Berliner Aufklärung ist ein erstmals 1994 im Rotbuch Verlag erschienener Kriminalroman von Thea Dorn. Kurzbeschreibung Der homosexuelle Nietzsche-Experte Professor Schreiner wird zerstückelt in den Postfächern des Philosophischen Instituts der Universität Berlin aufgefunden. Auf Bitten der Institutsleiterin, die später gleichfalls ermordet wird, ermittelt die homosexuelle Ex-Studentin Anja Abakowitz auf eigene Faust im akademischen Milieu des Instituts, findet den Täter dann aber im Homosexuellen-Milieu. Inhalt In den Postfächern des Philosophischen Instituts der Universität Berlin werden, in 54 Gefrierbeutel portioniert, die Leichenteile des Nietzsche-Spezialisten Professor Rudolf Schreiner aufgefunden. An den Glaswänden des Raumes findet sich in blutigen Lettern der Schriftzug „SCHREINER IST TOT. DIE WAHRHEIT IST IM FRAGMENT.“Thea Dorn: Berliner Aufklärung. Roman. 2. Auflage. Goldmann, München 2002. ISBN 3-442-45315-1. S. 7. Die Ex-Studentin Anja Abakowitz wird durch die Institutsdirektorin Rebecca Lux herbeigeholt, ihre „ehemalige philosophische Lehrerin“.Dorn, Berliner Aufklärung. S. 10. Rebecca Lux führt über das Verhältnis des verstorbenen Schreiners zu seinen Kollegen aus: „Für Uhse war er ein chauvinistisches Arschloch, Lévi-Brune hielt ihn für einen Antisemiten, Wogner bezeichnete ihn als philosophisches Unglück, und die Studenten haben ihn auch mehr und mehr gehaßt. […] Vor einem halben Jahr gab es einen Skandal, in den Schreiner verwickelt war. Einer seiner Studenten hat über der Magisterarbeit Selbstmord begangen. Er wollte die Arbeit eigentlich bei mir schreiben, ich habe abgelehnt – irgend so ein Nietzsche-Thema. Vielleicht hätte Schreiner ihn besser auch abgelehnt. […] Der einzige, der hier überhaupt noch mit ihm geredet hat, war Maier-Abendroth.“Dorn, Berliner Aufklärung. S. 13. Mit diesen Kern-Zeilen des Romans werden die falschen Verdächtigen aufgezählt, die Anja Abakowitz im Laufe des Romans befragt, weil sie unter ihnen einen „Institutspsychopathen“Dorn, Berliner Aufklärung. S. 37. mutmaßt. Gleichzeitig wird das Motiv des wahren Täters angedeutet: Rache für jemanden, der in den Selbstmord getrieben wurde.
Rebecca Lux wird von der Polizei in Untersuchungshaft genommen, weil jemand gesehen haben will, dass sie in der Mordnacht im Institut gewesen sei. Anja kontaktiert ihren Bekannten Manfred Stammheimer, Richter am Landgericht Berlin,Dorn, Berliner Aufklärung. S. 46. der eine Haftaussetzung gegen eine Kaution von 50000 Mark erreicht, die Anja aufbringt.Dorn, Berliner Aufklärung. S. 53. Rebecca Lux, wieder zuhause, sucht und findet im Telefonbuch den Namen eines von ihr verdächtigten, flüchtigen Bekannten, ruft ihn an: „Sie haben Schreiner umgebracht.“ – „Gratuliere, Frau Professor.“Dorn, Berliner Aufklärung. S. 64–65. Kurze Zeit später wird auch Rebecca Lux von Anja Abakowitz und einer Nachbarin tot aufgefunden.Dorn, Berliner Aufklärung. S. 74. Anja glaubt nicht, dass Rebecca sich das Leben genommen hat,Dorn, Berliner Aufklärung. S. 72. hört den Anrufbeantworter ab, auf dem sich die Nachricht befindet: „Frau Lux, gehen sie ran. Ich muß mit Ihnen reden. Es ist wich –“. Rebeccas Hund heult beim Klang der Stimme auf.Dorn, Berliner Aufklärung. S. 73. Anja kann „nicht einmal mit Bestimmtheit sagen, ob es eine Männer- oder Frauenstimme“ ist. Mit dem vermeintlichen Selbstmord der polizeiverdächtigen Rebecca Lux ist für die Polizei der Fall des ermordeten Professors Schreiner erledigt, nicht aber für Anja Abakowitz. Anjas Motivation steigert sich später noch weiter, als Richter Stammheimer zur Sprache bringt, dass mit einem Selbstmord der verdächtigen Rebecca Lux die 50000-Mark-Kaution verfallen sein könnte.Dorn, Berliner Aufklärung. S. 145.
Währenddessen macht Ulf, der homosexuelle Mitbewohner Anjas, die Bekanntschaft von Peer. Zu Beginn der Ermittlungen hatte Anja von Ulf erfahren, dass Professor Schreiner unter dem Namen „der weiche Rudi“ und mit rotem Toupet, Lederklamotten sowie „Zuhälterring“ ausstaffiert Stammgast in einer Kneipe war, in der auch Ulf verkehrte. Im Gegenzug war Ulf in groben Zügen über Anjas Ermittlungsansätze unterrichtet worden. Peer, nun durch Ulf in einen Teil der Ermittlungen eingeweiht, hat einen Tipp für Anja: Peer behauptet, dass „der letzte Lover von Rudi Willi hieß“Dorn, Berliner Aufklärung. S. 121. und gibt eine Personenbeschreibung, die auf den homophoben, politisch ambitionierten Schreiner-Kollegen Professor Willi Maier-Abendroth passt. Während Anja zuvor nach und nach die potentiellen „Institutspsychpathen“ als Täter ausschloss, kann sie sich bei Maier-Abendroth Motiv und Täterschaft gut vorstellen: „Schreiner kann die politischen Ambitionen seines alten Freundes unmöglich akzeptiert haben. Was ist naheliegender, als daß er Maier-Abendroth damit erpreßt hat, seine versteckten Neigungen publik zu machen, um ihn so als Politiker zu ruinieren?“Dorn, Berliner Aufklärung. S. 141.
Auf dem Rückweg von einem Gespräch mit Maier-Abendroth in dessen Wochenendresidenz in Lübbenau hat Anja Abakowitz aufgrund manipulierter Bremsen einen Unfall.Dorn, Berliner Aufklärung. S. 176. Anja wird leicht verletzt. Daheim angekommen, fällt ihr Blick durch ihr Küchenfenster auf ein Graffiti an der gegenüberliegenden Wand: „GOTT IST TOT, GEZ. NIETZSCHE. NIETZSCHE IST TOT, GEZ. GOTT.“ Anja erinnert sich an den blutigen Schriftzug im Institut: SCHREINER IST TOT. DIE WAHRHEIT IST IM FRAGMENT. „Natürlich: Die beiden Sätze waren […] ein eitler Hinweis, wo die wahren Hintergründe der Tat zu finden seien: in den Fragmenten […] Nietzsches.“Dorn, Berliner Aufklärung. S. 179. Gleich darauf erinnert sich Anja an noch etwas: „Der Schreiner-Student, der sich umgebracht hatte. Jetzt im Nachhinein kam es Anja sonderbar vor, daß Rebecca ihr überhaupt davon erzählt hatte.“Dorn, Berliner Aufklärung. S. 180. Im Philosophischen Institut befragt Anja als erstes im strömenden Regen den geistig derangierten Dauerstudenten und „Instituts-Clochard“Dorn, Berliner Aufklärung. S. 15. Fridjof nach dem Selbstmord des Studenten. Fridjof antwortet in einer für ihn typischen kryptischen Weise: „Zarathustra. Zarathustra ist gegangen. Der Übermensch ist gekommen. […] Er hat Zarathustra gerächt.“Dorn, Berliner Aufklärung. S. 182–183. Die durchnässte Anja wärmt sich anschließend bei ihrer Lebenspartnerin Susanna auf, ruft von dort aus bei Ulf an, der ihr eine Buchausgabe von Also sprach Zarathustra vorbeibringen soll. Allerdings geht Peer ans Telefon, sagt von dort zu Ulf: „Anja ist dran. Sie will unbedingt mit dir reden. Sie sagt, es ist wich –“Dorn, Berliner Aufklärung. S. 186. Anja erkennt die Stimme von Rebeccas Anrufbeantworter wieder, wo es geheißen hatte: „Frau Lux, gehen sie ran. Ich muß mit Ihnen reden. Es ist wich –“.
Anja Abakowitz ist „mit ihrer Frauenüberlänge und den breiten Schultern ohnehin eher maskulin gebaut“,Dorn, Berliner Aufklärung. S. 45. rasiert sich den Kopf kahl, staffiert sich mit einem falschen Schnauzbart, Handschuhen, Lederkappe aus und begibt sich in eine Bar, dessen Kellner ein „keine Tussis hier!“ als Motto hat.Dorn, Berliner Aufklärung. S. 187. Anja lockt Ulf und Peer in die Bar, Peer dann ins Damenklo. Dort bedroht sie Peer mit einem langen Filetiermesser, fesselt ihn mit Handschellen,Dorn, Berliner Aufklärung. S. 189. legt ihm eine schwarzlederne Augenbinde an, peitscht ihn mit einem Ledergürtel.Dorn, Berliner Aufklärung. S. 190. Unter dieser Folter legt Peer ein Geständnis ab: Sein Lebenspartner sei jener Student gewesen, der Selbstmord begangen habe, besessen von einem Zitat aus Kapitel 21 (Vom freien Tode) des Nietzsche-Werks Also sprach Zarathustra. „Dieser Satz hat ihn wahnsinnig gemacht“,Dorn, Berliner Aufklärung. S. 191. so Peer, und zuvor: „Die Philosophen haben Zarathustra aus ihm gemacht. Sie haben ihn umgebracht.“ Peer beschreibt, wie sein toter Freund seinen Selbstmord als Feier zelebriert habe und daher auch Schreiners Ermordung als „Todesfest“ zelebriert werden musste.Dorn, Berliner Aufklärung. S. 192. Der Tod von Rebecca Lux sei dadurch gerechtfertigt, dass mit ihr das Leiden seines Freundes angefangen habe: „Sie wollte seine Magisterarbeit nicht annehmen.“
Anja Abakowitz übergibt Richter Stammheimer einen insgeheim aufgenommenen Tonbandmitschnitt von Peers Damenklo-Geständnis. „Anja wußte nicht, was aus Peer geworden war, aber die ’Zuwendung‘ von fünfzigtausend Mark war […] pünktlich […] eingegangen.“ Es stellt sich außerdem heraus, dass die Kaution in Höhe von 50000 Mark nicht verfallen ist,Dorn, Berliner Aufklärung. S. 198. so dass Anja einen materiellen Gewinn aus dem Kriminalfall zieht.
Textanalyse Bei Berliner Aufklärung handelt es sich um einen auktorial erzählten Kriminalroman. Orte der Handlung sind Berlin, Lübbenau und Umgebung.Dorn, Berliner Aufklärung. S. 163. Die erzählte Zeit umfasst eine Woche im Oktober. Kapitel- und Roman-Titel Die Kapitel-Titel spielen unter anderem auf philosophische Konzepte oder Begriffe an, beispielsweise Diskursethik, Letztbegründung, Gadamers Begriff der „Horizontverschmelzung“, Heideggers Begriff der „Lichtung“, Sartres „Für-sich-Sein“ und „Für-Andere-Sein“ oder ein Habermas-Zitat (Der zwanglose Zwang des besseren Arguments). Großteils handelt es sich bei den Kapitel-Titeln jedoch um die Buch-Titel anderer Autoren, beispielsweise Georges Bataille (Die Tränen des Eros), Karl Marx (Das Kapital), Bernhard Waldenfels (In den Netzen der Lebenswelt), Jürgen Habermas (Strukturwandel der Öffentlichkeit), Luce Irigaray (Speculum de l’autre femme), Richard Sennett (Die Tyrannei der Intimität), Søren Kierkegaard (Philosophische Brocken, Die Krankheit zum Tode) und Friedrich Nietzsche (Ecce homo, Die Geburt der Tragödie, Morgenröte). Der Titel des Romans ist mehrdeutig und kann sich auf die Aufklärung eines Kriminalfalls beziehen oder die philosophische Bewegung. Der Titel enthält aber auch „die Konnotation der sexuellen Aufklärung und Libertinage / Liberalität“. Die beiden letzten Deutungen verknüpft Dorn in einer Rede des homophoben, konservativen Professors Maier-Abendroth: „Zerrüttete Familien, wachsende Jugendkriminalität, psychische Deformationen des modernen Subjekts: das ist die Ernte, die mit der Aufklärung gesät wurde und nun eingebracht wird. […] Der Umstand, daß selbst die Randgruppen der Gesellschaft sich nicht damit begnügen, ihren Sonderneigungen im Privaten nachzugehen, sondern mit ihnen in die öffentliche Sphäre drängen, beweist, daß Privatheit eine Chimäre ist“.Dorn, Berliner Aufklärung. S. 108. Themen Vordergründig ist Berliner Aufklärung kein Roman, aus der „eine Moral gezogen werden kann und soll. Es wird vielmehr zur Unterhaltung der Leser eine Geschichte erzählt, deren Handlung spannend sein soll und dies auch ist.“Victoria Stachowicz: Die Selbstthematisierung des wissenschaftlichen Milieus in der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. (Dissertation) Gesamthochschule Wuppertal, Wuppertal 2001. S. 104. pdf Zur Unterhaltung trägt bei, dass der Roman satirisch überhöht relativ abgeschottete Lebenswelten schildert, die durch verschiedene Figuren miteinander verbunden sind: den schwulen Philosophie-Professor Schreiner, dessen schwulen, in den Selbstmord getriebenen Studenten und die lesbische Ex-Studentin Anja. Verdächtigt werden bis kurz vor Ende des Romans Menschen, die dem akademischen Milieu angehören, besonders verdächtigt jemand, der scheinbar homosexuell ist, nämlich Willi Maier-Abendroth. Täter ist aber letztlich jemand aus dem nicht-akademischen Milieu.