Martin Alister Campbell Hinton (* 29. Juni 1883 in London; † 3. Oktober 1961), mitunter M. A. C. Hinton bzw. MAC Hinton, Martin A. C. Hinton oder Martin Hinton, war ein britischer Zoologe und Geologe am Natural History Museum in London, der häufig zu Themen mit paläontologischem Bezug arbeitete. Er galt als Experte für Nagetiere und Wale sowie für die Geologie des Thames Valley, des Flusstals der Themse. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er jedoch durch seine Verwicklung in den Fall des sogenannten Piltdown-Menschen bekannt, den gefälschten Fund eines angeblichen Urmenschen.

Leben

Herkunft, Anstellung an den Inns of Court und erste naturwissenschaftliche Schritte Hinton wurde 1883 in London als ältestes von drei Kindern von Helen Campbell und dem Gerichtsschreiber und Auslandskorrespondenten Martin Hinton geboren. Mütterlicherseits stammte seine Familie aus dem schottischen Ross-shire, väterlicherseits kam die Familie aus Market Drayton in Shropshire und war entfernt mit der Naturforscherdynastie der Sowerbys verwandt. Hinton besuchte zunächst eine Schule, die von zwei seiner Tanten väterlicherseits betrieben wurde, und entwickelte schon früh ein Interesse an den klassischen Geisteswissenschaften. Sein Interesse an der Natur wurde von den Sowerbys geweckt. Mit zehn Jahren wurde Hinton durch den Tod seines Vaters Halbwaise und als ältestes Kind musste er fortan helfen, den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Dadurch musste er auch die Schule verlassen. Über einen Freund seines Vaters erhielt er mit zwölf Jahren eine Stelle als Bürogehilfe bei den Barristern an den Inns of Court. In seiner Freizeit sammelte er Gegenstände in lokalen Kiestagebauen und besuchte Bibliotheken und Museen. Der darauf aufmerksam gewordene Patentanwalt John Cameron Graham beschloss, den Jungen zu fördern, und stellte ihn in sein Büro ein und nahm ihn unter seine Fittiche. In den folgenden Jahren erhielt er die Möglichkeit, neben seiner Anstellung seinen wissenschaftlichen Interessen weiter nachzugehen. Unter anderem wurde er Mitglied des sogenannten Ightham Circle, einer Gruppe geologisch interessierter Menschen in Ightham, die sich besonders für sogenannte Eolithen interessierte und eigene Feldforschungen durchführte. Bereits 1899 begann er, selbst wissenschaftlich zu veröffentlichen, unter anderem in den Proceedings of the Geologists’ Association, den Proceedings of the Zoological Society of London und dem Geological Magazine.

Als John Cameron Graham 1908 an ein Grafschaftsgericht wechselte, wurde Hinton Bürochef seines Nachfolgers William Neill. 1910 erhielt er zusätzlich zu seiner Anstellung an den Inns of Court eine Freiwilligenstelle in der geologischen Abteilung des Natural History Museum. Zunächst katalogisierte er dort die von Charles Immanuel Forsyth Major ins Museum gebrachten geologischen Fundstücke. 1912 wechselte er in die zoologische Abteilung des Museums, weiterhin als Freiwilliger. Dort arbeitete er unter Arthur Smith Woodward, der zur gleichen Zeit auch Kustos des Museums war. Versuche, sich auf eine feste Anstellung zu bewerben, scheiterten zunächst an der fehlenden Zustimmung von Woodward. Andern Angaben zufolge heißt es, dass es zwischen Hinton und Woodward einen Konflikt um Hintons Bezahlung gegeben habe. Während Woodward auf einer Bezahlung nach Abschluss des jeweiligen Projektes beharrte, soll Hinton einen wöchentlich ausgezahlten Lohn verlangt haben. Brian Gardiner nannte 2003 als konkreten Fall eine geplante Katalogisierung der Nagetierbestände des Museums durch Hinton, ein Projekt, das von Forsyth Major bereits begonnen, aber nicht weitergeführt worden war. Da diese Arbeit letztlich für mehrere Monate ausgelegt und Hintons damalige finanzielle Situation mehr schlecht als recht war, forderte er einen wöchentlichen Lohn, der von Woodward unter Verweis auf die Lohnpolitik des Museums abgelehnt wurde.

Um 1912/1913 besuchte Hinton Ausgrabungen des Natural History Museum im Dorf Piltdown nahe Uckfield südlich von London. Der Amateurarchäologe Charles Dawson hatte dort in einer Kiesgrube einige Knochen gefunden und später an Arthur Smith Woodward übermittelt, der bei eigenen Besuchen weitere Knochenfunde machte. Unter anderem unter der Beteiligung von Pierre Teilhard de Chardin wurde innerhalb mehrerer Monate ein Skelett gefunden, das Woodward als menschliches Skelett eines prähistorischen Frühmenschen interpretierte. Der sogenannte Piltdown-Mensch wurde zur Sensation in den Zeitungen, in der Wissenschaft aber skeptisch beäugt, stellte er doch die damals üblichen Theorien zur Ausbreitung des Menschen auf den Kopf. Eine Fälschung der Funde konnte damals aber nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. Danach war Hinton Teil einer Arbeitsgruppe um den Zoologen Gerald Edwin Hamilton Barrett-Hamilton, die von Barrett-Hamilton von den Hebriden mitgebrachte Säugetiere analysierte. Nach Barrett-Hamiltons Tod 1914 erhielt Hinton vom Colonial Office und dem Kuratorium des British Museum den Auftrag, die in Barrett-Hamiltons Nachlass enthaltenen Dokumente über seine Forschungen zu Walen vor Südgeorgien zu bearbeiten. Das Projekt dauerte ein Jahr und resultierte einige Zeit später in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung. Gleichzeitig übernahm er von Barrett-Hamilton die Herausgeberschaft des mehrbändigen Übersichtswerkes History of the British Mammals, zudem wurde er 1914 Redakteur für Säugetiere beim Zoological Record. Nebenher baute er eine umfangreiche Privatbibliothek mit verschiedenen wissenschaftlichen Veröffentlichungen auf. Trotz dieser umfangreichen wissenschaftlichen Betätigungen war Hinton nach wie vor an den Inns of Court beschäftigt. Erst 1916 kündigte er dort seine Anstellung, als sein Chef William Neill in den Ruhestand ging.

Feste Anstellung am Natural History Museum und Ruhestand

Vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs bewarb sich Hinton nach der Aufgabe seiner Stelle an den Inns of Court zunächst als Freiwilliger bei der Armee, wurde aber abgelehnt. Die restlichen Kriegsjahre arbeitete er in einer Munitionsfabrik. Parallel blieb er der Wissenschaft verbunden und behielt seine Redaktionsstelle beim Zoological Record bis 1921. In diesem Jahr erhielt er im Natural History Museum als Assistent in der zoologischen Abteilung eine feste Anstellung, die der Beginn eines rasanten beruflichen Aufstiegs war. Schon kurze Zeit später war er für die Säugetiersammlung des Museums zuständig. 1927 wurde er stellvertretender Kurator der Abteilung und 1936 als Nachfolger von William Thomas Calman Kurator für Zoologie. 1938 galt er sogar als möglicher Kandidat für den Direktorposten des Museums, doch das Museumskuratorium empfand seine Position als zu niedrig. Letztlich entschied sich das Kuratorium für den externen Kandidaten Clive Forster Cooper, dessen Pläne zur Umgestaltung der Ausstellungsfläche Hinton 1943 scharf kritisierte. Zwei Jahre später ging Hinton in den Ruhestand. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit (siehe auch unten) und seinen administrativen Funktionen im Museum war er darüber hinaus in anderen Funktionen im wissenschaftlichen Betrieb involviert. So war er Mitglied der Royal Society, der Royal Society of Arts, der Linnean Society of London, der Geological Society of London und der Zoological Society of London. In der Linnean Society of London war er von 1936 bis 1939 zoologischer Sekretär und von 1939 bis 1940 Vizepräsident; in der Zoological Society of London hatte er letztere Funktion von 1939 bis 1942 sowie von 1945 bis 1949 inne.

1904 hatte Hinton Jane Marten geheiratet; die beiden wurden Eltern zweier Söhne und einer Tochter. 1948 starb seine Frau an Brustkrebs, ein Jahr später ging er eine zweite Ehe mit der Archäologin Dina Portway Dobson (1885–1968) ein, der Witwe des Hellenisten John Frederic Dobson (1875–1947) und Mutter des Unternehmers Richard Dobson (1914–1993). Nach seiner Pensionierung zog Hinton nach Somerset, wo er zusammen mit seiner zweiten Frau das Anwesen Glaisters im Dorf Wrington nahe Bristol bewohnte. Auch im Ruhestand blieb er wissenschaftlich aktiv und entwickelte ein Interesse an der Astronomie. Mit einem Kreuzfahrtschiff unternahm er zwei Weltumsegelungen, um das Weltall fernab der zivilisatorischen Lichtverschmutzung besser beobachten zu können. In seiner Freizeit zeigte sich Hinton kulturell interessiert und malte unter anderem selbst knapp 300 Bilder. Kurz nach einem schweren Sturz starb er am 3. Oktober 1961 im Alter von 78 Jahren. Er hinterließ zwei seiner Kinder und seine zweite Ehefrau, tausende von Tabakdosen mit skelettierten Nagetieren sowie unveröffentlichte Manuskripte und Notizen. Sein Nachlassverwalter wurde der mit ihm befreundete Paläontologe R. J. G. Savage.

Forschung und Werk

Ein Großteil von Hintons wissenschaftlichen Veröffentlichungen behandelt geologische und zoologische Themen mit Bezug zum Pleistozän, insbesondere zu Säugetieren, zur Paläoökologie und zur Stratigraphie. Hintons besonderes Interesse galt geologisch dem sogenannten Thames Valley, dem Flusstal der Themse, und zoologisch den Nagetieren, mit Schwerpunkt auf Fragen der Systematik und der economic biology. Ebenfalls galt er als Kenner für Wale. In seinem Frühwerk konzentrierte er sich vor allem auf die Geologie, während er insbesondere seine letzten Jahrzehnte der Zoologie widmete. Prinzipiell galt Hinton als Vertreter einer ausgewogenen Taxonomie. Er befürwortete einen Mittelweg zwischen der Unterscheidung einzelner Arten und einer Zerstückelung der Systematik. Gleichzeitig setzte er sich dafür ein, dass für die wissenschaftliche Untersuchung bestimmter Arten mehrere Typusexemplare verwendet werden sollen. Zudem versuchte er auch ein Augenmerk auf die Umweltbedingungen der jeweiligen Arten zu legen. Hintons wissenschaftliche Positionen orientierten sich an den Forschungen von Herluf Winge, Wladimir Onufrijewitsch Kowalewski und Charles Immanuel Forsyth Major, der Theorie des Lamarckismus und der Theorie einer Abstammung der Nagetiere von den Multituberculata. Hinton argumentierte, dass die Evolution der Nagetiere durch ihr Leben als grabende Tiere und ihre Ernährung durch vergleichsweise harte Nahrungen geprägt worden sei.

Erste eigene Forschungen zur Geologie des Themsetals stellte Hinton bereits als Jugendlicher in Ilford und Wanstead an, mit Hilfe der respektierten Akademiker Edwin Tulley Newton, Bernard Barham Woodward und Alfred Santer Kennard. 1899/1900 schlug er in einem Artikel in den Proceedings of the Geologists’ Association anhand von gefundenen Fossilien von Weichtieren und Wirbeltieren eine erste Einordnung der pleistozänischen Geschichte der Region vor, einschließlich der Datierung bestimmter Schichten und Angaben zum damaligen Klima. Nur wenig später reichte er in einem Artikel im The Essex Naturalist eine geringfügige Korrektur seiner eigenen These ein, unterstützt durch die zusätzliche Einbeziehung versteinerter Pflanzen. 1905 schlug er in Zusammenarbeit mit Kennard eine Einteilung der Bodenablagerungen im Themsetal anhand abgelagerter Gesteine in sieben verschiedene Phasen vor. In den folgenden Jahrzehnten folgten noch unregelmäßig weitere Ergänzungen von Hinton zu diesem Thema, meist am Rande seiner zoologischen Arbeiten. Mehrere große Werke zur pleistozänischen Geologie publizierte er noch 1924 und 1926 (Rivers and lakes und Monograph of the voles and lemmings), unter anderem unter Bezugnahme auf Fossilfunde im Thames Valley und in East Anglia. Insbesondere nahm Hinton an, dass die Vergletscherung Großbritanniens erst im späten Pleistozän begonnen habe und auch nicht sonderlich intensiv gewesen sei. Besonders dieses Werk wurde allerdings in der Forschung für die Auswahl ungünstiger Orte zur Beweisführung kritisiert. Danach konzentrierte er sich fast ausschließlich auf zoologische Themen.