Als Rivalität zwischen Halle und Magdeburg oder Rivalität zwischen Magdeburg und Halle wird ein ins kulturelle Gedächtnis der Region eingegangener Konflikt zwischen den knapp 100 Kilometer voneinander entfernt liegenden einzigen beiden Großstädten in Sachsen-Anhalt bezeichnet. Diese Rivalität wird auf sportlicher und kultureller Ebene als „Feindschaft“ überwiegend folkloristisch zelebriert und in den Medien und der Gesellschaft zum Teil in einer Intensität, Unerbittlichkeit und Härte[, die] in Ostdeutschland nirgends zu finden ist beschrieben.Christoph Richter: Magdeburg vs. Halle, Ein Städte-Streit entzweit Sachsen-Anhalt. In: deutschlandfunkkultur.de, 17. April 2019.
Geschichte Mittelalter Das Erzbistum Magdeburg als Landesherr Die Geschichte von Halle und Magdeburg ist seit über 1000 Jahren eng miteinander verbunden. Im Frühmittelalter entstanden während der Sorben-Feldzüge von König Karl im Jahr 805 bei Magdeburg und im Jahr 806 bei Halle fränkische Befestigungsanlagen, die jeweils die früheste Erwähnung des Ortes darstellen. Magdeburg wurde im 10. Jahrhundert ottonische Kaiserpfalz und war seit dem Jahr 967 Sitz eines Erzbistums, das aus dem magdeburgischen Moritzkloster entstand. Schon zuvor, im Jahr 961, hatte Otto I. Teile des heutigen Stadtgebiets Halles diesem Moritzkloster zugewiesen, so dass Halle über Jahrhunderte hinweg stark vom Magdeburger Erzbistum beeinflusst wurde. Dies überschritt eine normale geistige Oberherrschaft bei Weitem, da das Erzbistum Magdeburg zum einen auch über die Salzquellen verfügen konnte, und zum anderen die Burg Giebichenstein erhielt, die sich heute im Stadtgebiet von Halle befindet. Das Erzbistum war somit geistliche und weltliche Oberinstanz für Halle.Neuß, 1987, Seite 178–179. – Lambert, 1866, Seite 33–35.
Wenige Jahrzehnte später, im Jahr 987, erhielt das Erzbistum zudem Zoll, Bann und Münze in Giebichenstein. Halle entwickelte sich als bedeutende Verkehrskreuzung, die aus den Saaleübergangen resultierte, zu einem Marktort mit mehreren Kirchen, doch im Jahr 1116 gründete Erzbischof Adelgot mit dem Kloster Neuwerk eine geistige Institution nahe der Altstadt, der die halleschen Kirchen und Kapellen unterstellt wurden, was bald zu Spannungen führte, zumal neue Kirchen und Klöster entstanden und schließlich Neuwerk 1179 mehrere Pfannen im Deutschen Born am heutigen Hallmarkt erhielt.Neuß, 1987, Seite 178–179. – Lambert, 1866, Seite 19–26, 38. In der Burg Giebichenstein hielten sich die Erzbischöfe häufig auf, so dass gleich mehrere von ihnen hier verstarben (Waltard im Jahr 1012, Albrecht 1403, Günther 1445, Johann 1475).
Freiheitsbestrebungen beider Städte Ähnlich wie viele andere Handelsstädte entwickelte Halle Bestrebungen, eine Reichsstadt zu werden. Halle entledigte sich im Jahr 1263 weitgehend des großen Einflusses der komplizierten und vom Erzbistum Magdeburg kontrollierten Rechtslandschaft mit einem Salzgrafen, der für das „Thal“ mit den Salzkoten sowie die Münze zuständig war, einem Schultheißen, der für die Oberstadt eingesetzt wurde, und einem Burggrafen, der die hohe Gerichtsbarkeit ausübte. Zudem erhielt Halle die Zusage, dass keine weiteren Salzbrunnen oder Burgen ohne die Zustimmung der Stadt errichtet werden. Der Beitritt zum Hansebund erfolgte im Jahr 1280 und weitere bischöfliche Rechte in Halle wurden reduziert. Im Jahr 1310 wurde der Stadt ein eigenes Hallesches Recht durch Erzbischof Ruprecht bestätigt, dennoch dauerte es bis zum Jahr 1316, bis der Stadtrat ohne äußere Einflussnahme gewählt werden konnte. Das dem Magdeburger Recht angeglichene Recht, wurde hingegen bereits im 12. Jahrhundert hunderten anderen Städten über das Neumarkter Recht weitergegeben.Neuß, 1987, Seite 180. – Lambert, 1866, Seite 10–12, 77.
Die halleschen Vorstädte im Süden (Glaucha) und Norden (Neumarkt) wurden unterschiedlich stark vom Erzbistum kontrolliert. Glaucha unterstand einem erzbischöflichen Gericht, in Neumarkt konnte Halle hingegen schon 1212 gerichtlichen Einfluss erlangen. Die Einwohner Glauchas waren dem Erzbistum Magdeburg noch lange Zeit zu Frohn- und Hofediensten verpflichtet, welche ihnen aufgrund der dort herrschenden Armut erst 1474 auf drei Tage im Jahr reduziert wurden.Lambert, 1866, Seite 28–30. Dieser Entwicklungsunterschied führte zur scherzhaften Unterscheidung in „Hallenser, Halloren und Hallunken“, wobei mit „Hallunken“ die Einwohner Glauchas gemeint waren. Die Stadt Halle konnte im Laufe des 14. Jahrhunderts erreichen, dass zeitweise keine Salzgrafen mehr eingesetzt werden, übernahm die Besetzung des Amtes des Burggrafen und das Burggedinge.Neuß, 1987, Seite 180.
Ähnliche Prozesse vollzogen sich in Magdeburg jeweils früher.Lambert, 1866, Seite 10–12, 42. – Schwineköper, Seite 300–303. Die erzbischöflichen Zusagen des frühen 14. Jahrhunderts wurden allerdings teilweise nicht eingehalten. Beide Städte gingen daher im Jahr 1324 ein „ewiges Bündnis“ ein, das 1343 erneuert wurde. Im Rahmen der ersten Kämpfe Halles und Magdeburgs gegen den Erzbischof Burchard kam es 1325 zu dessen Ermordung in Magdeburg. Er hatte beiden Städten durch Abgabenforderungen auf Salzfabrikation und deren Ausfuhr sowie die Anlage von Burgen geschadet. Magdeburg wurde gebannt, musste schwere Konsequenzen tragen, die Hoffnung auf die Reichsunmittelbarkeit aufgeben und geriet in die Rolle einer erzbischöflichen Stadt, wohingegen Halles Position kurzzeitig gestärkt wurde.Schwineköper, 1987, Seite 303. – Neuß, 1987, Seite 180.
Halles Aufstieg war wesentlich dem Salzhandel und den Salzstraßen zu verdanken, so dass nach der Erlangung der Kontrolle über die Salzquellen auch die Kontrolle über die Salzstraßen für die Stadt besonders wichtig war. Die Umzingelung der Stadt mit Besitzungen und Gründungen des Erzstifts (nördlich Burg Giebichenstein, Kloster Neuwerk; südlich Vorstadt Glaucha, westliche Deutschordenskommende) war daher ein starkes Hindernis. Von dem Erzbischof Albrecht ließ es sich daher zusichern, die Zölle in Giebichenstein solange nicht zu erhöhen, bis Halle eine vorgeschossene Geldsumme zurückerhalte.Dreyhaupt, 1749, Seite 95.
Kriegerische Konflikte im 15. Jahrhundert Als Halle im Jahr 1412 den erzbischöflichen Salzgrafen Hans von Hedersleben wegen angeblicher Falschmünzerei hinrichtete, eskalierte der Konflikt mit dem Erzbischof Günter, der Halle im Jahr 1414 belagern und die Ernte im Umland zerstören ließ. Halle war in dieser Zeit in Acht und Bann, welche schließlich 1414 aufgehoben wurden. Dies führte aber auch zur Verstärkung eines innerstädtischen Konflikts zwischen den halleschen Pfännern/Patriziern, die den Stadtrat dominierten, und den Innungen sowie den restlichen Bewohnern, denn die Lösung aus Bann und Acht hatte viel Geld gekostet. Zudem hatten die Hallenser die Stadt nicht verlassen können, da auch die Kurfürsten von Sachsen und die Landgrafen von Thüringen, also die direkten Nachbarn, der Stadt Fehdebriefe gesandt hatten. Ein Jahrzehnt später kam es zur Anklage Günters gegen die Stadt Halle beim König Sigismund, 1424 wurde ihm Recht gegeben. Da Halle aber weiterhin Entscheidungen ohne Günters Einwilligung traf, überließ dieser seinem Bruder Heinrich von Schwarzburg die Burgen in Egeln und Friedeburg, um von diesen aus Halle zu bedrängen.Lambert, 1866, Seite 78–12, 77, 91–93. – Neuß, 1987, Seite 181–182. – Dreyhaupt, 1749, Seite 99–100.
Der Söldner Henning Strobart stieg in diesem Kontext zum Stadthauptmann von Halle auf. Er verschärfte den innerstädtischen Konflikt ebenso wie den mit dem Erzbischof. Nach einem Kompromiss von 1427 kam es 1434 zu einem erneuten Kampf mit Günter, denn Magdeburg hatte diesen 1431 erfolgreich befehdet. Strobart führte die Hallenser gegen das Schloss Friedeburg, welches erobert wurde. Günter hatte zu diesem Zeitpunkt schon bei seinem Bruder in Sondershausen Schutz gesucht und 1433 auf dem Konzil von Basel Magdeburg den Bann angedroht, der dann schließlich beide Städte traf. Abgeordnete Halles unterwarfen sich vor dem Konzil dem Erzbischof und versprachen, das Bündnis mit der Stadt Magdeburg nicht fortzusetzen, doch die Gemeinde verlangte bei deren Rückkehr die Beibehaltung des Bündnisses und setzte den Rat schließlich fest, weshalb Magdeburg und andere Städte Vermittler entsandten, was zur Erneuerung des Bündnisses führte. Der Rat von Magdeburg half offenbar in der Folge bei der Umgestaltung des Stadtrates von Halle zu Ungunsten der Pfänner mit, wogegen diese 1438 erfolglos zu revoltieren versuchten.Lambert, 1866, Seite 95–98.
Opfer dieses Konflikts mit Günter wurde auch die Burg Langenbogen, die dem Erzbistum Magdeburg gehörte und sich direkt unterhalb der wichtigen Rheinstraße nach Westen auf halber Strecke nach Eisleben befand. Bereits im Jahr 1408 waren Hallenser erstmals dorthin gezogen und hatten den dortigen Vogt Magdeburgs überfallen, nachdem Erzbischof Günter entgegen der Zusagen Albrechts und Günters die Zölle in Trotha (heute nördlicher Ortsteil von Halle) und Bruckdorf (heute südöstlicher Ortsteil von Halle) erhöht hatte. Auch der Weinberg bei Giebichenstein war damals von Plünderungen betroffen. Die daraufhin folgenden langjährigen Schiedsgerichte und Klagen sorgten für keine Besserung und so kam es schließlich zur Zerstörung der Burg Langenbogen.Dreyhaupt, 1749, Seite 110. – Dreyhaupt, 1750, Seite 912. – Hertzberg, 1889, Seite 296.
Besetzung von Halle Strobarts Einfluss sank und wurde schließlich vom Stadtrat und dem Erzbischof in Zusammenarbeit in den 1450er Jahren gebrochen, doch entschied man sich in der Folge aus bloßem Opportunismus für die zunehmende Zusammenarbeit mit dem Erzbischof, dessen Einfluss die Pfänner über Jahrhunderte hinweg zurückgedrängt hatten. Durch Ernst von Sachsen, seit 1476 Erzbischof von Magdeburg, und seine Berater ermuntert, begannen die halleschen Innungen im September 1478 einen bewaffneten Aufstand gegen die Pfänner. Infolgedessen wurde Halle von erzbischöflichen Truppen sowie Einheiten der Askanier, der Grafen von Mansfeld und der Edelherren von Querfurt eingenommen und besetzt sowie mit der Regimentsordnung von 1479 und der Willkür von 1482 die Rechte der Stadt Halle durch den Erzbischof von Magdeburg beschnitten. So wurden die Salzquellen erneut mit einer Abgabe von 25 Prozent belegt.Lambert, 1866, Seite 40, 99–101. Auch endete damit die Mitgliedschaft in der Hanse.
Die ab 1479 errichtete und nach dem Schutzheiligen des Magdeburger Erzbistums, St. Mauritius, benannte Festung Moritzburg in Halle diente als Zwingburg gegen die unterworfene Stadt, um sie „besser in Gehorsam, Unterwürfigkeit und Ruhe“ zu erhalten, und war ab 1503 die Residenz des Magdeburger Erzbischofs. Auch in der halleschen Moritzburg starben mehrere der Magdeburger Erzbischöfe (Ernst 1513, Johann Albrecht 1550, Sigismund 1556), was deren weiterhin häufige Anwesenheit zusätzlich belegt.
Frühe Neuzeit Zerstörung von Magdeburg