Karl Heinrich Gustav Langen (* 5. Dezember 1878 in Hatzum, Ostfriesland, Provinz Hannover; † 17. April 1964) war ein deutscher Stadt- und Landesplaner sowie Planungstheoretiker. Auf ihn geht der Planungsbegriff Raumordnung zurück.
Leben Geboren wurde Gustav Langen als erster Sohn und ältestes von acht Kindern des evangelisch-reformierten Hatzumer Pastors Johann Jakob Langen (1852–1927), eines Enkels des Kölner Zuckerfabrikanten Johann Jakob Langen,Ulrich S. Soénius: Bewegen, verbinden, gestalten. Unternehmer vom 17. bis zum 20. Jahrhundert (= Schriften zur Rheinischen Wirtschaftsgeschichte, Band 44). Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln, 2003, ISBN 978-3-933025-39-5, S. 242 und dessen Ehefrau Amélie Louise, geborene Winand.Carl Otto Langen: Chronik der Familie Johann Jakob Langen in Köln. Korten, Mönchengladbach 1899, S. 74 (Digitalisat) Sein Großonkel war der Erfinder Eugen Langen, der „Vater“ der Wuppertaler Schwebebahn und der Schwebebahn Dresden. 1879 zog Gustav Langens Familie nach Nordhorn, wo sein Vater eine neue Pfarrstelle erhalten hatte, 1889 nach Osnabrück. Sein Elternhaus machte ihn mit den Anliegen der Inneren und Äußeren Mission vertraut und erzog ihn im Geiste protestantischer Arbeitsethik.
Gustav Langen studierte Architektur und trug nach einer Beschäftigung im Staatsdienst den Titel eines Regierungsbaumeisters a. D. Von 1909 bis 1912 war er Assistent am Seminar für Städtebau der Technischen Hochschule Charlottenburg. Dort war er Mitarbeiter von Josef Brix und Felix Genzmer, als diese sich 1909 an dem „Wettbewerb um einen Grundplan für die Bebauung von Groß-Berlin“ beteiligten. Außerdem half er Werner Hegemann dabei, die Internationale Städtebau-Ausstellung Düsseldorf 1910 zu organisieren. Neben Hegemann gehörte er dort auch zu jenen Fachleuten, die, unterstützt durch die Vorführung von Lichtbildern, städtebauliche Fachvorträge hielten.Caroline Flick: Werner Hegemann (1881–1936): Stadtplanung, Architektur, Politik – ein Arbeitsleben in Europa und den USA. (= Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission Berlin. Band 84). 2 Bände, K. G. Saur Verlag, München 2005, ISBN 3-598-23228-4, S. 178 f. (books.google.it)
1912 veröffentlichte Langen seine Schrift Stadt, Dorf und Landschaft. Sie war ein Beitrag zum Diskurs über Stadtstrukturmodelle, die seinerzeit im Zuge der Gartenstadt-Idee entstanden. In seinem Beitrag versuchte er der amorphen Ausdehnung der Metropolen nach der industriellen Revolution entgegenzutreten und brachte ein städtebauliches Strukturmodell mit radialen und konzentrischen Grünzügen ins Gespräch.Lukas Zurfluh: Rudolf Eberstadt: Handbuch des Wohnungswesens und der Wohnungsfrage, 1909. In: Vittorio Magnago Lampugnani, Katrin Albrecht, Helene Bihlmaier, Lukas Zurfluh (Hrsg.): Manuale zum Städtebau. Die Systematisierung des Wissens von der Stadt 1870–1950. S. 130 Die durch die Grünzüge definierten Sektoren verstand Langen als Kleinstädte in der Großstadt, aus seiner großstadtkritischen Sicht ideale, überschaubare Lebensräume für die Bewohner.Gianluca Gnisci: Gustav Langen e il contributo tedesco al problema della forma urbana. April 2018 (PDF)
Auch auf dem „Ersten Kongreß für Städtewesen“, der in Rahmen der Städte-Ausstellung Düsseldorf 1912 veranstaltet wurde, gehörte er zu den Referenten und Diskutanten. Dabei regte er die Gründung eines „Städtebau-Museums“ an. Ermöglichen sollte ein solches Museum insbesondere einen Vergleich von Stadtstrukturen durch „einen Vergleich von Karten, die nach ähnlichen Gesichtspunkten aufgestellt werden“.Gustav Langen: Ueber den praktischen Wert und die Verwirklichung eines Städtebau-Museums. In: Verhandlungen des Ersten Kongresses für Städtewesen Düsseldorf 1912. Düsseldorf 1913, Band 2, S. 244Wilfried Krings: Städtisches Wohnen. Einführung in das Tagungsthema. In: Siedlungsforschung. Archäologie – Geschichte – Geographie. Band 5, Verlag Siedlungsforschung, Bonn 1987, S. 20 (PDF) Dazu schlug er „Einheitspläne“ vor, deren Notwendigkeit er 1910 bei der Vorbereitung von Vortragsreisen erkannt hatte. Als System der Standardisierung von Kartierungen hatte er sie dann bis 1912 zur Darstellung und Analyse von Stadt- und Siedlungsformen sowie Flächennutzungstypen entwickelt und durch ein Musterblatt näher dargestellt.Gustav Langen: Musterblatt für die Herstellung der städtebaulichen Einheitspläne. 1913 Auch in den Niederlanden und in der Schweiz wurde Langens Methode rezipiert und nachgeahmt.Christa Kamleithner: Ströme und Zonen: Eine Genealogie der „funktionalen Stadt“ (= Bauwelt Fundamente. 167). Birkhäuser, Berlin 2020, ISBN 978-3-0356-2049-8, S. 313.
Im „Wettbewerb zur Erlangung eines Bebauungsplanes der Stadt Düsseldorf“ errang er 1912 gemeinsam mit Max Wöhler und Ernst Stahl einen dritten Platz. Die Erfahrungen mit städtebaulichen Ausstellungen bewogen ihn 1913, die wissenschaftliche Leitung der Gruppe „Städtebau und Siedelungswesen“ auf der Internationalen Baufach-Ausstellung Leipzig zu übernehmen.Bericht über die Internationale Baufach-Ausstellung mit Sonderausstellungen Leipzig 1913. Leipzig 1917, S. 12, 45 (Digitalisat).
Während des Ersten Weltkriegs wurde er nicht als Soldat verpflichtet, da es ihm gelang, sich durch seine Tätigkeit als unabkömmlich darzustellen. In dieser Zeit widmete er sich dem Aufbau eines privaten Forschungsinstitut, das spätestens ab 1915 als „[Deutsches] Archiv für Städtebau, Siedlungswesen und Wohnungswesen“ firmierte.Gustav Langen: Über die Begründung eines Archivs für Städtebau, Siedlungswesen und Wohnwesen. Sonderdruck des Technischen Gemeindeblatts, 18 (1915), Nr. 4 Es war aus einem wohl teilweise aus Exponaten der Städte-Ausstellung Düsseldorf 1912 aufgebauten Fundus von fotografischen Städtebildern und Architekturansichten, Plänen und ähnlichem Material hervorgegangen. 1914 bewarb er seine Sammlung als „Wandermuseum für Städtebau, Siedelungswesen und Wohnungswesen“, um mit dem Mittel der bildlichen Darstellung Fachleute und Laien an Stadtbaukunst und Baukultur heranzuführen.Gustav Langen: Gemeinsame Arbeit der einzelnen Architekten im Städtebau. In: Architektonische Rundschau, 1914, S. 96 Im gleichen Jahr hatte er Gelegenheit, auf einer Tagung des Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereins einen Lichtbildervortrag über „Die Siedelung der Erde und die Ziele des Wandermuseum für Städtebau, Siedelungswesen und Wohnwesen“ zu halten.Österreichischer Ingenieur- und Architekten-Verein: Zeitschrift des Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereines. Waldheim & Förster, Wien 1914, Heft 66, S. 240, 260, 278 Der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein ließ sich in jenem Jahr von Langen über „Städtebau und Städteleben, neue Veranschaulichungs-Methoden als Grundlagen für moderne Städte-Erweiterungen“ vortragen.Schweizerische Bauzeitung. Verlags-AG der akademischen technischen Vereine, Band LXIII (1914), Nr. 1, S. 14
1916 gewann er zusammen mit Paul Schmidthenner den mit 4000 Mark dotierten ersten Preis im 1915 ausgelobten Wettbewerb um einen Gesamtbebauungsplan für Soest.Berliner Architekturwelt, Ernst Wasmuth, Berlin 1917, S. 173.William H. Rollins: A Greener Vision of Home. Cultural Politics and Environmental Reform in the German Heimatschutz Movement, 1904–1918. The University of Michigan Press, Ann Arbor 1997, ISBN 0-472-10809-3, S. 130 (Google Books) Nach diesem Entwurf, der unverkennbar von Langens 1912 veröffentlichtem Strukturmodell aus radialen und konzentrischen Grünzügen inspiriert war,Heinz Wilhelm Hoffacker: Entstehung der Raumplanung, konservative Gesellschaftsreform und das Ruhrgebiet 1918–1933. Reimar Hobbing, Berlin 1989, ISBN 978-3-920460-50-5, S. 250 sollte um die historische Altstadt ein 300 Meter breiter Ring aus Grünflächen entstehen. Nach außen hin ordneten Schmidthenner und Langen – „Neusoest“ genannt – kleinstädtische Trabanten an.Theodor Goecke: Die Wettbewerbsentwürfe für die Stadterweiterung von Soest. In: Der Städtebau, 13 (1916), S. 121–125Johann Jessen, Klaus Jan Philipp (Hrsg.): Der Städtebau der Stuttgarter Schule (= Kultur und Technik, Band 29). Lit Verlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-643-13031-0 (google.books.it)
Nach dem Krieg fasste Langen mit seinem Institut auf dem Sektor der Fortbildungswesens Fuß. Finanziell gefördert durch staatliche Stellen bot er Kriegsheimkehrern und Aussiedlern Weiterbildungskurse zum Siedlungswesen an. Unter Nutzung der Sammlungen seines Archivs (Statistiken, Planunterlagen, Siedlungspläne, Generalsiedlungspläne) bildete Langen sie durch Vorträge, Besprechungen und selbständige Studien für die Aufgaben eines „Siedelungstechnikers“ aus.Monatskurse über Grundlagen des Siedelungswesens. In: Der Städtebau, 15 (1918), S. 69 Für den Deutschen Bund Heimatschutz, dessen Mitglied er geworden war, gab er außerdem als Siedlungsforscher und Heimatschützer zusammen mit Gerhard Jobst und Waldemar Kuhn von 1918 bis 1925 in drei Bänden die Reihe Siedlungswerk im Verlag Callwey heraus.Verena Jakobi: Heimatschutz und Bauerndorf. Zum planmäßigen Dorfbau im Deutschen Reich zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dissertation Technische Universität Berlin, Berlin 2003, S. 50, Fußnote 160 (Digitalisat) Die in Band XII (1921) darin vorgestellten Grundlagen der ländlichen und städtischen Kleinsiedlung wurden bei Siedlungsplanungen von Ernst May in Breslau und über May auch von Richard Kauffmann in Palästina rezipiert.Joachim Nicolas Trezib: Die Theorie der zentralen Orte in Israel und Deutschland. Zur Rezeption Walter Christallers im Kontext von Sharonplan und „Generalplan Ost“. Dissertation Karlsruher Institut für Technologie, 2011, Walter De Gruyter, Berlin 2014, ISBN 978-3-11-033825-6, S. 248, Fußnote 231 (google.books.it)
Eine Nachfolge auf den Lehrstuhl von Reinhard Baumeister an der Technischen Hochschule Karlsruhe blieb ihm verwehrt. Stetig baute er daher weiter seine siedlungswissenschaftlichen Sammlungen aus. Auch in den 1920er Jahren war er ein gefragter Vortragsredner. Insbesondere referierte er über Stadtbaugeschichte und Siedlungstypologie.Socialpolitisches Centralblatt, J. Guttentag, 1921, S. 1181 Darüber hinaus betrieb er erste theoretische Studien zur Kleinwohnungsfrage, zum ländlichen Siedlungsbau und zur Dezentralisierung.
Größere Bekanntheit erlangte er, als ihm die Leitung des deutschen Beitrages zur Internationalen Städtebauausstellung in Göteborg 1923 übertragen wurde. Auf dieser Ausstellung, die parallel zum 7. Internationalen Kongress der Garden Cities and Town Planning Federation stattfand, fungierte er als Vertreter Deutschlands im Komitee und in der AusstellungsjuryInternationale Städtebau-Ausstellung in Gothenburg. Katalog, Gothenburg/Schweden 1923, S. 17. der International Federation for Housing and Town Planning (IFHTP). Dieser Organisation gehörte er zwischen 1923 und 1931 an.Phillip Wagner: Stadtplanung für die Welt? Internationales Expertenwissen 1900–1960 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Band 220). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016, ISBN 978-3-525-37044-5, S. 351 (google.books.it) Anknüpfend an seine Idee der „Einheitspläne“ verständigte er sich in dieser Zeit mit dem US-amerikanischen Landschaftsarchitekten John Nolen (1869–1937) und dem britischen Stadtplaner George Pepler (1882–1959) auf ein gemeinsames System, wie sich in Plänen verschiedene Funktionsflächen wie Freiflächen, Schrebergärten, Industrieareale, Geschäftsviertel und Wohnquartiere sowie veränderliche Werte wie Bebauungsdichte, Bodenwerte und Gebäudehöhen darstellen ließen.Phillip Wagner: Praktiken des Experteninternationalismus: Die „International Federation for Housing and Town Planning“ und die Internationalisierung der Stadtplanung in der „Hochmoderne“. In: Debora Gerstenberger, Joël Glasman (Hrsg.): Techniken der Globalisierung. Globalgeschichte meets Akteur-Netzwerk-Theorie (= Histoire, Band 78). Transcript, Bielefeld 2016, ISBN 978-3-8376-3021-3, S. 128 (google.books.it)