Altslowenen (slowenisch: Staroslovenci) ist die Bezeichnung für eine nationalkonservative politische Strömung innerhalb der slowenischen Nationalbewegung, die von den 1850er bis in die 1880er Jahre die dominierende Kraft in den slowenischsprachigen Gebieten der Habsburgermonarchie darstellte. Benannt nach dem Vorbild der Alttschechen in Böhmen und Mähren, bildeten sie den konservativen Gegenpol zu den liberalnationalen Jungslowenen (Mladoslovenci). Die überragende Leitfigur der Altslowenen war der Laibacher Herausgeber, Arzt und Politiker Janez Bleiweis (1808–1881), der wegen seiner prägenden Rolle im slowenischen nationalen Erwachen den Beinamen „Vater des slowenischen Volkes“ (oče slovenskega naroda) erhielt. Mit dem Tod der meisten altslowenischen Führungspersönlichkeiten in den 1880er Jahren verlor die Bewegung an Kraft; ihre konservative Nachfolge trat die 1892 gegründete Slowenische Volkspartei an.
Entstehung und Charakter der Bewegung In den 1860er Jahren spaltete sich die slowenische Nationalbewegung, deren Ziele auf der nationalen Emanzipation der Slowenen im österreichischen Kaiserreich und der gleichberechtigten Anerkennung der slowenischen Sprache waren, in verschiedene Fraktionen. Die Unterschiede waren sowohl ideologischer als auch taktischer Natur. Die Bezeichnung Staroslovenci wurde in Anlehnung an den zeitgleichen Gegensatz von Alttschechen und Jungtschechen im böhmischen politischen Leben geprägt; die Spaltung begann in den 1860er Jahren und wurde nach 1865 vor allem an der Frage der slowenischen Parteipresse offenkundig.
Nach Beginn der konstitutionellen Periode im österreichischen Kaiserreich (ab 1861) versammelten sich die Aktivisten der slowenischen Nationalbewegung um den gemäßigt konservativen und liberal-katholischen Herausgeber der Zeitung Kmetijske in rokodelske novice, Janez Bleiweis.
Bleiweis und seine Verbündeten propagierten eine Politik taktischer Bündnisse mit verschiedenen Machtgruppen im österreichischen Kaiserreich, darunter die römisch-katholische Kirche, die tschechischen Föderalisten um František Palacký und ein kleiner Teil des Krainer Landadels.Peter Štih, Vasko Simoniti, Peter Vodopivec: Slowenische Geschichte. Gesellschaft – Politik – Kultur (= Veröffentlichungen der Historischen Landeskommission für Steiermark. Bd. 40). Leykam, Graz 2008, ISBN 978-3-7011-0101-6
Ab Mitte der 1860er Jahre stellte eine Gruppe jüngerer nationalistischer Aktivisten und Intellektueller um Fran Levstik und Josip Stritar diese pragmatische Politik in Frage und forderte einen radikaleren Ansatz. Nach einem Jahrzehnt der Auseinandersetzungen zwischen beiden Fraktionen kam es 1872 zum organisatorischen Bruch, als die Jungslowenen ihre eigene politische Struktur aufbauten. Die Gruppe, die der alten Führung und der traditionellen Politik treu blieb, wurde fortan als Altslowenen bezeichnet.
Programm und Tätigkeit
Janez Bleiweis und die Kmetijske in rokodelske novice Die Zentralfigur der Altslowenen war Janez Bleiweis: Arzt, Veterinärmediziner, Publizist und Politiker, der 1843 die Kmetijske in rokodelske novice (Landwirtschaftliche und Handwerkerblätter) übernahm. Das Blatt war auf Initiative der Krainer Landwirtschaftsgesellschaft gegründet worden und wandte sich ursprünglich an Bauern und Handwerker; Bleiweis öffnete es jedoch schrittweise für schöngeistige, politische und kulturelle Beiträge und machte es zum wichtigsten Publikationsorgan der slowenischen nationalen Bewegung. Wegen ihrer langen Zeit als einzige slowenischsprachige Zeitung übte sie entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der slowenischen Schriftsprache und des nationalen Bewusstseins aus.
Bleiweis verstand sein Blatt als „Bildungsblatt für das einfache Volk“, doch wurde es zugleich zum politischen Periodikum für die gebildete Leserschaft und stand im Zentrum der slowenischen nationalen Renaissance. Zu seinen kulturellen Leistungen zählen die Stärkung einer einheitlichen slowenischen Schriftsprache (slovenica), die Unterstützung des Programms des Vereinten Sloweniens sowie die Ablehnung illyrischer und panslawistischer Sprachkonzepte.Monika Stumberger: Die Rolle des Herausgebers der Zeitschrift Kmetijske in rokodelske novice bei der Entwicklung einer einheitlichen slowenischen Schriftsprache. In: Studia Slavica 65 (2022), H. 2, S. 259–282. DOI: https://doi.org/10.1556/060.2020.00022 Schon zu Lebzeiten erhielt Bleiweis den Ehrennamen „Vater des slowenischen Volkes“. Im Kreis seiner engsten Mitstreiter – dem sogenannten Triumvirat – standen Lovro Toman und Etbin Henrik Costa; Costa war nach Einschätzung der Jungslowenen der einflussreichste und deshalb angriffigste unter den Hauptvertretern.
Haltung zu Kirche, Krone und Liberalismus Im Gegensatz zu den Jungslowenen, die der katholischen Hierarchie gegenüber kritisch eingestellt waren, förderten die Altslowenen auf der Grundlage eines austroslawischen Weltbilds traditionelle Werte wie Familie, Religion und Loyalität gegenüber dem Haus Habsburg. Ihr Wahlspruch lautete:
Das Verhältnis zur liberalen Verfassung war ambivalent: Zwar lehnten die Altslowenen den Zentralismus der deutschliberalen Regierungen in Wien ab; die Unterstützung einzelner altslowenischer Parlamentsabgeordneter für die Dezemberverfassung von 1867 zog jedoch den Vorwurf des Opportunismus seitens der Jungslowenen auf sich. In der Außenpolitik orientierten sich die Altslowenen am austroslawischen Konzept František Palackýs und vertraten die Föderalisierung der Habsburgermonarchie als Schutzrahmen der slawischen Völker gegenüber dem Deutschen Bund.
Spaltung und Abgrenzung von den Jungslowenen Der Ruf Bleiweisʼ genoss zu Beginn der konstitutionellen Ära (1861) hohes Ansehen, begann aber zu sinken, als eine Reihe kultureller und politischer Streitfragen aufbrach: Wo sollte die Laibacher Lesehalle eröffnet werden? Sollte die Parteizeitung auf Slowenisch oder Deutsch erscheinen? War es zulässig, die Politik der slowenischen Abgeordneten im Wiener Reichsrat öffentlich zu kritisieren? Sollten die Slowenen bei der Prager Slawenversammlung vertreten sein? Diese Fragen trennten die Lager. Bleiweis hatte sich zeitweise dafür ausgesprochen, ein politisches Parteiblatt auf Deutsch herauszugeben, da die Deutschen auf diese Weise besser mit den slowenischen Forderungen vertraut werden könnten – eine Position, die von den Jungslowenen scharf abgelehnt wurde.
Einen besonderen Angriffspunkt bot die Kritik am Führungsstil: Die Jungslowenen warfen Bleiweis vor, keine abweichende Meinung zu dulden. Literarischen Ausdruck fand dies in Josip Stritars Dunajski soneti (Wiener Sonette), in denen es heißt, Bleiweisʼ Autorität reiche „von der Drau bis zur Soča“ und Slowenien bete ihn „einstimmig an“. Als besonders einflussreich und deshalb als eigentlich Mächtiger hinter Bleiweis wurde Etbin Henrik Costa angegriffen.
1872 trennten sich die beiden Lager organisatorisch endgültig, als die Jungslowenen eine eigene politische Infrastruktur aufbauten.
Bündnis mit den Jungslowenen: die Slogaštvo-Periode Trotz des organisatorischen Bruchs schlossen Alt- und Jungslowenen 1876 ein taktisches Bündnis gegen den österreichischen Zentralismus und den deutschen Nationalismus; beide Fraktionen unterstützten gemeinsam die Koalitionsregierung Eduard Taaffes. Dieses Bündnis, das neben gemäßigten Konservativen und Liberalen auch eine beträchtliche Gruppe von Radikalen umfasste, ist in der slowenischen Geschichtsschreibung unter dem Begriff Slogaštvo (nationale „Einträchtigkeit“/Eintrachtsperiode) bekannt. Beide Lager bewahrten dabei ihre je eigene politische Infrastruktur und ihre Presseorgane: Die Altslowenen blieben der Kmetijske in rokodelske novice treu; die Jungslowenen kontrollierten den Slovenski narod.
Die Altslowenen widersetzten sich dem neuen Trend eines mobilisierungsfähigen politischen Katholizismus und hielten an einer traditionelleren Auffassung von Politik fest. Als Mitte der 1880er Jahre die neue Generation um den Theologen Anton Mahnič und den Laibacher Bischof Jakob Missia eine „Scheidung der Geister“ (ločitev duhov) forderte – eine klare politische und weltanschauliche Trennung zwischen Katholiken und Laizisten –, gerieten die Altslowenen mit ihrer vermittelnden Position zwischen diesen Fronten unter Druck.
Niedergang und Auflösung
Der slowenische Kulturkampf der 1880er Jahre Mitte der 1880er Jahre eskalierte der innerslowenische Konflikt. Auf der liberalen Seite radikalisierte die jungslowenische Fraktion um Ivan Hribar und Ivan Tavčar den Ton ihres Presseorgans Slovenski narod; dieser veröffentlichte 1886/87 eine Artikelserie des pro-russischen Publizisten Davorin Hostnik mit ausgeprägten panslawischen und antiklerikalen Zügen. Auf der klerikalen Seite riefen Mahničs Kreis und Missias Unterstützer zu einer entschiedenen Mobilisierung gegen den Modernismus auf. Dieser verschärfte Kulturkampf ließ für das altslowenische Lager, das zwischen kirchlicher Loyalität und politischem Pragmatismus vermittelt hatte, immer weniger Spielraum.
Aufstieg der Massenpolitik und Ende der Altslowenen Die ältere Honoratiorenpolitik wurde durch entstehende Massenparteien abgelöst. Auf der klerikalen Seite mobilisierte der christlichsoziale Bewegung um Janez Evangelist Krek die bäuerliche Bevölkerung; auf der anderen Seite radikalisierten die liberalen Nationalisten um Hribar und Tavčar die städtische Wählerschaft. Mit dem Tod der meisten altslowenischen Führungspersönlichkeiten in den 1880er Jahren – allen voran Janez Bleiweis († 1881) – verlor die Strömung ihren politischen Zusammenhalt.
Die Gründung der Katoliška narodna stranka (Katholischen Nationalpartei) im Jahr 1892 – die 1905 als Slowenische Volkspartei (Slovenska ljudska stranka) firmierte – markierte das formelle Ende der Slogaštvo-Politik, die auf einem Bündnis zwischen Alt- und Jungslowenen basiert hatte. An die Stelle des alten Lagerfriedens traten nun zwei klar gegenüberstehende politische Bewegungen: die „Klerikalen“ und die „Liberalen“.
Erbe Viele der noch lebenden altslowenischen Führer schlossen sich nach dem Zerfall der Bewegung überraschenderweise den nationalliberalen Nachfolgern der Jungslowenen an: So wählte etwa Luka Svetec die Nationalfortschrittliche Partei (Narodno napredna stranka) statt der neuen Volkspartei. Die eigentliche institutionelle Nachfolge der altslowenischen Politik trat die Slowenische Volkspartei an, die den klerikalen Flügel der nationalen Bewegung in eine moderne Massenpartei überführte und bis 1941 die dominierende politische Kraft in Slowenien blieb.
Die Altslowenen gelten in der Forschung als Träger des frühen slowenischen Nationalismus der konstitutionellen Ära, deren gemäßigter, auf Ausgleich bedachter Kurs die nationale Bewegung in einer Phase konsolidierte, in der eine konfrontative Politik kaum Erfolgsaussichten gehabt hätte.
Bedeutende Vertreter Janez Bleiweis (1808–1881), Politiker, Herausgeber, Journalist, Arzt und Tierarzt im Kronland Krain Lovro Toman (1827–1870), Rechtsanwalt und Abgeordneter im Wiener Reichsrat, Teil des Führungstrimuvirats Andrej Einspieler (1813–1888), Kärntnerslowenischer Volksaufklärer, Geistlicher, Politiker und Publizist, Mitbegründer des slowenischen Volksverlages Hermagoras-Bruderschaft/Mohorjeva Etbin Henrik Costa (1832–1875), Politiker und Jurist, Teil des Führungstrimuvirats; von den Jungslowenen als eigentlicher Machtfaktor hinter Bleiweis angegriffen Luka Svetec (1819–1897), Jurist und Politiker; trat nach Auflösung der Bewegung den Nationalliberalen bei Janez Vesel Koseki (1798–1884), Dichter; von den Altslowenen als nationaler Sänger gefeiert, von den Jungslowenen abgelehnt Davorin Trstenjak (1817–1890), Priester, Historiker und Ethnograph
Siehe auch Jungslowenen
Literatur Ivan Prijatelj: Slovenska kulturnopolitična in slovstvena zgodovina, 1848–1895. Bd. I–II: Staroslovenci. Državna založba Slovenije, Ljubljana 1955–1956.