Bjarosa bzw. Berjosa (, – dies war auch der offizielle Name des Ortes bis 1940) ist eine Stadt im Rajon Bjarosa der Breszkaja Woblasz im Westen von Belarus mit 29.500 Einwohnern (Stand 1. Januar 2015)Численность населения на 1 января 2015 г. . Bjarosa ist das Zentrum des Beresowskij Rajons. Die alte Bezeichnung Bjarosa-Kartusskaja blieb für eine Eisenbahnstation und eine Siedlung etwas westlich der Stadt bestehen.Harada i vëski Belarusi. Breszkaja woblasc. Kniha I. Minsk 2006 (Harada i vëski Belarusi. Enzyklapedija. Bd. 3). S. 166 f.
Geschichte Wappen Beschreibung: In Blau ein silbernes Kloster mit offenem Durchgang über einem silbernen Wellenschildfuß unter einem silbernen schmalen Wellenbalken.
Litauische und polnische Zeit mini|links|Das Kartäuser-Kloster in Bjarosa vor der Zerstörung Das Dorf Bjarosa (vom slawischen Wort für Birke) wurde als Privateigentum im Großfürstentum Litauen erstmals im Jahre 1477 erwähnt. Es gehörte im Laufe der Zeit verschiedenen Adelsfamilien, seit Ende des 16. Jahrhunderts gehörte der Ort den Sapieha, die einen Palast und 1648–1689 ein Kartäuser-Kloster errichteten (daher der zweite Namensteil).E.M. Sawizkij, N.D. Sikorin, A.A. Mitjanin: „Beresa.“ In: Swod pamjatnikow..., S. 112. Zwischen 1538 und 1600 war es ein wichtiges Zentrum des Calvinismus. Das Kloster wurde bald zu einem der größten Gebäude dieser Art in der gesamten polnisch-litauischen Rzeczpospolita und zum Kern der Stadtbildung. Zum Kloster gehörte bedeutender Landbesitz und 800 Bauernhöfe. Während des Großen Nordischen Krieges 1700–1721 fand im Kloster eine Begegnung zwischen König August II. von Polen und Zar Peter I. von Russland statt. Kurz darauf verwüsteten schwedische Truppen den Ort zweimal während der Kriegshandlungen. Im Zuge dessen wurde auch das Kloster zum Teil zerstört.
Russische Zeit Nach den Teilungen Polens kamen Stadt und Kloster zu Russland. Nach dem polnischen Novemberaufstand 1830/1831 schlossen die russischen Behörden das Kloster im Jahre 1831, da sich Mönche des Klosters am Aufstand beteiligt hatten. Als man 1866 zum Bau von Kasernen Ziegelsteine benötigte, wurden das Kloster teilweise abgerissen. Manche seiner Gebäude verschwanden völlig, so auch die Barock-Kirche.
Bjarosa lag in dieser Zeit im so genannten Ansiedlungsrayon, auf das seit Ende des 18. Jahrhunderts das Wohn- und Arbeitsrecht der jüdischen Bevölkerung beschränkt war. Juden stellten zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast 70 % der lokalen Bevölkerung.
Anfang der 1870er Jahre kam es zu einem wirtschaftlichen Aufschwung, der durch die 1871 für den Verkehr zwischen Brest und Smolensk eröffnete Eisenbahnlinie ausgelöst wurde. Dieser schlug sich auch in einem rasanten Bevölkerungswachstum nieder: Lebten in Bjarosa 1833 1200 Menschen, so waren es 1897 6226. Die Wirtschaft wurde von kleineren Handwerksbetrieben dominiert, es gab aber auch eine Lederfabrik und zwei holzverarbeitende Betriebe.
Erster Weltkrieg Im Ersten Weltkrieg war die Stadt ab 1915 von deutschen Truppen besetzt, dann von 1919 bis Juli 1920 und erneut ab August 1920 von polnischen Truppen. Im Juli 1920 wurde kurzzeitig die Sowjetmacht errichtet. Während des Polnisch-Sowjetischen Krieges fand dort am 14. Februar 1919 der erste Angriff der Polen auf die sowjetischen Truppen statt.
Zwischenkriegszeit und Zweiter Weltkrieg Nach dem Frieden von Riga gehörte Bjarosa zu Polen. Nach der Ermordung des polnischen Innenministers Bronisław Pieracki richtete die Staatsführung am 16. Juni 1934 im Gebäude einer ehemaligen Kaserne ein Gefängnis ein.W.S. Posse, A.A. Faktorowitsch: „Mesto Beresa-Kartusskogo konzentrazionnogo lagerja.“ In: Svod pamjatnikov..., S. 114. Hier wurden in erster Linie Kommunisten und ukrainische Nationalisten interniert. Das Lager blieb bis zu seiner Einnahme durch die Rote Armee im September 1939 in Betrieb, als in Übereinstimmung mit dem geheimen Zusatzprotokoll zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt sowjetische Truppen die Stadt besetzten.
Am 15. Januar 1940 wurde Bereza-Kartuska in Bjarosa umbenannt, erhielt den Status einer Stadt und wurde zum Zentrum des neu gebildeten Beresowskij Rajons. Zwei Tage nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 erfolgte die Besetzung durch die deutsche Wehrmacht. Von den etwa 5000 Einwohnern der Stadt waren rund 4500 Juden. Diese wurden nun gezwungen, in zwei neu eingerichteten Ghettos zu wohnen. Im so genannten Ghetto „A“ wohnten fortan Juden, die als arbeitsfähig eingestuft wurden und deren Arbeitskraft für die deutsche Wirtschaft und die Wehrmacht ausgebeutet wurde. Die Juden, die im Ghetto „B“ leben mussten, galten als nicht arbeitsfähig. Im Zuge der Ermordung der europäischen Juden wurde zunächst im Juni 1942 das Ghetto „B“ aufgelöst und seine Bewohner in der Vernichtungsstätte bei Bronnaja Gora erschossen.Harada i vëski Belarusi, S. 165. Auch: Zeugenaussage von Iosif Pawlowitsch Schidlowskij, geb. 1920, aus der Stadt Bjarosa vom 3. Oktober 1944. Schidlowskij arbeitete bei der aus Einheimischen aufgestellten Polizei für die Deutschen und nahm nach eigenen Angaben während der Erschießungen der Juden aus Bjarosa an Absperrmaßnahmen teil. Er gibt allerdings an, diese Aktion habe im Mai 1942 stattgefunden. Ein leitender Angehöriger des SD, Pitschmann, habe sie gemeinsam mit dem Chef der Gendarmerie in Beresa, Oberleutnant Gerdes und dem Chef der örtlichen Polizei, Nikolaj Stepanowitsch Otlschewskij (Schreibfehler beim Namen in der Quelle?), organisiert und durchgeführt. Staatsarchiv der Brester Oblast, f. 514, op. 1, d. 289, Bl. 14–15. Vgl. auch: Zeugenaussage von Roman Stanislawowitsch Nowis, geb. 1891 in Warschau, wohnhaft 1944 in Bronnaja Gora, vom 12. September 1944. Staatsarchiv der Brester Oblast, f. 514, op. 1, d. 273, Bl. 8 (Rückseite). Nach seinen Angaben kamen im Juni 1942 in 16 Waggons, die mit jeweils ca. 200 Personen völlig überfüllt waren, die Juden aus Bjarosa in Bronnaja Gora an. Dies sei der erste Zug zur Erschießungsstätte gewesen. Moshe Tuchman gibt in seinen Erinnerungen den 15. Juli 1942 als Tag der Ermordung der Juden aus dem „Ghetto B“ an: . Mitte Oktober 1942 wurden auch die Bewohner von Ghetto „A“ getötet. Etwa 1000 Meter nördlich des rund fünf Kilometer östlich von Bjarosa gelegenen Dorfes Smoljarka waren fünf Gruben von je 7 × 10 Meter und 2,5 Meter Tiefe vorbereitet worden. Die Gruben lagen etwa 70 Meter von der Straße Warschau-Moskau entfernt, die Menschen wurden auf LKW dorthin gebracht. Vor Ort wurden sie gezwungen, sich zu entkleiden und in den Gruben erschossen. Die Kleidung wurde zurück auf die LKW verladen und weggefahren.Akt o swerstwach, isdewatelstwach, grabeshach i rasruschenijach pritschinennych nemezko-faschistskimi sachwatschikami w rajone Bronnaja Gora, Beresovskogo rajona, Brestskoj Oblasti B.S.S.R. vom 15. September 1944. Staatsarchiv der Brester Oblast, f. 514, op. 1, d. 273, Bl. 4f. Der Akt stellt den Abschlussbericht der Sonderkommission zur Aufklärung der Verbrechen der deutsch-faschistischen Eroberer für das Gebiet Brest dar. Detaillierte Beschreibungen der Vorgänge liefern folgende, von der Untersuchungskommission befragte Zeugen: Iwan Stepanowitsch Gejz, geb. 1908, aus dem Dorf Smoljarka vom 15. September 1944. Staatsarchiv der Brester Oblast, f. 514, op. 1, d. 289, Bl. 8 (und Rückseite). Iwan Iwanowitsch Gejz, geb. 1900, aus dem Dorf Smoljarka vom 15. September 1944. Staatsarchiv der Brester Oblast, f. 514, op. 1, d. 289, Bl. 7 (und Rückseite). Andrej Iwanowitsch Dewkowitsch, geb. 1892, aus der Stadt Bjarosa vom 15. September 1944. Staatsarchiv der Brester Oblast, f. 514, op. 1, d. 273, Bl. 21–22 (und Rückseite). Iosif Jakowlewitsch Kutnik, geb. 1902, aus der Stadt Bjarosa vom 16. September 1944. Staatsarchiv der Brester Oblast, f. 514, op. 1, d. 273, Bl. 23 (und Rückseite). mini|Eine Straße in Bjarosa – ein Beispiel für die ältere Bauweise Die Erschießungen dauerten während dreier Tage an. Die Anzahl der hier ermordeten Juden ist unklar. Im Bericht der Untersuchungskommission ist von mehr als 1000 Juden die Rede. Der Zeuge Schidlowskij arbeitete bei der aus Einheimischen aufgestellten Hilfs-Polizei für die Deutschen und nahm nach eigenen Angaben während der Erschießungen der Juden aus Beresa an Absperrmaßnahmen teil. Er spricht von ca. 3000 Erschossenen.Zeugenaussage von Iosif Pawlowitsch Schidlowskij, geb. 1920, aus der Stadt Bjarosa vom 3. Oktober 1944. Staatsarchiv der Brester Oblast, f. 514, op. 1, d. 289, Bl. 14–15 (mit Rückseiten). Nur vereinzelte Juden aus Bjarosa überlebten den Krieg, das Schtetl Bjarosa hatte aufgehört zu existieren.Eine Liste mit etwa 2.200 der insgesamt 4.500 Namen ist unter zu finden.
Am 15. Juli 1944 wurde Bjarosa durch sowjetische Truppen zurückerobert.
Seit 1945 Nach Kriegsende verblieb Bjarosa, wie fast das gesamte westliche Belarus, im Bestand der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Die verbliebenen polnischen Einwohner wurden zwangsweise nach Polen „repatriiert“. 1974 wurde in Minsk ein neuer Generalplan für die Stadt Bjarosa ausgearbeitet, der in den Folgejahren in die Praxis umgesetzt wurde. Das Bild der Stadt veränderte sich grundlegend. Neue Straßen und Plätze wurden angelegt, die im Stadtzentrum dominierende traditionelle einstöckige Holzbauweise durch moderne Gebäude mit mehreren Etagen ersetzt. Im südlichen Teil der Stadt blieb ein im 19. Jahrhundert angelegter Park bestehen. Die Industrie der Stadt entwickelte sich, besonders im Bereich der Lebensmittel- und der Bauwirtschaft. mini|Neubaugebiet in Bjarosa Seit der Auflösung der Sowjetunion 1991 gehört Bjarosa zur neu gegründeten Republik Belarus. Heute sind 13 größere Industriebetriebe in der Stadt angesiedelt, die u. a. Fenster, Industrieanlagen und Lebensmittel herstellen.
Sehenswürdigkeiten Denkmäler In Bjarosa gibt es eine Vielzahl von Denkmälern und Gedenktafeln, die in ihrer Mehrheit kommunistischen Aktivisten während der Zwischenkriegszeit oder sowjetischen Kämpfern und Opfern im Zweiten Weltkrieg gewidmet sind.
mini|hochkant|links|Das Fliegerdenkmal bei Bjarosa Das wohl wichtigste von ihnen befindet sich auf dem Komsomol-Platz gegenüber dem Haus der Kultur. Hier sind 368 Soldaten und Partisanen bestattet, die während des Krieges gefallen sind. Auf einem Podest steht ein Rotarmist mit Maschinenpistole und Helm in der Hand. Um das Podest herum sind im Boden 22 Tafeln mit den Namen der hier Bestatteten eingelassen. Vor dem Denkmal, in der Mitte eines großen fünfzackigen Sternes, brennt eine ewige Flamme. Der Komplex wurde 1953 angelegt und 1987 und 1988 erneuert und erweitert.
Am südöstlichen Stadtrand, an der Straße Brest-Baranowitschi wurde 1974 zu Ehren der sowjetischen Militärflieger auf einem Podest ein Düsenjäger als Denkmal aufgestellt. Das Denkmal soll insbesondere daran erinnern, dass es sowjetischen Fliegern in den ersten Kriegstagen im Juni 1941 gelungen war, einige deutsche Flugzeuge abzuschießen. Über die Zerstörung vieler sowjetischer Flugzeuge noch auf den Flughäfen am ersten Kriegstag schweigt man sich aber aus.N.D. Sikorin: „Pamjatnik sowetskim lettschikam“. In: Swod pamjatnikow..., S. 115 f.
Bei Berjosa wurde als Sammelfriedhof die Deutsche Kriegsgräberstätte Berjosa errichtet.
Kartäuserkloster mini|Das Haupttor des Kartäuser-Klosters