mini|Kreuzgang im Kloster Allerheiligen

Das Schaffhauser Stifterbuch umfasst die Darstellung der Geschichte des Klosters Allerheiligen in Schaffhausen (Schweiz) in der Zeitspanne von der Gründung 1049 bis zum Ende der Herrschaft der Grafen von Nellenburg 1105. Das Stifterbuch liegt in drei Handschriften des 14./15. Jahrhunderts vor sowie in einigen kürzeren, jüngeren Abschriften. Das Original ist nicht erhalten.

Das Leben des Stifters und Erbauers des Klosters, Graf Eberhard von Nellenburg, steht im Mittelpunkt der Überlieferung, die zeitgemäss göttliche Fügungen, Wunder und eine dementsprechende Lebensweise betont, doch auch persönliche und politische Konflikte beschreibt und dem Historiker eine Vielfalt an Informationen gibt. Nach Auffassung des aktuellen Editors, Heinz Gallmann, «will das Stifterbuch nicht Geschichtsquelle sein, sondern erhebt literarischen Anspruch», doch erweist sich «die Schilderung der historischen und politischen Hintergründe als zuverlässig».Heinz Gallmann: Das Schaffhauser Stifterbuch. Legende um Stifter und Stiftung des Klosters Allerheiligen. Universitätsverlag Konstanz (UVK), Konstanz 1995, S. 20.

Hinweise auf Quellen Die inhaltlichen Schichtungen der Handschriften lassen erkennen, dass sie sich auf ein Original bezogen:

Deutsche und Lateinische Vorlagen Die älteste Handschrift A ist sprachlich «nicht einheitlich, ältere Formen stehen neben neueren; die Hs. erweist sich demnach als Abschrift einer deutschen Vorlage […] die sprachliche Analyse läßt als gesichert annehmen, daß sie [die Hs. A] um 1350 entstanden ist, auch wenn das Wasserzeichen auf eine Erstehung erst gegen 1380 zu weisen scheint.»Heinz Gallmann: Das Schaffhauser Stifterbuch. Universitätsverlag Konstanz (UVK), Konstanz 1995, S. 20.

Was dem Verfasser der Handschrift B neben der Hs. A vermutlich vorlag, ist eine Quelle, die vom Leben Eberhards und von Wundern zu seinen Lebzeiten berichtete. Im Schreibvermerk wird auf einen lateinischen Quellentext hingewiesen – alli die nit latin verstond, die dis buoch lesind oder hortind lesen –, eine Quelle, die wahrscheinlich 1438 noch vorhanden war.H. Gallmann: Schaffhauser Stifterbuch. Konstanz 1995, S. 19 f.

Die 1467 entstandene Handschrift C von Hans Trechsel in Schaffhausen …

Fazit: das Schafhauser Stifterbuch ist in der in den drei Handschriften überlieferten Form um 1300 wohl im Kloster Allerheiligen in deutscher Sprache entstanden.H. Gallmann: Schaffhauser Stifterbuch. 1995, S. 24. mini|Vorhalle des Münsters im Kloster

Handschriften Die Handschrift A ist Teil eines «prachtvollen Codex [… der] in der Reformationszeit in Privathände gelangte [… und] später der Bibliothek von Aegidius Tschudi an(gehörte)». Mit seinem Nachlass kam das Werk in die Stiftsbibliothek St. Gallen (Cod. 604). Die Annahme, dass die Schrift im Kloster Allerheiligen entstand, «wird gestützt durch das Fehlen eines Schreibervermerks. […] Das Stifterbuch ist auf den Seiten 3–43 dieses Bandes von Papierhandschriften zu finden.»H. Gallmann: Schaffhauser Stifterbuch. 1995, S. 15 f.

Aus dem Schreibervermerk des Codex mit der Handschrift B geht hervor, dass er «1438 in Schaffhausen vom Franziskanerbruder Heinrich von Hüffingen, genannt Zaffrer, geschrieben» wurde. Er ist eine Abschrift der Handschrift A. In der Reformationszeit gelangte er ebenfalls in Privathand und gehört jetzt «der Thurgauischen Kantonsbibliothek Frauenfeld. Die Initialen des schön geschriebenen Codex sind reich mit Rankenwerk verziert.»H. Gallmann: Schaffhauser Stifterbuch. 1995, S. 15, 19. In der Bibliothek: Manuscriptband Y 146.

Die Handschrift C von 1467 ist eine Abschrift einer älteren Vorlage als Hs. A und Hs. B: Bei deren Kenntnis, – so Gallmann – hätte Trechsel «wohl [auch] Interesse an den dem Stifterbuch [in A und B] folgenden Legenden gehabt». Die Handschrift im Umfang von 78 Seiten befindet sich mit Signatur Allerheiligen F 2 im Staatsarchiv Schaffhausen.

Editionen Franz Joseph Mone nahm die Handschrift A in seine 1848 erschienene Quellensammlung der badischen Landesgeschichte auf, «wobei die Lesarten der anderen zwei Handschriften z. T. im Apparat angemerkt wurden».

Karl Schib gab das Buch der Stifter des Klosters Allerheiligen als schmale Beilage 1933/1934 der Kantonsschule Schaffhausen mit dem Text der Handschrift A neu heraus. «Einige Varianten aus den Handschriften B und C wurden hinter dem Text angemerkt.»

«Heinz Gallmann unternahm mit dem Stifterbuch des Klosters Allerheiligen zu Schaffhausen 1993 eine kritische Neuedition unter Erfassung aller drei Handschriften, deren Bestand in lexikalischer und sprachlicher Hinsicht ausgewertet wurde.»H. Gallmann, Berlin: siehe Literaturliste. Die Angaben hier im Artikel beziehen sich auf die Ausgabe «in übersichtlicher Weise» in: Gallmann, Konstanz 1995. Zitate im Kapitel 1993, S. 27 f.

Inhalt Berichtet wird von der Klostergründung, ihrer Vorgeschichte und dem weltlichen und geistlichen Leben des Gründers, Eberhard von Nellenburg, als auch von «der Reform und dem raschen Aufschwung des Klosters zur Zeit Graf Burkhards von Nellenburg. Das Stifterbuch schliesst mit der Weihe des Schaffhauser Münsters und dem Tod der Gräfin Ita, der Witwe Eberhards.» Heinz Gallmann: «Die Zeit, mit der sich das Stifterbuch beschäftigt, ist in ihren wichtigsten Daten gut belegt.»H. Gallmann: Schaffhauser Stifterbuch. 1995, S. 85.

Sprachlich wertet Gallmann insbesondere «die Übergangszeit von der spätmittelhochdeutschen zur frühneuhochdeutschen Sprachstufe im Spannungsfeld zwischen dem Schwäbischen und Alemannischen.»Gallmann: Stifterbuch. 1995, S. 9f. mini|Nellenburger Wappenscheibe im Museum zu Allerheiligen

Nellenburger Grafenfamilie Der familiäre Bericht setzt ein mit den Eltern Eberhards, dem Graf Eppo als einem «hohen Grafen im Schwabenland» und seiner Frau Hedwig, Nichte des Kaisers Heinrich II. Bereits hier wird der Zwiespalt einer Ausrichtung von Lebensweise an «weltliche Ehre und Ruhm» oder «nach Gottes Willen» thematisiert. Dieser scheinbare Widerspruch wird dann zum Lobe Eberhards des VI. (im Stifterbuch «Graf Eberhard») harmonisiert, dessen christliche Tugenden früh zum Vorschein gekommen sein sollen. Dennoch wird er hervorgehoben als «an Adel und Reichtum» kaum vergleichbar: «Im ganzen Schwabenland war sein Name wohlbekannt, denn vor Kaisern und Königen wurde er sehr oft deshalb erwähnt.» (Versprolog). Dass die Klostergründung in Schaffhausen nicht nur eine göttliche Diensterweisung bedeutete, sondern auch in des Grafen Machtstreben und in wirtschaftlichen Interessen gründete, war im 11. Jahrhundert kaum zu reflektieren und auch in der Entstehungszeit der Handschriften im 15. Jahrhundert allenfalls in Ansätzen zu beschreiben.

Klostergründung Allerheiligen 1049 stiftete Graf Eberhard im Schachwald, zwischen dem Ort Schaffhausen und dem Rhein, ein Benediktinerkloster.

Am 22. November 1049 weihte Papst Leo IX., ein Onkel des Stifters, «einen Altar zu Ehren der Auferstehung Christi, die sog. Urständs- oder Erhardskapelle».«Papst Leo IX. war am Tag zuvor in Basel, am folgenden Tag auf der Reichenau.» In: H. Gallmann, S. 182 (Anm. 89). Gallmann nennt als Quellen: Hirsch: Studien über die Privilegien süddeutscher Klöster sowie Gamper: Studien zu den schriftlichen Quellen des Klosters Allerheiligen. «und damit wohl auch den zukünftigen Bauplatz des Klosters. […] Bereits 1050 war das Kloster im Bau.»Heinz Gallmann: Das Schaffhauser Stifterbuch. Legende um Stifter und Stiftung des Klosters Allerheiligen. Konstanz, 1995, S. 83.

«Als 1050 der Zürichgaugraf Eberhard ‚von Nellenburg‘ mit dem Bau des Klosters St. Salvator und Allerheiligen in Schaffhausen begann, nutzte er Baumaterial von einem Gelände, das der Bamberger Kirche gehörte. Als der hierzu zuständige Vogt bereinigte Bertold [von Zähringen] die Angelegenheit in einer Tauschaktion mit Eberhard.»Thomas Zotz: Die Zähringer. Dynastie und Herrschaft. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-17-022066-9, S. 42.

Hintergrund Im 10. Jahrhundert – im zeitlichen Vorfeld der «Konsolidierung der staatlichen Ordnung um die Jahrtausendwende» – waren die gesellschaftlichen Strukturen und Einrichtungen in der Alemannia, dem neu geformten Herzogtum Schwaben, durch die Ungarneinfälle zwischen 917 und 954 weitgehend vernichtet: Ortschaften, Städte und Klöster waren geplündert und verbrannt, die Bevölkerung abgeschlachtet, sodass es nach dem Sieg Ottos des Grossen in der Schlacht auf dem Lechfeld 955 noch Jahrzehnte bis zu Erholung und Wiederaufbau dauerte.

mini|Nellenburg, Rest der talseitigen Frontmauer, vom Burghof aus Eberhard als Günstling des Königs Heinrich III. hatte in Villa Scafhusin 1045 das Münzrecht erhalten und baute mittels des selbst prägbaren Kapitals seine neue Stammburg «vor 1050» als Zentrum seiner schon weit umliegenden Besitzungen und – nachdem das Kloster Reichenau sein Ansinnen auf Verbund abwies – gründete und finanzierte er sein eigenes Kloster Allerheiligen in persönlicher Anwesenheit von Papst Leo IX.H. Gallmann: Stifterbuch. 1995, S. 84 f.

Politökonomische Strategie Zwar versucht das Stifterbuch die «naiv-volkstümliche Erzählweise der Legende [… mit] dem Anspruch der Frömmigkeit […] vermitteln zu wollen, vor der weltliche Probleme verblassen», doch die «realistische Schilderung» legte es auch nahe, «das Stifterbuch als historische Erzählung zu betrachten»:

Der schon unmittelbar nach Erbauung des Klosters 1050 rasch wachsende Einfluss Allerheiligens im nahen Umfeld wird von Helmut Maurer aus der Sicht des Klettgaus beschrieben: «Es bekam von seinen Gründern weitreichende Besitzungen und Rechte auch im nördlichen Klettgau zugewiesen; vor allem aber übertrugen ihm die Nellenburger das ausgedehnte Forstgebiet auf dem Randen und dem Laufenberg. Hierin lagen die Keime zu dem spätmittelalterlichen Stadtstaat Schaffhausen begründet, und damit indirekt auch schon die Elemente zu der bis heute dauernden Aufteilung des Klettgau in zwei staatsrechtlich getrennte Gebietsteile. Hallau, Guntmadingen, Neuhausen, Beringen, Dangstetten und Rheinheim wiesen im Klettgau den meisten Besitz Allerheiligens auf.» Der Einfluss der Zähringer mit der Vogtei über das Kloster St. Blasien und des von ihm abhängigen Frauenklosters Berau konnte damit noch nicht konkurrieren.Helmut Maurer: Der Klettgau im frühen und hohen Mittelalter. In: Der Klettgau. herausgegeben vom Bürgermeister Franz Schmidt der Stadt Tiengen/Hochrhein, 1971, S. 94 und 96.

Licht auf dazu vorgenommene Maßnahmen fällt im Südschwarzwald durch die lokale Überlieferung zur Gründung – wahrscheinlich war es der Ausbau einer schon länger bestehenden Siedlung – mit dem heutigen Namen «Grafenhausen»: mini|Das Rathaus in Grafenhausen, 2013

Gründung von Grafenhausen Nach einer Urkunde wurde die Siedlung Grafenhausen im Jahre 1078 von dem «Grafen von Nellenburg» gegründet. Dieser habe 1050 das Kloster Allerheiligen in Schaffhausen gestiftet und erbauen lassen und 1082 «erfolgte die Gründung des Benediktinerklosters in Grafenhausen, abhängig von Allerheiligen, als Vorposten gegen das bedeutende Kloster St. Blasien mit einer Außenstelle in Berau.» Da Eberhard «vermutlich 1078» starb und zuvor noch sechs Jahre im Kloster lebte, wird die Stadt- und auf jeden Fall die Klostergründung nicht mehr sein Werk, sondern seinem Sohn und Nachfolger Graf Burkhard zuzuschreiben sein. Planung und Vorbereitung zur Stadt- und Klostergründung können noch in der Hand Graf Eberhards gelegen haben. «Grafenhausen im südbadischen Schwarzwald wurde von Papst Urban II. 1095 als Besitztum von Allerheiligen bestätigt.»H. Gallmann: Stifterbuch. S. 179, Anm. 66.

mini|Roggenbacher Schlösser: Steinegg (links) und Roggenbach (rechts), 1829.