Castel Valer ist eine Höhenburg im Nonstal im Trentino, Italien. Die in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstandene Burg wurde im 15. Jahrhundert von zwei Linien der Familie Spaur aufgeteilt und schrittweise in zwei eigenständige Schlösser verwandelt. Der mittelalterliche achteckige Bergfried gilt als eines der letzten architektonischen Beispiele der Stauferherrschaft in Italien.
Lage Die Burg liegt auf der orographisch rechten Seite des Flusses Noce in der Gemeinde Ville d’Anaunia. Sie wurde auf einer kleinen hohen Anhöhe südwestlich der Fraktion Tassullo errichtet.
Der Burghügel wird an seiner Nordseite vom Burggraben, genannt Fosso del Laghet, von den angrenzenden Obstplantagen abgegrenzt. An seiner Ostseite läuft der Hügel seicht in Richtung des Ortsteiles Campo aus. An der Südseite fällt er dagegen steil in die vom Bach Paglia ausgewaschene Schlucht ab.Walter Landi: I primordi di Castel Valer. Spunti documentari e note storico-architettoniche per una fondazione del complesso castellare nel terzo quarto dell XIII secolo. S. 63. Der Südhang wurde in der Vergangenheit bei Hochwasser immer wieder ausgespült und kam mehrfach ins Rutschen, wobei Teile der Burg einstürzten.Andrea Fuganti: Studio geologico del fenomeno franoso interessante il terreno di fondazione di Castel Valer. S. 87.
Ersterwähnung Die Burg wurde erstmals 1297 als Castrum Valèr urkundlich erwähnt. Carl Ausserer gibt stattdessen das Jahr 1211 an,Carl Ausserer: Der Adel des Nonsberges: Sein Verhältnis zu den Bischöfen und zu den Landesfürsten, seine Schlösser, Burgen und Edelsitze, seine Organisation, Freiheiten und Rechte. Die „Nobili rurali“. S. 123. das später von anderen Autoren, wie Aldo Gorfer, übernommen wurde.Aldo Gorfer: I Castelli del Trentino. S. 666. Nach Ausserer soll der Name in einem 1237 datierten Dokument zum zweiten Mal auftauchen. Er basiert seine Aussage auf ein Schriftstück, in dem Graf Egno II. von Eppan „Valer“ an Berthold von Cloz übergibt. Daraus wurde in der Vergangenheit der Schluss gezogen, dass die Burg von den Grafen von Eppan errichtet wurde. Beide Angaben basieren allerdings auf Fehlinterpretationen der zur Rate gezogenen Quellen.Walter Landi: I primordi di Castel Valer. Spunti documentari e note storico-architettoniche per una fondazione del complesso castellare nel terzo quarto dell XIII secolo. S. 64–65.
Nach der Ersterwähnung in einem Geschäftsvertrag, abgeschlossen zwischen Adelpret von Metz und Heinrich II. von Schenna am 23. Februar 1297, wurde Castel Valer das zweite Mal in einer mit Juni 1301 datierten Urkunde erwähnt. Aus der Urkunde geht hervor, dass die Burg sich im Besitz von Ulrich I. von Coreth befand. Sechs Monate später wurde auf Castel Valer am 29. Dezember 1301 ein Friedensvertrag zwischen den Söhnen von Meinhard II. von Tirol und den Städten Mantua und Verona unterzeichnet. Der Vertrag beendete den Krieg zwischen dem Tiroler Grafen und dem Fürstbischof von Trient, der von den beiden Städte unterstützt worden war. Mit dem im Januar 1302 ratifizierten Vertrag erhielt der Fürstbischof die Herrschaft über den Großteil des Nons- und Sulzbergs zurück. Zu den der Grafschaft Tirol zugesprochenen Besitztümern gehörte auch Castel Valer, das von da an unter dem Einfluss der Grafen von Tirol stand.Walter Landi: I primordi di Castel Valer. Spunti documentari e note storico-architettoniche per una fondazione del complesso castellare nel terzo quarto dell XIII secolo. S. 65.
Etymologie Die Herkunft und Bedeutung des Namens Valer wurde in der Vergangenheit unterschiedlich gedeutet. Einige Historiker, wie Vigilio Inama, leiteten ihn von dem römischen Gentilnamen Valèria ab. Damit wurde unterstellt, dass die Entstehungszeit des Baus bis in die Antike zurückreicht. Nach Jacopo Antonio Maffei und Agostino Perini lehnt sich der Name der Burg an das Patrozinium der Burgkapelle an, die dem heiligen Valerius von Trier geweiht ist. Ihrer Ansicht nach, bestand eine Kapelle bereits bevor die Burg errichtet wurde. Für die These spricht, dass der Burghügel bereits in der Römerzeit und im Frühmittelalter begangen wurde, wie archäologische Funde unterlegen. Nachgewiesen ist auch, dass die 1473 geweihte Burgkapelle einen Vorgängerbau ersetzte, der 1368 urkundlich erwähnt wurde.Walter Landi: I primordi di Castel Valer. Spunti documentari e note storico-architettoniche per una fondazione del complesso castellare nel terzo quarto dell XIII secolo. S. 64. Nach einer unbelegten Angabe bei Simone Weber wurde die Kapelle 1208 und damit vor dem Bau der Burg erwähnt.Simone Weber: Le chiese della Valle di Non nella storia e nell’arte. 2: I decanati di Cles e di Fondo. S. 52.
Zur Wahl des Namens trugen nach Walter Landi aber sicher auch kulturelle Einflüsse der mittelalterlichen Höfischen Gesellschaft und insbesondere des Rittertums bei. So beschwört der Name Valer Konzepte einer Ständeordnung, die im Sinne von wert sein, tüchtig (ital. valente) und wacker (ital. valoroso) im zeitgenössischen Adel tief verwurzelt waren. Der Name Valer kann daher als Ergebnis der mittelalterlichen Kultur angesehen werden, der außerdem auf einer lokalen Toponomastik mit religiösem Hintergrund ruht.
Geschichte Die Entstehungszeit von Castel Valer kann wegen fehlender eindeutiger schriftlicher Dokumente indirekt über Baumerkmale festgelegt werden. Anhand der am Bergfried und an den Wehrmauern verbauten Buckelquader, kann die Burg nicht vor dem 13. Jahrhundert errichtet worden sein. Sie ähneln in ihrer Größe und Verarbeitung denen, die im erstmals 1291 urkundlich erwähnten Castel Belasi bei Campodenno vorzufinden sind.Walter Landi: I primordi di Castel Valer. Spunti documentari e note storico-architettoniche per una fondazione del complesso castellare nel terzo quarto dell XIII secolo. S. 65–66.
Auf eine Grundsteinlegung in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts weisen auch einige schriftliche Indizien hin. Aus Dokumenten geht hervor, dass der Bau im engen Zusammenhang mit der Expansion der Grafen von Flavon in der Pieve von Tassullo steht. Nach dem Tod des letzten Grafen von Ulten, fiel dessen Besitz nach 1253 an die Grafen von Flavon.Walter Landi: I primordi di Castel Valer. Spunti documentari e note storico-architettoniche per una fondazione del complesso castellare nel terzo quarto dell XIII secolo. S. 72. Da der Bau nicht vom Fürstbischof von Trient genehmigt wurde, worauf das Fehlen entsprechender Schriftstücke hinweist, kann nach Landi davon ausgegangen werden, dass mit dem Bau von Castel Valer 1266 durch die Brüder Riprand und Nikolaus II. von Flavon begonnen wurde, als Trient unter der Kontrolle von Meinhard II. stand und die Flavon dies ausnutzten. 1283 nahm der Einfluss der Flavon langsam ab. An ihrer Stelle traten nun schrittweise die Meinhardiner. 1297 befand sich die Burg nachweislich im Besitz von Heinrich II. von Schenna. Letzterer war nicht nur der Sohn von Bona von Flavon, die Schwester von Riprand und Nikolaus II, sondern auch ein Vasall der Grafen von Tirol. 1301 gelangte sie mit der Übergabe an Ulrich II. von Coreth vollständig unter den Einflussbereich der Tiroler Grafen. Castel Valer verblieb bis Ende der 1340er Jahre im Besitz der Coreth.Walter Landi et al.: Castel Valèr. S. 243.
Anschließend fiel die Burg für einige Jahre an Konrad von Teck, bis sie 1354 zusammen mit anderen Burgen an Ludwig den Brandenburger, Ehemann von Margarete von Tirol, verkauft wurde.Walter Landi et al.: Castel Valèr. S. 243–244. Um die Kaufsumme von 5000 Veroneser Mark aufzubringen, lieh sich der Brandenburger bei Heinrich von Bopfingen Geld. Als Pfandlehen erhielt Heinrich Castel Valer, auf der er womöglich einige Zeit residierte. Nach dem Tod von Ludwig 1362 fiel Heinrich von Bopfingen in Ungnade und verlor aller seiner Ämter und Besitztümer. Im Jahr darauf fiel Castel Valer nach dem Tod von Meinhard III. mit seinem gesamten Besitz an das Haus Habsburg. 1368 wurde es Herzog Leopold III. als Pfandlehen an die Herren von Greifenstein übergeben. Wenige Monate vor seinem Tod in der Schlacht bei Sempach am 9. Juli 1386 übertrug Friedrich IV. von Greifenstein im Einvernehmen mit Leopold III. das Pfandlehen für 2400 Gulden an Warimbert III. von Thun. 1427 gelangte Castel Valer als Pfandlehen in den Besitz der Brüder Johann (Hans) und Georg von Spaur.Walter Landi et al.: Castel Valèr. S. 244. Ersterer war Stammvater der auf der Oberburg residierenden Ober-Valer, während sein Bruder Georg auf der Unterburg die Linie der Unter-Valer gründete.Alessandro Battisti, Andrea Biasi: Castel Valer e le sue stufe. S. 66–67. Castel Valer verblieb nun für über 400 Jahre zwischen beiden Familienzweigen der Spaur aufgeteilt. Nach dem Tod von Wilhelm von Spaur aus der Linie der Unter-Valer 1865, kehrte die Unterburg in den Besitz der Flavon zurück, die sie allerdings verfallen ließen.Roberto Pancheri: “Nelle logge aperte o all’ombra delle muraglie ederate.” La rinascita di Castel Valer dopo il 1895. S. 184. 1895 kaufte Graf Julius von Spaur, Herr auf Ober-Valer, die Unterburg auf und vereinte den Besitz.Alessandro Battisti, Andrea Biasi: Castel Valer e le sue stufe. S. 89.
Baugeschichte Baugeschichtlich lässt sich die Errichtung von Castel Valer in mehrere zeitlich differenzierte Bauperioden aufteilen. In einer ersten Phase in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstand der achteckige Bergfried, auch wenn er damals noch nicht seine endgültige Höhe erreichte. Zugleich wurde um den Bergfried eine Ringmauer errichtet sowie an der Ostseite ein zweistöckiger Bau, der als Randhaus in die Wehrmauer integriert wurde. Die ältesten Burgteile umschließen aktuell eine Fläche von 1180 m², wobei der ursprüngliche Grundriss im Süden und Südosten der Anlage unsicher ist.Walter Landi et al.: Castel Valèr. S. 246–247.
In einer zweiten Bauphase zu Beginn des 14. Jahrhunderts wurde der Burgmauer eine zweite Wehrmauer vorgesetzt. Die Erweiterung im 14. Jahrhundert scheint mit den von Ulrich I. von Coreth erwähnten Arbeiten übereinzustimmen.Walter Landi et al.: Castel Valèr. S. 248.
Nach der Inbesitznahme durch die Spaur 1427 wurde Castel Valer in der Mitte des 15. Jahrhunderts nochmals umgebaut und erweitert. Dabei wurde der Bergfried um zwei auf insgesamt acht Stockwerke aufgestockt. Entlang der Wehrmauer entstanden im Stil der Renaissance die Gebäude, die als Oberburg oder Oberschloss bezeichnet werden. Zugleich wurde in dieser Bauperiode die erste im 13. Jahrhundert errichtete Ringmauer erhöht und ihre Zinnen zugemauert. 1473 wurde die von Roland Spaur in Auftrag gegebene Burgkapelle geweiht.Walter Landi et al.: Castel Valèr. S. 248–249.
In den folgenden Jahrhunderten wurden weitere bauliche Veränderungen vorgenommen, wie der Bau der Loggia im Bereich des Innenhofs, der Ravelin und die steinerne Zugangsbrücke, die die Zugbrücke ersetzte.Walter Landi et al.: Castel Valèr. S. 249. 1706 wurde der Burgberg an seiner Südseite durch den Hochwasser führenden Rio Paglia so stark unterspült, dass er zum Teil abrutschte und in der Folge Teile des Oberschlosses einstürzten. Noch während des 18. Jahrhunderts wurden die Schäden am Oberschloss ausgebessert. Dabei wurden weitere bauliche Veränderungen vorgenommen und beispielsweise im zweiten Stock Wohnräume eingerichtet.Alessandro Battisti, Andrea Biasi: Castel Valer e le sue stufe. S. 27.