mini|The Age of Innocence, Charakterstudie von Joshua Reynolds (entweder 1785 oder 1788 fertiggestellt), als vermeintliche Inspiration für den Titel von Whartons Roman

Zeit der Unschuld (Originaltitel The Age of Innocence) ist ein Roman der US-amerikanischen Autorin Edith Wharton. Er wurde erstmals im Jahr 1920 in der Zeitschrift Pictorial Review in vier Teilen veröffentlicht. Noch im selben Jahr gab D. Appleton & Company den Roman als Buch heraus. Im Jahr 1921 wurde der Roman mit dem 1918 erstmals vergebenen Pulitzer Prize for the Novel ausgezeichnet und Wharton wurde damit zum ersten weiblichen Preisträger.Nelson, Randy F, The Almanac of American Letters, Los Altos, California: William Kaufmann, 1981, S. 9.

Erst 1939 erschien eine deutsche Übersetzung des Romans mit dem Titel Amerikanische Romanze im Herbig-Verlag, Berlin in einer Übersetzung von Richard Kraushaar. Nach dem Krieg folgten weitere Übersetzungen: 1951 Im Himmel weint man nicht (Rohrer Verlag, Wien, Übers. Lotte Katscher & Herbert Bruna), 1986 Zeit der Unschuld (Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Übers. Richard Kraushaar & Benjamin Schwarz). Im Jahr 2015 wurde der Roman mit neuer Übersetzung von Andrea Ott im Manesse Verlag, München herausgegeben.

Hintergrund mini|Edith Wharton als junge Frau in New York City (1889) Der Roman spielt im Kreis des aufstrebenden Großbürgertums im New York City der 1870er-Jahre, dessen Mitglieder eine Ahnenreihe bis hin zu den ersten Siedlern vorweisen können. Sie allein bestimmen das gesellschaftliche Leben der städtischen Oberschicht. Überkommene Regeln schreiben vor allem den jungen Mädchen vor, wie sie sich zu verhalten haben, was sich schickt und was nicht.Olga Vainshtein (2020) “We Are Expected to Be Pretty and Well-Dressed Till We Drop”: Fashion and “Passing” in the Novels of Edith Wharton, Fashion Theory, 24:4, 499-534, doi:10.1080/1362704X.2020.1747772 Sie werden schon früh in die Gesellschaft eingeführt, verloben sich und heiraten standesgemäß, ohne einander wirklich zu kennen. Ihr Leben wird auch in der Ehe von Ehrbarkeitsnormen bestimmt, wobei der männliche Part deutlich mehr Freiheiten genießt.

Die Autorin entstammte selbst einer Familie jener Aristokratie – Nachfahren englischer und holländischer Kaufleute – wie in der Geschichte dargestellt. Und wie ihre Romanfigur Ellen führte sie ein bewegtes Leben zwischen Amerika und Europa, welches sie prägte, wo sie sechs Jahre ihrer frühen Kindheit verbrachte und wo sie in ihren mittleren Jahren – einschließlich der gesamten Dauer des Ersten Weltkriegs – und auch die letzten Jahre ihres Lebens fast durchweg lebte.

Schon früh regte sich der Wunsch nach Eigenständigkeit in Edith Wharton, die sich nicht einengen lassen wollte – weder als Schriftstellerin noch in ihrer Frauenrolle. Verheiratet mit dem manisch-depressiven Edward Wharton und kinderlos, hatte sie über Jahre eine leidenschaftliche und unglückliche Affäre mit dem Journalisten Morton Fullerton, die sie unter anderem in Zeit der Unschuld verarbeitete.

Über die Auswirkungen starrer Konventionen schreibt Edith Wharton – wesentlich unversöhnlicher – ebenfalls in ihrem bereits 1905 veröffentlichten, sehr erfolgreichen Roman Das Haus der Freude. Themen und Figuren in Zeit der Unschuld erinnern auch an ihre 1907 verfasste Novelle Madame de Treymes und die Kurzgeschichte Auf lange Sicht (1912), in der zwei Liebende aufeinander verzichten, um den Ansprüchen der Gesellschaft zu genügen.

Nicht nur ihr eigenes Leben diente der Autorin als Vorlage für den Roman. „Für die vielen Figuren schöpfte Edith reichlich aus ihrem Umfeld an Familie und Freunden, deren Eigenschaften sie vermischte und aufeinander abstimmte.“Benstock, Shari (1995), Ich gehe meinem Weg - Das Leben der Edith Wharton, Goldmann, S. 383. So zeigen sich verschiedene Charakterzüge von Whartons Mutter Lucretia bei der prüden und unnahbaren Romanfigur Louisa van der Luyden, bei Mays Mutter, Mrs. Welland, die hinter ihrer freundlichen Fassade auch eine gewisse Engherzigkeit verbirgt, bei der spießigen, phantasielosen Mrs. Archer, der Mutter des Protagonisten, und auch bei der nicht besonders intelligenten May mit ihrer letztlich banalen Lebensauffassung.

Bei der Figur des jüdischen Bankiers Julius Beaufort stützte sich die Autorin bis ins Detail auf den Finanzier August Belmont. Sie erwähnte sogar die „kanariengelbe Kutsche“ seiner Mätresse, was beim Erscheinen des Romans für einiges Aufsehen sorgte.

Am eindeutigsten findet man ihre [Whartons] Urgroßtante Mary Mason Jones wieder, die in dem Roman als Ellens [und Mays] Großmutter, die alte, fettleibige und rechthaberische Mrs. Mingott, zu neuem Leben erweckt wird.

Titel Der Titel Zeit der Unschuld kommentiert – verkörpert in der Figur der May – ironisch den Widerspruch zwischen den glattpolierten Manieren nach außen hin und den Intrigen der Gesellschaft im New York des Goldenen Zeitalters. Vermutlich übernahm ihn Wharton von dem damals populären Gemälde „A Little Girl“ des Sir Joshua Reynold, welches in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts unter der Bezeichnung Zeit der Unschuld in großer Zahl reproduziert wurde.Postle, Martin, (2005) "The Age of Innocence: Child Portraiture in Georgian Art and Society", in Pictures of Innocence: Portraits of Children from Hogarth to Lawrence, Bath: Holburne Museum of Art, pp. 7–8, ISBN 0-903679-09-4

In einer Buchbesprechung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 28. November 2015 vermutet Werner von Koppenfels, der Titel verweise auch auf das „Gilded Age“ der opulenten New Yorker Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, das sich wiederum auf gilded cage reime, den vergoldeten Käfig, als Hort vermeintlicher Unschuld.

Form

Aufbau Der Roman ist in zwei Bücher aufgeteilt. Das „Erste Buch“ erzählt von der Verlobungszeit des Protagonisten Newland Archer mit May Welland, die durch das Auftauchen ihrer Cousine, Gräfin Ellen Olenska, voller Verwicklungen und Komplikationen verläuft.

Im „Zweiten Buch“ wird die nicht minder schwierige Zeit der Ehe von May und Newland und dessen Beziehung zu Ellen dargestellt.

Erzählweise Mit Liebe zum Detail schildert die Autorin, die als „literarische Schülerin von Henry James“Bell, Millicent. “Edith Wharton and Henry James: The Literary Relation.” PMLA, vol. 74, no. 5, 1959, pp. 619–37. JSTOR, doi:10.2307/460513. " Yet surely, one may speculate, Mrs. Wharton had James to thank for the novel's epilogue, the last chapter in which an older Archer sits on a bench outside Ellen Olenska's house in Paris and contemplates what he has made of his life. Long ago he had not accepted and he would not now accept the "flower of life" which Ellen Olenska oflered. As he sits on his bench he is almost James's Marcher in the story "The Beast in the Jungle," whose destiny proved to be simply that nothing would ever happen to him. gilt, innere wie äußere Vorgänge. Einfühlsam geht sie auf Gedanken und Handlungen der Figuren ein, wobei sie als Erzählerin diese durchaus auch kommentiert und wertet. Der Protagonist Newland Archer steht dabei immer im Mittelpunkt.

Typisch für die Erzählweise Edith Whartons, die sich jahrelang mit Innenarchitektur und Gartengestaltung beschäftigte (The Decoration of Houses, erschienen 1897), ist die präzise, liebevolle Beschreibung von Häusern und Inneneinrichtungen. Als Beispiele seien die Villa des Bankiers Beaufort und Archers Bibliothek in Zeit der Unschuld angeführt.Jacobsen, Ann, Women’s Studies. Juni 2015, Vol. 44 Issue 4, S. 516. "In her fiction, Wharton depicts excessively detailed, furnished interiors full of real and metaphoric places where women get trapped. For Wharton, proximity to people and things especially shape interior life. People often become things, as the author blurs the distinction between human beings and objects. Wharton’s descriptions of objects are hardly inconsequential, for these objects frequently symbolize human passion. Perhaps because she felt treated as an object herself, Wharton invests the objects she describes with an almost uncanny emotional resonance."

Durch Rückblenden, beispielsweise in die Kindheit der Figuren, werden in dem Roman verschiedene Zeitebenen erfasst.

Inhalt

Erstes Buch Der junge Anwalt Newland Archer sieht Ellen Olenska zum ersten Mal während der Aufführung einer Oper wieder. Sie ist in Begleitung ihrer Cousine May Welland, mit der er verlobt ist. Archer hat Ellen seit den lange zurückliegenden Kindertagen nicht mehr gesehen. Nachdem sie ihren Gatten, einen polnischen Grafen, verlassen hat, lebt sie nun wieder in New York bei ihrer (und Mays) Großmutter, Mrs. Mingott.

Bei dem anschließenden Ball in der Villa des Bankiers Beaufort wird die Verlobung von Newland und May offiziell verkündet. Es folgen die üblichen Besuche; so auch bei Mrs. Mingott, dem Oberhaupt des Familienclans. Madame Olenska erscheint mit dem verheirateten Julius Beaufort. Beiläufig fordert sie Archer auf, er solle sie doch gelegentlich besuchen. Newland ignoriert ihre Einladung.

Kurz darauf hört er, Ellen wolle sich scheiden lassen, und auch von dem Gerücht, sie habe über ein Jahr mit dem Sekretär ihres Mannes in Europa zusammengelebt.

Als die Mingotts anlässlich der Ankunft Ellens ein Festessen geben, sagen fast alle Geladenen ab. Die gedemütigte Familie fragt die van der Luydens, die an der Spitze der New Yorker Aristokratie stehen, um Rat. Von ihnen wird die Gräfin zu einem Dinner zu Ehren des Herzogs von St. Austrey gebeten.

Am Abend der Einladung stößt Ellen den aufdringlichen Herzog vor den Kopf und setzt sich zu Archer, den sie erneut auffordert, sie zu besuchen.

Diesmal kommt er der Einladung nach. Er sucht die Gräfin im Haus ihrer Tante Medora Manson auf, in das sie inzwischen eingezogen ist. Ellen kommt verspätet und erklärt, sie sei mit Julius Beaufort unterwegs gewesen. Archer verspürt Eifersucht; er fühlt sich immer mehr zu Ellen hingezogen. Als aber der Herzog von St. Austrey mit der fragwürdigen Mrs. Struthers auftaucht, ist er ernüchtert. May ist für ihn wieder die Frau, die zu ihm passt.

Archer bedrängt nun seine Verlobte, die Hochzeit solle früher stattfinden. Doch May lässt sich nicht darauf ein. Sie möchte sich nach den Wünschen ihrer Mutter und den üblichen Regeln richten. Archers Zweifel sind zurück.

Kurze Zeit später wird er in der Kanzlei, in der er arbeitet, mit einem Auftrag der Mingotts betraut: Die Familie lehnt den Wunsch der Gräfin Olenska, sich scheiden zu lassen, ab und möchte etwas dagegen unternehmen.

Bei einem Treffen mit Ellen in dieser Angelegenheit kommt Newland auf die angedrohte Gegenklage ihres Gatten zu sprechen. Der Graf beschuldigt Ellen, sie habe selbst eine Affäre gehabt. Das streitet sie nicht ab. Mit dem Argument, die New Yorker Gesellschaft würde sie nach einem solchen Prozess fallen lassen, kann Archer sie schließlich davon überzeugen, ihr Vorhaben aufzugeben.

Ellen geht ihm nicht aus dem Kopf. Als er erfährt, dass sie sich auf dem Landsitz der van der Luydens aufhält, beschließt Newland, sie dort heimlich zu treffen.

Er findet Ellen allein auf dem Anwesen. Beide deuten an, etwas für den anderen zu empfinden. In dieser Situation taucht Beaufort auf, und Newland reist frustriert nach New York zurück. Ellens schriftlich geäußerter Bitte um eine Aussprache kommt er nicht nach. Er will nun seine Verlobte besuchen, die sich gerade mit ihren Eltern in Florida aufhält.

Als Newland dort gleich wieder auf einen baldigen Hochzeitstermin drängt, äußert May den Verdacht, er sei sich wohl nicht sicher, ob er sie in einem Jahr noch heiraten wolle. Vielleicht liebe er sogar eine andere Frau. Archer streitet alles ab.

Doch zurück in New York verabredet er sich mit Ellen und gesteht ihr nun offen seine Liebe. Sie hat Skrupel, auf sein Werben und sein Vorhaben, sich von May zu trennen, einzugehen. Ein Telegramm von May trifft ein: Auf den Wunsch der alten Mrs. Mingott hin seien ihre Eltern jetzt mit einem nahen Hochzeitstermin einverstanden.

Zweites Buch