mini|Solidaritätsdemonstration in Melbourne, September 2022
Todesopfer der Proteste im Iran ab September 2022 sind jene Menschen, die im Verlauf der landesweiten Proteste im Iran 2022/2023 durch Vertreter der Islamischen Republik Iran gewaltsam getötet wurden. Auslöser der Proteste war der Tod der 22-jährigen kurdischen Iranerin Jina Mahsa Amini am 16. September 2022 in Teheran. Sie starb wahrscheinlich infolge von Schlägen der islamischen Religionspolizei, die sie wegen eines angeblichen Verstoßes gegen das staatliche Hidschāb-Gesetz festgenommen hatte.Woman, life, freedom; Comprehensive report of 20 days of protest across Iran. HRANA, 12. Oktober 2022
Bei den folgenden Protesten wurden viele meist junge Frauen und Männer, auch Minderjährige, auf offener Straße erschossen oder erschlagen, in Haft ermordet, starben infolge von Misshandlungen und Folter oder wurden nach Schauprozessen hingerichtet. Die Täter sind in der Regel männliche Angehörige der Religionspolizei, der paramilitärischen Basidschmilizen, der iranischen Revolutionsgarde (IRGC) oder Gefängniswächter.Iran protests: Basij death toll highlights paramilitary group's role in crackdown. Middle East Eye, 22. Oktober 2022 Die Tötungen und Misshandlungen erfolgten planmäßig auf Befehl des Regimes, sollten die Proteste mit rücksichtsloser Gewalt unterdrücken und die Bevölkerung von weiterer Teilnahme abschrecken. Sie gelten international als schwere Menschenrechtsverbrechen.Iran: Leaked documents reveal top-level orders to armed forces to ‘mercilessly confront’ protesters. AI, 30. September 2022
Dokumentationen Seit Beginn der Proteste haben Menschenrechtsorganisationen, auf den Iran spezialisierte Nachrichtenagenturen, Qualitätsmedien sowie im Inland und Ausland tätige iranische Oppositionsgruppen laufend Zeugenberichte aus dem Iran gesammelt, die Angaben so weit wie möglich überprüft und dann Berichte zu den zuverlässig identifizierten Todesopfern und wesentlichen Informationen zu ihren Todesumständen veröffentlicht. Dokumentationen dazu stammen unter anderen von den Human Rights Activists in Iran (HRA) und ihrer Nachrichtenagentur Human Rights Activists News Agency (HRANA), Iran Human Rights (IHR), dem Iran Human Rights Monitor (IHRM), IranWire, Iran International, Amnesty International (AI), der Hengaw Organization for Human Rights (Hengaw), dem Kurdistan Human Rights Network (KHRN) und vom Nationalen Widerstandsrat des Iran (NCRI). Auch Medien wie The New York Times (NYT), Washington Post, The Guardian, die British Broadcasting Corporation (BBC), Der Spiegel, Der Tagesspiegel, Die Zeit und andere haben in ihren Berichten zum Iran viele Opfernamen veröffentlicht.Umfangreiche Dokumentationen der Todesopfer mit überprüften Angaben sind: Nr. 1: Woman, life, freedom: A Comprehensive Report of the First 82 days of Nationwide Protests in Iran. HRANA, 8. Dezember 2022, PDF S. 56–151. Nr. 2: Omid Shams: Remembering the Victims of #IranProtests2022. Iran Wire, 5. Oktober 2022. Nr. 3: Alexander Epp, Klaas Neumann, Dawood Ohdah, Matthias Stahl: Wie Iran den Protest bekämpft. Die Blutspur des Regimes. Der Spiegel, 23. Oktober 2022 (kostenpflichtig); Protests in Iran The Regime’s Trail of Blood. Spiegel Online, 24. Oktober 2022 (englischsprachige Ausgabe) Nr. 4: Iran: Killings of Children during Youthful Anti-Establishment Protests. AI, 13. Oktober 2022. Nr. 5: 26 children killed by security forces during protests. IHRM, 13. Oktober 2022. Nr. 6: Iran: PMOI/MEK Publishes Names of Martyrs of the Iranian People’s Nationwide Uprising. NCRI, 28. März 2023. Nr. 7: Death by Baton. IHRM, 23. November 2022. Die Zahlen 1 bis 7 in der Belegspalte der Opferliste verweisen auf diese Hauptbelege. Die übrigen Belege sind als Einzelnachweise direkt angegeben. Die Schreibweise der Namen folgt einem Hauptbeleg; gegebenenfalls sind starke Abweichungen und zusätzliche Details aus anderen Belegen angegeben.
Gesamtzahlen Bis zum 5. Oktober 2022 registrierte HRANA 342 zivile Protestversammlungen in allen 31 Provinzen des Iran, darunter 266 Straßenproteste in 105 größeren Städten und 76 Studentenproteste an allen 69 Universitäten des Landes. Die Polizei und Basidschi griffen die Versammlungen mit Tränengas, Gummi- und Metallgeschossen und scharfer Munition an, um sie aufzulösen, und töteten dabei hunderte unbewaffnete Menschen. In den ersten drei Wochen identifizierte HRANA großenteils durch Analyse von aus dem Iran gelangtem Videomaterial und Zeugenberichten zunächst 200 Todesopfer, darunter 18 Kinder und Jugendliche.
Bis Ende Oktober 2022 schätzten IHRMMonthly Report October 2022. IHRM, 31. Oktober 2022 und NCRISystematic violence and arbitrary killing of women and girls will not stop Iran Protests. NCRI, 31. Oktober 2022 die Gesamtzahl der Todesopfer auf 450. Bis zum 8. Dezember 2022 ermittelte HRANA mindestens 481 Todesopfer der Proteste namentlich, darunter 68 Minderjährige. Hinzu kamen Berichte über mindestens 164 namentlich ungenannte Todesopfer. Zudem seien 61 Regimekräfte getötet worden.Woman, life, freedom: A Comprehensive Report of the First 82 days of Nationwide Protests in Iran. HRANA, 8. Dezember 2022, PDF S. 56–159. Bis Ende Januar 2023 registrierte IHR mindestens 488 bei Straßenprotesten getötete Menschen, darunter 64 Kinder und 39 Frauen. Die Zahl umfasse nicht die hingerichteten und die unter verdächtigen Umständen, etwa durch angeblichen Suizid, gestorbenen Demonstranten.At Least 55 People Executed in 26 Days; List of Protesters at Risk of Death Penalty. IHR, 27. Januar 2023 HRANA zählte bis Ende Januar 2023 mindestens 527 Getötete, darunter 71 Minderjährige.Rights Group Says At Least 185 Arrested In Iran's Zahedan In Past Month. Radio Farda, 2. Februar 2023 Laut NCRI töteten die Regimekräfte bis Ende Januar 2023 bei Protesten in mindestens 282 Städten des Iran insgesamt mehr als 750 Menschen und inhaftierten mehr als 30.000.Mahmoud Hakamian: Live report: Iran protests expand in 21st week despite escalating crackdown. NCRI, 4. Februar 2023 Vom 1. Oktober 2022 bis Ende März 2023 publizierte NCRI 675 Opfernamen.Iran: PMOI/MEK Publishes Names of Martyrs of the Iranian People’s Nationwide Uprising - Last updated: March 28, 2023. Unter den Inhaftierten waren im November 2022 bis zu 1.000 Minderjährige.Farnaz Fassihi: Iranian Protesters Attack Khomeini’s Childhood Home as Unrest Spreads. NYT, 18. November 2022
Das Regime ließ monatelang nur über getötete Polizisten und Milizen berichten. Ende November 2022 räumte ein General der IRGC erstmals ein, bei den Protesten seien mehr als 300 Bürger des Iran getötet worden, darunter viele Unbeteiligte.Iran’s Sunni Clerics Say Deadly Protest Crackdown ‘Has No Justification’. IranWire, 29. November 2022 Die staatliche Nachrichtenagentur IRNA gab am 5. Dezember 2022 an, bei den Protesten seien „bis zu 200“ Demonstranten, Zivilisten und sogenannte Sicherheitskräfte getötet worden. Menschenrechtsorganisationen schätzen die offiziellen Zahlenangaben als weit zu niedrig ein.Proteste gegen Regime: Iranische Regierung meldet insgesamt 200 Tote bei Unruhen. SZ, 5. Dezember 2022 Sie gehen von einer hohen Dunkelziffer an weiteren Getöteten aus.
Ein Grund dafür ist, dass das Regime des Iran tausende Menschen willkürlich festnimmt oder entführt, viele ohne rechtsstaatliche Verfahren tötet und ihre Leichen nicht den Angehörigen übergibt, sondern verschwinden lässt. Medienrecherchen und strafrechtliche Ermittlungen sind unter der Diktatur des Iran verboten, nur illegal möglich und dann mit großen Risiken für Zeugen, Investigativjournalisten, Menschenrechtsaktivisten und Anwälte verbunden.Iran: Special Rapporteur calls for effective accountability for deaths in recent protests. OHCHR, 26. Oktober 2022; Corinna Gall: Proteste in Iran: Die neuesten Entwicklungen. NZZ, 29. Oktober 2022
Todesurteile und Hinrichtungen Zusätzlich zu den Morden auf offener Straße oder in Haft lässt das Regime des Iran seit Dezember 2022 Bürger, die bei Protesten oder in deren Zusammenhang festgenommen wurden, nach Schauprozessen und willkürlichen Todesurteilen öffentlich hinrichten. Bekannt wurden die Fälle: Mohsen Schekari, 23, Barista und Rapper, hingerichtet am 8. Dezember 2022, Majidreza Rahnavard, 23, öffentlich gehängt am 12. Dezember 2022, Mohammad Mehdi Karami, 22, Karate-Sportler, hingerichtet am 7. Januar 2023, Seyed Mohammad Hosseini, 20, hingerichtet am 7. Januar 2023;Zwei Demonstranten im Iran hingerichtet. T-online.de, 7. Januar 2023 Saleh Mir Hashemi (36), Majid Kazemi (30), Saeed Yaghoubi (37), alle drei wegen angeblichen „Kriegs gegen Gott“ (Moharebeh) am 19. Mai 2023 erhängt.Saleh Mirhashemi, Majid Kazemi and Saeed Yaghoubi Executed. HRANA, 19. Mai 2023 Diese Taten gelten international als Justizmorde. Wegen der großen Menge der bei den Protesten Festgenommenen und der historischen Erfahrungen mit dem Regime wird eine hohe Zahl solcher Morde erwartet.Yaghoub Fazeli: Rights group warns of ‘mass executions’ in Iran after first protester put to death. Alarabyia, 8. Dezember 2022
Ende Januar 2023 waren laut IHR mindestens 107 Protestierende mit der Hinrichtung bedroht: Sie wurden wegen Tatbeständen angeklagt oder bereits verurteilt, für die das Regime die Todesstrafe vorsieht. Zudem registrierte IHR seit Jahresbeginn 2023 mindestens 55 Häftlinge, die wegen angeblicher gewöhnlicher Straftaten hingerichtet wurden, großenteils von denselben Instanzen wie die Demonstranten und ebenfalls ohne rechtsstaatliche Verfahren. Die Todesstrafe im Iran dient laut IHR zur systematischen Einschüchterung der ganzen Zivilgesellschaft und ist dort immer politisch motiviert. Da die Angehörigen gezwungen werden, zu schweigen, sei die tatsächliche Zahl der von der Todesstrafe Bedrohten höher.At Least 100 Protesters Facing Execution, Death Penalty Charges or Sentences; At Least 476 Protesters Killed. IHR, 27. Dezember 2022; NGO-Bericht: Mindestens hundert Demonstrierenden in Iran droht die Todesstrafe. Spiegel Online, 27. Dezember 2022
Nach Amnesty International und anderen verlässlichen Quellen wurden bis dahin folgende iranische Bürger zum Tod verurteilt: Amir Nasr-Azadani (26),Amir Nasr-Azadani / Iranischer Ex-Fussballprofi zum Tod verurteilt. Radio SRF 4 News, 23. Dezember 2022 Mohammad Boroughani (19), Hamid Ghare-Hasanlou, Mohammad Ghobadlou (23), Seyed Mohammad Hosseini (20), Mohammad Mehdi Karami, Soheil Khoshdel (17), Sadrat (Sedarat) Madani, Hossein Mohammadi (26), Manouchehr Mehman Navaz, Sahand Nourmohammad-Zadeh, Ebrahim Rahimi,Die Hinrichtung von Mohsen Shekari durch die iranischen Behörden ist entsetzlich. Amnesty.de, 8. Dezember 2022 Saman Yasin, auch Saman Seydi (29), ein Unbenannter von 16 wegen „Korruption auf Erden“ Angeklagten.Iran: 26 people risk execution in relation to protests. Amnesty.org, 16. Dezember 2022
Ab Januar 2023 wurde zum Tod verurteilt: Dschawan R. aus Nouschahr.ORF: Iran: Weiteres Todesurteil gegen Demonstranten, 10. Januar 2023
Weiteren Protestteilnehmern droht die Todesstrafe wegen Anklagen auf angeblich todeswürdige Verbrechen: Reza Eslamdoost, Akbar Ghafari, Mohsen Rezazadeh Gharagholou, Abolfazl Mehri Hossein Hajilou, Hajar Hamidi, Shahram Marouf-Mola, Ebrahim Rigi (Riki), Toomaj Salehi, Karwan Shahiparvaneh, Saeed Shirazi, Farzad (Farzin) Tahazadeh, Farhad Tahazadeh. Viele weitere Todesurteile und eine unbekannte Zahl von nichtöffentlich Hingerichteten werden befürchtet.
Liste der Opfer Die Dokumentationen von HRANA (1), IranWire (2), dem Spiegel (3), AI (4), IHR (5), dem NCRI (6) und IHRM (7) enthalten regulär die Namen der Menschen, die Regimekräfte bei oder nach den Protesten im Iran seit 16. September 2022 getötet haben. Die angegebenen Belege umfassen meist Datum und Ort ihres Todes sowie, falls ermittelt, auch ihr Alter und einige Todesumstände. Die folgende Liste präsentiert die wichtigsten veröffentlichten Angaben chronologisch. Die Namen von nach Schauprozessen Hingerichteten sind farblich grau markiert.