mini|Teil des Muldengewölbes und des Deckenspiegels; Sopraporte mit Wappentafel mini|Details mini|Details

Die Stuckdecke im Audienzsaal der Ortenburg in Bautzen thematisiert bildlich einige Aspekte landesherrlicher Zugehörigkeit der Oberlausitz, angefangen mit der fiktiven Belehnung des Herzogs Widukind (Sachsen) im Jahr 806 bis zur Übergabe an den sächsischen Kurfürsten Johann Georg I. im Jahr 1635. Sie wurde 1662 fertiggestellt.

Geschichte und Entstehung Der Wiederaufbau der Ortenburg kam nach den schweren Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg nur schleppend voran.Hans Mirtschin: Geschichte und Baugeschichte [der Ortenburg]. In: Ortenburg Bautzen [= Festschrift anlässlich der Übergabe des rekonstruierten Hauptgebäudes der Ortenburg an das Sächsische Oberverwaltungsgericht, hrsg. vom Staatlichen Vermögens- und Hochbauamt Bautzen], Bautzen 2002, S. 10–15. Noch im Frühjahr 1657, als Johann Georg II. mit großem Gefolge in Bautzen weilte, um sich, wie schon sein verstorbener Vater, als Markgraf der Oberlausitz huldigen zu lassen, konnte die Burg repräsentativen Bedürfnissen des neuen Landesherrn kaum gerecht werden. Wahrscheinlich kam damals die Idee auf, den nordwestlichen Eckraum im ersten Obergeschoss des Hauptgebäudes als kurfürstliches Kammergemach in besonderer Weise auszugestalten.Manfred Thiemann: Widukind, Leuber und die Stuckdecke in der Ortenburg zu Bautzen. Eine Bestandsaufnahme. In: Neues Lausitzisches Magazin [Görlitz], 141 (2019), S. 7–38.

Der seinerzeitige Landvogt der Oberlausitz Curt Reinicke von Callenberg beauftragte mit der Ausgestaltung des Raumes offensichtlich die gleichen italienischen Stuckateure, die für ihn schon im Neuen Schloss in Muskau tätig waren.Friedrich Reichel: Bautzen, Leipzig 1961, S. 33–36; Lars-Arne Dannenberg / Matthias Donath: Schlösser in der östlichen Oberlausitz 3, Meißen 2000, S. 120–124. Für Bautzen fehlen uns zwar eindeutige Belege, doch lässt sich deren künstlerische Handschrift hier nachempfinden. In Muskau sind Giovanni Cometa (Cometta)Vera Nanková: COMETTA, Giovanni Bartolomeo. In: Alberto M. Ghisalberti (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Band 27: Collenuccio–Confortini. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 1982. sowie die Brüder Giovanni und Giulio VanettiKünstler II – V, Vanetti Giulio Cesare Artisti ticinesi in Europa, abgerufen am 17. Oktober 2022 nachgewiesen (letztere auch im Kloster Neuzelle).

Während über den beiden Eingängen des heutigen Stuck- oder Audienzsaales jeweils die Wappen von Johann Georg II. und seiner Ehefrau Magdalena Sybille von Brandenburg-Bayreuth angebracht sind, wird die, vom barocken Kunstsinn mit üppigem Beiwerk versehene Muldendecke durch ein großes mittleres Bildfeld und umlaufend acht kleinere, trapezförmig gestaltete Bildfelder geprägt. Die Decke gilt als „Einmaligkeit in der sächsischen Kulturlandschaft“; sie wurde bei der jüngsten Restaurierung aufwändig gesichert und neu gefasst.Andra Gross: Die Stuckdecke im Audienzsaal. In: Ortenburg Bautzen, Bautzen 2002, S. 32–34 Durch den Gerichtssitz ist der öffentliche Zugang zu dem Raum jedoch etwas eingeschränkt. Über ein Interaktives Panorama ist der „Besuch“ aber auch online jederzeit möglich.Ortenburg (Bautzen). Interaktives Panorama von der Stuckdecke im Audienzsaal.

Die neun historischen Szenarien spannen einen chronologischen Bogen von Widukind (Wittekind), dem zum „Urahn“ der Wettiner erklärten SachsenherzogVgl. Olav Heinemann: Das Herkommen des Hauses Sachsen. Genealogisch-historiographische Arbeit der Wettiner im 16. Jahrhundert (= Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde, 51), Leipzig 2015, S. 25., bis zu Johann Georg I. Durch diesen genealogischen Rückblick bis in die Zeit Karls des Großen verleiht der Raum seinen besonderen Charakter als „Geschichtswerk und Erinnerungsort“.Kai Wenzel: Geschichtswerk und Erinnerungsort. Die Stuckdecke im kurfürstlichen Kammergemach der Ortenburg zu Bautzen. In: Lenka Bobková/Jan Zdychinec (Hrsg.): Geschichte - Erinnerung - Selbstidentifikation. Die schriftliche Kultur in den Ländern der Böhmischen Krone im 14.–18. Jahrhundert, Praha 2011, S. 297–314

Zum bildkünstlerischen Konzept für Raum und Decke, zeitgenössisch als „Invention“ bezeichnet, konnten bisher keine originalen Vorgaben oder Vorlagen gefunden werden. Seit Richard Needon wird als „Schöpfer oder doch Mitschöpfer der berühmten Decken-Relieffs des Kreishauptmannschaftlichen Sitzungssaals im Schloß Ortenburg“ der kurfürstliche Kammerprokurator Benjamin Leuber (1601–1675) betrachtet.Richard Needon: Der Wiederaufbau des Schlosses Ortenburg im siebzehnten Jahrhundert, in: Bautzener Geschichtsblätter [Bautzen], 9 (1928), 3 Teile (Jan. bis März), Teil 2. Der historisierende Finanzbeamte war kein Unbekannter.Walter von Boetticher: Benjamin Leuber. Kammerprokurator und Oberlausitzer Schriftsteller des 17. Jahrhunderts. In: Neues Lausitzisches Magazin [Görlitz], 105 (1929), S. 152–184. Von ihm hat sich ein umfangreicher Begleittext zur „Auszierung“ des Kammergemachs erhalten, der in ausschweifender gereimter Form neben einer einleitenden kurzen Geschichte der Ortenburg, detaillierte Ausführungen zu den Wappen über den Eingängen und zu den Seitenzierden sowie die Erläuterungen der neun Bildfelder beinhaltet.Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden, 10024 Geheimer Rat, Loc. 9493/05, Schloßbau zu Budissin belangend, anno 1625–1703, Blätter 50a-81a.

Zur offiziellen Übergabe des Raumes im April 1662 war Johann Georg II. persönlich nach Bautzen gekommen. Nach dem Rundgang und Leubers Erläuterungen hätte der Kurfürst seinem Kammerprokurator „gnädigst befohlen“, die „Invention ordentlichen zu beschreiben“ und davon einige Exemplare seinen „Anverwandten“ sowie den „Herren Räthen und Dienern“ zur weiteren Verwendung in gedruckter Form zukommen zu lassen.Zitiert bei Boetticher, S. 179.

In Erwartung einer kurfürstlichen Beihilfe gab Leuber daraufhin sein Manuskript, das, ergänzt mit umfangreichen Anmerkungen inzwischen auf rund 200 Seiten angewachsen war, in Bautzen in Druck. Doch blieb sein Vorhaben unvollendet. Er hatte eigenmächtig 500 Exemplare vereinbart und damit den (modern ausgedrückt) „förderfähigen“ finanziellen Rahmen weit überschritten; ein in der Literatur genanntes kurfürstliches Verbot lässt sich nicht nachweisen. Die schon gesetzten Druckbögen enden mit dem achten Bild.Benjamin Leuber, [Vom Uhrsprung des Schlosses in Deutzscher Sprach Ortenburgk], Budissin 1662. (unvollständig gedruckt). Ein originaler Titel ist nicht überliefert. Sie wurden später in der Ortenburg eingelagert. Verschiedene gutsherrschaftliche oder kommunale Bibliothekare retteten einige dieser „fragmentarium“ und ließen sie für ihren Bedarf mit eigens gestalteten Titelseiten binden.

1843 vermerkte eine Chronik, die Bildfelder der Stuckdecke „(geschichtliche Scenen der Lausitz enthaltend) sind in Versen von dem Schloßinspector Grafen Schmiedel 1754 besungen“.Carl Wilke: Chronik der Stadt Budissin (Bautzen) von der Erbauung der Stadt bis zum Jahre 1830, [Bautzen] 1843, Viertes Buch: von 1637 bis 1700, speziell S. 519–522, hier S. 522. Hierbei handelte es sich um den sogenannten Baron Gottfried Schmiedel, der 1752 an die Ortenburg versetzt wurde. Der literarisch ambitionierte Schmiedel (eigentlich Johann Gottfried Graf) hatte offensichtlich die überkommenen Druckbögen von Leubers Schrift gefunden und die Gunst der Stunde genutzt; ob er dessen Autorenschaft kannte, ist nicht überliefert. Schmiedel veröffentlichte jetzt als sein persönliches Forschungsergebnis nahezu wortwörtlich Leubers Texte, allerdings ohne die (ihn sonst entlarvenden) Anmerkungen. Das fehlende neunte Bildfeld glich Schmiedel durch entsprechende Passagen aus dem Prager Frieden von 1635 aus.Des Königl. Pohln. und Churfürstl. Sächs. in dem Markgrafthum Ober-Laußitz gelegenen Schlosses Orttenburg zu Budißin. Dessen Ursprung, Erbauung, und wie beyde Marggrafthümer […] an das […] Hauß Sachsen gekommen. Aus verschiedenen alten Nachrichten […] zusammen getragen durch Johann Gottfried Graff, de Schmiedel, Königl. Pohln. und Churfürstl. Sächß. bestallten Ober-Jagd-Commissarium und Schloß-Inspector des Schlosses Orttenburg zu Budißin, Cottenberg 1754. Dennoch bleibt sein „Gesang“ überwiegend ein Plagiat.Manfred Thiemann: Mit fremden Federn geschmückt. Baron Schmiedel und die Stuckdecke der Ortenburg. In: Neues Oberlausitzer Hausbuch 2022, Königsbrück 2021, S. 53–55.

Obwohl Leubers 1662 datierte Schrift durchaus bekannt war und dessen Auslassungen zur Geschichte der Oberlausitzer von einheimischen Gelehrten sehr kritisch bewertet wurden, hinterließ sie als Beschreibung der Bildfelder offenbar keinen nachhaltigen Eindruck. Eine Notiz in den Bautzener Nachrichten berichtete 1891 über ein in Dresden aufgefundenes „Bautzen betreffendes, nicht vollständig gedrucktes Buch des 17. Jahrhunderts“, ohne einen Bezug zu Leuber erkennen zu lassen.Bautzener Nachrichten, 5. Jan. 1891, Vermischtes. Auch Cornelius Gurlitt verwies bei seiner Vorstellung der Stuckdecke nur darauf, dass „nach deren Fertigstellung 1662 eine poetische Beschreibung im Druck erschien“.Cornelius Gurlitt: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreiches Sachsen, Heft 33 Bautzen (Stadt), Dresden 1909, S. 180–182, hier S. 182. Selbst für eine „Erklärung der Felder der Decke im ehemal. ‚kurfürstlichen Kammergemache‘ auf dem Schloß Ortenburg“, die sich 1911 auf eine Vorlage im Staatsarchiv Dresden berief, konnte kein Verfasser genannt werden.Hermann Baumgärtel: Neuer Führer durch Bautzen, Bautzen , S. 84–85. Die auffällige Akzentuierung der widukindischen Traditionslinie wie auch der Duktus des 17. Jahrhunderts lassen jedoch vermuten, dass diese als kurze Version auf Leubers Erläuterungen basierte.

Inzwischen ist Leubers Text digitalisiert und damit allgemein zugänglich; seine Ausführungen sind aber letztlich nur noch für die Geschichte der Geschichtsschreibung interessant. Aktuelle Erklärungen der Bildfelder sind sprachlich dem heutigen Verständnis angepasst.Hans Mirtschin: Die Bildfelder der Stuckdecke. In: Ortenburg Bautzen, Bautzen 2002, S. 35–43.

Aussage der Bildfelder und historischer Hintergrund Die Bildfolge beginnt in Höhe des linken Fensters an der Hofseite (im Panorama ist außen ein Baum zu sehen) und setzt sich gegen den Uhrzeigersinn fort. Das achte Bild ist über der Tür mit dem kursächsischen Wappen.

Erstes Bild Karl der Große, erkenntlich an dem Signum C(a)R(o)L(u)S aus einer von ihm im Jahre 790 unterzeichneten Urkunde und dem doppelköpfigen Adler als dem Zeichen kaiserlicher Würde, begünstigt Widukind per Fahnenlehen. Den Sachsenherzog kennzeichnen das springende „Sachsenross“ für das Herzogtum Westfalen und die drei (bisher fälschlich als „aufwärts gerichtete Halbmonde“ gedeuteten) Seeblätter für das Herzogtum Engern; ein Begleiter hält den Herzogshut. Ein Wappenschild im Panier zeigt oben einen aufsteigenden Löwen sowie eine Gitterstruktur, bestehend aus Stützen und Bändern, und unten (über die ganze Fläche reichend) eine Mauer mit drei Zinnen.

Nachdem sich Widukind (Wittekind) im Jahre 785 taufen ließ, war für den Frankenkönig und späteren Kaiser Karl (den Großen) der Weg für weitere Eroberungszüge bis an Saale und Elbe frei. Ob der Sachsenherzog in die Kämpfe gegen die dort ansässigen westslawischen Stämme tatsächlich einbezogen war, ist nicht überliefert. Nach mittelalterlicher wettinischer Tradition hätte er jedoch erfolgreich gegen die „SorbenWenden“ gekämpft und sei dafür vom Kaiser mit Gebieten im eroberten Land belehnt worden. Auch seinen nach ihm für „trewe beystande“ zwei bedeutende Festungen benannt worden, „eine an der Sala / die ander an der Elbe (…) Wethin und Wittenberg“.Petrus Albinus, New Stammbuch und Beschreibung des Uhralten Königlichen / Chur und Fürstlichen / etc. Geschlechts und Hauses zu Sachsen […], Leipzig 1602, S. 104–107.