Das Obergericht für die Provinz Niederhessen (ab 1851: Obergericht Kassel) war ein zweitinstanzliches Gericht des Kurfürstentums Hessen für den Bereich seiner Provinz Niederhessen mit Sitz in der Stadt Kassel.

Geschichte Gründung Bis zum Tod des Kurfürsten Wilhelm I. 1821 war im Kurfürstentum Hessen ein gewaltiger Reformstau aufgelaufen, da dieser nach seiner Rückkehr aus dem Exil auf den Thron 1813 viele Reformen rückgängig gemacht und persönlich im 18. Jahrhundert verhaftet geblieben war. Der neue Kurfürst, Wilhelm II., war nicht weniger autokratisch als sein Vater, aber gewillt, den Staat zu modernisieren. Die Staatsverwaltung wurde nach preußischem Muster reformiert. Teil der Justizreform war, für jede der Provinzen des Kurstaates als mittlere Ebene der Gerichtshierarchie ein Obergericht einzurichten.

So erhielt auch die Provinz Niederhessen 1821 ein entsprechendes Obergericht für die Provinz Niederhessen.§§ 41–46 Verordnung vom 29ten Juni 1821 die Umbildung der bisherigen Staatsverwaltung betreffend. In: Sammlung von Gesetzen etc. für Kurhessen Nr. 12 vom Juni 1821, S. 29–61 (39f).

Weitere Entwicklung Nach dem Aussterben der Linie Hessen-Rotenburg im Jahr 1834 wurden die dortigen Gerichte in kurhessische Gerichte überführt. Die Fürstlich Rotenburgische Justizkanzlei Rotenburg wurde aufgelöst und seine Aufgabe dem Obergericht für die Provinz Niederhessen übertragen. Entsprechend wurden die dortigen Justizämter kurhessische Justizämter und dem Kasseler Obergericht nachgeordnet.

Mit dem Wiedererstarken der Staatsmacht nach der Revolution von 1848 wurden zahlreiche Reformen rückgängig gemacht und dabei auch gleich noch weitere Änderungen vorgenommen. Mit dem Argument, dass dadurch „eine wesentliche Verminderung des Richterpersonals“ möglich seiProlog Provisorisches Gesetz vom 22ten Juli 1851, abändernde Bestimmungen über Organisation der Rechtspflege und das Verfahren in Strafsachen sowie in bürgerlichen Rechtsstreiten enthaltend. In: Sammlung von Gesetzen etc. für Kurhessen Nr. 18, Juli 1851, S. 59–72 (60). , wurde die Zahl der Obergerichte im Kurstaat auf zwei reduziert: Das Obergericht Kassel und das Obergericht Fulda.§ 6 Provisorisches Gesetz vom 22ten Juli 1851, abändernde Bestimmungen über Organisation der Rechtspflege und das Verfahren in Strafsachen sowie in bürgerlichen Rechtsstreiten enthaltend. In: Sammlung von Gesetzen etc. für Kurhessen Nr. 18, Juli 1851, S. 59–72 (60). Das Obergericht für die Provinz Oberhessen in Marburg und das Obergericht für die Grafschaft Schaumburg in Rinteln wurde aufgelöst. Seine Aufgaben übernahm das Obergericht Kassel.Provisorisches Gesetz vom 22ten Juli 1851, abändernde Bestimmungen über Organisation der Rechtspflege und das Verfahren in Strafsachen sowie in bürgerlichen Rechtsstreiten enthaltend, Anhang. In: Sammlung von Gesetzen etc. für Kurhessen Nr. 18, Juli 1851, S. 59–72 (72). Gleichzeitig wurden Kriminalgerichte neu eingeführt. Diese orientierten sich an den Bezirken des Kurfürstentums Hessen. Dem Obergericht Kassel wurden folgende Kriminalgerichte zugeordnet: Kriminalgericht Eschwege Kriminalgericht Fritzlar Kriminalgericht Kassel Kriminalgericht Marburg Kriminalgericht Rinteln Kriminalgericht Rotenburg

Das aber war noch nicht das Ende: Zum 1. Januar 1864 wurde die Reform der Gerichtsverfassung von 1851 teilweise zurückgenommen, der Zustand von 1822 wieder hergestellt und die Obergerichte in Marburg und Rinteln erneut eingerichtet.§§ 10, 47 Gesetz vom 28ten October 1863, die Gerichtsverfassung betreffend. In: Sammlung von Gesetzen etc. für Kurhessen Nr. 10, Oktober 1863, S. 97–106 (99, 106).

Ende Nach dem verlorenen Krieg von 1866 annektierte das Königreich Preußen das Kurfürstentum Hessen.Gesetz, betreffend die Vereinigung des Königreichs Hannover, des Kurfürstenthums Hessen, des Herzogthums Nassau und der freien Stadt Frankfurt mit der Preußischen Monarchie vom 20. September 1866. In: Gesetz-Sammlung für die Königlich Preußischen Staaten Nr. 47, S. 555;Patent wegen der Besitznahme des vormaligen Kurfürstenthums Hessen vom 3. Oktober 1866. In: Gesetz-Sammlung für die Königlich Preußischen Staaten Nr. 51, S. 594f.Allerhöchste Proklamation an die Einwohner des vormaligen Kurfürstenthums Hessen vom 3. Oktober 1866. In: Gesetz-Sammlung für die Königlich Preußischen Staaten Nr. 51, S. 595f. Damit wurde auch Hanau preußisch und erhielt 1867 eine preußische Gerichtsverfassung.Verordnung über die Gerichtsverfassung in dem vormaligen Kurfürstenthum Hessen und den vormals Königlich Bayerischen Gebietstheilen, mit Ausschluß der Enklave Kaulsdorf vom 26. Juni 1867. In: Gesetz-Sammlung für die Königlich Preußischen Staaten Nr. 64, S. 1085;Verfügung vom 8. August 1867, – betreffend die Einrichtung nach der Allerhöchsten Verordnung vom 26. Juni d. J. in dem vormaligen Kurfürstenthum Hessen und den vormals Königlich Bayerischen Gebietstheilen, mit Ausschluß der Enklave Kaulsdorf, zu bildenden neuen Gerichte. In: Justiz-Ministerial-Blatt für die Preußische Gesetzgebung und Rechtspflege Nr. 31 vom 9. August 1867, S. 221. Das Obergericht Kassel wurde funktional durch das preußische Kreisgericht Kassel ersetzt.

Instanzielle Einordnung Dem Obergericht für die Provinz Niederhessen übergeordnet war das Oberappellationsgericht Kassel. Der Gerichtsbezirk des Obergerichts für die Provinz Niederhessen umfasste:

Justizamt Sitz Kreis AnmerkungenJustizamt Abterode Abterode Kreis Eschwege Justizamt Allendorf Allendorf Kreis Witzenhausen Justizamt Bischhausen Bischhausen Kreis Eschwege Justizamt Borken Borken (Hessen) Kreis Homberg Justizamt Carlshafen Carlshafen Kreis Hofgeismar Landgericht Kassel Kassel Stadt Kassel Stadtgericht Kassel Kassel Stadt KasselJustizamt Eschwege I Eschwege Kreis Eschwege Justizamt Eschwege II Eschwege Kreis Eschwege Justizamt Felsberg Felsberg Kreis Melsungen Justizamt Fritzlar Fritzlar Kreis Fritzlar Justizamt Germerode Germerode Kreis Eschwege Aufgelöst 1836 und im Justizamt Abterode aufgegangenVerordnung vom 5. Dezember 1836, die Veränderung einiger Untergerichts- und Kreisamtsbezirke betreffend. In: Sammlung von Gesetzen, Verordnungen, Ausschreiben und anderen allgemeinen Verfügungen für Kurhessen 1836, S. 132.Justizamt Grebenstein Grebenstein Kreis Hofgeismar Justizamt Großalmerode Großalmerode Kreis Witzenhausen Justizamt Gudensberg Gudensberg Kreis Fritzlar Justizamt Hofgeismar Hofgeismar Kreis Hofgeismar Justizamt Homberg Homberg (Efze) Kreis Homberg Justizamt Jesberg Jesberg Kreis Fritzlar Justizamt Lichtenau Lichtenau Kreis Witzenhausen Justizamt Melsungen Melsungen Kreis Melsungen ab 1849 zum Obergericht RotenburgJustizamt Naumburg Naumburg Kreis Wolfhagen Justizamt Nentershausen Nentershausen Kreis Rotenburg ab 1849 zum Obergericht RotenburgJustizamt Netra Netra Kreis Eschwege Justizamt Raboldshausen Raboldshausen Kreis Homberg 1821–1823 Kreis Rotenburg; ab 1849 zum Obergericht RotenburgJustizamt Rotenburg I Rotenburg an der Fulda Kreis Rotenburg ab 1849 zum Obergericht RotenburgJustizamt Rotenburg II Rotenburg Kreis Rotenburg ab 1849 zum Obergericht Rotenburg Justizamt Rotenburg III Rotenburg Kreis Rotenburg Aufgelöst 1836 und in Justizamt Rotenburg I und II aufgegangenVerordnung vom 5. Dezember 1836, die Veränderung einiger Untergerichts- und Kreisamtsbezirke betreffend; in: Sammlung von Gesetzen, Verordnungen, Ausschreiben und anderen allgemeinen Verfügungen für Kurhessen, 1836, S. 132, onlineJustizamt Sababurg Veckerhagen Kreis Hofgeismar Justizamt Sontra Sontra Kreis Rotenburg ab 1849 zum Obergericht RotenburgJustizamt Spangenberg Spangenberg Kreis Melsungen ab 1849 zum Obergericht RotenburgJustizamt Volkmarsen Volkmarsen Kreis Wolfhagen Justizamt Wanfried Wanfried Kreis Eschwege Justizamt Witzenhausen Witzenhausen Kreis Witzenhausen Justizamt Witzenhausen II Witzenhausen Kreis Witzenhausen Aufgelöst 1836 und in Justizamt Witzenhausen aufgegangenVerordnung vom 5. Dezember 1836, die Veränderung einiger Untergerichts- und Kreisamtsbezirke betreffend; in: Sammlung von Gesetzen, Verordnungen, Ausschreiben und anderen allgemeinen Verfügungen für Kurhessen, 1836, S. 132, onlineJustizamt Wolfhagen Wolfhagen Kreis Wolfhagen Justizamt Zierenberg Zierenberg Kreis Wolfhagen Buddeus, S. 143–144.

Literatur Eckhart G. Franz, Hanns Hubert Hofmann, Meinhard Schaab: Gerichtsorganisation in Baden-Württemberg, Bayern und Hessen im 19. und 20. Jahrhundert = Akademie für Raumforschung und Landesplanung: Beiträge, Band 100 = Behördliche Raumorganisation seit 1800, Grundstudie 14. VSB Braunschweig, 1989, ISBN 3-88838-224-6 Heribert Reus: Gerichte und Gerichtsbezirke seit etwa 1816/1822 im Gebiete des heutigen Landes Hessen bis zum 1. Juli 1968. Hg.: Hessisches Ministerium der Justiz, Wiesbaden .

Einzelnachweise

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