Das Kastell ed-Dumer, auch Ad-Dumayr oder Dumeir, selten Doumeir, el Chirbe (d. h. „die Ruine“) beziehungsweise Alt-Domêr, , ist ein spätrömisches Militärlager am vorderen Limes Arabiae et Palaestinae im Gouvernement Rif Dimaschq im Südwesten Syriens. Das Zentrum der nächstgelegenen Kleinstadt Ad-Dumair befinden sich rund 4,5 Kilometer westlich. Der bis weit ins 20. Jahrhundert einsam gelegene Garnisonsort befindet sich in unmittelbarer Nähe zur ehemaligen östlichen römischen Reichsgrenze in der semiariden Klimazone der Syrischen Wüste. Seine größtenteils stark gestörten Baureste blieben gut sichtbar erhalten. Das bis heute nicht ergrabene Kastell entstand an einer wichtigen, von Süden nach Norden geführten Limesstraße, die unter anderem vom strategisch bedeutenden, südlich gelegenen Oasenkastell Qasr al-Azraq über die Kastelle Deir el-Kahf, Mothana, und Sa’nehMaurice Lenoir: Sa’neh ou le désert des tartares: un camp oublié du limes Arabicus. In: Syria 80, 2003, S. 139–150; hier: S. 143. nach Norden führte. Das Zentrum der historischen Altstadt von Damaskus befindet sich im Südwesten, rund 42 Kilometer Luftlinie entfernt.
Lage Von der auf über 1000 Meter hoch gelegenen südlichen Kastellkette im Hauran sinkt das Gelände bis zum Kastell ed-Dumer um mehrere hundert Meter ab. Die im Hauran teilweise vorherrschenden extremen Wetterbedingungen sind im Großraum von Damaskus weitgehend unbekannt. Dort herrscht kontinentales Klima, wobei sich heiße und trockene Sommermonate mit milden bis kalten Wintern abwechseln.Samer Hammoud: Die Einstellung der syrischen Konsumenten zu europäischen Lebensmitteln. Diplomica, Hamburg 2012, ISBN 978-3-8428-6972-1. S. 21. In Richtung Ad-Dumair bildet sich das für die westlichen Gebiete der Syrischen Wüste typische semiaride Klima mit seiner Wüstensteppe aus. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde das bis dahin einsam gelegene Kastell mehr und mehr von der modernen Zivilisation eingeholt. Heute befindet sich unmittelbar östlich ein Militärgelände und südlich der große Militärflughafen Dumair. Zudem wurde ab 2015 damit begonnen, das gesamte weitere und nächstgelegene Umland der Fundstätte ohne vorherige archäologische Untersuchungen landwirtschaftlich zu nutzen.
mini|Der im Jahr 245 errichtete römische Tempel von Ad-Dumair Das fast exakt an den Haupthimmelsrichtungen orientierte Kastell wurde auf einem leicht nach Südosten abfallenden Terrain errichtet. Der nordwestliche Eckturm liegt damit rund neun Meter höher als sein Pendant im Südosten. Eine kilometerweite Fernsicht nach Osten, über die römische Reichsgrenze, sowie nach Süden ist ohne Schwierigkeiten möglich. Im Westen wird die weiter leicht ansteigende Topographie am Horizont hinter Ad-Dumair durch eine Gebirgskette des Anti-Libanon beschränkt. Dies gilt insbesondere auch für die Sicht nach Norden, denn dort erheben sich, nur wenigen hundert Metern von der Garnison entfernt, weitere südwestliche Ausläufer des nach Nordosten ziehenden Anti-Libanon und versperren einen freien Blick. Die nur wenige Kilometer westlich gelegene Kleinstadt Ad-Dumair war während der römischen Antike ein wichtiges Zentrum. Davon zeugt noch heute einer der am besten erhaltenen Tempel Syriens, der im Jahre 245 während der Regierungszeit des Kaisers Philippus Arabs (244–249) entstand. Philippus Arabs wurde in dem hauranischen Ort Schahba,Christian Körner: Philippus Arabs. Ein Soldatenkaiser in der Tradition des antoninisch-severischen Prinzipats (= Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte 61), de Gruyter, Berlin/New York 2002, ISBN 3-11-017205-4, S. 211. im Norden der Provinz Arabia Petraea geboren. Unweit seines von ihm als Philippopolis großzügig zur Stadt ausgebauten Geburtsorts lag die östliche römische Reichsgrenze und die nördliche Grenze zur Provinz Syria.David L. Kennedy: The Roman Army in Jordan. Council for British Research in the Levant, Henry Ling, London 2004, ISBN 0-9539102-1-0, S. 41. Rund 87 Kilometer in Richtung Norden befindet sich der Tempel.
Forschungsgeschichte Der erste überlieferte neuzeitliche europäische Besuch an der Fundstätte stammt von dem italienischen Gelehrten und Reisenden Graf Carlo de Vidua de Conzano (1785–1832), der im Herbst 1820 auch zwei lateinische Inschriften kopierte:Jean Antoine Letronne: Inscriptiones antiquae a comite Carolo Vidua, in turcico itinere collectae. Dondey-Dupré, Paris 1826, S. 30, 31; Tabula XXV.
Ein weiterer Besucher war am 21. Oktober 1852 der irische presbyterianische Missionar und Reisende Josias Leslie Porter (1823–1889), der während seines zehnjährigen Aufenthalts von 1849 bis 1859 in Syrien auch antike Inschriften kopierte. Sein Résumé nach der Besichtigung war, dass er sich aufgrund der so vollständigen Zerstörungen keine Vorstellung von dem Charakter der Festung machen konnte. Er erkannte jedoch, dass im Inneren des Kastells einst einige große und schöne Gebäude gestanden haben müssen.Josias Leslie Porter: Five years in Damascus. Band 1, Murray, London 1855, S. 370.
Im Jahr 1858 besuchte der deutsche Diplomat und Orientalist Johann Gottfried Wetzstein (1815–1905) den Kastellplatz. Er berichtete: „Römisches Castell el Chirbe (d. h. die Ruine), auch Alt-Domêr genannt, liegt 1 Stunde östlich von dem heutigen Dorfe Domêr. Um das Castell herum (das ein längliches Viereck von je 300 und 350 Schritten bildete, 20 Bastionen, auf jeder Seite ein 15 Schritte breites Portal, und eine 16 Fuß dicke Ringmauer hatte, dessen Wände ursprünglich innen und außen mit schönen Quadern eines weißen Kalksteines bekleidet waren), lag ehemals eine bedeutende Stadt. In der Südostecke des Castells steht ein Gebäude, das aus den ursprünglichen Trümmern später wieder aufgebaut und vielleicht eine Kirche war; …“
Die bis heute ausführlichste wissenschaftliche Untersuchung am Kastell el-Hirbe leisteten am 11. Mai 1898 der österreichische Althistoriker Alfred von Domaszewski (1856–1927) und der deutsch-amerikanische Philologe Rudolf Ernst Brünnow (1858–1917). Sie vermaßen nicht nur große Teile der Anlage, sondern untersuchten einzelne Baukörper und fertigten den ersten veröffentlichten Plan der Fortifikation an.Alfred von Domaszewski, Rudolf Ernst Brünnow: Die Provincia Arabia auf Grund zweier in den Jahren 1897 und 1898 unternommenen Reisen und der Berichte früherer Reisender beschrieben. Band 2, Trübner, Straßburg 1905, S. 181–200; hier: S. 187–199.
Die erste Syrien-Expedition unter der Schirmherrschaft der amerikanischen Princeton University, die der Archäologe Howard Crosby Butler (1872–1922) von 1899 bis 1900 leitete, untersuchte nur den Tempel in Ad-Dumair. Das Kastell wurde nicht besucht.Howard Crosby Butler (Hrsg.): Architecture And Other Arts. Part II of the Publications of an American Archaeological Expedition to Syria in 1899–1900. The Century, New York 1903, S. 400–402.
Baugeschichte Die Fortifikation wurde nach den Angaben von Domaszewskis und Brünnows aufgrund einer aufgefundenen Bauinschrift auf das zweite Jahrhundert n. Chr. datiert.Alfred von Domaszewski, Rudolf Ernst Brünnow: Die Provincia Arabia auf Grund zweier in den Jahren 1897 und 1898 unternommenen Reisen und der Berichte früherer Reisender beschrieben. Band 2, Trübner, Straßburg 1905, S. 181–200; hier: S. 197 sowie S. 315. Dieses Entstehungsdatum der Anlage wurde unter anderem von dem amerikanischen Archäologen Bert de Vries (1939–2021) angezweifelt, da der Steinblock mit der Inschrift zwar innerhalb der Kastellmauern entdeckt wurde, aber nicht mehr in situ war. Der Stein wurde wohl in einem späteren Gebäude der Garnison als Spolie wiederverwendet.Bert de Vries, Victoria Godwin, Andrea Lain: The Fortifications of el-Lejjūn (Area C). In: Samuel Thomas Parker (Hrsg.): The Roman Frontier in Central Jordan. Final Report on the Limes Arabicus Project, 1980–1989. Band 1 (= Dumbarton Oaks Studies 40), Washington, D.C., 2006, ISBN 978-0-88402-298-5, S. 67.Samuel Thomas Parker (Hrsg.): The Roman Frontier in Central Jordan. Final Report on the Limes Arabicus Project, 1980–1989. Band 1 (= Dumbarton Oaks Studies 40), Washington, D.C., 2006, ISBN 978-0-88402-298-5, S. 187–212; hier: S. 210. Auch die architektonische Zuordnung der Anlage mit den Rundtürmen lässt ein solch frühes Datum nicht zu. Der amerikanische Archäologe James Lander vertrat 1984 die Ansicht, dass der bisher nicht ausgegrabene Fundplatz im Laufe der Zeit möglicherweise eine Reihe von Umgestaltungen erfahren habe. Er kam zu dem Schluss, die heute sichtbaren Baureste dem späten dritten Jahrhundert und damit der Regierungszeit des Kaisers Diokletian (284–305) zuzuordnen.James Lander: Roman stone fortifications. Variation and change from the first century A.D. to the fourth. British archaeological reports, (= BAR international series 206), Archaeological Journal, Band 142, 1984, S. 223.
Die auf das Jahr 162 n. Chr. datierbare Bauinschrift fand sich im Schutt nahe dem durch von Domaszewski und Brünnow als Waffenkammer (Armamentarium) bezeichneten Bauwerk. Der Text war erstmals durch Vidua de Conzano vor Ort kopiert wordenJean Antoine Letronne: Inscriptiones antiquae a comite Carolo Vidua, in turcico itinere collectae. Dondey-Dupré, Paris 1826, Tabula XXV. und wurde 1862 durch den französischen Althistoriker und Politiker William Henry Waddington (1826–1894), der selbst nach Syrien reiste, interpretiert.William Henry Waddington: Inscriptions grecques et latines de la Syrie. Didot, Paris 1870, S. 585–589.. Vidua de Conzano erwähnte, dass die rote Farbe in den Vertiefungen der Buchstaben noch sichtbar war.Jean Antoine Letronne: Inscriptiones antiquae a comite Carolo Vidua, in turcico itinere collectae. Dondey-Dupré, Paris 1826, S. 30.
Imp(eratori) Caesari divi Antonini fil(io) divi Hadriani nep(oti) divi Traiani Parth(ici) pronep(oti) divi Nervae abnep(oti) L(ucio) Aurelio Vero Aug(usto) pontif(ici) max(imo) trib(unicia) p[o]t(estate) II co(n)s(uli) II p(atri) p(atriae) coh(ors) I Fl(avia) Chal(cidenorum) eq(uitata) sag(ittariorum) sub Attidio Corneliano leg(ato) Aug(usti) pr(o) pr(aetore) per Aelium Herculanum prae[f(ectum)]
Übersetzung: „Dem Imperator Caesar, Sohn des vergöttlichten Antoninus, Enkel des vergöttlichten Hadrian, Urenkel des Traianus Parthicus, Ururenkel des vergöttlichten Nerva, Lucius Aurelius Verus Augustus, Oberpriester, zum zweiten Mal Inhaber der tribunizischen Gewalt, zum zweiten Mal Konsul, Vater das Vaterlandes, die Erste teilberittene flavische Kohorte der Bogenschützen aus Chalkis unter dem Statthalter und Oberbefehlshaber Attidius Cornelianus durch den Kommandeur Aelius Herculanus [hat dies errichtet].“
Umwehrung