mini|1920/21, Haus Lüdecke, Hellerau, Brunnenweg 18 mini|1921, Haus Du Chesne, Hellerau, Brunnenweg 20 mini|1924, Holzhaus Solveig in Hellerau, Moritzburger Weg 46 mini|1926, Badewirtschaft Prinz-Hermann-Bad in Lausa (heute: Waldbad Weixdorf) mini|1927, Hauptstraße, Berggießhübel, Westseite (im Bild links) mit den wiederaufgebauten Bürgerhäusern, Aufnahme von 1929 mini|1935, Haus Claarenbeek in Hellerau, Heideweg 28

Gustav Lüdecke (* 9. Januar 1890 in Erfurt; † 22. März 1976 in Wismar)Nils M. Schinker: Die Gartenstadt Hellerau 1909–1945. Stadtbaukunst. Kleinwohnungsbau. Sozial- und Bodenreform. Sandsteinverlag, Dresden 2013, ISBN 978-3-95498-066-6, S. 484. war ein deutscher Architekt. In den frühen Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts war er einer der erfolgreichsten Architekten in Hellerau. Seine Bauten sind prägend für die Erweiterung der Gartenstadt Hellerau in der Zwischenkriegszeit.

Leben und Wirken Gustav Lüdecke wurde in Erfurt als Sohn des Holzbildhauers Fritz Lüdecke geboren und verbrachte dort seine Kindheit und Jugend. Sein jüngerer Bruder war der Zeichner und Bildhauer Karl Lüdecke. Nach dem Abschluss der 2. Erfurter Bürgerschule (1896–1904) begann Lüdecke 1904 seine berufliche Laufbahn mit einer Lehre als Holzbildhauer in der Fabrik des Erfurter Kunstsalons und Ausstellungshauses der Möbelfabrik Ziegenhorn & Jucker, die er 1906 krankheitsbedingt abbrach. Begleitend zur Lehre besuchte er zunächst den Abendunterricht der Kunstgewerbeschule Erfurt, an der er von 1906 bis 1909 dann als ordentlicher Student lernte und die er mit dem „Kunsteinjährigen“ verließ.

Als angestellter Architekt arbeitete Lüdecke ab 1909 nacheinander in drei seinerzeit sehr angesehenen und erfolgreichen Architekturbüros: bei Schilling & Graebner in Dresden (1909–1911), bei Lossow & Kühne in Dresden (1911–1913) und auf Empfehlung bei Hermann Muthesius in Berlin (1913–1914). Für das Dresdner Architekturbüro Stephan & Möbius wurde er 1914 als selbständiger Architekt tätig. Parallel dazu hörte er Vorlesungen an der Technischen Hochschule Dresden, unter anderem bei Martin Dülfer.

Während des Ersten Weltkriegs diente Lüdecke als Artillerist in Frankreich, Rumänien, Russland und auf der Halbinsel Krim. Für seine militärischen Verdienste wurde er mit der königlich sächsischen Friedrich-August-Medaille und dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet. Für seine militärischen Verdienste wurde er mit der königlich sächsischen Friedrich-August-Medaille und dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet.

Nach Kriegsende kehrte Lüdecke 1918 nach Dresden zurück, ließ sich in Hellerau nieder und machte sich direkt selbständig. Er heiratete 1920 und bekam in den folgenden Jahren fünf Kinder. In Hellerau fand er Kontakt zu Heinrich Tessenow, dem er zeitlebens verbunden blieb. 1921 bezog Lüdecke mit seiner Familie das eigene von ihm geplante Haus am Brunnenweg in Hellerau. Er wurde Vertreter der Arbeitsgemeinschaft für Lebens- und Wirtschaftsreform im Gemeinderat Hellerau.

1922 übernahm Gustav Lüdecke die Bauleitung für das von Heinrich Tessenow entworfene Projekt einer Einfamilienhausgruppe in Hellerau am Moritzburger Weg, im Volksmund „D-Zug“ genannt.

Auf Empfehlung von Hans Poelzig und von Heinrich Tessenow konnte Lüdecke auf der Jahresschau Deutscher Arbeit 1925 in Dresden insgesamt vier Bauprojekte präsentieren. Er machte die Bekanntschaft des russischen Konstruktivisten El Lissitzky und dessen Frau Sophie Lissitzky-Küppers. Lissitzky zeigte sich äußerst beeindruckt von Lüdeckes Projekt „Kopfarbeiterhaus“. Ebenfalls 1925 wurde Lüdecke, wieder auf Empfehlung von Heinrich Tessenow, in den Bund Deutscher Architekten (BDA) berufen.

Im Jahr 1927 betätigte sich Lüdecke als Winterlehrer an der Braunschweigschen Landesbaugewerkschule Holzminden. Die Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen (RFG) erteilte ihm in den Jahren von 1928 bis 1930 verschiedene Forschungsaufträge. Auf der Internationalen Hygieneausstellung Dresden 1930 stellte Lüdecke sein Projekt „Haus Südbelichtung“ aus.

Infolge der Berufung für eine Lehrtätigkeit als künstlerischer Leiter der Schlosserabteilung an der Kunstgewerbeschule Erfurt verlegte Lüdecke 1932 seinen Lebensmittelpunkt wieder in seine Heimatstadt Erfurt.Der Baumeister, August 1938, Beilage, Heft 8, B92. Diese Lehrtätigkeit übte er bis 1934 aus. 1933 wurde er Mitglied der Freien Deutschen Akademie für Städtebau und des Kampfbundes für deutsche Kultur. Der BDA wurde 1934 in die Abteilung für Baukunst der Reichskammer der bildenden Künste integriert. Dies verschaffte ihm die gesetzliche Legitimation, seine Tätigkeit als selbstständiger Architekt in Erfurt fortzuführen, die sich über das Ende des Zweiten Weltkriegs hinaus bis 1950 erstreckte. Am 25. Juni 1937 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 4.779.397).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/26651054 Sein Büro befand sich an der Friedrichstraße 13/III (heute Straße des Friedens).Ostdeutsche Bau-Zeitung Breslau, vereinigt mit Deutsche Baugewerbe-Zeitung Leipzig, 35. Jg., 24. Juni 1937, Nr. 25, S. 216.

Nach der Scheidung seiner ersten Ehe heiratete Lüdecke 1937 erneut, aus dieser zweiten Ehe gingen vier weitere Kinder hervor. Im Jahr 1940 zog die Familie aufgrund eines Projekts für ein halbes Jahr nach Leutenberg. Von 1941 bis 1942 übernahm Lüdecke die Bauleitung für zwei DAF-Lager (Deutsche Arbeitsfront) für ausländische Arbeiter in Suhl und in Eisenach.

Nach Kriegsende war Lüdecke 1945–1946 als freier Mitarbeiter im Planungsverband der Hochschule für Baukunst und Bildende Künste Weimar bei Toni Miller tätig. Er erarbeitete Entwürfe und Ideen für die Mappe „Grundlage für das ländliche Bauen“. In dieser Zeit wurde er auch Mitglied der KPD und später auch der SED.

In den folgenden Jahren war Lüdecke weiterhin als selbstständiger Architekt tätig. Von 1949 bis 1950 arbeitete er zunächst für das Hochbauamt und die Zweigstelle des Landesprojektierungsbüros in Erfurt. Anschließend wurde er von Hanns Hopp an das Institut für Städtebau und Hochbau des Ministeriums für Aufbau nach Berlin geholt, wo er unter anderem zusammen mit Otto Englberger und Heinz Präßler an der Entwicklung von Typengrundrissen für den zukünftigen Wohnungsbau der Jahre 1951–1953 mitwirkte. Ab 1951 war Lüdecke dann für das Institut für Hoch- und Industriebau an der Deutschen Bauakademie tätig, erneut unter der Leitung von Hopp.

Von 1952 bis 1953 leitete Lüdecke die Abteilung Aufbau beim Rat der Stadt und des Kreises Wismar, wohin er mit seiner Familie den Lebensmittelpunkt verlegte. Anschließend war er von 1953 bis 1960 als Oberreferent beim Rat des Bezirks in der Abteilung Aufbau, im Referat für Stadt- und Dorfplanung, tätig. Zusätzlich übernahm er 1953 bis 1954 kommissarisch das Amt des Hauptarchitekten der Stadt Rostock.

Nach seiner Pensionierung war Lüdecke von 1960 bis 1965 ehrenamtlich als Vertrauensmann für Denkmalpflege beim Rat der Stadt Wismar tätig. 1974 wurde ihm die Schinkelmedaille des BDA der DDR verliehen.

Gartenstadterweiterung Hellerau In den frühen Jahren seines Wirkens in Hellerau, bis etwa 1924, widmete sich Lüdecke individuellen Bauten für Selbstversorger, die teilweise von gesellschaftsutopischen Grundsätzen geprägt waren. Diese Bestrebungen waren durchaus zeitgemäß: Der Diskurs der Nachkriegsjahre war in vielen Teilen Deutschlands – insbesondere im intellektuellen Klima Helleraus – von vielfältigen lebensreformerischen Ideen geprägt. Denken und Handeln waren geprägt von der Suche nach einem Leben in praktisch-schaffender Zurückgezogenheit und Selbstversorgung sowie von einer Rückbesinnung auf das Handwerk und die Kleinstadt.

Die Idee der Selbstversorgung durch Siedlergärten spielte eine zentrale Rolle in der Entwicklung der Gartenstadt nach dem Ersten Weltkrieg. Mit Johannes Schomerus, der als Geschäftsführer des Landesverbandes Sachsen für Obst- und Weinanbau sowie als Sächsischer Landwirtschaftsrat tätig war, residierte ab 1920 ein engagierter Verfechter sowohl der Ertragssteigerung intensiv genutzter Gärten als auch des professionellen Obstanbaus zur Selbstversorgung in Hellerau. Er wohnte im ersten Neubau der Lehr- und Mustersiedlung in Hellerau, Am Talkenberg 20, und bewirtschaftete die angrenzende Anbaufläche von etwa 6.000 m² für den Anbau von Obst und Gemüse. Seine Erfahrungen und Überlegungen zum biologisch-dynamischen Gartenbau publizierte er in der seit 1918 halbmonatlich in Dresden erscheinenden Zeitschrift Der Siedler. Diese Zeitschrift avancierte zu einer Art Sprachrohr für die Siedlungsbewegung.

In engem Austausch mit Schomerus und zudem mit einer Gärtnerin verheiratet, machte Lüdecke die Idee des intensiv bewirtschafteten Siedlernutzgartens zur Selbstversorgung zu einem Grundprinzip seiner frühen Planungen in Hellerau. Seine Siedlungshäuser südwestlich des Moritzburger Weges wurden als Einzel- oder Gruppenbauten konzipiert und auf großflächigen, nebeneinanderliegenden Parzellen errichtet. Dieser Typus einer Streusiedlung wies selbstverständlich keinen unmittelbar erkenntlichen städtebaulichen Zusammenhang auf wie die älteren Siedlungsbereiche aus der Anfangszeit der Gartenstadt. Die Grundlage für diese Planung bildete der auf Beschluss der Gartenstadt Hellerau G.m.b.H. erfolgte Verkauf von 115.000 m² bis dahin unbebauten Landes westlich des Moritzburger Weges an eine Gemeinschaft von 40 Siedlern. Entgegen der für Hellerau bisher üblichen Parzellengrößen wurden Grundstücke von mind. 1.000 m² Fläche abgesteckt, der idealen Größe zur Nutzung als Selbstversorgergarten.

Lüdeckes Reformstreben äußerte sich auch in seiner Mitwirkung in der Hellerauer Arbeitsgemeinschaft für Wirtschaftsreform. Diese bemühte sich in den Nachkriegsjahren, die Anregungen der Bodenreform parteiübergreifend auch in alltäglichen Lebensbereichen fortzuführen. Unter der Leitung von Gustav Lehmann, dem Direktor der Kunstwart-Hausrat-Gesellschaft, versammelte sie ein breites Spektrum an Protagonisten, u. a. den völkischen Schriftsteller Bruno Tanzmann, den Ingenieur Emil Ferchland und den Lehrer Curt Thomas.

In einer späteren Phase ab 1924 setzte sich Lüdecke dann intensiv mit der Projektierung von Wohnhaustypen für Siedler auseinander. Diese Typen waren bestimmt von Typisierung und industriellen Bauweisen. Lüdecke verfolgte dabei zwei Stränge: Einerseits setzt er sich mit dem Neuen Bauen auseinander, andererseits mit großer Selbstverständlichkeit aber auch mit der Weiterentwicklung traditionalistischer Bauformen. Diese Parallelität von Moderne und Reform im Œuvre eines Architekten war zu dieser Zeit durchaus üblich. Das radikal moderne „Kopfarbeiterhaus“ und das „Handarbeiterhaus“ mit Heimatschutz-Motivik mögen Antipoden darstellen, für Lüdecke stellten sie beide gleichberechtigte Ansätze auf der Suche nach einer Erneuerung des Wohnens und Zusammenlebens dar, einer Lebensreform.

Theoretisch untermauerte Lüdecke die lebensreformerischen Aspekte seine Hellerauer Projekte durch deren Publikation in Schomerus’ Zeitschrift Der Siedler.

Insbesondere Lüdeckes Absicht, seine modernen Typenhäuser aus der Ausstellung „Siedlung und Wohnen“ von 1925 in Hellerau zu realisieren, stieß bei der Gartenstadt Hellerau G.m.b.H. auf Ablehnung. Trotz Empfehlung der Bauberatung des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz, einen Bereich der Gartenstadt für eine einheitliche Bebauung in moderner Bauform auszuweisen, hielt man doktrinär an der traditionalistischen Bauweise fest. So sind die tatsächlich von Lüdecke in Hellerau realisierten Projekte auch allesamt traditionalistisch geprägt. Seine Bauten changieren allesamt in der Rezeption und Neuinterpretation von Goethes Gartenhaus in Weimar, wie sie auch von Tessenow und anderen Architekten in Hellerau zu dieser Zeit ausgeführt wurden.

Wiederaufbau im östlichen Erzgebirge