mini|400px|Animierte Darstellung des Verlaufs der russischen Invasion in der Ukraine ab dem 24. Februar 2022 Diese Chronik stellt eine Übersicht zur Chronologie des russischen Überfalls auf die Ukraine von Anfang September bis Ende Oktober 2022 dar.
September 2022 1. September mini|Lagebild des britischen Verteidigungsministeriums vom 1. September 2022 Sowohl von ukrainischer als auch von russischer Seite wurden Gefechte in der an das Atomkraftwerk Saporischschja angrenzenden Stadt Enerhodar gemeldet. Am selben Tag erreichte ein Inspektorenteam der IAEA das Atomkraftwerk für einen mindestens mehrtägigen Aufenthalt. Die russischen Besatzer des Kraftwerks ließen dabei nur ausgewählte russische Journalisten, nicht jedoch nicht-russische bzw. westliche Journalisten zur Berichterstattung auf das Atomkraftwerksgelände.
Der Vorsitzende von Lukoil und prominente Kritiker der russischen Invasion in der Ukraine, Rawil Maganow, starb, nachdem er aus einem Fenster des Moskauer Zentralkrankenhauses gefallen war. Maganow ist damit einer von elf einflussreichen russischen Geschäftsleuten, darunter sechs im Energiesektor, die seit Beginn des Jahres unter umstrittenen Umständen ums Leben kamen.
Die Streitkräfte Russlands und Belarus’ begannen zusammen mit den Streitkräften Chinas, Indiens und mehrerer postsowjetischer Staaten das einwöchige Militärmanöver Wostok 2022 (nach offiziellen Angaben mit mehr als 50.000 Soldaten in Ostsibirien und im Japanischen Meer). Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums kommen dabei 5000 Militärfahrzeuge sowie 140 Flugzeuge und 60 Kriegsschiffe zum Einsatz. Britischen Militärgeheimdienstinformationen zufolge ist es unwahrscheinlich, dass an der Militärübung mehr als 15.000 russische Soldaten teilnehmen. Außerdem hätten sich vorherige russische Militärübungen, wie Wostok-2018, nicht darin bewährt, die Fähigkeiten zu großangelegten, komplexen Einsätzen zu erhalten: „Solche Veranstaltungen laufen stark nach Drehbuch ab, ermutigten keine Eigeninitiative und sind in erster Linie darauf ausgerichtet, die russische Führung und das internationale Publikum zu beeindrucken.“
2. September mini|Lagebild des britischen Verteidigungsministeriums vom 2. September 2022 Nach eigenen Angaben haben die ukrainischen Streitkräfte fünf Munitionslager der russischen Streitkräfte im Gebiet Cherson und eines in der Stadt Melitopol zerstört. Nach russischen Angaben bleiben zwei Inspektoren der IAEA dauerhaft im Kernkraftwerk Saporischschja. Die prorussischen Separatisten in Donezk verzeichneten eigenen Angaben zufolge seit dem Beginn der Invasion mehr als 2900 Gefallene in den eigenen Reihen.
Der polnische Grenzschutz meldet mehr als sechs Millionen Eingereiste aus der Ukraine. Jedoch ist den Statistiken zufolge die Zahl der Einreisenden aus der Ukraine seit Wochen kleiner als die Zahl der Ausreisenden aus Polen in die Ukraine. So übertraten am 2. September 22.200 Menschen die ukrainische Grenze nach Polen, jedoch überquerten am selben Tag 25.700 Menschen die polnische Grenze in Richtung Ukraine. Insgesamt haben seit Kriegsbeginn am 24. Februar 4,2 Millionen Menschen von Polen aus die Grenze in Richtung der Ukraine überschritten. Gazprom kündigte an, dass die Stilllegung der Erdgaspipeline Nord Stream 1 nach Europa auf unbestimmte Zeit fortgesetzt wird, nachdem die G7 Pläne für eine Preisobergrenze für russisches Öl angekündigt hatte.
3. September Laut dem britischen Militärgeheimdienst haben die ukrainischen Streitkräfte von drei Achsen aus ihre Gegenoffensive am 29. August westlich des Flusses Dnepr, in der Oblast Cherson, gestartet und damit logistische Mängel der feindlichen russischen Truppen offenbart. Diese Offensive habe den Feind mutmaßlich taktisch überrascht. Das russische Kommando musste laut dem britischen Militärgeheimdienst nun entscheiden, wie es Nachschub und Reservetruppen in der Region Cherson verteilen will. Laut einem Spiegel-Bericht zogen die ukrainischen Streitkräfte insbesondere zwischen Mykolajiw und Cherson eigene Truppen zusammen. Die Versorgungswege der russischen Truppen seien nach wochenlangem Beschuss beeinträchtigt, aber trotz Beschuss nicht abgeschnitten. Schwere Militärtechnik könne dennoch nicht mehr über die schwer beschädigten Brücken des Dnepr auf die Westseite des Flusses transportiert werden. Laut Einschätzung eines Militärexperten des International Institute for Strategic Studies ist die am 29. August begonnene Gegenoffensive entweder eine Vorbereitungsoperation für eine nachfolgende Großoffensive an derselben Stelle oder strategisches Mittel, im Raum Cherson russische Truppen zu binden und dann in einer anderen Region eine weitere Offensive zu starten. Dem britischen Militärgeheimdienst zufolge sind die nachrückenden Verbände der ukrainischen Streitkräfte jedoch unterbemannt und schlecht ausgebildet. Laut anderen Militärexperten mangelt es den nachrückenden ukrainischen Truppen außerdem an Flugabwehrsystemen und Schützenpanzern, um die Fronteinheiten ausreichend zu schützen.
Das russische Verteidigungsministerium berichtete, das ukrainische Militär bezahle seine andauernde Gegenoffensive mit hohen Verlusten. So seien in den vergangenen Tagen weitere 230 ukrainische Soldaten getötet sowie 23 Panzer und 27 weitere Kampffahrzeuge zerstört worden. Bereits am 31. August hatte das Ministerium erklärt, dass mit dem Beginn der ukrainischen Gegenoffensive am 29. August innerhalb von zwei Tagen 1700 ukrainische Soldaten getötet worden seien. Dem Spiegel zufolge berichteten ukrainische Soldaten, dass ihre Streitkräfte in den vergangenen Tagen empfindliche Verluste erlitten hätten. Ein ukrainischer Soldat berichtete, dass die russischen Truppen in der Oblast Cherson professionell vorgingen: „Wir erkennen das auf unseren Drohnenbildern daran, wie sie sich bewegen.“ Da die Zahl ukrainischer Truppen im Gebiet um die Stadt Cherson unter derjenigen der russischen liege, versuchten ukrainische Soldaten mit Distanzangriffen hinter feindliche Linien, die russischen Besatzer in den Stellungen zu zermürben.
In Prag demonstrierten 70.000 Menschen und forderten teilweise Neutralität im russisch-ukrainischen Krieg.
4. September Die ukrainischen Truppen eroberten die seit März unter russischer Besatzung stehende Stadt Wyssokopillja in der Oblast Cherson zurück. Auch die in der Oblast Donezk liegende Stadt Oserne sei zurückerobert worden. Das russische Verteidigungsministerium bestritt ukrainische Erfolge. Der ukrainische Generalstab meldet, einen Stützpunkt einer feindlichen Spezialeinheit in der besetzten Großstadt Cherson zerstört zu haben.
Das russische Verteidigungsministerium meldete, dass russische Truppen innerhalb der letzten 24 Stunden vier Kommandostände der ukrainischen Armee in der Nähe der Stadt Charkiw angegriffen haben. Dabei wurden auch zivile Wohnhäuser beschädigt und Zivilisten verletzt. Laut einer Einschätzung der ukrainischen Regierung setzt Russland vermehrt unpräzise Raketen des Systems S-300 ein. Allein von diesem Waffentyp habe Russland seit Ende Februar 2022 mehr als 500 Raketen auf das ukrainische Staatsgebiet abgefeuert. Laut der ukrainischen Armee hat Russland innerhalb eines Tages 24 Luftangriffe auf militärische und zivile Objekte verübt. Außerdem seien russische Angriffe im Donbass, bei der Stadt Bachmut und der nahegelegenen Siedlung Pokrowske, abgewehrt worden.
Der ehemalige russische Präsident Dmitri Medwedew behauptete, dass Deutschland durch die erlassenen Sanktionen Russland einen Hybridkrieg erklärt habe. Medwedew reagierte damit auf den deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz, der gesagt hatte, dass Russland kein verlässlicher Energielieferant mehr sei.
5. September mini|Lagebild des britischen Verteidigungsministeriums vom 5. September 2022 Nach britischen Militärgeheimdiensteinschätzungen ist das vorrangige politische Ziel Russlands weiter die Einnahme des Donbas (bzw. die noch nicht erfolgte vollständige Einnahme der Oblast Donezk). So lägen die Hauptachsen des russischen Vormarschs bei Awdijiwka nördlich der Großstadt Donezk sowie im Umland der Stadt Bachmut, wo russische Truppen laut dem britischen Geheimdienst etwa einen Kilometer pro Woche auf die Stadt vorrücken. Unter Berufung auf Informationen aus den ukrainischen Behörden erklärte der britische Geheimdienst, dass das russische Militär die Vorgabe habe, bis zum 15. September den Donbas zu „befreien“. Der britische Militärnachrichtendienst schätzt das Erreichen jener Zielvorgabe als „höchst unwahrscheinlich“ ein und resümiert, dass dieses Nichterreichen der Zielvorgabe Pläne der russischen Führung konterkariert, im Donbas zeitnah „Referenden“ zur Eingliederung des Gebiets in die Russische Föderation durchzuführen. Die Vorbereitung auf ein weiteres scheinbares „Referendum“ (über die Eingliederung der Region Cherson in die Russische Föderation) wurde mit Verweis auf die Sicherheitslage in jener Region gestoppt.
Vier Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) verließen das Atomkraftwerk Saporischschja am 5. September. Zwei weitere bleiben vorerst vor Ort.
Dmitri Peskow, Pressesprecher des Kreml, erklärte vor Journalisten, dass die volle Wiederaufnahme der Belieferung mit Erdgas über Nord Stream 1 von einer Aufhebung der Sanktionen der westlichen Staaten gegenüber Russland abhänge. Wladimir Putin veröffentlichte eine neue außenpolitische Doktrin auf dem Konzept der Russischen Welt, in der es unter anderem heißt: „Die Russische Föderation unterstützt ihre im Ausland lebenden Landsleute bei der Durchsetzung ihrer Rechte, um den Schutz ihrer Interessen und der Bewahrung ihrer russischen kulturellen Identität sicherzustellen.“
Bei einem Besuch des ukrainischen Ministerpräsidenten Denys Schmyhal beim Kanzleramt in Berlin lehnte Bundeskanzler Olaf Scholz die Bitte Schmyhals ab, die Erlaubnis zu erhalten, beim deutschen Rüstungsunternehmens Krauss-Maffei Wegmann Leopard-2-Panzer zu bestellen. Zuvor hatte das Unternehmen der ukrainischen Regierung im April 2022 die Bereitschaft mitgeteilt, für die Ukraine 100 Leopard-2A7-Panzer zu produzieren und sie auszuliefern. Ausländische Rüstungsaufträge unterliegen in Deutschland der Pflicht zu einer Genehmigung durch die Bundesregierung. Scholz verwies in einem Interview darauf, dass sich Deutschland bei der Lieferung von Waffen mit den Verbündeten, insbesondere den USA abstimme.
6. September mini|Lagebild des britischen Verteidigungsministeriums vom 6. September 2022 Das ukrainische Militär zerstörte eigenen Angaben zufolge vier russische Munitionslager in der Oblast Cherson. Der ukrainische Generalstab teilte darüber hinaus mit, dass im Laufe der 195 Kriegstage insgesamt 50.150 russische Soldaten gefallen seien. Nach Erkenntnissen der US-Nachrichtendienste hat Russland rund eine Million Artilleriegeschosse in Nordkorea bestellt. Dies ist laut den Nachrichtendiensten ein Anzeichen dafür, dass die russische Wirtschaft nicht schnell genug Ersatz für die verbrauchte Munition produzieren kann.Nytimes.com: Russia Is Buying North Korean Artillery, According to U.S. Intelligence Weiter habe Russland auch Kampfdrohnen im Iran bestellt, um die eigenen Drohnenverluste zu ersetzen. Laut dem britischen Militärgeheimdienst mangelt es den russischen Streitkräften an Aufklärungsdrohnen, was nach Einschätzung des Geheimdienstes die Aufklärung und das Situationsbewusstsein über die militärische Lage bei den russischen Truppen limitiert. Außerdem mangele es Russland aufgrund der Sanktionen an technischen Komponenten, um einen Drohnenbestand aus eigener Produktion zu halten. Durch einen Anschlag ist der von Russland eingesetzte Verwaltungschef der südukrainischen Hafenstadt Berdjansk, Artjom Badrin, getötet worden.