mini|Andrei Snessarew (Mitte, 2. Reihe) als Stabskapitän während seines Dienstes im Turkestanischen Militärbezirk des Russischen Kaiserreiches (1901–1903) Andrei Jewgenjewitsch Snessarew (; wissenschaftliche Transliteration , * im Dorf Staraja Kalitwa, Rajon Ostrogoschsk, Gouvernement Woronesch; † 4. Dezember 1937 in Moskau) war ein Offizier, zuletzt Generalleutnant in der Kaiserlich Russischen Armee, später Militärspezialist und Militärführer in der Roten Armee. Darüber hinaus war er Militärtheoretiker, Militärgeograph und Mitglied der Russischen Geographischen Gesellschaft. Internationale Bekanntheit erlangte er postum als der Militärspezialist, der im Jahr 1918 im Russischen Bürgerkrieg neben Josef Stalin die Verteidigung von Zarizyn durch die Rote Armee leitete. Aufgrund seiner für die Entwicklung der Roten Armee wertvollen Arbeit in den 1920er Jahren wurde er 1928 mit dem Orden Held der Arbeit, dem Vorläufer des Ordens Held der sozialistischen Arbeit, ausgezeichnet. Im Januar 1930 wurde Snessarew verhaftet und zweimal in verschiedenen Militärgerichtsverfahren zum Tode verurteilt, daraufhin von Stalin begnadigt und schließlich zu 10 Jahren Lagerhaft verurteilt. In Lagern des Gulag inhaftiert, erlitt er dort mehrere Schlaganfälle, die 1934 zu seiner vorzeitigen Haftentlassung führten. Snessarew erholte sich nicht mehr von der Lagerhaft und verstarb 1937 in einem Krankenhaus. Nach dem Tod Stalins wurde Snessarew 1958 postum juristisch rehabilitiert.
Die stark vom Imperialismus des Russischen Kaiserreiches geprägten militärtheoretischen Arbeiten Snessarews fanden ab den 2000er Jahren stärkere Beachtung bei der Entwicklung gegenwärtiger russischer Militärpolitik.Pascal Riemer: Russisches Mindset und die neue (Militär-)Strategie. In: Jahrbuch Innere Führung 2021/2022 - Ein neues Mindset Landes- und Bündnisverteidigung ? Miles-Verlag, Berlin 2021, ISBN 978-3-96776-029-3, S. 175ff.
Biografie Snessarew stammte aus der Familie eines orthodoxen Priesters. Insgesamt hatte er acht Geschwister. Er besuchte von 1872 bis 1875 die Pfarrschule im Dorf Kamyschewskaja (1872–1875), dann von 1875 bis 1882 das Nischne-Tschirskaja Progymnasium, dann das Gymnasium „Matwei Iwanowitsch Platow“ in Nowotscherkassk, der Hauptstadt der Oblast des Donkosaken-Heeres, das er 1884 mit einer Silbermedaille abschloss. In den folgenden vier Jahren studierte Snessarew an der Fakultät für Physik und Mathematik der Kaiserlichen Universität Moskau (heute Lomonossow-Universität Moskau) und schloss 1888 sein Studium mit Auszeichnung ab. Er erhielt den Titel Kandidat für reine Mathematik, dem Graduierungssystem des Russischen Kaiserreiches entsprechend etwa einem heutigen Master of Science. Der Titel seiner Abschlussarbeit über die Infinitesimalrechnung lautete (dt. etwa) „Untersuchung unendlich kleiner Werte“ ()A. Je. Sawinkin u. a.: Afghanische Lehren: Schlussfolgerungen für die Zukunft im Lichte des ideologischen Erbes von A. Je. Snesarew (), Verlag der Militäruniversität “Russischer Weg” Moskau 2003, ISBN 5-85887-133-X, S. 346ff..
Frühe Militärkarriere Nach dem Abschluss des Studiums musste Snessarew einen sechsmonatigen Wehrdienst ableisten, den er am 17. August als Freiwilliger im 1. Leibgrenadier-Regiment Seiner Majestät Alexander II. in Jekaterinoslaw (heute Dnipro, Ukraine) antrat. Am 1. September 1888 begann er eine einjährige Ausbildung in der infanteristischen Alexejew-Militärschule in Moskau. Am 25. Februar 1889 wurde Snessarew zum Unteroffizier befördert. Nach dem mit Auszeichnung bestandenen Abschluss der Infanterieschule wurde er zum Podporutschik befördert. Danach leistete Snessarew sieben Jahre lang Dienst im 1. Leibgrenadier-Regiment in Jekaterinoslaw. Nach einer fehlgeschlagenen Bewerbung für eine Ausbildung an der Nikolajew-Militäringenieurakademie in Sankt Petersburg bestand Snessarew 1896 das Auswahlverfahren für die kaiserliche Nikolajew-Generalstabsakademie in Sankt Petersburg. 1899 hatte er alle Kurse der Generalstabsakademie mit Auszeichnung bestanden, wurde zum Stabskapitän befördert und zum Generalstab der Kaiserlich Russischen Armee versetzt.
Militärgeografischer Dienst in Turkestan In den folgenden vier Jahren war Snessarew dem Turkestanischen Militärbezirk (, TurkWO) des Russischen Kaiserreiches zugeordnet, dessen Hauptquartier sich in Taschkent (heute Usbekistan) befand. In dieser Zeit nahm er vom Juni 1899 bis zum April 1900 an einer militärgeografischen und diplomatischen Expedition im Kontext des Britisch-Russischen Konflikts um die Vorherrschaft in Zentralasien in das damals britische Nordindien teil, die vom russischen Kriegsminister Alexei Nikolajewitsch Kuropatkin persönlich initiiert wurde. Bei diesem riskanten Unternehmen durchquerte die russische Delegation von Taschkent aus das Pamir-Gebirge und den nördlichen Hindukusch (über das Hunza-Tal). Die weitere Route führte über Srinagar, Murree und Rawalpindi zum Sommersitz des britischen Vizekönigs in Shimla. Aufgrund der damaligen politischen Lage wurde die russische Militärexpedition von der britisch-indischen Armee genau überwacht. Snessarew war für einen großen Teil der Reise Delegationsleiter und traf als diplomatische Person verschiedene ranghohe Persönlichkeiten Britisch-Indiens, unter anderem auch den Vizekönig George Curzon. Nach diesem Zusammentreffen reiste die russische Delegation, deren geheimer Auftrag die Erkundung der tatsächlichen Stärke der britischen Kolonialtruppen in Indien war, weiter nach Lahore, Amritsar, Delhi, Agra und Kalkutta um von dort aus mit dem Schiff nach Odessa (heute Ukraine) in das Russische Kaiserreich zurückzukehren.
In der Zeit nach der Expedition war Snessarew mit der Erstellung von Berichten für den russischen Generalstab und wissenschaftlicher Artikel über die durchquerten Regionen beschäftigt. Zusätzlich nahm er an einer Inspektionsreise in die südwestlichen Gebiete des Siebenstromlands (heute Kirgisistan) teil. Im Sommer des Jahres 1901 führte Snessarew eine zweimonatige Inspektionsreise in den Pamir durch, wobei er sich auf die Grenzregionen zu Afghanistan und China konzentrierte. Im gleichen Jahr begab sich Snessarew für vier Monate nach London, um dort in der British Museum Library sein aus eigener Beobachtung gewonnenes Wissen über den indischen Subkontinent weiter zu vertiefen. Der Zweck der Bemühungen Snessarews war hierbei die Vorbereitung eines Vordringens des Russischen Kaiserreichs auf den indischen Subkontinent.
Bis zum Jahr 1903 erstellte Snessarew eine zweibändige militär-geografische Abhandlung mit dem Titel (dt. etwa) “Der Nordindische Kriegsschauplatz: eine militärgeografische Beschreibung” (), in der beispielsweise eine drei Kapitel umfassende Analyse der Region Kaschmir enthalten war, deren militärische Bedeutung Snessarew erfasst hatte. Anhand der Materialien aus Indien und Großbritannien verfasste er im Jahr 1906 die Abhandlung (dt. etwa) “Indien als Hauptfaktor der zentralasiatischen Frage: Der Blick der Einwohner Indiens auf die Briten und ihre Herrschaft” (), in der Snessarew unter anderem die Indische Unabhängigkeitsbewegung näher betrachtete.
Während seiner Dienstzeit in Turkestan lernte Snessarew auch den späteren General Kornilow kennen und war mit ihm befreundet.
Russischer Generalstab Aufgrund der sehr sorgfältigen Durchführung der ihm gestellten Aufträge stieg Snessarew jetzt schnell in den Rängen der Kaiserlich-Russischen Armee auf. Im Dezember 1904 wurde er zum Oberstleutnant befördert und nach Sankt Petersburg versetzt, wo er verschiedene Positionen eines Referenten innerhalb des Generalstabs der Kaiserlich-Russischen Armee innehatte. Aufgrund seiner Spezialisierung auf den zentralasiatischen Raum war er in die militärischen Ereignisse des für Russland ungünstig verlaufenden Russisch-Japanischen Krieges (Februar 1904 – Juli 1905) nicht involviert. Stattdessen wurde im März 1905 auf Initiative Snessarews hin eine ständige Kommission zum Studium Afghanistans und Indiens geschaffen, auf deren Sitzungen unter anderem die Möglichkeit und der Erfolg des Befreiungsfeldzugs Russlands in Britisch-Indien und die Nutzung Afghanistans als Bereitstellungsraum der russischen Armee in einem Kampf mit Großbritannien erörtert wurden.
In dieser Zeit unterrichtete Snessarew Militärgeografie an Nikolai-Kavallerieschule in Sankt Petersburg. 1908 wurde Snessarew zum Oberst befördert. 1909 erhielt er das Kommando eines Bataillons des 3. finnischen Infanterie-Regiments. 1910 wurde der zum Stabschef der aus berittenen Kosaken des Don-, Kuban- und Terek-Kosakenheeres kombinierten 2. Kosakendivision. 1913 wurde er zum Vorsitzenden der russischen Delegation der Internationalen Kommission zur Kontrolle der russisch-österreichischen Grenze ernannt.
Erster Weltkrieg mini|Generalmajor Snessarew während einer Inspektion des 7. Jagdgeschwaders. (März 1917) Zu Beginn des Ersten Weltkriegs nahm Snessarew mit der 2. kombinierten Kosakendivision an der Eroberung der damals zu Österreich-Ungarn gehörenden Ortschaft Butschatsch am 15. August 1914 teil, wofür er später mit dem Orden des Heiligen Wladimir in der III. Klasse ausgezeichnet wurde. Am wurde Snessarew das Kommando über das 133. Infanterieregiment der 34. russischen Infanteriedivision übertragen. Während der Belagerung von Przemyśl gelang es dem unter dem Kommando Snessarews befindlichen 133. Infanterieregiment vom bis zum bei Posada Rybotycka einen Angriff österreichisch-ungarischer Truppen in Richtung von Przemyśl abzuwehren. Hierfür wurde Snessarew mit dem Orden des Heiligen Georg IV. Klasse ausgezeichnet. Am 23. Dezember 1915 wurde Snessarew zum Generalmajor befördert. Im Februar des Jahres 1916 wurde Snessarew Stabschef der 12. russischen Infanteriedivision, die dem XII. Korps der 9. russischen Armee zugeordnet war. Während der Brussilow-Offensive wurde er für Kampferfolge am und am mit dem Annenorden I. Klasse mit Schwertern und dem Sankt-Stanislaus-Orden I. Klasse mit Schwertern ausgezeichnet. Im September 1916 wurde Snessarew vorübergehend zum Kommandeur der 64. Infanteriedivision innerhalb des XVIII. Korps ernannt, die zu diesem Zeitpunkt in Rumänien bei Cârlibaba im stationiert war. (→Rumänischer Kriegsschauplatz) Snessarews Einheit verhinderte am einen Durchbruch der angreifenden Mittelmächte auf das verbliebene nördliche Gebiet Rumäniens. Hierfür wurde Snessarew mit dem Orden des Heiligen Georg III. Klasse ausgezeichnet. Im November und Dezember 1916 hatte Snessarews Einheit als Folge der verlustreichen Kämpfe kaum noch 30 Prozent ihres Mannschaftsbestands.
Revolutionsjahr 1917 Nach der Februarrevolution wurde Snessarew zum Stabschef des XII. Armeekorps und am zum Kommandeur der 159. russischen Infanteriedivision ernannt. Snessarew hatte auch nach der Februarrevolution unbestrittene Autorität über seine Untergebenen, obwohl die Kaiserlich-Russische Armee nach der Entmachtung des Zaren rasch zerfiel. Die Ernennung seines Freundes Kornilow zum Befehlshaber des in den kommenden Monaten politisch-militärisch entscheidenden Petrograder Militärbezirks im April 1917 betrachtete er skeptisch. (→Juliaufstand) Nach dem Scheitern des Kornilow-Putsches wurde Snessarew, der sich aus dem politischen Geschehen herausgehalten hatte, am zum Kommandeur des IX. Armeekorps ernannt. Im Oktober 1917 wurde er kurz vor der Oktoberrevolution der Bolschewiki zum Generalleutnant befördert. Nach der Oktoberrevolution wurde er im November 1917 aus dem Militärdienst entlassen und zog zu seiner Familie in das Gouvernement Woronesch.
Russischer Bürgerkrieg