Das Kastell Diyatheh, auch Ad-Diyatheh, selten id-Diyâtheh, ed-Diyâthé oder Khirbet ad-Diyatheh, ist ein römisches Kastell am vorderen Limes Arabiae et Palaestinae im Gouvernement as-Suwaida im Süden Syriens. Die nächstgelegenen Ortschaften befinden sich mit den Dörfern Al-Ajaylat und Um Rwaq rund 6,5 Kilometer westlich. Die einsam gelegene Garnison liegt in unmittelbarer Nähe der ehemaligen östlichen römischen Reichsgrenze in der unwirtlichen, semiariden Klimazone der Syrischen Wüste. Ihre teilweise stark verschütteten Baureste blieben gut sichtbar erhalten. Das Kastell entstand im Vorfeld einer wichtigen, von Süden nach Norden durch den Hauran geführten Limesstraße, die unter anderem vom strategisch bedeutenden, südlich gelegenen Oasenkastell Qasr al-AzraqKastell Qasr al Azraq bei über die Kastelle Deir el-Kahf,Kastell Deir el-Kahf bei Mothana,Kastell Mothana bei und dem nur rund zehn Kilometer südlich von Diyatheh gelegenen Kastell Sa’nehMaurice Lenoir: Sa’neh ou le désert des tartares: un camp oublié du limes Arabicus. In: Syria 80, 2003, S. 139-150; hier: S. 143.Kastell Sa’neh bei nach Norden führte. Rund 41 Kilometer weit nach Osten vorgeschoben lag mit dem Kleinkastell Namara der äußerste römische Vorposten in der Region.Kleinkastell Namara bei
Lage Das Kastell befindet sich am nördlichen Rand des mit der Garnison entstandenen Lagerdorfes (Vicus) im östlichen Vorgebirge des Jebel el-Druze. Das durch starken prähistorischen Vulkanismus entstandenen Massiv des Jebel prägte auch das zerklüftete Basaltplateau des Hauran mit seiner steppenartigen Wüste. Große prähistorische BasaltströmeSamuel Thomas Parker, Paul M. McDermott: A Military Building Inscription from Roman Arabia. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 28 (1978), S. 61–66; hier: S. 61. schufen diese Landschaft, die sich von Südsyrien bis nach Jordanien erstreckt.Alison V. G. Betts: The prehistory of the basalt desert, Transjordan. An analysis. London University, Institute of Archaeology, London 1986, S. 15–16, Abb. 1.4. (Dissertation) Von der Garnison aus fällt das Land relativ flach rund 26 Meter nach Süden zum Wadi Mushannaf ab. Dieses Wadi wird in der Region auch mit dem arabischen Namen des antiken Orts „Wadi Diyatheh“ genannt. Die von Norden kommende Strata Diocletiana verlief etwas weiter westlich an der Garnison vorbei.Pat Southern, Karen R. Dixon: The Late Roman Army. Batsford, Yale University Press, Guildford 1996, ISBN 0-300-06843-3, S. 28.
Regionalklimatische Bedingungen Auf einer Länge von gut 50 Kilometern im Nord-Süd-Verlauf hält das Bergmassiv des Jebel el-Druze die aus dem Mittelmeerraum im Westen heranziehenden Wolken ab. Dies führt zu starken Niederschlägen im Winter. Dadurch werden die Gipfelzonen des Hauran mit einer dicken Schneedecke überzogen und die Hänge bis in eine Höhe von etwa 1000 Metern weiß gefärbt. Die Risse in den Basalten der Region, sind nicht homogen. Die Infiltration durch das Wasser ist daher regional unterschiedlich. Es gibt Hohlräume in der Felslandschaft, die einen Großteil der Niederschläge speichern und erst nach und nach wieder abgeben. Der Jebel el-Druze ist daher ein mächtiges Reservoir, das den Niederschlag reguliert. Die grünen Westhänge mit ihren Kermeseichenwäldern und Anbauflächen sind ab dem Herbst feucht, während die Osthänge nur wenig Niederschlag erhalten.François Villeneuve, Serge Sadler: Occupation du sol et vestiges architecturaux sur les marges arides de Syrie du Sud. L’exemple de Diyatheh. In: Bernard Geyer (Hrsg.): Conquête de la steppe et appropriation des terres sur les marges arides du Croissant fertile (= Travaux de la Maison de l’Orient 36), Maison de l’Orient Méditerranéen-Jean Pouilloux, Lyon 2001, ISBN 2-903264-78-3, S. 159–187; hier: S. 161. Aus diesem Grund wurden in Diyatheh keine Zisternen zum Sammeln von Regenwasser angelegt, da dieses zu knapp ist. Bedeutend ist dort das Wasser aus dem Wadi. Das sehr kontrastreiche, in den höheren Lagen strenge Klima, hat ein halbes Dutzend mächtiger Wadis entstehen lassen, die dem Herzen des Jebel-Massivs entspringen und es in östlicher Richtung stark ausgehöhlt haben. Von den drei größten vereinigen sich die beiden nördlichen Ströme, wodurch das Wadi al-Sham entsteht, dem einzigen Trockental, das tief eingegraben nach Nordosten zieht und an dem auch das vorgeschobene Kleinkastell Namara liegt. Mit seinem Auslauf erreicht das Wadi rund 50 Kilometer östlich von Diyatheh die fruchtbare Schwemmlandoase von Ruhba, einem großen Gebiet mit Winter- und Frühjahrsweiden,Michael C. A. Macdonald: Transformation and Continuity at al-Namāra: Camps, Settlements, Forts, and Tombs. In: Karin Bartl, Abd Al-Razzaq Moaz (Hrsg.): Residences, Castles, Settlements. Transformation Processes from Late Antiquity to Early Islam in Bilad al-Sham. Proceedings of the International Conference held at Damascus, 5–9 November 2006 (= Orient-Archäologie 24), Deutsches Archäologisches Institut, Orient-Abteilung, Leidorf, Rahden/Westfalen 2008, ISBN 978-3-89646-654-9, S. 317–332; hier: S. 317. In diesem Flusssystem des Wadi al-Sham befindet sich auch Diyatheh.
Das Wadi Mushannaf, das weiter östlich in das Wadi al-Sham entwässert, wird von drei Trockentälern gespeist, die am Jebel el-Druze auf über 1700 Metern Höhe entspringen und zunächst in östlicher beziehungsweise nordöstlicher Richtung verlaufen, bevor sie weniger als zehn Kilometer südwestlich des Kastells bei dem Dorf Mushannaf, als Wadi Mushannaf zusammenfließen. Die geballte Kraft der drei Wadis schafft es, tiefe und steile Schluchten zu graben, die bis zu 50 und 80 Meter tief sein können.François Villeneuve, Serge Sadler: Occupation du sol et vestiges architecturaux sur les marges arides de Syrie du Sud. L’exemple de Diyatheh. In: Bernard Geyer (Hrsg.): Conquête de la steppe et appropriation des terres sur les marges arides du Croissant fertile (= Travaux de la Maison de l’Orient 36), Maison de l’Orient Méditerranéen-Jean Pouilloux, Lyon 2001, ISBN 2-903264-78-3, S. 159–187; hier: S. 164. Im Winter, meist im Februar, hat das Wadi Mushannaf kurzzeitig das Aussehen eines Wildbachs; den Rest des Jahres liegt es trocken. Stattdessen führt es unter seinem Bett, in einer Tiefe von etwa zehn Metern, einen Unterlauf, der die im Flussbett liegenden Wasserstellen speist. Bei Diyatheh sind diese Wasserstellen fast das ganze Jahr über gefüllt.François Villeneuve, Serge Sadler: Occupation du sol et vestiges architecturaux sur les marges arides de Syrie du Sud. L’exemple de Diyatheh. In: Bernard Geyer (Hrsg.): Conquête de la steppe et appropriation des terres sur les marges arides du Croissant fertile (= Travaux de la Maison de l’Orient 36), Maison de l’Orient Méditerranéen-Jean Pouilloux, Lyon 2001, ISBN 2-903264-78-3, S. 159–187; hier: S. 165.
Verkehrsverbindungen Diyatheh hat seinen Ursprung offensichtlich als Lagerplatz der Nomaden, die bis heute über das Wadi al-Sham aus der Schwemmlandoase von Ruhba im Osten zu den kühlen, westlich gelegenen Spätsommer-Weideplätzen am Jebel-Massiv ziehen. Auch sie kannten und kennen die Wasserstellen im Wadi und nutzen den Platz um ihre Vorräte zu ergänzen. Die Kontrolle der Wasserstellen, insbesondere im Eintrittsbereich auf das römische Reichsgebiet, wird für die Römer wie an anderen ähnlichen Orten im Hauran, möglicherweise ein gewichtiger Grund gewesen sein, in Diyatheh einen Militärposten einzurichten.
Archäologische Forschungen konnten in der östlichen jordanischen Wüste anhand aufgefundener Meilensteine und Straßenabschnitte ein strategisches Engagement während der Regierungszeit des Kaisers Septimius Severus (146–211) für die Jahre 208/210 feststellen. Damals wurde eine Trasse von Norden zur Oase Azraq herangeführt. Knapp ein Jahrhundert später entstand ein ganzes Straßennetz durch die Wüste und die Basaltlandschaften des südlichen Hauran, das mit Meilensteinen aus der Tetrarchenzeit markiert war.David L. Kennedy: The Roman Army in Jordan. Council for British Research in the Levant, Henry Ling, London 2004, ISBN 0-9539102-1-0, S. 40. Von der Oase Azraq führte in der Spätantike eine wichtige römische Straße nach Norden, die sich nach etwa 16 Kilometern teilte. Eine Abzweigung führt ins Hinterland nach Nordwesten und lief über den von Hilfstruppen besetzten Garnisonsort Umm el-Quttein, dessen Kastell ohne wissenschaftliche Untersuchung nach 1953 überbaut wurde,Kastell Umm el-Quttein bei in die Provinzmetropole Bostra, dem Heimatstandort der Legio III Cyrenaica.Legionslager Bostra bei . Die andere Abzweigung zog sich entlang der Reichsgrenze nach Norden über das Grenzkastell Deir el-Kahf, den römischen Garnisonsort Mothana, heute Imtan, der bereits in Südsyrien liegt. Über diese Trasse war in ihrem weiteren Verlauf auch die bedeutende Metropole Damaskus zu erreichen.
Forschungsgeschichte Im März 1901 besuchten der französische Altorientalist René Dussaud (1868–1958) ed-Diyâthé: Im Jahr 1904 begann die zweite Syrien-Expedition unter der Schirmherrschaft der amerikanischen Princeton University, die der Archäologe Howard Crosby Butler (1872–1922) leitete.Howard Crosby Butler: Preliminary Report of the Princeton University Expedition to Syria. In: American Journal of Archaeology, Second Series, Band 9, 1905, Nr. 4, S. 389–400; hier S. 389. Dabei stattete er mit seiner Mannschaft auch dem Kastell id-Diyâtheh einen Besuch ab. Neben einer Kurzbeschreibung der Anlage erstellte er auch einen ersten Plan der Fortifikation.Howard Crosby Butler (Hrsg.): Syria. Publications of the Princeton University Archaeological Expeditions to Syria in 1904–5 and 1909 (Div. 2, Sect. A; 5), Princeton University 1915, S. 440–442. Im Jahr 1934 erschien ein Buch des französischen Jesuitenpaters und archäologischen Luftbildpioniers Antoine Poidebard (1878–1955), der eine erste Aufnahme des Garnisonsorts veröffentlichte.Antoine Poidebard: La trace de Rome dans le desert de Syrie. Le ›limes‹ de Trajan à la conquête arabe. Recherches aériennes (1925–1932), (= Bibliothèque archéologique et historique du Haut Commissariat de la République française en Syrie et au Liban 18), Paris 1934. Poidebard hinterließ jedoch weder eine genauere Beschreibung oder einen Interpretationsplan noch scheint er eine Feldbegehung durchgeführt zu haben. Die seit der Spätantike relativ geringe menschliche Einflussnahme auf den Fundplatz veranlasste den französischen Archäologen François Villeneuve als Projektleiter unter der Schirmherrschaft des Institut français du Proche-Orient in vier Kampagnen von 1985 bis 1989 Feldbegehungen, Vermessungen und Keramiksammlungen durchzuführen. Ausgrabungen fanden keine statt.François Villeneuve, Serge Sadler: Occupation du sol et vestiges architecturaux sur les marges arides de Syrie du Sud. L'exemple de Diyatheh. In: Bernard Geyer (Hrsg.): Conquête de la steppe et appropriation des terres sur les marges arides du Croissant fertile (= Travaux de la Maison de l'Orient 36), Maison de l'Orient Méditerranéen-Jean Pouilloux, Lyon 2001, S. 159–187; hier: S. 160.
Baugeschichte