2022 postete Atash Shakarami über Nikas Verschwinden und Todesumstände im Internet. In einem ihrer letzten Posts verwies sie auf die für den Folgetag geplante Bestattung Nikas in Chorramabad. Daraufhin nahmen die Behörden sie und ihren Mann fest und brachten sie an einen unbekannten Ort. Rana Rahimpour, die Iran-Spezialistin der BBC, machte Atashs Verhaftung am 3. Oktober 2022 auf Twitter bekannt.„Heute gratuliere ich dir zu deinem Märtyrertum“. Spiegel Online, 4. Oktober 2022.