mini|Sen Sōshitsu, 2007
Sen Sōshitsu XV. (; im Ruhestand: Sen Genshitsu (千 玄室), auch Daisōshō; * 19. April 1923 in Kyōto; † 14. August 2025 ebenda) war der 15. Iemoto (Großmeister) der Teezeremonie-Schule Urasenke (1964–2002) und ein internationaler Kulturvermittler, der die Idee der „Friedlichkeit durch eine Schale Tee“ weltweit verbreitete.
Leben Sen wurde als ältester Sohn von Sen Sōshitsu XIV. (1893–1964) in Kyōto geboren. Er studierte zunächst an der Dōshisha-Universität und wurde 1943 als Student zum Dienst bei den Marinefliegern eingezogen. 1944 gehörte er zu einer Ausbildungseinheit für Spezialangriffe, wurde aber nicht eingesetzt; diese Kriegserfahrung prägte seine spätere pazifistische Haltung.
Nach Kriegsende schloss er sein Studium an der Dōshisha-Universität ab und wandte sich verstärkt Zen und Tee zu. 1949 erhielt er im Tempel Daitoku-ji den Zen-Namen Hōunsai (鵬雲斎). Nach dem Tod seines Vaters übernahm er 1964 als Sōshitsu XV. die Leitung der Urasenke-Schule. 1991 wurde ihm an der chinesischen Nankai-Universität ein philosophischer Doktortitel verliehen (Thema: Wirkung des »Chajing« auf die Entwicklung der Teezeremonie).
Im Dezember 2002 übergab er die Amtsführung an seinen Sohn (Sōshitsu XVI.) und nahm den Namen Genshitsu an; seither führte er den Ehrentitel Daisōshō. Er verstarb am 14. August 2025 im Alter von 102 Jahren in seinem Geburtsort Kyōto.
Wirken Sen verstand die Teezeremonie (Chadō) als wirksame Kultur- und Friedensdiplomatie und reiste im Lauf seines Lebens in mehr als 70 Länder, wo er unzählige Teezeremonien abhielt und Zweigstellen von Urasenke aufbaute; dafür galt er in den Medien auch als „fliegender Großmeister“. Zu den international beachteten Auftritten gehörte eine Teeopfer-Zeremonie am USS Arizona Memorial in Pearl Harbor am 19. Juli 2011.
Seine Lehre griff die klassischen vier Prinzipien der Teezeremonie – wa (Harmonie), kei (Respekt), sei (Reinheit) und jaku (Gelassenheit) – auf und betonte das Überwinden sozialer Unterschiede im Geist von „kein Gast, kein Gastgeber“ (無賓主, muhinshu). In seinen Darstellungen hob er die Schlichtheit des Teehauses und den „Tauweg“ (露地, roji) hervor, der die Gäste zur inneren Sammlung führen solle.
Seit 1971 leitete er an seinem Geburtstag am Nishinomiya-Schrein jährlich eine Teeopfer-Zeremonie; auch an seinem 100. Geburtstag 2023 zelebrierte er dort erneut.
Neben seiner Arbeit für Urasenke nahm Sen zahlreiche öffentliche Funktionen wahr: 2012 wurde er zum UNESCO-Goodwill-Botschafter ernannt, seit 2002 stand er der United Nations Association of Japan (日本国際連合協会) vor und war seit 2005 Japan-UN-Goodwill-Botschafter.
Darüber hinaus war Sen von 2003 bis zu seinem Tod Präsident des japanischen Reitsportverbandes (Japan Equestrian Federation); 2025 wurde er – im Alter von 102 Jahren – erneut im Amt bestätigt, wobei eine satzungsmäßige Ausnahmeregel angewandt wurde.
Auszeichnungen Sen wurde 1989 als Person mit besonderen kulturellen Verdiensten geehrt und erhielt 1997 als erster Teemeister den japanischen Kulturorden. 2020 wurde ihm der Rang eines Commandeur der französischen Ehrenlegion verliehen (nach Officier 1998).
Schriften (Auswahl) Zu Sens zahlreichen Veröffentlichungen zählen u. a. The Spirit of Tea (茶の精神) und The Truth of Tea (茶の真諦).
Literatur S. Noma (Hrsg.): Sen Sōshitsu; in: Japan. An Illustrated Encyclopedia. Kodansha, 1993, ISBN 4-06-205938-X, S. 1348.
Weblinks
Biographien Sen Sōshitsu in der Kotobank (japanisch) Kurzbiografie (Urasenke, englisch) UNESCO-Nachruf (englisch)
Einzelnachweise
Kategorie:Japanische Teekultur Kategorie:Autor Kategorie:Person mit besonderen kulturellen Verdiensten Kategorie:Träger des japanischen Kulturordens Kategorie:UN-Goodwill-Botschafter Kategorie:Hundertjähriger Kategorie:Mitglied der Ehrenlegion (Kommandeur) Kategorie:Japaner Kategorie:Geboren 1923 Kategorie:Gestorben 2025 Kategorie:Mann