mini|hochkant=1.2|Die Triomphant-Klasse strategischer Atom-U-Boote stellt den maritimen Teil der französischen Nuklearstreitkräfte dar Die , umgangssprachlich auch sind die Atomstreitkräfte der französischen Streitkräfte.
Bezeichnung Die Atomstreitmacht wurde als Force de frappe gegründet, wie sie noch heute umgangssprachlich genannt wird. Im amtlichen Sprachgebrauch wird fast ausschließlich von der Force de dissuasion gesprochen, da dissuasion, „Abschreckung“ (von ) wesentlich diplomatischer und zurückhaltender klingt als frappe (Schlag).
Hintergründe der Entstehung Offiziell gibt es die Force de frappe seit 1958, als während einer entscheidenden Phase des Kalten Krieges die nukleare Bewaffnung der französischen Streitkräfte vom Präsidenten der eben gegründeten Fünften Republik, Charles de Gaulle, offiziell beschlossen wurde. Die Umbenennung in Force de dissuasion nucléaire erfolgte 1961. Entsprechende Überlegungen gab es bereits in der Vierten Republik unter Ministerpräsident Mendès France. Die nukleare Bewaffnung war ursprünglich als Abschreckung gegen die Bedrohung durch das Militärpotential des Warschauer Pakts (UdSSR und ihre Verbündeten bzw. Satellitenstaaten) gedacht. Daneben bestand die Absicht, sich aus der Abhängigkeit von den USA in Fragen der Militärstrategie zu lösen und Frankreich erneut zur Großmacht aufzuwerten. 1958 strebte der Algerienkrieg seinem Höhepunkt zu. Im Januar des Jahres traten die Römischen Verträge zur Gründung der EWG in Kraft; Ende November sah sich der Westen mit dem Berlin-Ultimatum Chruschtschows konfrontiert. Frankreich war damals noch eine Kolonialmacht mit umfangreichen Besitzungen in Afrika; 14 von ihnen wurden allerdings im Afrikanischen Jahr 1960 unabhängig.
Am 13. Februar 1960 führte Frankreich in Algerien einen ersten Kernwaffentest durch; drei weitere folgten. Alle vier waren oberirdische Tests in einem besiedelten Gebiet in der algerischen Sahara nahe Reggane. Bis zu 30.000 Menschen erlitten dadurch in der Folgezeit Schäden.Thomas Schneider: ARD-Weltspiegel, 18. Januar 2009.A. Cowell: France to Pay Nuclear Test Victims. The New York Times, 24. März 2009.Kurt Andersen, Russell Leavitt: Atomic Test Case. Time Magazine, 26. April 2006
1964/65 wurden die ersten Mirage-IV-Bomber in Dienst gestellt. Damit war zunächst die Luft-Komponente der französischen Nuklearstreitmacht einsatzbereit.Friedrich Wiener, Die Armeen der NATO-Staaten, Ueberreuter, Wien, 1966, S. 61. Die Force de dissuasion erstreckte sich im weiteren Ausbau über alle Bestandteile der „Nuklearen Triade“ (Luft, Land, See), wobei die landgestützten Waffen heute weggefallen sind. Frankreich ist derzeit viertstärkste Atommacht der Welt – nach den USA, Russland und China und vor Großbritannien.
Geschichte und Zukunft mini|Eine mobile Abschussrampe für Pluton-Kurzstreckenraketen
Die Ausrüstung damals und heute Die luftgestützte Funktion übernahm zunächst der Überschallbomber Mirage IV mit einer Reichweite von 1500 Kilometern. Das Operationszentrum der Forces aériennes stratégiques (FAS; die 1964 gegründeten strategischen LuftstreitkräfteVgl. Website des Ministère des Armées 2017–2018.) befindet sich in unterirdischen Bunkern in Taverny in der Nähe von Paris. Es soll 2011 in das schon bestehende weitere Operationszentrum der Base aérienne 942 Lyon-Mont Verdun bei Lyon verlegt worden sein. Von dort aus werden (Stand: 2008) u. a. 50–60 mit Kernwaffen bestückbare Mirage 2000N kommandiert, deren Kampfradius rund 1500 km beträgt. Die Überschallmaschinen sind derzeit mit der ASMP-Lenkwaffe von etwa 300 km Reichweite ausgerüstet. Zwei Staffeln sind in Luxeuil-les-Bains südwestlich Straßburgs stationiert, eine dritte in Istres nordwestlich von Marseille.
mini|Le Redoutable (‚Der Furchterregende‘), das erste französische Atom-U-Bootnetmarine.net: Redoutable Als seegestützte Trägermittel dienen seit 1971 atombetriebene U-Boote, die Force océanique stratégique (FOSTnetmarine.net: FOST), die mit SLBMs bestückt sind; gegenwärtig die Triomphant-Klasse. Frankreich unterhält insgesamt vier sous-marin nucléaire lanceur d'engins (SNLE, deutsch: Atom-U-Boot mit Raketenstartrampen), von denen zwei ständig auf hoher See einsatzbereit gehalten werden. Jedes dieser U-Boote verfügt über 16 Raketen, derzeit noch vom Typ M45 mit jeweils bis zu sechs autonomen Atomsprengköpfen (MIRV) und einer Reichweite von 6000 Kilometern.
mini|M45 und M51 Interkontinentalraketen in den Hüllen der französischen Atom-U-Boote SNLE (Typ Redoutable, links) und SNLE-NG (Typ Triomphant, rechts) mini|hochkant|Die SSBS S3, die Silo-gestützte Interkontinentalrakete war lange eine wichtige Komponente der landbasierten Nuklearmacht, Museum für Luft- und Raumfahrt Paris, Le Bourget (Frankreich) Der Heimathafen der FOST ist die Île Longue vor Brest. Ihr Führungszentrum lag bis 2000 in Houilles (Département Yvelines) und befindet sich heute ebenfalls in Brest. Bei der FOST dienen rund 2300 Mann. Rund die Hälfte des Haushalts der Force de dissuasion wird für sie aufgewandt. Außerdem verfügt die Marine noch über eine Staffel der Aéronavale mit 10 Kampfflugzeugen vom Typ Dassault Super Étendard. Sie haben etwa 1800 km Reichweite, können ebenfalls ASMP-Lenkwaffen tragen und sind u. a. an Bord des Flugzeugträgers Charles de Gaulle stationiert.
Seit 2009/10 sollen die nuklearfähigen Mirage 2000N und Super Étendard der Luftwaffe und Marine durch Dassault Rafale ersetzt werden.
Landgestützt waren ab 1971 (im französischen Sprachgebrauch als Interkontinentalraketen bezeichnete) Mittelstreckenraketen des Typs SSBS S2 mit Einzelsprengkopf von 120 Kilotonnen, ersetzt ab 1980 durch SSBS S3 mit jeweils 1,2 MT Sprengkraft. Auf dem Plateau d'Albion im Département Vaucluse (Base aérienne 200 Apt-Saint-Christol ()) begannen in den 1960er Jahren die Bauarbeiten für vier unterirdische Silostellungen zur Stationierung dieser strategischen ballistischen Raketen von über 3000 km Reichweite. Im Endausbau waren auf diesem Stellungssystem nördlich von Apt – als Base aérienne 200 ebenfalls den strategischen Luftstreitkräften zugeordnet – 18 Raketen installiert. Von einer bis etwa 1980 geplanten Aufstockung auf 27 Flugkörper sah man schließlich vor allem aus Kostengründen ab. Die S3 wurden gemäß einer Anordnung von Staatspräsident Jacques Chirac vom September 1996 demontiert und die Silostellungen aufgelassen, wobei einige heute zivilen Zwecken dienen. Gleichzeitig verfügte Chirac auch die Einstellung der Atomversuche. Außerhalb der eigentlichen Force de frappe waren im französischen Heer mehrere Artillerieregimenter mit mobilen taktischen Kurzstreckenraketen vom Typ Pluton (bis 1993) und Hades (1984 bis 1997) vorhanden. Taktische Kampfflugzeuge der Armée de l'air (Dassault Mirage III, SEPECAT Jaguar) waren ebenfalls für den Nuklearwaffeneinsatz vorgesehen. 1992 bekundete Frankreich seine Absicht, kein Plutonium für Atomwaffen mehr herstellen zu wollen. Die Produktion in der Nuklearanlage Marcoule (1958 bis 1992) wurde gestoppt und ab 1998 begann der Rückbau der Wiederaufbereitungsanlage. Plutonium für zivile Zwecke wird weiterhin in der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague produziert.
Aus Sicherheitsgründen wurde für einen Einsatz der Kernwaffen ein mehrstufiges System geschaffen, das verkürzt als „Atomschlüssel“ bezeichnet wird. Die erste Stufe ist ein elektronischer Zahlencode, mit dem der Präsident den so genannten Atomkoffer öffnen kann. Mit dem Koffer werden die Kernwaffen aktiviert. Dieser Code wird regelmäßig verändert. Der Präsident muss ihn auswendig lernen. Unterstützt von einem Offizier wählt der Präsident im Ernstfall im Atombunker zehn Meter unter dem Élysée-Palast aus einer vorgegebenen Liste die Ziele aus. Der 1978 geschaffene Atombunker „Jupiter“ ist 15 mal 30 Meter groß und nur dem Präsidenten und wenigen Beratern zugänglich. Der Kommandoraum hat eine Direktverbindung zum unterirdischen Kommandozentrum in Taverny bzw. künftig Mont Verdun.
Über wie viele Sprengköpfe Frankreich tatsächlich verfügt, bleibt Staatsgeheimnis. Vor 2009 wurde ihre Zahl auf 288 U-Boot-gestützte geschätzt. Beim Stapellauf des letzten U-Bootes, der Le Terrible, im März 2008 kündigte Präsident Nicolas Sarkozy an, die Zahl der Sprengköpfe um ein Drittel zu reduzieren, womit die Zahl deutlich unter 300 liegen würde. (Tagesschau.de, 21. März 2008)France to reduce nuclear warheads (BBC, 21. März 2008) (engl.) Im Jahre 2016 werden die französischen Kernwaffen mit 48 Raketen vom Typ M51 und 54 Raketen vom Typ ASMPA„Le président Hollande dévoile les capacités nucléaires françaises“ Zone militaire, opex360.com, 19. Februar 2015 angegeben.
2022 wird der Bestand der Sprengköpfe auf 290 beziffert. Im März 2026 kündigte der französische Präsident Emmanuel Macron an, die Anzahl der Kernwaffen zu erhöhen und nicht öffentlich über deren Anzahl zu informieren. Er begründete dies mit Gefahren durch Russland, China und dem Irankrieg 2026. Er gab bekannt, dass das erste Boot der zukünftigen L'Invincible-Klasse 2036 zur Flotte stoßen soll.
Weiterentwicklung Nach der Indienststellung der „unterseeischen Raketenabschussrampen“ Le Triomphant 1997 und Le Téméraire Ende 1999 soll die Technologie offenbar auf diesem Feld besonders vorangetrieben werden. Ende 2004 wurde Le Vigilant den Streitkräften übergeben. Bis 2010 sollte die Raketenserie M51 auf dem am 21. März 2008 vom Stapel gelaufenen U-Boot Le Terrible einsatzbereit sein. Die M51 soll eine Reichweite von 8000 Kilometern haben. Der erste seegestützte Testschuss fand am 27. Januar 2010 statt.Agence France Press, Succès du premier tir du nouveau missile nucléaire M51 depuis un sous-marin, (franz."Erfolg des ersten Abschusses der neuen Atomrakete M51 von einem Uboot"), abgerufen am 14. Februar 2010
Vor dem Hintergrund des Verzichts auf Atomtests stellte die Regierung 2004 rund 388 Millionen Euro für ein Simulationsprogramm bereit, bei dem u. a. ein Supercomputer und Laser-Technik eingesetzt werden. Das Resultat ist die weltweit erste Indienststellung eines nuklearen Waffensystems, das ohne realen Nukleartest entwickelt wurde. Die ASMP-A, eine luftgestützte Mittelstreckenrakete, wurde der Öffentlichkeit im Jahre 2009 vorgestellt.Webseite des französischen Verteidigungsministeriums, L’ASMP-A, nouvelle arme de la dissuasion ("Die ASMP-A, neue Waffe der Abschreckung") – abgerufen am 25. Oktober 2009
Kosten Die Force de dissuasion verursacht jährliche Kosten von mehr als drei Milliarden Euro, was rund einem Zehntel des französischen Verteidigungsetats entspricht. Sie ist auch in Militärkreisen umstritten, weil man befürchtet, dass dadurch die konventionelle Bewaffnung ins Hintertreffen gerät. Allein für die Entwicklung neuer nuklearer Waffentypen waren in dem von 2003 bis 2008 geltenden militärischen Planungsrahmen rund 17 Milliarden Euro veranschlagt.
Kernwaffentests Die im Pazifischen Ozean gelegenen Inseln Mururoa und Fangataufa wurden von 1966 bis 1996 als Testgelände Frankreichs für 210 Kernwaffenversuche genutzt. Dies ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass Frankreich keinen Zugriff mehr auf die Testorte in Algerien hatte, das 1962 unabhängig wurde.
Möglicher Wandel der Nukleardoktrin Schlagartig ins Blickfeld der Öffentlichkeit geriet die Force de dissuasion nucléaire erneut am 19. Januar 2006, als der französische Staatspräsident Jacques Chirac im Zusammenhang mit der diplomatischen Krise um das Atomprogramm des Iran „Anführern“ von Staaten, die terroristische Mittel einsetzen, mit Vergeltung „in nicht-konventioneller Form“ drohte. Allerdings hatte sich Frankreich schon seit spätestens 2003 dezidiert vorbehalten, Atomwaffen gegen „Schurkenstaaten“ einzusetzen. Dazu wurde unter anderem die Bestückung der U-Boot-gestützte ballistische Rakete (SLBMs) reduziert, um auch Schläge unterhalb der Schwelle des „nuklearen Overkills“ ausführen zu können. Man könne nicht nur die Wahl zwischen [der vollständigen] Vernichtung (des Feindes) und [dem eigenen] Untergang haben, so Chirac.