mini|hochkant=1.5|Tanz der Holzmandl beim Kirchseeoner Perchtenlauf

Der Kirchseeoner Perchtenlauf – oder auch Perschtenlauf (Aussprache: Beaschtn) – ist ein winterlicher Umzugsbrauch, bei dem eine Gruppe aus unterschiedlich maskierten Gestalten durch den Markt Kirchseeon zieht. Zum Umzug gehören Tänze, Gesänge und Sprüche. Das Brauchtum basiert teilweise auf alten Formen, teilweise ist es neu erfunden. Während in anderen Regionen bei Perchten-Veranstaltungen das erschreckende Element oder körperliche Bestrafung im Vordergrund stehen (zum Beispiel bei den „Krampussen“), repräsentieren die Kirchseeoner Perchten Glücksbringer, das Einläuten des neuen Jahres und der neuen Vegetationsperiode.

Der Kirchseeoner Perchtenlauf wird seit 1954 durchgeführt und wurde 2022 ins Immaterielle Kulturerbe Bayerns aufgenommen. 2024 folgte die Aufnahme in das Bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes.Münchner Merkur: Auf einer Stufe mit Berliner Techno: Kirchseeoner Perchten bundesweites Kulturerbe, 13. März 2024, abgerufen am 13. März 2024.

Entstehung mini|hochkant=1.5|Eine Musikergruppe von Schönperchten führt den Zug

Gesichert ist, dass zwei zentrale Personen, die zur Schöpfung des Kirchseeoner Perchtenlaufs beitrugen, Hans Reupold, Kirchseeoner Maschinenschlosser, Bildhauer, Heimatkundler und Vorstand des dortigen Trachtenvereins und der Heimatpfleger Heinrich Kastner waren. Auf Initiative von Reupold, entstand der Kirchseeoner Perchtenlauf neu. Zunächst hatte Reupold gegen das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber dem Perchtenwesen zu kämpfen, das durch Belästigungen in vergleichbaren Bräuchen entstanden war.

In den Wäldern der Marktgemeinde Kirchseeon herrschte 1889 eine Nonnenraupenplage (Ein Nonnenschmetterling ziert daher das Wappen von Kirchseeon). Dadurch fielen große Mengen Holz zur Verarbeitung an, was Gastarbeiter anzog. Entweder wurde das Brauchtum des Perchtenlaufs durch die Gastarbeiter aus Südtirol, dem Bayerischen Wald und dem Schwarzwald bereits mitgebracht, kam jedoch durch den Ersten Weltkrieg zum Erliegen. Oder das kulturelles Wissen über Perchtenbräuche gelangte durch Interviews mit Einheimischen und ehemaligen Gastarbeitern, die Reupold und Kastner gemeinsam durchführten, in die Region. Sie befragten hochbetagte Gemeindemitglieder zu Bräuchen, Tanzschritten und Sprüchen, um Informationen für eine Neuauflage des Perchtenlaufs zu erhalten. Aus verschiedenen Quellen (re-)konstruierten sie Auftrittstage, Maskengestaltung und musikalische Begleitung.

Aus den fragmentarischen Überlieferungen ergaben sich folgende Eckpunkte der Veranstaltung: der Zeitraum war bei Dunkelheit in der Adventszeit. junge Männer trugen Holzmasken mit Teufels-, Hexen- und Bockgestalten begleitet von Fackeln und Peitschenknallen ging der Zug durchs Dorf vor den Häusern wurde gesungen, begleitet von Holztrommeln und Flöten das Perchtenlied wurde von einem Schreit- und Stampftanz begleitet

Der Perchtenlauf ist ein Heischebrauch, was bedeutet, dass die Einwohner den Läufern als Dank kleine Gaben übergeben, „um die Perchta milde zu stimmen.“ Zu den Gaben zählen zum Beispiel traditionelle Schmalznudeln, weiteres Gebäck oder Münzen.

Für den Umzug in ein neues Vereinsheim, sammelte der Trachtenverein 1954 Spenden. Unter Zuhilfenahme des Heischebrauchs sollte dafür bei einer Adventsveranstaltung ein Klaubauftanz aufgeführt werden. Der Heimatpfleger motivierte den Vorstand des Trachtenvereins, neue Masken zu schnitzen. Der Brauch sollte nach der Vorlage eines alten Sonnenkults wiederbelebt werden. Ursprünglich sollte die Veranstaltung im örtlichen Schützenhaus stattfinden. Doch der Saal war zu dem Termin belegt, so dass auf Rat der Wirtin hin, das Geschehen nach draußen verlegt wurde. Der erste Lauf fand im Dezember 1954 statt. In einer anderen Quelle heißt es, dass es bereits damals das Ziel gewesen sei, den Fremdenverkehr zu beleben.

Kulturerbe Der Vorstand des Kirchseeoner Perschtenbundes Soj sei „fast zufällig“ auf die Idee gebracht worden, sich für die Aufnahme ins Immateriellen Kulturerbe Bayerns zu bewerben. Im Frühjahr 2021 wurde ein Team zusammengestellt, das den Antrag ausarbeitet. Der 15-seitige Antrag umfasste u. a. die Darstellung der Perchten, Geschichte und Reflexion der Geschichte, heutige Praxis, Weitergabe, Wandel, Risikofaktoren für die Erhaltung, Wirkung, Gemeinschaftssinn, Nachhaltigkeit und Europabezug. Besonders betont wurde der handwerklichen Aspekt der Maskenschnitzerei. Ebenso kam dem Bezug zur lokalen Bevölkerung besonderer Wichtigkeit zu. Nach rund neun Monaten wurde der Antrag im November 2021 eingereicht. Am 29. März 2022 beschloss der Bayerische Ministerrat in diesem Jahr von rund 24 Bewerbungen zehn ins Immaterielle Kulturerbe Bayerns aufgenommen, darunter die Kirchseeoner Perchten. Das Bayerische Landesverzeichnis umfasste damit 66 Einträge. Die Urkunden des Bayerischen Landesverzeichnis des Immateriellen Kulturerbes wurden am 12. Juli 2022 vom Finanz- und Heimatminister Albert Füracker verliehen. „Für uns ist diese Ernennung eine unermessliche Ehre, da sie doch all den Mühen und unserem Streben, das Perchtenbrauchtum zu pflegen und zu leben, Rechnung trägt,“ hieß es vom Perchtenbund anlässlich der Verleihung.

Im März 2024 wurde der Kirchseeoner Perchtenlauf auch in das Bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Verein Der Perchtenlauf war zunächst eine Veranstaltung des Trachtenvereins. Anfang der 1960er ging daraus ein eigener Verein hervor. Im Jahr 1963 ließen die Perchten den Verein Perschtenbund Soj ins Vereinsregister eingetragen. „Soj“ ist ein alter Name von Kirchseeon. Eine geläufige Abwandlung des Namens lautet Perschten von Soj. In der Bevölkerung wird oft einfach von den Kirchseeoner Perchten gesprochen, worunter die Kulturform auch im Immateriellen Kulturerbe Bayerns gelistet ist. Bis heute wird der Brauch vom Verein Perschtenbund Soj organisiert. Es handelt sich nicht um einen kommerziellen Verein.

Der Verein erwuchs auf dem ehrenamtliche Engagement von vier Generationen. Das Vereinsheim befindet sich in der Badstube im Ortsteil Eglharting, einem historischen Baudenkmal, die . Der Verein umfasst über 300 Mitglieder (Stand: 2019).

Die Arbeit zum Brauchtum nimmt einen hohen Stellenwert ein. Die Vereinsmitglieder forschen im Perchtenbrauchtum, unterhalten ein Medienarchiv, dokumentieren Perchtentänze, -lieder und Maskenkunde. Aus dem Verein hervorgegangen ist die erste Stiftung in Bayern, die sich speziell des Perchtenbrauchtums annimmt, die Perschtenstiftung Kirchseeon.

Die Mitglieder der Perschtenstiftung Kirchseeon und des Perschtenbund Soi sind das ganze Jahr über aktiv. Alte und neue Kostüme werden bearbeitet, Tänze geübt. Der Verein engagiert sich in der Jugendarbeit. Neben der Arbeit mit den Perchten, sorgt der Verein für den Erhalt des Vereinsheims, musiziert, produziert eigene Theaterstücke und organisiert Ausstellungen zum Brauchtum.

Aufführungen mini|hochkant=1.5|Stampftanz beim Kirchseeoner Perchtenlauf

Die Kirchseeoner Perchten verstehen sich als Rauhnachtsperchten, im Gegensatz zu Fastnachtsperchten, die zur Faschingszeit aktiv sind. Der Kirchseeoner Perchtenlauf findet jährlich in der Zeit der Wintersonnenwende statt.

Die ersten Läufe fanden jeweils am Donnerstag statt. Dieser Termin kollidierte jedoch mit dem Gottesdienst und reichte zudem nicht aus, um alle Höfe der Gemeinde besuchen zu können. Seitdem finden die Läufe an den Samstagen und Sonntagen der Adventszeit, bis zum 6. Januar, statt, immer bei Einbruch der Dunkelheit.

Bis zu elfmal ziehen die Perchten in diesem Zeitraum durch die Gemeinde. Der Perchtengruppe ist es wichtig, ihre Aufführungen ausschließlich in der Umgebung durchzuführen. Ausnahmen erfolgen nur, wenn die Rahmenveranstaltung zum Brauchtum passt oder für wohltätige Zwecke ist (z. B. Sternstunden des Bayerischen Rundfunks 1997).

Während es in den 1970ern noch 15 bis 20 Läufer waren, nehmen heute 50 bis 60 Personen aktiv am Perchtenlauf teil. Anzahl, Alter und Geschlecht der Teilnehmenden variieren. Der Lauf wurde früher nur von Männern durchgeführt, wohingegen Frauen Arbeiten im Hintergrund übernahmen, wie Handarbeiten oder Bedienung. In den 1970er Jahren änderten sich die Rollen, so dass mittlerweile nahezu die Hälfte aller Läufer Frauen sind.

Im Vorfeld werden mittlerweile Plakate ausgehängt, die den Verlauf des Umzugs zeigen. Entlang der Route finden sich bereits Stunden zuvor Besucher ein. Ebenso werden die Perchten vor der Höfen meist schon von deren Bewohnern erwartet.

Kostümierung mini|hochkant=1.36|Der Schnitzer Herbert Schafbauer bei der Arbeit in seiner Schnitzstube

Das Aussehen und die Materialien der im Kirchseeoner Perchtenlauf verwendeten Kostüme haben sich im Laufe der Zeit verändert. Die ersten Masken wurden aus Ruß, Stroh oder Stoffen angefertigt. Heutzutage werden sie aus Holz hergestellt und anschließend bemalt. Die Kirchseeoner Masken bestehen aus heimischem Lindenholz, das mindestens fünf Jahre getrocknet ist. Lindenholz ist besonders geeignet, weil es relativ weich und geruchsneutral ist. Als Gewänder dienten anfänglich alte Mäntel, die teilweise mit Fellresten beklebt waren. Später kamen Materialien wie Leder und Wolle hinzu.

Jede Maske ist ein Unikat. Die Masken der Kirchseeoner Perchten werden von sechs Vereinsmitgliedern geschnitzt und bemalt. Keiner der Schnitzer hat dieses Handwerk als Beruf erlernt. Zunächst wird eine Skizze erstellt. Für die Umsetzung in Holz benötigt ein erfahrener Schnitzer zwei bis fünf Wochen. Beim Schnitzen muss auch auf einen bequemen Sitz der zwei bis fünf Kilo schweren Maske geachtet werden. Anschließend wird die Maske farbig bemalt – „gefasst“, wie es heißt – was eine Woche in Anspruch nimmt. Nach zwei Wochen Trockenzeit folgt der Auftrag einer Schutzschicht. Nun werden schmückende Utensilien angebracht, wie z. B. Haare oder Bänder. Im Gebrauch befindliche Masken bedürfen ständiger Pflege, können so aber bis zu 30 Jahre lang halten.

Der Verein bietet über 20 handbemalte Sammlermasken in Miniaturform an, die den Originalmasken nachempfunden sind.

Charaktere

Ein Perchtenzug besteht aus mehreren Untergruppen, den sogenannten „Passen“. Grob unterschieden gibt es bei den Kirchseeoner Perchten „Schönperchten“ und „Schiachperchten“ („schiach“ ist bairisch für „hässlich“). Zu den „Schönperchten“ gehören der Zugführer, die Spielleute und die Treiber. Zu den „Schiachperchten“ zählen die Klaubauf, die Holzmandl und die Schnadernschlenzer. Diese Gruppen haben jeweils charakteristischen Masken und Kostüme. Besondere Einzelfiguren sind die Frau Percht, mit einer Doppelmaske, und die Habergoaß, die mit einem beweglichen Maul Geldgaben schlucken kann.

Eine Besonderheit der Kirchseeoner Perchtenmasken ist ihre Vielfältigkeit. Aufgrund der nur fragmentarischen Überlieferung historischer Vorbilder, sind die Schöpfer der Kirchseeoner Perchtenmasken keinen traditionellen Zwängen unterworfen. Bei den Entwürfen werden frühe Masken als Basis herangezogen, beispielsweise aus Krippen- und Passionsspielen oder mittelalterlicher Schandmasken. Als regionaler Bezug werden die Themen Wald, Holz, Moos und Naturgeister mit eingearbeitet. Klassische Perchtencharaktere wie Teufel, Hexen oder Bockgestalten wurden im Laufe der Zeit mit mystischen Figuren wie die „Klaubauf“, die „Holzmandl“ oder „Schnadernschlenzer“ ergänzt.

Frau Percht

Frau Percht ist eine, wenn nicht die Hauptfigur der Perchtengruppe. Wenn die Klaubauf tanzen, steht sie im Mittelpunkt. Es heißt, sie verkörpere die Urgöttin Perchta, auch wenn dieser Bezug historisch nicht belegbar ist. Als Sagengestalt ist sie als Frau Holle bekannt.