mini|Die überfüllte Gasse in Seoul kurz vor der Katastrophe (Blick von Süden)
Die Halloween-Katastrophe in Seoul ereignete sich in der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober 2022 bei Feierlichkeiten zu Halloween im Ausgehviertel Itaewon der südkoreanischen Hauptstadt Seoul, an denen schätzungsweise rund 100.000 Menschen teilnahmen. Zu dem Unglück kam es, als sich Menschenmengen aus entgegengesetzten Richtungen durch eine enge und kurze Gasse bewegten. Mindestens 159 Menschen starben und weitere 196 wurden verletzt.
Es handelt sich bei dem Unglück um das Massengedränge mit den meisten Todesopfern in der Geschichte Südkoreas und um eine der größten Katastrophen des Landes nach dem Untergang des Fährschiffs Sewol 2014.
Polizei, Feuerwehr und die städtische Verwaltung gerieten bald in die Kritik. Ein polizeiliches Sonderteam kam nach wochenlangen Ermittlungen zu dem Schluss, dass Versäumnisse der Behörden, wie fehlende Sicherheitsvorkehrungen, die verspätete Weitergabe von Informationen und mangelnde Kooperation zwischen den zuständigen Stellen, zu der hohen Anzahl der Todesfälle beigetragen hatten.
Hintergrund Vorgeschichte des Stadtteils Die jüngste Geschichte des zum Seouler Bezirk Yongsan gehörenden Stadtteils Itaewon ist eng mit der 1945 gegründeten Yongsan-Garnison im westlich angrenzenden Stadtteil verbunden. Die Angehörigen dieser Militärbasis haben Itaewon maßgeblich geprägt. Seit US-Soldaten ab 1957 Vergnügungsurlaub erhielten, entstanden in Itaewon Bordelle (siehe auch Prostitution in Südkorea). Itaewon mit seiner großen Anzahl von Bars und Bordellen galt somit schon seit langem als Vergnügungsviertel für ausländische, insbesondere US-amerikanische Militärangehörige und Expatriates und wurde daher ursprünglich von vielen Koreanern als für sie gefährlicher Ort eingestuft und meist gemieden.
Die zeitgemäßen Bars und Restaurants in alten Gebäuden und engen Gassen zogen seit Ende der 1990er Jahre auch junge Besucher an. 2013 begann die Verlegung des US-Stützpunkts mit seinen 17.000 Soldaten in den Süden Seouls; bis 2017 wurden über 90 Prozent an Personal und Material aus der der Yongsan-Garnison abgezogen und in das Camp Humphreys verlegt. Mit dem Umzug des US-amerikanischen Militärs musste der Stadtteil Itaewon eine neue Klientel finden. Er wandelte sich von einem „Klein-Amerika“ zu einem Ort multikulturellen Konsums für Koreaner. Er sprach nun Menschen an, die dem Druck der durch konfuzianische Hierarchien und konformistische Ansichten geprägten Gesellschaft Südkoreas entfliehen wollten. Itaewon wurde auch zu einer Art Heimstatt der Queer-Bewegung und galt als ebenso offen für Ausländer wie für Koreaner. Die veränderte Kundendemografie förderte die Etablierung von Restaurants, die soziale Medien nutzen und bei der jungen Bevölkerung und Touristen angesagt sind. Itaewon entwickelte sich bei der jungen Bevölkerung Südkoreas zu einem Symbol für eine freie Lebensart, Hedonismus und Multikulturalismus und erwarb sich international den Ruf eines besonderen Vergnügungsviertels mit einer hohen Dichte an Bars, Clubs und Restaurants, gekennzeichnet durch ein enges Nebeneinander auch von Schwulenkneipen, Rotlichtsalons und Halall-Lokalen. Das Stadtviertel etablierte sich als eines der beliebtesten Ausgehviertel in Seoul.
Vorgeschichte des Halloweenfests in Südkorea Vor diesem Hintergrund entwickelte sich das jährliche Halloweenfest, das in Südkorea erst seit den 2000er Jahren populär wurde, in Itaewon zum größten Südkoreas und trug zum Image von Itaewon als Bühne der gesellschaftlichen Präsentation in Südkorea bei.
Bis etwa 2010 handelte es sich beim Halloweenfest in Südkorea fast ausschließlich um US-amerikanische Bräuche, die von US-Amerikanern und mit ihnen in Verbindung stehen Personen ins Land eingeführt wurden und lediglich auf Partys in Seouls Bezirken mit hohem Ausländeranteil wie Itaewon, Hongdae und Gangnam zu beobachten waren. Halloween in Südkorea blieb zu dieser Zeit physisch und kulturell ausländisch, indem es sich auf ausländische Teilnehmer stützte und auch importierte Vorstellungen wie beispielsweise Ausdrucksformen der LGBT-Identität transportierte.
Ab etwa 2010 entwickelte das an den Feiertag in den USA angelehnte Halloween-Konzept dann aber in Südkorea ein Eigenleben und wurde dort weiterentwickelt, wobei Konsum- und Marketingmuster für Einzelhändler eine wichtige Rolle spielen und der speziellen Bekleidung oder Kostümierung Bedeutung zukommt. Der Halloween-Tag erlangte weite Verbreitung in Südkorea, bindet vielfältige heimische gesellschaftliche Ideen und Trends ein und bietet den Beteiligten die Gelegenheit, eine hohe Aufmerksamkeit zu erlangen.
Als einer der angesagtesten Orte in Seoul für die Halloweenfeierlichkeiten war Itaewon etwa seit Anfang der 2010er Jahre bekannt. Halloween wurde in Itaewon seit dieser Zeit ohne formelle Organisation oder Koordinierungsstelle gefeiert. Die jährlichen Halloween-Feierlichkeiten entwickelten sich zu einer der geschäftigsten Nächte des Jahres im Stadtteil Itaewon, der nächtlich zu keiner Zeit des Jahres mehr junge Bevölkerung anzog als zum Halloween-Wochenende. Währenddessen wurde Itaewon weiterhin bei konservativ eingestellten Koreanern als Symbol für schädlichen ausländischen Einfluss und – insbesondere auch bei älteren Konservativen – als eine Art Sündenpfuhl wahrgenommen.
Der Hauptteil der Halloween-Feierlichkeiten in Itaewon findet entlang der „World Food Street“ und in den Seitengassen statt, die sie mit einer der Hauptverkehrsstraßen von Itaewon – der Itaewon-ro – verbinden. Berichten zufolge sollen im Jahr 2017 etwa 200.000 Menschen zum Halloweenfest nach Itaewon gekommen sein. Aufgrund der wachsenden Popularität der Halloweenfeiern und der Möglichkeit von daraus resultierenden Unfällen waren die Behörden bereits Jahre vor der Katastrophe beunruhigt. In einem internen Dokument aus dem Jahr 2020, das über oppositionelle Abgeordnete bekannt wurde, warnte die Polizei vor möglichen Todesfällen durch drohende Gedrängesituationen.
Frühere tödliche Massengedränge in Südkorea Südkorea weist eine lange Geschichte von Massengedrängen und menschlichen Stampeden mit Todesfolge auf. Am 26. Januar 1960 starben bei der bis dahin schlimmsten Eisenbahnkatastrophe in der Geschichte Südkoreas 31 Menschen, darunter 11 Kinder, bei einem als Stampede beschriebenen Vorfall, als große Menschenmengen im Bahnhof von Seoul während des Mond-Neujahrsfestes bei dem Versuch, einen auf die Abfahrt wartenden Zug zu erreichen, auf der steilen, zum Bahnsteig führenden und schneebedeckten Treppe erdrückt worden waren, nachdem eine Person ausgerutscht war. Weitere ähnliche Vorfälle ereigneten sich am 11. Februar 1980 (5 Tote) auf einer Treppe einer Grundschule in Busan, am 17. Februar 1992 (1 Toter) bei einem Musikkonzert in Seoul und am 16. Dezember 1996 (2 Tote) beim Zugang zu einem Live-Show-Programm in einer Konzertarena in Daegu. Am 3. Oktober 2005 wurden in Sangju 11 Menschen in einem Massengedränge bei einem Musikkonzert getötet, worauf der damalige Bürgermeister von Sangju aufgrund des Vorfalls wegen fahrlässiger Tötung zu einer Bewährungsstrafe von 1½ Jahren verurteilt wurde.
Ausgangssituation 2022 2020 mini|Die „World Food Street“ im November 2020 (Blick ostwärts)
Die COVID-19-Pandemie führte in Korea zu einer Wiederbelebung dort bereits verankerter sozialer Stigmata wie Fremdenfeindlichkeit und die vornehmlich von religiös Konservativen (christlich-protestantisch Rechte) ausgehende Homophobie. Ausgehend von einem am 7. Mai 2020 bekannt gewordenen Nachtclub-Besuch eines SARS-CoV-2-Infizierten war es zu einem COVID-19-Cluster-Ausbruch mit mindestens 100 Infektionen in den drei vom mutmaßlichen Superverbreiter in der Nacht vom 1. auf den 2. Mai 2020 besuchten Nachtclubs gekommen, der Sorge vor dem Aufkommen einer zweiten Infektionswelle in Südkorea geschürt hatte, das mit seiner ersten Infektionswelle zu den ersten Staaten nach China gehört hatte, die mit einem großflächigen COVID-19-Ausbruch zu kämpfen gehabt hatten, und das dann aber international als vorbildliches Beispiel gepriesen worden war, wie es seinen ersten COVID-19-Ausbruch durch aggressive Corona-Test-, Quarantäne- und Maßnahmen zur Kontaktpersonennachverfolgung weitgehend eingedämmt hatte. Nachdem die südkoreanischen Behörden in den letzten Wochen vor dem Itaewon-COVID-19-Ausbruch aufgrund sinkender SARS-CoV-2-Fallzahlen wieder begonnen hatten, die COVID-19-Beschränkungen zu lockern und am 6. Mai 2020 die strikten Regeln zur räumlichen Distanzierung aufgehoben hatten, hatte die Seuchenbekämpfung der Stadtverwaltung nach dem Itaewon-COVID-19-Ausbruch Clubs, Bars und andere Etablissements des Nachtlebens in Itaewon faktisch für Besucher gesperrt und die Touristen- sowie andere Kundschaft war auch in Restaurants Itaewons ausgeblieben, so dass Geschäfte zur Schließung gezwungen waren. Konservative koreanische Medien betonten stark die sexuelle Identität des Superverbreiters, der den Itaewon-COVID-19-Ausbruch mutmaßlich ausgelöst hatte, outeten die von ihm besuchten Clubs als Schwulenclubs und trugen zu einer Atmosphäre bei, in der weit verbreitete homophobe Stimmungen über die Stigmatisierung von Schwulen hinaus auch zu einer Stigmatisierung des Itaewon-Viertels als eines der Zentren der Seouler Schwulenszene führte.Jin-Tae Hwang: COVID-19 and the emergence of a level 2.5 society in South Korea. In: John R. Bryson et al. Living with Pandemics: Places, People and Policy. Edward Elgar Publishing, Inc., 2021, ISBN 978-1-80037-358-7, S. 91–102, doi:10.4337/9781800373594.00017.
Zu den Halloweenfeierlichkeiten im Jahr 2020 kamen in Itaewon trotz anhaltender Warnungen der Behörden vor dem Übertragungsrisiko von SARS-CoV-2-Viren Menschenmengen zusammen und strömten in die Bars, während die großen Clubs zumeist im Rahmen von Vorsichtsmaßnahmen für das Wochenende geschlossen geblieben waren. Zwar war die Anzahl der Halloweenfeiernden im Jahr 2020 Medienangaben zufolge etwas geringer als im Jahr 2019, führte aber in Itaewon dennoch zu überfüllten Gassen und die Überfüllung stieß aufgrund der möglichen COVID-19-Clusterübertragungen auf Kritik und Bedenken. Viele koreanische Medien stellten die Menschen, die 2020 zu Halloween Itaewon besuchten, als Dummköpfe oder im weiteren Sinne als „irrationale Staatsfeinde“ dar, „die die rationalen Warnungen der Regierung ignorieren“.
2021 Die Halloweenfeierlichkeiten im Jahr 2021 fielen in die Zeit, in der sich Südkorea in Bezug auf die COVID-19-Lage auf eine „Rückkehr zur Normalität“ vorbereitete. Die Behörden drohten den Teilnehmern der Halloweenfeierlichkeiten mit harten Strafen, falls sie gegen die COVID-19-Regeln zur räumlichen Distanzierung verstießen. Dem Gesundheitsministerium wurde daraufhin vorgeworfen, den Fokus seiner Überprüfung auf mögliche Sicherheitsverstöße in diskriminierender Weise auf Ausländer gesetzt zu haben.
2022 2022 wurden die COVID-19-Beschränkungen gelockert und Itaewon begann wieder den Geschäftsbetrieb in gewohnter Form aufzunehmen. Nachdem die Halloween-Feierlichkeiten durch die COVID-19-Pandemie in den Jahren 2020 und 2021 nicht ohne COVID-19-Beschränkungen stattgefunden hatten, versammelten sich am 29. Oktober 2022 etwa 100.000 Menschen in den Straßen und Clubs.
Bei den Halloweenfeierlichkeiten im Jahr 2022 handelte sich um eine der größten öffentlichen Veranstaltungen in Seoul. Es soll Vorhersagen für bis zu 130.000 Besucher im Itaewon-Viertel gegeben haben, die aber offensichtlich von den Behörden ignoriert worden seien. Die Polizei räumte schließlich nach der Katastrophe ein, dass sie mit einem großen Besucherandrang gerechnet hatte und die Menge nicht viel größer gewesen war als in den vorangegangenen Jahren. Auch die örtliche Geschäftswelt hatte aufgrund der gelockerten COVID-19-Beschränkungen für 2022 mit einer größeren Menge feiernder Menschen gerechnet.