mini|Versinkungsstellen der Donau bei Immendingen Die Donauversinkung oder Donauversickerung ist eine unterirdische unvollständige Flussanzapfung der Oberen Donau. Im Landkreis Tuttlingen – zwischen Immendingen und Möhringen und bei Fridingen – versinkt Wasser der Donau an mehreren Stellen in verkarsteten Schichten des Oberen Juras. Die Hauptversinkungsstelle liegt am Gewann Brühl zwischen Immendingen und Möhringen etwa bei Flusskilometer 2753,5. Der Bereich ist Teil des Naturparks Obere Donau.
Das versinkende Wasser unterquert die Europäische Hauptwasserscheide, tritt überwiegend rund zwölf Kilometer weiter südöstlich von Immendingen bzw. rund zweiundzwanzig Kilometer südwestlich von Fridingen im Aachtopf wieder zutage und fließt über die Radolfzeller Aach, den Untersee des Bodensees und den Rhein in die Nordsee. Zeitweise versinkt das Donauwasser vollständig, womit der Oberlauf der Donau zum Zufluss des Rheins wird. Bei unvollständiger Versinkung ist die Donauversinkung eine Bifurkation zwischen Nordsee und Schwarzem Meer.
Das einzigartige geologische Phänomen der Donauversinkung an der Oberen Donau wurde am 30. Oktober 2024 als 38. Geopoint des UNESCO Global Geoparks Schwäbische Alb ausgezeichnet.
Versinkung oder Versickerung Veröffentlichungen zur Regionalen Geologie beschreiben die Flussschwinden als Versinkung oder als Versickerung oder benutzen beide Begriffe. Die Akademie für Geowissenschaften und Geotechnologien zeichnete 2006 die Donauversickerung als Nationales Geotop aus; das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau veröffentlichte 2021 eine Kurzbeschreibung zur Donauversinkung im Brühl bei Immendingen. In der Topographischen Karte waren die Flussschwinden 2024 – je nach Maßstab – als Donauversinkung oder als Donau (Versickerung) beschriftet.
Der Geologe Werner Käß benutzt in seiner Monografie über das Donau-Aach-System den Begriff Versickerung und begründet dies mit der Art der Schluckstellen: Das Wasser dringe in den Untergrund über die Flusssohle mit durchschnittlich 50 Millimeter großen Kieselsteinen oder über Felsklüfte mit maximal 2 Zentimeter Weite ein. Er verweist unter anderem auf die DIN 4049 (Hydrologie) in der Ausgabe von 1954, die Versickerung als „ein Eindringen von Wasser durch enge Hohlräume in das Erdreich“ definiert, „während Versinkung durch weite Hohlräume vor sich geht“. In der DIN-Ausgabe von 1979 waren keine Definitionen mehr enthalten.
Dem Historiker Ludger Syré zufolge werden die Flussschwinden gemeinhin als Donauversinkung bezeichnet, seltener, aber zutreffender sei Donauversickerung.
Versinkungsstellen An drei Stellen des Donaulaufs liegen Schlucklöcher mit wahrnehmbaren Versinkungen: bei Immendingen die Hauptversinkungsstellen am Brühl zwischen Immendingen und Möhringen in der Flussschleife unterhalb von Fridingen
Zudem gibt es in Teilbereichen des über 30 Flusskilometer langen Abschnitts der Donauversinkung eine diffuse Versickerung.
Schlucklöcher können sich bemerkbar machen durch Strudeltrichter im Wasser oder durch gurgelnde Geräusche. Manche Schlucklöcher sind kleine Spalten am Ufer, in die Wasser einfließt. Zeitweise können sich an Schlucklöchern erhebliche Mengen von Getreibsel anhäufen.
Immendingen mini|Versinkungsstellen bei Immendingen
Die Immendinger Versinkungsstellen liegen auf einer Länge von 150 Metern am rechten Flussufer zwischen der Ziegelhütte und der Donaubrücke der Schwarzwaldbahn. Hier fließt die Donau am rechten Hang ihres Tals, an dem die Wohlgeschichtete Kalk-Formation (Oxford-Kalke) ansteht. Direkt unterhalb der Brücke liegt das Wehr der früheren Maschinenfabrik Immendingen. Vor dem Bau des Wehrs 1815 waren keine Versinkungsstellen in Immendingen bekannt. Beim Bau der Bahnlinie wurde das Wehr 1866 so umgebaut, dass sich der Stauraum des Wehrs vergrößerte, wodurch zusätzliche Versickerungsstellen freigelegt wurden. Die Versinkungsstellen können von der Straße am Südufer der Donau beobachtet werden.
Im Mittel versinken in Immendingen 1,4 bis 2,0 m³/s. In sehr trockenen Sommern kann es vorkommen, dass die Donau bereits in Immendingen trockenfällt. Dies war in den Jahren 1911, 1921, 1928, 1947 und 2011 der Fall. Unter dem Einfluss der Versinkung fällt der Grundwasserspiegel in der Donauaue schon oberhalb von Immendingen unter den Wasserspiegel des Flusses, so dass Flusswasser im Talkies versickert.
Brühl
mini|Hauptversinkungsstellen Brühl zwischen Immendingen und Möhringen
Die Hauptstellen der Donauversinkung liegen beim Gewann Auf dem Brühl im großen, nach Süden ausholenden Donaumäander zwischen Immendingen und Möhringen, an dessen Prallhang ebenfalls die Wohlgeschichtete Kalk-Formation aufgeschlossen ist. Die Versinkungsstellen liegen an einem rund 1,6 Kilometer langen Flussabschnitt zwischen den Donau-Kilometern 2754,4 und 2752,8 .
Am Südufer der Donau führt ein Wanderweg vom Grillplatz Immendingen zu einem Parkplatz an der Straße Möhringen–Hattingen, von dem aus die Versinkung beobachtet werden kann. In Höhe des Parkplatzes kann die Donau in einer Furt gequert werden. Knapp oberhalb der Furt liegen im Flussbett Betonplatten, die Relikte früherer illegaler Abdichtungsversuche sind. Rund 250 Meter unterhalb der Furt liegen die Hattinger Löcher, an denen 1877 die ersten erfolgreichen Markierungsversuche durchgeführt wurden. Diese Schlucklöcher wurden später weitgehend zugeschottert.
1923 und 1994 brach das Flussbett am Brühl ähnlich einer Doline ein. Laut Ohren- und Augenzeugen waren die Einbrüche von brausendem Getöse oder gewaltigem Rauschen begleitet; zudem soll schlammiges Wasser mehrere Meter hochgeschossen sein. Der Einbruch von 1994 hatte anfänglich eine Tiefe von ungefähr 2,5 bis 3,5 Meter.
Im Mittel versickern im Brühl über 5 m³/s; im 20. Jahrhundert versank die Donau an durchschnittlich 141 Tagen im Jahr vollständig, so dass das Flussbett bis vor Möhringen trocken lag.
Seit 1972 kann Wasser der Donau über den Immendinger Stollen an den Versinkungsstellen am Brühl vorbeigeführt werden. Der Stollen zweigt unterhalb von Immendingen ab und mündet oberhalb von Möhringen wieder in die Donau.
Fridingen mini|Versinkungsstellen in der Fridinger Schleife mini|Markierungsversuch bei Fridingen 1969 mit einem Einspeiseschacht über einem Schluckloch, im Vordergrund Vorratsbehälter des Markierungsmittels (Foto: Werner Käß)
Die Fridinger Versinkungsstellen liegen zwischen den Donau-Kilometern 2725,3 und 2724,6 ganz im Süden der großen Flussschleife unterhalb der Stadt. Hier versinkt das Wasser in einer stratigraphisch höheren Schicht, der Unteren Massenkalk-Formation (Kimmerridge-Kalke), die an den Prallhängen ansteht.
Die Versinkungsstellen liegen unterhalb von Steilhängen und sind nur schwer zugänglich. Flussabwärts einer ehemaligen Furt liegt am linken Ufer das Krämer’sche Loch, benannt nach einem Kommerzienrat, der in Scheer die Wasserkraft der Donau nutzte, ein Flurstück erwarb und 1907 anfing, das dortige Schluckloch zu vermauern, ehe ihm dies von den Behörden untersagt wurde.
In Fridingen werden durchschnittlich 8 m³/s Wasser von der Donau abgeleitet , im Wasserkraftwerk Fridingen genutzt und unterhalb der Versinkungsstrecke wieder in die Donau eingeleitet . Bei Trockenwetterabfluss verbleibt in der Donau eine Restwassermenge. Im Mittel versickern bei Fridingen rund 0,1 m³/s.
Das Fridinger Kraftwerk wurde zwischen 1920 und 1922 erbaut. Bei gemeinsamen badisch-württembergischen Messungen zwischen August 1908 und Mai 1909 wurden folgende Versickerungsmengen festgestellt: Wasserführung Abfluss[m³/s] Versickerung[m³/s] Niedrigstes Niedrigwasser 0,60 0,09 Niedrigwasser 1,48 0,15 Mittelwasser 5,85 0,27 Hochwasser 27,8 0,80
Weitere Versickerungen Im Donauabschnitt zwischen Immendingen und Fridingen versickert in Teilbereichen Grundwasser in tiefere Schichten. Zwischen Immendingen und Tuttlingen liegt der Grundwasserspiegel zum Teil weit unterhalb des Wasserspiegels der Donau; in tiefere Baugruben eintretendes Wasser versickert rasch. Unterhalb von Tuttlingen stehen in Teilabschnitten des Donautals Schichten der Wohlgeschichteten Kalk-Formation an, auch hier kann Grundwasser in tiefere Schichten versickern.
„Höchst unwahrscheinlich“ sind weitere Versinkungsstellen an der Donau oberhalb von Immendingen, namentlich in Neudingen, Hintschingen und Zimmern, da dort Schwarzer oder Brauner Jura ansteht, der weitgehend wasserundurchlässig ist. Die Angaben stammen wohl aus Veröffentlichungen des Stuttgarter Geologen Karl Endriß. Eine Versinkungsstelle bei Zimmern war zeitweise in der Topographischen Karte eingetragen, wurde aber auf Veranlassung des Geologischen Landesamtes entfernt.
Eine ebenfalls von Endriß erwähnte Versinkungsstelle an der Breg bei Hüfingen gibt es dagegen; das dort im Oberen Muschelkalk versinkende Wasser fließt allerdings nicht zur Wutach und damit zum Rhein. Seit einem Markierungsversuch Anfang der 1970er Jahre ist bekannt, dass es im Ried südöstlich von Donaueschingen wieder zutage tritt.
Donau-Aach-System mini|Einzugsgebiet des Aachtopfs, Markierungsversuche an der Donauversinkung mit Hauptaustritt am Aachtopf und Nebenaustritten im Raum Engen und bei Eigeltingen mini|Markierungsversuch an der Hauptversickerungsstelle Brühl in den 1960er Jahren
Der weit überwiegende Teil des an der Donau versinkenden Wassers tritt im Aachtopf wieder zutage. Die Karstquelle ist der Ursprung der Radolfzeller Aach, die in den Untersee des Bodensees mündet. Damit unterquert das versinkende Wasser die europäische Hauptwasserscheide und fließt in das Einzugsgebiet des Rheins. Der Aachtopf ist mit rund 8.000 Liter pro Sekunde die mit Abstand größte Karstquelle Deutschlands; von den Versinkungsstellen an der Donau ist er zwischen 12 und 19 Kilometer entfernt. Zwischen der an der Donau versinkenden Wassermenge und der Schüttung der Aachquelle ist ein Zusammenhang erkennbar, allerdings lässt sich dieser Zusammenhang nicht in einer mathematischen Formel fassen.
Rund zwei Drittel des im Aachtopf zutage tretenden Wassers stammt von der Donau; der Rest kommt aus einem karsthydrologischen Einzugsgebiet, das zwischen 240 und 280 km² groß ist und vom Aachtopf bis zur Donau reicht.
Die Abflussbahnen von Immendingen und der Hauptversinkungsstelle Brühl sind vermutlich weitgehend identisch. Die durchschnittliche Abstandsgeschwindigkeit liegt bei 188 m/h bei einem Gefälle von 14,5 Promille. Für die Versinkung bei Fridingen beträgt die mittlere Abstandsgeschwindigkeit 146 m/h, das Gefälle 7,7 Promille. Da für alle Versinkungsstellen an der Donau mehrere Markierungsversuche durchgeführt worden sind, lässt sich erkennen, dass bei hohen Abflüssen die Fließgeschwindigkeit in den Karstwassergerinnen zunimmt.
Der genaue Verlauf der Karstwassergerinne zwischen den Versinkungsstellen und dem Aachtopf ist nicht bekannt. Im Einklang mit den Forschungsergebnissen steht die Vorstellung eines Systems erweiterter Spalten, gangförmiger Höhlen und senkrechter Schächte; letztere führen Wasser aus höheren Stockwerken oder von der Oberfläche zu. Dabei wird das gesamte Einzugsgebiet mehr oder weniger stark von Karstwassergerinnen durchzogen sein. Besonders günstige Voraussetzungen für die Entstehung von Karstwassergerinnen bestehen zwischen Immendingen und dem Aachtopf, da hier zahlreiche Verwerfungen mit herzynischer und rheinischer Streichrichtung vorhanden sind.
Die Schichten des Oberen Juras fallen mit rund 3 Prozent nach Süden bis Südosten ein, so dass der Aachtopf in einer stratigraphisch höheren Schicht liegt als alle Versinkungsstellen an der Donau. Auf dem Weg in die höhere Schicht muss das Wasser wenig wasserdurchlässige Mergelschichten überwinden, was sehr wahrscheinlich an Verwerfungen erfolgt.