mini|Kleiner Elfenbein-Wimpel als Kennzeichen einer grande bredouille („großen Bredouille“) im Tricktrackspiel
Eine Bredouille (IPA: []angepasst von: angepasst von: , ) bezeichnet eine Verlegenheit, Schwierigkeit oder Bedrängnis (z. B. in der Bredouille stecken, jemanden in die Bredouille bringen). Das aus dem Französischen stammende Wort fand ab dem 18. Jahrhundert vermutlich über den Gebrauch im Tricktrackspiel Eingang in den deutschen Sprachraum.
Im Französischen wird das Wort bredouille heute allerdings meist als Adverb in der generellen Bedeutung „mit leeren Händen“ oder „unverrichteter Dinge“ benutzt. Eine häufige Wendung ist rentrer bredouille (p. ex. de la chasse), zu Deutsch: „mit leeren Händen/erfolglos (z. B. von der Jagd) zurückkehren“; unter Jägern bedeutet sie streng genommen allerdings nicht „mit leeren Händen“, sondern eher „mit nicht ausreichend großer Jagdbeute“ (z. B. nur mit Lerchen anstatt größeren Wildbrets). Unterschiedliche Ansichten werden darüber vertreten, ob das französische Verb bredouiller, das schnelles und unverständliches Sprechen bezeichnet, als Ursprung von bredouille zu gelten hat.
Im Spiel Tricktrack hat Bredouille außerdem im Deutschen wie auch im Französischen (bredouille: Aussprache [])bredouille. In: Dictionnaire de la langue française («Littré»), zitiert auf den Internetseiten von Mediadico (abgerufen am 3. Mai 2010). mehrere Spezialbedeutungen.
„Bredouille“ im Tricktrack
Tricktrackspielbrett mit den dreikleinen Bredouille-Spielscheiben
Im Französischen bezeichnet das Tricktrack-Fachwort bredouille (fem. Substantiv) den Gewinn von zwölf Punkten (zumindest in der Spielform Grand Trictrac daher auch: trou bredouille; trou bezeichnet zwölf PunkteBackgammon Variants. Trictrac (Grand Trictrac) auf einer Internetseite über Backgammon: bkgm.com (abgerufen am 3. Mai 2010)),Backgammon Variants. Trictrac (Grand Trictrac) auf einer Internetseite über Backgammon: bkgm.com (abgerufen am 3. Mai 2010) [private Internetseite über das Tricktrackspiel] (engl.; abgerufen am 3. Mai 2010) nach anderer Darstellung von mehreren oder sogar allen Punkten, ohne dass der Gegner überhaupt Punkte gewonnen hat; daraufhin werden die so gewonnenen Punkte doppelt gezählt. Laut der Ausgabe des Dictionnaire de l’Académie française von 1835 bezeichnet zudem (marquer en) petite bredouille (kleine bredouille [erzielen]) sechs Zwölf-Punkt-Gewinne in Folge,so auch ein moderner Blogeintrag über Tricktrack, allerdings ohne Hinweise auf die Quelle: Le jeu de trictrac Blog Lugar do Olhar Felix (frz.; abgerufen am 3. Mai 2010) woraufhin Punkte verdoppelt werden dürfen; dagegen bezeichnet (marquer en) grande bredouille (große bredouille [erzielen]) zwölf oder mehr Zwölf-Punkt-Gewinne in Folge, woraufhin Punkte vierfach zählen dürfen.bredouille. In: Dictionnaire de l’Académie française, Band 1, 1835. (abgerufen am 3. Mai 2010) Das Dictionnaire de Trévoux (1712) bezeichnete zwölf Zwölf-Punkt-Gewinne in Folge als tour bredouille, erwähnte aber keine Vervierfachungsregel.F. Delaulne: Dictionnaire de Trévoux. Band 1. Paris 1721.
Außerdem bezeichnet das Wort gesonderte bredouille-Spielsteineso auch bredouille. In: Dictionnaire de L’académie française, 8. Auflage, 1935, noch aktuell (2010) genutzt, zitiert auf den Internetseiten von Mediadico (abgerufen am 3. Mai 2010) bzw. -Spielscheiben, die zumindest im frühen 18. Jahrhundert aus Elfenbein gefertigt sein konnten. Sie werden neben das Tricktrackspielbrett gelegt, solange in der aktuellen Partie noch eine bredouille-Möglichkeit besteht. Gemäß der Ausgabe des Dictionnaire de l’Académie française von 1835 kennzeichnen die Steine hingegen, dass bereits eine bredouille erzielt worden ist; zudem dienten demnach bredouille-Wimpel zur Kennzeichnung, dass ein Spieler eine petite bredouille erzielt hatte. Nach Darstellung von Émile Littré (1847–1865) hingegen diente ein Wimpel generell als Kennzeichen, dass ein Spieler mehrere Zwölf-Punkt-Gewinne (trous) am Anfang einer Partie verzeichnet habe.
Mit dem Adjektiv bredouille kann im französischen Tricktrackjargon daher einerseits eine vorteilhafte Spielsituation ausgedrückt werden (aus Sicht des gewinnenden Spielers: z. B. avoir la bredouille, être en bredouille – bredouille haben bzw. in bredouille sein), aber andererseits – wie im Deutschen – auch eine negative Situation (aus Sicht des verlierenden Spielers: z. B. être bredouille, perdre la partie bredouille – bredouille sein bzw. eine Partie bredouille verlieren).
Auch im Deutschen werden oder wurden zumindest ein doppelt zählendes, bereits gewonnenes oder zu gewinnendes Tricktrack-Spiel sowie die entsprechende Spielscheibe als „Bredouille“ bezeichnet.Bredouille im Meyers Konversationslexikon. Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885–1892. (abgerufen am 3. Mai 2010) Daneben besteht der alltagssprachliche Ausdruck, in der Bredouille zu stecken.
Etymologie und Wortgeschichte Im Französischen sind Kommentare zur Etymologie von bredouille schon mindestens aus dem frühen 17. Jahrhundert bekannt. Seither ist zwar das etymologische Wissen enorm gewachsen, dennoch gibt es zur Herkunft von bredouille bis heute unterschiedliche Angaben.
Früher Gebrauch im Französischen und erster Etymologieversuch mini|Rabelais (* ca. 1494), ältester bekannter Benutzer des Wortes mini|Tricktrack-Darstellung, wohl 1792: Der Wimpel als grande-bredouille-Kennzeichen existierte bereits (oben rechts)
Die älteste heute bekannte Erwähnung von bredouille findet sich bei François Rabelais (ca. 1494–1553). Er benutzte das Wort 1534 in seinem Werk La Vie de Gargantua et de Pantagruel en cinq livres in einer Aufzählung von phantasievollen Bezeichnungen, die Kinderfrauen oder Ammen einem Kleinkind gaben: L’une la nommait la petite dille, l’aultre ma pinne, l’aultre ma branche de coural (…), ma andoille vermeille, ma petite couille bredouille.Rabelais: La Vie de Gargantua et de Pantagruel en cinq livres, Buch 1. Kapitel 11. S. 234 der in Paris im Dalibon-Verlag erschienenen Ausgabe (abgerufen am 3. Mai 2010) (deutsch: Die eine nannte sie kleine Büchse, die andere meine pinne,Laut Kommentatoren im 18./19. Jahrhundert, einschließlich Le Duchat: Unklare, vermutlich anzügliche Bedeutung, vielleicht hergeleitet von Penis; siehe Kommentare zu: Rabelais: La Vie de Gargantua et de Pantagruel en cinq livres, Buch 1, Kapitel 11. Fußnote 31 (S. 234/235) der in Paris im Dalibon-Verlag erschienenen Ausgabe (abgerufen am 3. Mai 2010) die andere mein Korallenzweig, (…), meine hochrote Kaldaunenwurst, mein kleiner Ärger bredouille. – Die Bedeutung von bredouille bei Rabelais ist bis heute nicht eindeutig geklärt, siehe unten.)
Aus dem Jahr 1611 ist der erste eindeutig spielbezogene Gebrauch überliefert, als der Lexikograph Randle Cotgrave das Wort als „vorteilhafte Situation eines Karten- oder Tricktrackspielers“ erklärte;bredouille2, subst. fém. auf den Internetseiten des Trésor de la langue française informatisé (abgerufen am 4. Mai 2010) Cotgrave hielt im gleichen Jahr außerdem den Ausdruck être bredouillé als „etwas angeheitert sein“ fest. 1626 heißt es in einer französischen ÜbersetzungL' Admirable histoire du Chevalier du Soleil ... 1626, S. 160 aus dem Spanischen über den Verlauf eines Kampfes: ... par ce moyen luy faict perdre son coup, & le met en bredouille, l’amant qui ne peut perdre ceste occasion, luy pousse une estocade .... Mindestens ab 1651 gab es die Redewendung, jemanden in die Bredouille zu bringen (mettre en bredouille) im Sinne von „jemanden in Verlegenheit zu bringen“. Spätestens 1680 wurde bredouille im Tricktrack außerdem als Bezeichnung für eine doppelte Partie benutzt, die man mit zwei Spielsteinen markierte; dabei wurden bereits grande bredouille (zwölf Spiele in Folge, bei denen man den doppelten Einsatz erhält) und partie brédouille (doppelt zählend) erwähnt.
Der frühe Gebrauch des Verbs bredouiller (undeutlich oder viel sprechen) ist indes in mehreren Schreiben von Marie de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné erhalten; bereits aus dem Jahr 1676 stammt auch ein Brief mit dem von bredouiller abgeleiteten Partizip bredouillé(e), offenbar benutzt für wortreiche Komplimente: Parère m’a écrit une lettre toute bredouillée de compliments et de protestations.Marie de Rabutin-Chantal, marquise de Sévigné (8. Januar 1676). Lettre à Mme de Grignan. In: Lettres inédites, éd. Capmas, Band 1, S. 395 zitiert von Littré: bredouillé im Dictionnaire de la langue française («Littré»), zitiert auf den Internetseiten von Mediadico (abgerufen am 3. Mai 2010) Weitere Beispiele für bredouiller sind in der Ausgabe von 1880 aufgelistet: bredouille in: Émile Littré (1880). Dictionnaire de la langue française («Littré»), zitiert auf den Internetseiten von dictionnaire.sensagent.com (abgerufen am 4. Mai 2010)
Eine frühe etymologische Spekulation veröffentlichte der Philologe Jacob Le Duchat (1658–1735) 1711 in seinem Kommentar zu Rabelais’ Werk, zwischen anderen Notizen zu von Rabelais benutzten, schwer oder gar nicht verständlichen Ausdrücken. Demnach komme bredouille, so Le Duchat, vielleicht von bis-rotula oder rotundula.Fußnote 34: Unklar ist, ob er den Vorschlag evtl. aus Unkenntnis des Wortes heraus machte (also als Versuch des Sinnstiftens über die Etymologie) oder ihn als zusätzliche Information für den Leser dachte. Ein späterer Kommentator (spätestens 1823) bezeichnete Le Duchats Idee jedenfalls schlicht als „lächerlich“ (ebenda) und interpretierte bredouille stattdessen analog zum Verb bredouiller, d. h. als Bezugnahme auf unverständliches Sprechen. Er wies aber auch auf die dem Dictionnaire de Trévoux entnommene – also seiner Ansicht nach offenbar nicht selbstverständlich und vielleicht auch ihm selbst nicht bekannte – Bedeutung hin, einen Disput oder Tanz bredouille zu verlassen, wenn man nicht zum Diskutieren oder Tanzen gekommen sei (vgl. von etwas unverrichteter Dinge zurückkehren), was er als „beschämt“ auslegte (ebenda). Im 20. Jahrhundert würden schließlich O. Bloch und W. von Wartburg in ihrem Dictionnaire étymologique de la langue française annehmen, dass Rabelais’ bredouille eigentlich „die verlegen ist“ bedeute.
Die 1721 erschienene Ausgabe des Dictionnaire de Trévoux erwähnte bereits die heutigen Bedeutungen von bredouille wie auch von bredouiller. Zu bredouille führte es, neben der Bedeutungen im Tricktrack, auch übertragene Bedeutungen auf: Ein Mensch sei en bredouille (in [einer] bredouille), wenn seine Angelegenheiten in so einem Durcheinander seien, dass es ihm den Sinn (esprit) verändere, oder dem so sehr die Redefreiheit fehle, dass er nicht mehr wisse, was er tue oder sage. Auch erwähnt Trévaux, wie erstmals in der Trévaux-Ausgabe von 1704 überliefert, die heute nicht mehr benutzte Bedeutung, dass eine Frau einen Ball bredouille verlasse, wenn sie nicht zum Tanzen aufgefordert worden sei (vgl. auch Rabelais-Kommentar oben). Daneben nannte das Lexikon auch das Verb bredouiller (mit Schwierigkeiten, zu schnell oder unverständlich sprechen) und dazu passend die Substantive bredouilleur (jemand, der so schlecht oder schnell spricht, dass man ihn nicht versteht; auch als Adjektiv) und bredouillement (Sprachfehler, der zu schlechter Aussprache führt).
Vermutlich im 18. Jahrhundert gelangte das Wort bredouille als Ausdruck im Tricktrack in den deutschen Sprachraum.
Etymologiesuche im 19. Jahrhundert mini|Tricktrack ist Jahrhunderte alt; unklar ist, wann sich der Ausdruck Bredouille entwickelte (Codex Manesse, 14. Jh.)