mini|Eine rote Färse Die rote Kuh oder rote Färse () ist in der jüdischen Kultur eine Färse, die nie unter einem Joch lief. Ferner darf sie nicht mehr als zwei andersfarbige Haare im Fell haben. Ihr Kadaver diente der Herstellung eines Wassers zur rituellen Reinigung von Totenunreinheit.
Religiöser Hintergrund In der jüdische Religion ist die im Tanach angelegte Unterscheidung in „rein“ () und „unrein“ () eine zentrale Ordnungskategorie.Simone Paganini, Boris Repschinski: Kontinuität und Diskontinuität in der Reinheitsthematik vom Judentum des Zweiten Tempels zum Neuen Testament. In: Zeitschrift für katholische Theologie. Band 134, Nr. 4, Synagoge und Kirchen (2012), S. 449–470. Die durch bestimmte Handlungen, Gegenstände oder Zustände ausgelöste Unreinheit verhindert die Teilnahme am Kult oder Leben der Gemeinschaft. Darüber hinaus ist Reinheit eine Voraussetzung für die individuelle Kommunikation mit Gott (Gebet). Insbesondere für die jüdischen Priester stellte Reinheit als Bedingung für die Gottesbegegnung eine conditio sine qua non dar.
Biblischer Bericht Die rituelle Verwendung der roten Kuh geht auf , () zurück, wo sie im Zusammenhang der Herstellung eines Reinigungswassers genannt wird: Eine fehlerfreie rote Kuh, im biblischen Bericht eine Färse, auf der noch kein Joch lag, wurde während der Wüstenwanderung außerhalb des Lagers vor dem Priester Eleasar rituell geschlachtet und das Blut siebenmal gegen die Bundeslade, () gesprengt. Anschließend erfolgte die Verbrennung des Kadavers unter der Beigabe von Zedernholz, Karmesin und Ysop durch den Priester. Zuletzt wurde die Asche in einem irdenen Gefäß gesammelt und mit Quell- oder Flusswasser („lebendiges, fließendes Wasser“, ) zu einem Reinigungswasser vermischt. Dieses Wasser wurde am dritten und siebten Tag einer siebentägigen Zeitspanne außerhalb des Lagers auf durch den Tod verunreinigte Personen und Gegenstände gesprengt, um diese zu reinigen. Auch das Berühren des Reinigungswassers führt zu einer Verunreinigung bis zum Abend, weshalb das Waschen des Körpers und der Kleidung nach dem Kontakt verpflichtend ist.
Der Bericht teilt sich in drei Abschnitte, die je durch eine Formel eingeleitet werden:
Die Herstellung des Reinigungswassers (): „Und der sprach“ Beschreibung des Rituals: : „Und es soll den Söhnen Israels sein“ Rechtliche Bestimmung: : „Dies ist die Weisung“
Obwohl das Ritual zahlreichen anderen alttestamentlichen Opferbestimmungen ähnelt, nimmt das Ritual zur Herstellung von Reinigungsasche eine Sonderstellung ein. Nach Dubrau ist mit „Einflüssen nicht-israelitischer Opferbräuche“ zu rechnen, er gibt aber nicht an, welche, und Quellen fehlen.
Mischna Die Mischna, mit der Tosefta und dem Talmud, also die zentrale Zusammenstellung der mündlichen Tora im rabbinischen Judentum, und damit dem mündlichen Bestandteil der schriftlichen Tora, enthält ein Traktat über die rote Färse, das Traktat Parah („Kuh“) im Seder Tohorot (), das die beteiligten Verfahren erläutert. Für das Traktat existiert keine Gemara, obwohl in der Gemara für andere Traktate des Talmuds Kommentare zum Verfahren enthalten sind. In der Mischna wurde ihr ein ganzes Kapitel gewidmet.
Ziele und Intentionen In der hebräischen Bibel gilt der Leichnam als das ultimative Symbol für Unreinheit, weil er das Gegenteil des Lebens und der Heiligkeit Gottes darstellt.Thomas Hieke: Die Unreinheit der Leiche nach der Tora. In: Tobias Nicklas u. a. (Hrsg.): The human body in death and resurrection. De Gruyter, Berlin 2009, ISBN 978-3-11-020880-1, S. 43–65, . Wer mit einem Leichnam in Berührung kam, wurde rituell unrein und musste durch das „Reinigungswasser“ gereinigt werden. Im Ritual der „roten Kuh“ zeigt sich, wie wichtig die Trennung zwischen Heiligem und Unreinem war, besonders im Umgang mit dem Tod, und es zeigt eine theologische Botschaft über die Notwendigkeit der Reinigung, um in Gottes Gegenwart (Schechina) treten zu können.Rabbiner Arie Folger: Tora. Reinheit in Zeiten des Todes. In: Jüdische Allgemeine. 10. Juni 2012.Wilrens: Opfer und Reinheitsgesetze: Brauchen wir eine Rote Kuh?. In: wilrens.org, 2. April 2020.
Nachbiblische Traditionen Talmud Im babylonischen Talmud behandeln ca. 80 Textstellen die rote Kuh.
Dabei konzentrierten sich die Tannaiten auf die religionsgesetzliche Erschließung des Rituals. Diese reicht über die biblischen Bestimmungen hinaus und kann in Detailfragen von diesen abweichen. Das Traktat Hilchot Para Aduma () im Sefer Tohorot berichtet auch von den Kontroversen zwischen Pharisäern und Sadduzäern über die Herstellung der Asche.Mischna, Traktat Para 3,8; Tosefta, Traktat Para 3,8.
In amoräischer Zeit verschob sich der Fokus auf die rationale Begründung des Rituals, wobei die rote Kuh zum Paradebeispiele für Gesetze wurde, die chuqqim (), also nicht rational begründbar, sind. Entscheidend dabei ist die Unveränderlichkeit dieser Anordnungen unabhängig vom Verhalten des Menschen. Als choq gilt dabei nicht die Herstellung des Reinigungswassers, sondern die Bestimmung der Verunreinigung an Toten (). Außerdem wird der Vorwurf des Götzendienstes an die Juden behandelt, der auf die nichtrationalen Bestimmungen der roten Kuh zurückgeht, sowie die Weisheit, mit Bezug auf die Schwierigkeit, die Bestimmungen zu deuten.
Gemäß rabbinischer Überlieferung wurden nach Esra nur sieben rote Kühe verbrannt.Mischna, Traktat Para 3,5. Nach einer anderen Überlieferung wurde die Reinigungsasche mit ins babylonische Exil genommen und anschließend wieder nach Israel zurückgebracht.Tosefta, Traktat, Para 3,5.
Weitere Überlieferungen Raschi erklärt, dass die rote Kuh die Sünde vom goldenen Kalb korrigieren solle.Bemidbar Raba 19,8. Josephus erwähnt das Ritual der roten Kuh, weist jedoch nicht auf die Verunreinigung durch die Asche hin.Antiquitates Judaicae 4,78-82. Vermutlich nimmt er auf das Unverständnis der nichtjüdischen Leserschaft Rücksicht. Er verbindet das Thema mit der Trauerperiode der jüdischen Bestattung um Mirjam (). Philon von Alexandria deutet die Zeremonie als Mittel zur Erlangung der rechten Gesinnung gegenüber Gott.De Specialibus Legibus 1,262-272. Die Qumran-Texte enthalten verschiedene Überlieferungen zur roten Kuh. Es gibt Hinweise, dass das Ritual in der Gemeinschaft tatsächlich angewendet wurde.
Auswirkungen der Tempelzerstörung mini|hochkant=1.5|Phillip Medhurst Bild zur Torah 558, die Reinigung durch die „rote Kuh“ Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels 70 n. Chr. fand der Tempel- und damit auch der Opferkult ein Ende. Jedoch kann nicht notwendigerweise von einem sofortigen Ende der Zeremonie der roten Kuh ausgegangen werden: Mischna, Traktat Para 7,6 und Tosefta, Traktat Para 7,4 wenden sich mit einer Frage zum Verfahren an den Gerichtshof in Jabne.Armin Sacher: Der Fall des zweiten Tempels. Die Auswirkungen der Tempelzerstörung auf das palästinensische Judentum. In: aventinus varia, Nr. 14 (Sommer 2008). Strömungen des rabbinischen Judentums, das sich nach der Zerstörung des Tempels entfaltete, setzen sich weiterhin mit dem Thema der „roten Kuh“ auseinander. Damit eine Gruppe der Kohanim eine priesterliche Funktion auf dem Tempelberg ausführen könnte, müsste sich diese einem Purifikationsritual mit der Asche einer „roten Kuh“ unterziehen.Gil Yaron: Rote Kühe sollen den Tempelberg zurückerobern. In: Die Welt, 5. August 2015.
Schabbat Para Unter dem „Schabbat der roten Kuh“ versteht man den Schabbat nach dem Purimfest. Er soll auf Pessach vorbereiten. Als Toralesung in der Synagoge ist vorgesehen, als Haftara wird gelesen. Dazu werden besondere Pijjutim gebetet. Damit wird an die Reinigung zu Tempelzeiten erinnert.
Aktuelle Diskussion Der Mainstream der Juden sieht den Opferkult als überholt an und betrachtet das heutige rabbinische Judentum als primär spirituell und nicht an ein physisches Heiligtum gebunden.Netanel Olhoeft: Nicht ohne den Messias. Warum der Dritte Tempel keinesfalls von Menschenhand erbaut werden kann. Jüdische Allgemeine, 8. August 2016, auf juedische-allgemeine.de .
Der Tempelaufbau und die Wiederaufnahme von Opferzeremonien sind ein Anliegen einiger orthodoxer und nationalistischer Gruppen, vor allem dem Temple Mount and Israel Faithful Movement () und dem von Rabbi Yisrael Ariel gegründete Tempel-Institut (). Letzteres plant die Aufzucht eines den Anforderungen entsprechenden Rindes, aus dem man die Asche einer roten Kuh herstellen will. Durch Reinigung könnte eine Gruppe der Kohanim ihre priesterliche Funktion auf dem Tempelberg ausführen. Eine Wiederaufnahme des Tempelbetriebes könnte jedoch zu politischen und religiösen Konflikten führen.
Literatur Yonatan Adler: The Site of the Burning of the Red Heifer on the Mount of Olives. In: Techumin. Band 22, 2002, , S. 537–542. Calum Carmichael: The Book of Numbers: A Critique of Genesis. Yale University Press, 2012, ISBN 978-0-300-17918-7, S. 106 f. (). Thomas Hieke: Die Unreinheit der Leiche nach der Tora. In: Tobias Nicklas u. a. (Hrsg.): The human body in death and resurrection (= Deuterocanonical and cognate literature yearbook. 2009). de Gruyter, Berlin 2009, ISBN 978-3-11-020880-1, S. 43–66, . Vered Noam: Die pharisäische Halacha im Licht vom 4QMMT. S. 61–87 In: Joseph Sievers, Amy-Jill Levine, Jens Schröter (Hrsg.): Die Pharisäer. Geschichte und Bedeutung. Herder, Freiburg / Basel / Wien 2024, ISBN 978-3-451-39459-1, S. 78–86.
Weblinks
Daniel Krochmalnik: Die rote Kuh auf hagalil.com vom 30. Juni 2011 Para Aduma – Die Rote Kuh. Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz auf ordonline.de vom März 2021 (Schabbat Schalom, MDR KULTUR, 1. Juli 2022) Salomon Almekias-Siegl: Ein Tier, das Reinheit schafft. Wir können die Mizwa der Roten Kuh nicht verstehen – aber ihre Bedeutung erahnen. In: Jüdische Allgemeine, 4. Juli 2025
Einzelnachweise
Kategorie:Halacha Kategorie:Jüdische Kultur Kategorie:Hausrind Kategorie:Wasser in der Religion Kategorie:Sakralgegenstand (Judentum) Kategorie:Reinigungsritual