Beim Massaker von Zahedan am 30. September 2022, auch Blutiger Freitag oder Schwarzer Freitag genannt, töteten Polizeikräfte, Basidsch-Milizen und Iranische Revolutionsgarden (IRGC) in der iranischen Großstadt Zahedan mit Schusswaffen teils gezielt, teils wahllos eine große Zahl unbewaffneter Zivilisten, darunter Teilnehmer des wöchentlichen Freitagsgebets, Demonstranten und unbeteiligte Passanten. Mindestens 120 Getötete wurden zuverlässig identifiziert; die genaue Opferzahl ist unbekannt.94 Namen sind hier dokumentiert: Bloody Friday in Zahedan. Appendix II – The List of the Dead. Iranhrdc, 19. Oktober 2022. – Weitere Belege dokumentieren insgesamt 120 Namen, siehe Todesopfer der Proteste im Iran ab September 2022#Gesamtzahlen. Damit war diese Massentötung das mit Abstand blutigste Einzelereignis der Proteste im Iran seit September 2022. Dabei verfolgten die Täter das Ziel, die Proteste mit allen Mitteln gewaltsam zu unterdrücken. Diese haben in Zahedan durch historische, lokale und regionale Umstände ein besonderes Ausmaß angenommen.
Vorgeschichte Unterdrückung der Belutschen Zahedan ist die Hauptstadt der Provinz Sistan und Belutschistan im Südosten Irans. Die Region gehört zu den ärmsten des Landes und ist von häufigen Konflikten der Bevölkerung mit den Staatsbehörden und ihren bewaffneten Kräften geprägt.Iranians mark ‘Bloody Friday’ as thousands protest in southeast flashpoint. Reuters / CNN, 12. November 2022 Während die meisten Iraner zur Glaubensrichtung der Schia gehören, sind die meisten Einwohner Belutschistans Sunniten. Die Belutschen beklagen seit Jahrzehnten Unterdrückung und Vernachlässigung durch die Zentralregierung in Teheran.Ulrich von Schwerin: Der „blutige Freitag“ in Zahedan zeigt die Brutalität des iranischen Regimes. Neue Zürcher Zeitung (NZZ), 11. Oktober 2022
Am 31. Januar 1994 hatte das schiitische Regime die sunnitische Shaikh-Fayz-Moschee in Maschhad zerstören lassen. Dagegen protestierten viele Sunniten der Provinz, so auch am 1. Februar 1994 an der großen Makki-Moschee in Zahedan. Dort griffen Regimekräfte sie mit Schusswaffen an, töteten Dutzende und verletzten viele weitere. Dieses Ereignis war Ausgangspunkt für jahrelange Aufstandsversuche radikaler Sunniten Belutschistans gegen Irans Zentralregierung.Hoshang Noraiee: Religion, Politics and Ethnicity in Iran: Investigating the Case of the Sunni Deobandis. Europa Edizioni, 2022, ISBN 9791220129015, S. 58 Im Februar 2021 kam es zu Unruhen in der Provinz, nachdem IRGC an der Staatsgrenze zu Afghanistan und Pakistan einige Belutschen als mutmaßliche Benzinschmuggler erschossen hatten.Ulrich von Schwerin: Der „blutige Freitag“ in Zahedan zeigt die Brutalität des iranischen Regimes. Neue Zürcher Zeitung (NZZ), 11. Oktober 2022 In Zahedan wird das Massaker vom 30. September 2022 als Erinnerung an das Massaker von 1994 und als Teil der unveränderten, jahrzehntelangen Unterdrückung der sunnitischen Belutschen Irans betrachtet.‘Bloody Friday’ highlights the plight of the Baloch in Iran. Middle East Monitor, 1. November 2022
Tötung von Jina Mahsa Amini Am 16. September 2022 wurde der gewaltsame Tod von Jina Mahsa Amini im Iran bekannt. Die iranische Religionspolizei hatte die 22-jährige Kurdin bei einem Besuch Teherans wegen eines angeblichen Verstoßes gegen das Hidschab-Gesetz festgenommen und wahrscheinlich in der Haft schwer misshandelt, so dass sie nach drei Tagen im Koma starb. Von da an erfolgten in vielen Städten des Iran unter der Hauptparole Frau, Leben, Freiheit starke anhaltende Massenproteste gegen das Regime. Aminis Tod führte zu einer landesweiten Solidarisierung von meist jüngeren Iranerinnen und Iranern mit den ethnischen Minderheiten der Kurden und Belutschen, die das Regime seit Jahrzehnten ebenso brutal unterdrückt wie die iranischen Frauen.
Irans Staatsregierung ging gewaltsam gegen die Proteste vor, besonders in Belutschistan und Kurdistan, von wo sie ausgegangen waren. Am 21. September 2022 erließ Irans militärischer Oberbefehlshaber einen Befehl an alle Polizeikommandeure, die „Unruhestifter und Gegenrevolutionäre“ seien „streng zu konfrontieren“. Das Dokument wurde geleakt und von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) veröffentlicht.Babak Dehghanpisheh: ‘Bloody Friday’: Witnesses describe the deadliest crackdown in Iran protests. The Washington Post, 14. Oktober 2022
Am 21. September 2022 wurde auch in Zahedan erstmals gegen die Tötung von Jina Mahsa Amini demonstriert. Das regionale Büro des staatlichen Geheimdienstes (“MOI”) ließ mehrere Teilnehmer festnehmen, darunter zwei minderjährige Frauen. Die Provinzregierung organisierte am 23. September eine Gegenkundgebung.Bloody Friday in Zahedan I. The Early Protests in September 2022. Iranhrdc, 19. Oktober 2022
Vergewaltigung einer jungen Belutschin Anfang September 2022 hatte Ebrahim Kouchakzaei, der Polizeichef der Hafenstadt Tschahbahar im Südosten Belutschistans, ein 15-jähriges Mädchen für ein angebliches Verhör auf seine Polizeistation mitgenommen und dort vergewaltigt. Nur lokale Medien berichteten darüber, die iranischen Staatsmedien verschwiegen den Fall. Abdul-Ghaffar Naghshbandi, ein in der Region bekannter Freitagsimam der nahegelegenen Stadt Rask, sprach daraufhin persönlich mit dem Opfer und dessen Familie. Am 27. September 2022 bestätigte er die Vergewaltigung auf Instagram und forderte, die Tat vollständig aufzuklären und den Täter umgehend angemessen zu bestrafen.15-Jährige von Polizeichef vergewaltigt. Iranjournal, 28. September 2022 Es sei die Pflicht seines Glaubens und seines Gewissens, das tödliche Schweigen zu brechen.Friday Imam Confirms Rape of a 15-Year-Old Girl by Police Chief. IranWire, 27. September 2022 Er bezeichnete den Polizeichef als „korrupten Kriminellen“, der eine „schändliche Tat“ begangen habe. Dies wurde umso mehr beachtet, weil Staatschef Ayatollah Ali Chamenei die Freitagsimame im Iran persönlich einsetzt.
Lokale Medien berichteten über das Verbrechen des Polizeichefs; dieser sei auf Kaution freigelassen und nach Teheran überstellt worden. Die Berichte lösten erhebliche Unruhe in der Provinz aus. In Tschahabar kam es zu ersten Protesten. Imam Naghshbandis öffentlicher Vergewaltigungsvorwurf verbreitete sich rasch bis in die rund 170 km entfernte Provinzhauptstadt Zahedan.Michael Scollon: Iran's Baluchistan Under Lockdown, Blackout In Wake Of 'Bloody Friday'. Radio Farga / Radio Liberty, 14. Oktober 2022 Darauf reagierte Molavi Abdolhamid Ismailzahi, der führende Imam der Sunniten in der Provinz und Freitagsimam von Zahedan, am selben Tag mit einer Selbstkritik: Das bisherige Schweigen der Geistlichen sei angesichts der Proteste zu hinterfragen, „damit die Wahrheit ans Licht kommt und wir keinen Fehler machen“. Zugleich soll er jedoch die Regimekräfte aufgefordert haben, die Proteste niederzuschlagen.Several Killed As Police Shoots Protesters In Southeastern Iran. Iran International, 30. September 2022
Nach lokalen Berichten versuchten Staatsbeamte die Familie des vergewaltigten Mädchens zu nötigen, ihre Strafanzeige gegen den Polizeichef zurückzuziehen, und forderten von Naghshbandis Vater, sein Sohn müsse seine Aussagen zurückziehen. Aufgebrachte Protestierende setzten deswegen am 27. September 2022 ein Regierungsgebäude in Tschabahar in Brand. Auf im Internet verbreiteten Videos davon waren Parolen gegen die Vergewaltigungstat und Mahsa Aminis mutmaßliche Ermordung zu hören. Lokale Aktivisten forderten die Bewohner Belutschistans auf, am 30. September 2022 gegen beide Verbrechen zu demonstrieren.Mindestens 19 Tote in Zahedan. Iranjournal, 1. Oktober 2022
Verlauf An der Great Mosalla Am 30. September 2022 ab etwa 12:00 Uhr bezogen nach Zeugenaussagen zwei Gruppen von schwarz gekleideten Scharfschützen der IRGC Stellung auf den etwa 400 Meter entfernten Hügeln um den Gebetsplatz Great Mosalla in Zahedan.Bloody Friday in Zahedan IIB: Massacre in the Great Mosalla. Iranhrdc, 19. Oktober 2022 Nach dem Zeugenbericht des sunnitischen Imams Mawlana Abdolhamid Ismailzahi, der das Freitagsgebet leitete, zogen Scharfschützen in Zivilkleidung auch auf den umliegenden Hausdächern auf.
Der überdachte Gebetsplatz Great Mosalla liegt an der Razi-Straße rund 800 Meter von der großen sunnitischen Makki-Moschee entfernt. Ab dem Gebetsruf um 11:17 Uhr begann der rund einstündige Gottesdienst auf dem Platz, gefolgt vom üblichen Gebet für die Verstorbenen. Um etwa 12:20 Uhr verließen die ersten Beter den Platz, während andere blieben. Laut Augenzeugen war die Stimmung ruhig, es gab keinen Protestaufruf.Bloody Friday in Zahedan IIA: Friday Prayer in the Great Mosalla. Iranhrdc, 19. Oktober 2022 In seiner Freitagspredigt forderte Abdolhamid Ismailzahi „ernsthafte Maßnahmen“ zur Aufklärung des Vergewaltigungsvorwurfs. Ab etwa 12:20 Uhr versammelte sich spontan eine kleine Gruppe vor einer Polizeistation gegenüber der Mosalla zum Protest gegen die Tötung von Jina Mahsa Amini und die Vergewaltigung des Mädchens in Tschahbahar. Wie viele Videos und Zeugenaussagen belegen, war die Menge unbewaffnet und nicht gewalttätig. Sie riefen „Gott ist groß“ und Protestparolen, etwa „Tod dem Diktator“ und „Der Vergewaltiger muss bestraft werden“.
Ab etwa 12:30 Uhr begannen Regimekräfte vom Dach der Polizeistation aus unvermittelt in die Menge zu schießen. Daraufhin warfen Einzelne ein paar Steine in Richtung der Polizeistation; andere hämmerten gegen deren Tor und versuchten, es aufzubrechen. Darauf verstärkte die Polizei ihre Salven in die Menge. Zudem schossen die Scharfschützen von umliegenden Hausdächern aus anhaltend auf die Anwesenden. Panik brach aus; viele flohen oder suchten Deckung. Dabei schossen die Täter gezielt auf die Flüchtenden und trafen viele direkt in Rücken, Nacken, Kopf oder Herz.
Mehreren Videos zufolge begann die Polizei noch während des Gebets mit scharfer Munition und Tränengasgranaten auf die versammelten Beter zu schießen. Sie feuerten diese in die Great Mosalla hinein, besonders in den Bereich der betenden Frauen. Viele Beter flohen daraufhin auf den Vorplatz und wurden dort von den Scharfschützen gezielt beschossen. Weitere Videos zeigen, dass die Regimekräfte die vor der Polizeistation versammelte Menge auch von Hubschraubern aus beschossen. Die Schüsse auf fliehende Beter dauerten nach Videos, die AI und die Baluch Activists Campaign (BAC) auswerteten, bis in die Nacht hinein an.
Am 1. Oktober 2022 bestätigte der Sunnitenführer Abdolhamid Ismailzahi den direkten Beschuss von Betern in oder an der Mosalla. Regimekräfte auf Hausdächern hätten gezielt auf Brust und Kopf der Menschen geschossen. Nur einige Jugendliche hätten Steine geworfen, die meisten Opfer seien unbeteiligte Gläubige gewesen. Er forderte eine umfassende Aufklärung, wie das Blutbad zustande gekommen war. Am 6. Oktober 2022 bestätigte AI nach Auswertung zahlreicher Belege, dass Regimekräfte das Massaker während des Freitagsgebets in der Great Mosalla begonnen und gezielt vom Dach der Polizeistation und umliegenden Hausdächern auf die Menge geschossen hatten. Die meisten Opfer wurden gezielt in Kopf, Herz und Brust getroffen, viele in den Hinterkopf, Nacken oder Rücken, also beim Rückzug von der Polizeistation. Dies beweist laut AI die Absicht der Täter, Menschen zu töten oder schwer zu verletzen. AI führte dieses Vorgehen auf die seit 21. September geplante und befohlene Eskalation der Staatsgewalt gegen die Proteste zurück.Iran: At least 82 Baluchi protesters and bystanders killed in bloody crackdown. Amnesty International, 6. Oktober 2022 Augenzeugen bekräftigten gegen die staatlichen Angaben: Regimekräfte hätten wahllos in die Menge geschossen, und Scharfschützen auf umliegenden Dächern hätten bewusst auf Kopf und Brust von Menschen gezielt. Das Regime habe auch Drohnen und Helikopter gegen die Demonstranten in der Stadt eingesetzt.