mini|Arthur Schnitzler 1906, Foto von Aura HertwigZwischen 3. März 1879Arthur Schnitzler: Tagebuch. Digitale Edition, Montag, 3. März 1879, schnitzler-tagebuch.acdh.oeaw.ac.at (Stand 2022-11-04), hdl:21.11115/0000-000B-DCDB-7. und bis zwei Tage vor seinem Tod im Oktober 1931Arthur Schnitzler: Tagebuch. Digitale Edition, Montag, 19. Oktober 1931, schnitzler-tagebuch.acdh.oeaw.ac.at (Stand 2022-11-04), hdl:/21.11115/0000-000C-1CDE-C. führte Arthur Schnitzler ein persönliches Tagebuch. Mit wenigen Ausnahmen existiert für jeden Tag seit seinem siebzehnten Lebensjahr ein Eintrag, über 16.000 sind es insgesamt. Das macht ihn zu einem der großen Diaristen der deutschsprachigen Literatur. Es wurde zwischen 1981 und 2000 an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in zehn Bänden veröffentlicht. 2019 publizierte das Austrian Centre for Digital Humanities eine digitale Fassung.
Beschreibung mini|Faksimile der Chronik vom August 1885mini|Faksimile des Tagebuchs vom 14. Mai 1917 (Schreibmedium Bleistift)mini|Personen, die sowohl im Tagebuch wie in der Briefedition Briefwechsel mit Autorinnen und Autoren vorkommenDas von Schnitzler (mit Ausnahme eines Monats 1920) selbst geschriebene Tagebuch besteht aus Einzelblättern, die in mehreren Mappen verwahrt wurden. Anfänglich waren es Bogen, die zweispaltig beschrieben wurden, dann wechselte er zu einseitiger und einspaltiger Beschriftung. Einträge zu einzelnen Tagen wurden teilweise für mehrere Tage gemeinsam gemacht, was teilweise auch vermerkt ist, etwa am 8. April 1893: „Ich trug heute die letzten 2 Monate ein.“ Manchmal lagen auch Jahre dazwischen, was aus dem Eintrag zum 31. Dezember 1898 ersichtlich wird, in dem er – wohl über die letzten Wochen – schreibt: „aus dem Notizbuch abgeschrieben 27. 2. 904“. (Der Grund dürfte im Tod seiner Partnerin Maria Reinhard liegen, der in diese Zeit fällt und ihn sehr mitgenommen hatte. Im Oktober des Jahres 1899 kommentierte er: „Vom 1. Jänner bis 31. März liegen kleine Notizbücher bei. Unmöglich, das hier einzutragen, als wenn sie noch lebte.“) In der Zwischenzeit fanden Teilniederschriften statt, wie aus dem Eintrag zum 26. Jänner 1902 hervorgeht: „notirt 23/6 ― erinnre mich absolut nicht“ Weil deshalb ein Eintrag nicht unbedingt vom jeweiligen Abend stammt, ist sprachlich genaugenommen von einem „Tagebucheintrag zum …“ zu sprechen. Am 3. Dezember 1902 vermerkt er, dass er seit Monatsbeginn die Aufzeichnungen direkt auf die Blätter tätigt und nicht mehr alle 1–2 Monate aus einem Notizbuch zusammenschreibe.Arthur Schnitzler: Tagebuch. Digitale Edition, Mittwoch, 3. Dezember 1902, schnitzler-tagebuch.acdh.oeaw.ac.at (Stand 2022-11-07), hdl:21.11115/0000-000B-F3DD-A. Welzig geht davon aus, dass Schnitzler Praxis des nachträglichen Schreibens noch bis circa 1918 beibehielt.
In den ersten Jahren legte er zeitweise auch Chroniken an, die für einen bestimmten Zeitraum, meistens monatsweise, einen Überblick über die Geschehnisse geben sollten.
Schnitzler las immer wieder selbst im Tagebuch. 1905 kam es sogar wochenlang zu einer Lektüre, im Zuge dessen er Notizen anlegte, „für ev.[entuell] spätere Memoiren“. Dabei fragte er sich auch, ob er eine „Steigerung oder Entwicklung“ durchgemacht habe. Eine weitere Lektüre der frühen Jahre fand im Herbst 1918 bis zum Frühling 1919 statt, „Erfuhr allerlei vergessenes. Wußte nicht, daß ich manches so ausführlich notirt hatte.―“. Jedenfalls benutzte er das Tagebuch als ausführliche Erinnerungshilfe für die postum veröffentlichte Autobiografie Jugend in Wien.
Nachdem er bereits 1906 in seiner Korrespondenz von deutscher zu lateinischer Kurrentschrift gewechselt war, vollzog er diese Umstellung zwei Tage vor seinem 55. Geburtstag im Tagebuch. Am 13. Mai 1917 wechselte er zugleich das Schreibmedium, indem er fortan auf Feder und Tinte verzichtete und Bleistift verwendete.
Einteilung Werner Welzig unterscheidet fünf Phasen im Tagebuch: ZeitraumBeschreibungLebensalter1879–1882Jugendtagebuch17–201882–1902/03bis zur Familiengründung20–411902/03–1914bis zum Ersten Weltkrieg40–521914–1918Kriegszeit52–561918–1931Scheidung und letzte Jahre56–69 Peter Plener differenziert das anders aus, indem er zwei Hauptphasen annimmt, die sich um 1900 teilen. Die erste Phase (A) stellt ein „journal intime“ dar, In der zweiten Phase (B) ist Schnitzler verheiratet, erfolgreich und bemüht, seine eigene Geschichte zu konstruieren, was sich auch an einer stärkeren Orientierung am Tagesablauf ablesen lässt. PhaseZeitraumBeschreibungLebensalterA11879–1887das Tagebuch ist kaum strukturiert17–25A21887–1899Konsolidierung: das Tagebuch wird regelmäßiger geführt und verfolgt eine Leistungsschau25–37B11900–1920Tagebuch wird narrativer38–58B21921–1931Tagebuch wird protokollartiger59–69 Bei der Buchedition wurde zuerst mit der Zeit vor seinem 50. Geburtstag begonnen, um es mit einer spannenden Phase vorzustellen.
Was nicht thematisiert wird Ruth Klüger schrieb: „Richtig ist vielmehr, dass Schnitzler, dem man ja Zeit seines Lebens und Schaffens eine gewisse Obsessivität mit Erotik vorgeworfen hat – oder ihn bewundert hat für seinen Einblick in die Sexualität – und der in seinen Tagebüchern und auch schon in der biographischen ›Jugend in Wien‹ dieses Urteil zu bestätigen scheint, sehr wenig über sexuelles Verhalten zu sagen gehabt hat.“ Auch über Dienstboten und Angestellte sowie Themen der Haushaltsführung wird zumeist nicht, über Finanzielles nur wenig geschrieben. Namen von sexuellen Beziehungen werden für gewöhnlich abgekürzt und wurden, soweit das möglich war, in der gedruckten Fassung rekonstruiert. Eine Art Benotungssystem für einen stattgefundenen Geschlechtsverkehr findet sich nur verschlüsselt im Tagebuch. Trinken und Nahrung wird ebenfalls kaum besprochen.
Die frühen Tagebücher In seiner zu Lebzeiten unveröffentlichten Autobiografie Jugend in Wien schildert Schnitzler, wie sein Vater Johann Schnitzler 1879 heimlich sein Tagebuch las und ihm dann wegen der darin geschilderten sexuellen Handlungen eine Strafpredigt zu Geschlechtskrankheiten hielt.Arthur Schnitzler: Jugend in Wien. Zweites Buch. Wien / München / Zürich 1968, S. 60–89; Dieser Vertrauensbruch des Vaters dürfte die Ursache darstellen, dass von den frühen Aufzeichnungen nur Bruchstücke überliefert sind. Sie sind als Nachtrag im 10. Band der Buchausgabe des Tagebuchs ediert.
Das Traumtagebuch Unter dem Titel Träume erschien 2012 herausgegeben von Peter Michael Braunwarth und Leo A. Lensing das Traumtagebuch Schnitzlers aus den Jahren 1875–1931. In einer Auswertung des Tagebuchs erstellte Schnitzler zu Lebzeiten ein Typoskript von 428 Seiten, wobei die Traumschilderungen nicht einfach eine Übernahme aus der Vorlage darstellen. Die beiden Herausgeber ergänzten das Werk um weitere Traumschilderungen, die bei der Erstellung des Typoskripts unberücksichtigt blieben, und ermöglichen so diesen bis dahin unbekannten und bedeutenden Text zu rezipieren.
Auswertungen des Tagebuchs mini|Aufenthaltsorte von Schnitzler, 1879–1931 So wie sein Traumtagebuch, ließ Schnitzler auch andere Exzerpte aus dem Tagebuch erstellen, die als verschiedene Listen in seinem Nachlass in der Cambridge University Library aufbewahrt werden.
Reisen (A175)Die Liste wurde 2022 digitalisiert, mehrere Visualisierungen von Peter Andorfer finden sich auf der Website schnitzler-orte.acdh.oeaw.ac.at (Zugriff am 6. November 2022) Aufführungen von Schnitzler-Stücken in Schnitzlers Anwesenheit (A176,1 und A176,4) Vorlesungen im privaten Kreis (A176,2) Öffentliche Vorlesungen (A176,3) Öffentliche Gesangsauftritte von Olga Schnitzler (A176,5) Eine Auswertung der Aufenthaltsorte (unter Einschluss des Tagebuchs, der Briefe und anderer Quellen) sind die über 47.000 Aufenthaltsorte, die von Martin Anton Müller und Laura Untner im Projekt Wiener Schnitzler – Schnitzlers Wien auf einer Website gesammelt wurden.
Dazu kamen „Charakteristiken“, die Aussagen im Tagebuch zu verschiedenen berühmten Personen zusammentrugen. Diese umfassen unter anderen: Peter Altenberg, Leopold Andrian, Hermann Bahr, Richard Beer-Hofmann, Otto Brahm, Georg Brandes, Max Burckhard, Alfred von Berger, Albert Ehrenstein, Michael Georg Conrad, Jakob Julius David, Felix Dörmann, Sigmund Freud, Paul Goldmann, Stefan Grossmann, Friedrich Gundolf, Gerhart Hauptmann, Werner Hegemann, Theodor Herzl, Hugo von Hofmannsthal, Henrik Ibsen, Josef Kainz, Alfred Kerr, Karl Kraus, Josef Popper-Lynkeus, Heinrich Mann, Friedrich Mitterwurzer, Romain Rolland, Ferdinand von Saar, Felix Salten, Gustav Schwarzkopf, Richard Strauss, Adolf von Sonnenthal, Paul Schlenther, Hermann Sudermann, Fritz von Unruh, Jakob Wassermann, Franz Werfel und Ernst von Wolzogen. Diese Typologisierungen blieben – mit Ausnahme jener Hofmannsthals – unveröffentlicht und sind heutzutage durch die Publikation des kompletten Tagebuchs obsolet.
Manche ebenfalls im Nachlass aufbewahrte Aufstellungen dürften separat geführt worden sein, etwa die Lektüreliste (Nachlassmappe A178) oder das Verzeichnis der Theaterbesuche (A179). Die Listen mit Veranstaltungsbesuchen und Lesungen wurden von Martin Anton Müller und Laura Untner 2025 mit Einträgen aus dem Tagebuch abgeglichen und ergänzt. Sie sind seit Herbst 2025 auf einer Website zu Schnitzlers Besuchen von Kulturveranstaltungen auffindbar und durchsuchbar.
Die Veröffentlichung des Tagebuchs In seinen Bestimmungen über meinen schriftlichen NachlassJutta Müller, Gerhard Neumann: Der Nachlass Arthur Schnitzlers. Verzeichnis des im Schnitzler-Archiv der Universität Freiburg i. Br. befindlichen Materials. Mit einem Vorwort von Gerhart Baumann und einem Anhang von Heinrich Schnitzler: Verzeichnis des in Wien vorhandenen Nachlassmaterials. München: Fink 1969, S. 33–38. gab Schnitzler ausführliche Anweisungen, wie sein Tagebuch zu veröffentlichen sei. Das beinhaltete etwa die Vorgabe, dass es nur nach bestimmten Fristen erfolgen solle, wenn die Privatsphäre von lebenden Personen nicht mehr involviert war. Zugleich beauftragte er die Erstellung einer Abschrift und gab Anweisungen zur Verwahrung. Durch diese Abschrift war es Forscherinnen und Forschern bereits vor der Veröffentlichung des gedruckten Tagebuchs möglich, über den Sohn Heinrich Schnitzler Einblick in das Tagebuch zu nehmen. Für die Dauer der Edition befanden sich die Originalbände des Tagebuchs in einem Safe in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Nach Abschluss wurden sie wieder zum restlichen „Wiener Nachlass“ (siehe Arthur Schnitzlers Nachlass) hinzugefügt, der nach dem Tod Heinrich Schnitzlers 1982 in das Deutsche Literaturarchiv Marbach gekommen war. Faksimiles der Tagebuch-Seiten sind in der digitalen Edition einsehbar.
Ausgaben
Gedruckt Tagebuch 1879–1931. Herausgegeben von der Kommission für literarische Gebrauchsformen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Obmann: Werner Welzig. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1981–2000, austriaca.at (PDF): 1879–1892. (Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Susanne Pertlik und Reinhard Urbach, 1987) 1893–1902. (Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Konstanze Fliedl, Susanne Pertlik und Reinhard Urbach, 1989) 1903–1908. (Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Susanne Pertlik und Reinhard Urbach, 1991) 1909–1912. (Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Richard Miklin, Maria Neyses, Susanne Pertlik, Walter Ruprechter und Reinhard Urbach, 1981) 1913–1916. (Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Richard Miklin, Susanne Pertlik, Walter Ruprechter und Reinhard Urbach, 1983) 1917–1919. (Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Richard Miklin, Susanne Pertlik und Reinhard Urbach, 1985) 1920–1922. (Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Susanne Pertlik und Reinhard Urbach, 1993) 1923–1926. (Unter Mitwirkung von Peter Michael Braunwarth, Susanne Pertlik und Reinhard Urbach, 1995)