At-Tahbīr fī ʿulūm at-tafsīr () ist ein wichtiges Werk der Literaturgattung ʿUlūm al-Qurʾān (Koranwissenschaften). Dschalāl ad-Dīn as-Suyūtī (1445–1505), der als einer der wichtigsten muslimischen Gelehrten auf dem Gebiet der ʿUlūm al-Qurʾān gilt, verfasste das al-Itqān fī ʿulūm al-Qurʾān, mit welchem diese Literaturgattung „ihre Vollendung erreichte“Vgl. Krawulsky: Eine Einführung in die Koranwissenschaften. Bern u. a. 2006, S. 15. Siehe auch, Hāddschi Chalīfa: Kašf aẓ-ẓunūn ʿan asāmī al-kutub wa-l-funūn. Ed. Gustav Leberecht Flügel. Bd. VI. Leipzig 1852, Bd. I, S. 25.. Sechs Jahre zuvor (872/1467)Vg. Carl Brockelmann: Geschichte der arabischen Literatur. Band II. 2. Aufl. Brill, Leiden 1949. S. 182. – Supplementband II. Brill, Leiden, 1943. S. 180. schrieb er sein Buch at-Tahbīr fī ʿulūm at-tafsīr. Hierbei handelt es sich verglichen mit dem Itqān um eine kleinere und weniger berühmte Schrift, die aber eine wichtige Grundlage bzw. Zwischenstufe der Entwicklung der Literaturgattung ʿUlūm al-Qurʾān durch as-Suyūṭī bildet. At-Tahbīr stellt ein Handbuch von 102 Disziplinen zu verschiedenen Aspekten des koranischen Textes dar, in dem as-Suyūṭī das Mawāqiʿ al-ʿulūm fī mawāqiʿ al-nuǧūm von Dschalāl al-Dīn al-Bulqīnī (gest. 1421), welches bereits 52 Koranwissenschaften enthält, um weitere Wissenschaften ergänzt.
Textzeugen At-Tahbīr fī ʿulūm at-tafsīr wurde anhand verschiedener Handschriften überliefert. Eine im Jahre 982 H. (= etwa 1575) verfasste Handschrift Nr. 5112 befindet sich in der Chester Beatty Library und die im Jahre 981 H (= etwa 1574) fertiggestellte in der Ägyptischen Nationalbibliothek sowie Nr. 2983 in der Hagia-Sophia in Istanbul. Weitere Schriften werden in Bibliotheken in Leiden, Medina, Kuwait und im Irak aufbewahrt.Vgl. A. al-Chāzindār und M. Ibrāhīm asch-Schaibānī: Dalīl Machṭūtāṭ as-Suyūtī, Kuwait 1983, S. 31 f.; Fathī ʿAbd al-Oādir Farīd in seiner Einführung zur Textausgabe Dār al-ʿUlūm 1982, S. 17f. Obschon as-Suyūṭī in verschiedenen seiner SchriftenVgl. al-Itqān fī ʿulūm al-Qurʾān, Bd. 1, Medina 2005, S. 9; at-Tahadduth bi-niʿmat Allah, E.M. Sartain (ed.), (University of Cambridge Oriental Publications 24), Cambridge 1975, S.S. 111 und Ḥusn al-muḥāḍara fī aḫbār Miṣr wa-l-Qāhira, Kairo 1967, Bd. 1, S. 339 das vorliegende Werk at-Tahbīr fī ʿulūm at-tafsīr nennt,Vgl. Ḥaǧǧī Ḫalīfa: Kašf aẓ-ẓunūn ʿan asāmi al-kutub wa-l-funūn, [Beirut, Dar ihya at-Turath al-Arabi: o. J.] Bd. 1, S. 354. trägt es erstaunlicherweise in fast allen seinen Ausgaben, die bis dato existieren, den Titel „at-Taḥbīr fī ʿilm at-tafsīr“. Hierzu zählen die drei Ausgaben: Dār al-ʿUlūm, editiert von Fathī ʿAbd al-Oādir Farīd, Riad 1982, Dschāmiʿt Umm al-Qurā, editiert von Taḥbīr von Zuhayr ʿUthmān ʿAlī Nūr, Mekka 1983 und Dār al-Kutub al-ʿIlmīya, Beirut 2013. Ebenso wurde im Jahre 2018 ein Kommentar zum Werk von Muhammad Mūsā asch-Scharīf (Dar Ibn Hazm Beirut) mit dem Titel at-Tahbīr fī ʿilm at-tafsīr veröffentlicht. Diese „abweichende“ Bezeichnung zieht sich auch durch die westliche Forschung.Siehe z. B. Gilliot, Claude: “The traditional disciplines of Quranic Studies”, in EQ, v. 2006, S. 328 sowie S.R. Burge: “al-Suyūṭī’s Taḥbīr and Itqān: A Comparison of his Chapters on Asbāb al-nuzūl,” in: Al-Suyūṭī, a Polymath of the Mamlūk Period, 2017, Vol. 138, S. 143–181. Demgegenüber führt Carl Brockelmann dieses Buch mit dem von as-Suyūtī gewählten Titel at-Tahbīr fī ʿulūm at-tafsīr an.Vgl. Carl Brockelmann: Geschichte der arabischen Literatur. Supplementband II. Brill, Leiden, 1943, S. 180; aber at-Taḫbīr anstatt Taḥbīr Band II. 2. Aufl. Brill, Leiden 1949. S. 182. Der Grund für diese Verwirrung liegt wahrscheinlich in einer Handschrift begründet, die häufig als Grundlage für die Edition des Werks verwendet wurde, nämlich jene der Ägyptischen Nationalbibliothek, deren Schreiber das Werk „Taḥbīr fī ʿilm at-tafsīr“ nennt. Dieses Dokument wurde aber im Jahre 980, also nach dem Ableben as-Suyūtīs, geschrieben.Vgl. Fathī ʿAbd al-Oādir Farīd in seiner Einführung zur Textausgabe Dār al-ʿUlūm 1982, S. 21. In der Einleitung zu seiner Textedition lenkt Zuhayr ʿUthmān ʿAlī Nūr die Aufmerksamkeit auf die Unterschiedenheit des Titels. So stellt er fest, dass das Werk mehrheitlich at-Taḥbīr fī ʿulūm at-tafsīr genannt wird. Allerdings gebe es keinen Unterschied zwischen den beiden Titeln.Vgl. die Einleitung der Edition des Taḥbīr von Zuhayr ʿUthmān ʿAlī Nūr 1983, S. 28
Textgeschichte As-Suyūṭī legt in seinem Vorwort die Entstehungsgeschichte seines Werks dar. Im Zuge dessen kritisiert er, dass es die früheren Gelehrten versäumt hätten, jegliche Arbeiten über die theoretischen Grundlagen der Koranexegese zu erstellen, wie sie es doch beispielsweise für die Hadithwissenschaften getan haben. Dieser Mangel wurde erst durch den berühmten Gelehrten Dschalāl al-Dīn al-Bulqīnī (gest. 1421) mit seinem Buch Mawāqiʿ al-ʿulūm fī mawāqiʿ al-nuǧūm behoben. Obwohl as-Suyūṭī das Mawāqiʿ al-ʿulūm als informatives Buch bewertete, welches sich insbesondere durch seine elegante Komposition und dessen bereichernden Inhalt auszeichnet, der zugleich durch seinen logischen Aufbau und den brillanten Schreibstil glänzt, hielt er es für notwendig, al-Bulqīnīs Werk in wesentlichen Punkten zu vervollständigen sowie neue Themen zu integrieren. Daraufhin erstellte er sein Werk at-Tahbīr fī ʿulūm at-tafsīr.Vgl. at-Tahbīr fī ʿulūm at-tafsīr, 1982, S. 28 – 36. Dazu Gilliot: "The traditional disciplines of Quranic Studies," in EQ, v. 2006, S. 328.
Aufbau und Inhalt Das Buch umfasst 102 Abschnitte, welche sich jeweils mit einer der Disziplinen der Koranwissenschaften befassen. Das Incipit lautet: al-Llāha aḥmadu ʿalā an ḫaṣṣanī min niʿami-hī bi-l-mazīd. Zum Teil beschäftigen sie sich mit der Herabsendung des Koran und liefern dabei Antworten auf Fragen wie wann, wo und warum die koranischen Verse herabgesandt wurden. Andere Disziplinen widmen sich der Niederschrift des Koran und der Anordnung dessen Suren und Verse. Darüber hinaus behandeln einige Disziplinen die verschiedenen Lesarten und wiederum andere beschreiben die unterschiedlichen Korancharaktere.Als Grundlage der folgenden Darlegung dient die Ausgabe at-Tahbīr fī ʿulūm at-tafsīr, Riad: Dār al-ʿUlūm 1982.
In der Einleitung erläutert der Verfasser die Begriffe: Tafsīr, Qurʾān, Sūra und āya. - 2. al-Makkī wa-l-madanī: Bei dieser Aufteilung der Offenbarungen in makkī wa-l-madanī vertritt as-Suyūtı̄ die Auffassung, dass die mekkanische Kategorie alle Koranteile umfasst, die vor der Auswanderung nach Yathrib (später Medina) im Jahre 622, egal ob in Mekka oder woanders, herabgesandt wurden; unter medinensisch versteht er dagegen alle Koranteile, welche nach der Auswanderung, egal ob in Medina oder woanders, herabgesandt wurden.
- 4. al-Hadarī wa-s-safarī: Eine weitere Klassifizierung erfolgt unter dem Gesichtspunkt, ob die Koranteile zu Hause oder unterwegs herabgesandt wurden. In diesem Kontext stellt as-Suyūtı̄ fest, dass viele Koranstellen am Wohnort des Propheten offenbart wurden. Daraufhin führt er 24 auf Hadithen basierende Beispiele an, welche auf Reisen bzw. außerhalb des Wohnorts des Propheten herabgesandt wurden, wie z. B, Q 2:196, 2:281, 2:285 und 3:128 (Vgl. S. 63ff).
- 6. an-Nahārī wa-l-lailī: Die Unterteilung der Offenbarungen bzw. Koranteile nach der Tageszeit, sprich ob sie bei Tag oder in der Nacht herabgesandt wurden. Hierbei betont der Autor, dass die Mehrheit der Koranteile bei Tag offenbart wurde. Allerdings liefert er lediglich Beispiele – 9 Fälle basierend auf Hadithen – für in der Nacht herabgesandte Verse, wie beispielsweise Q 2:144, 5:67, 9:118 und 32:16 (Vgl. S. 74ff).
- 8. as-Saifī wa-sch-schitāʾī: Hier erfolgt eine Gliederung der Koranverse nach der Jahreszeit, d. h. ob eine Offenbarung im Sommer oder Winter herabgesandt wurde. Beispiele für die erste Kategorie, deren Zahl sich auf 5 beläuft, sind 4:176, Q 5:3 und 9:81. Was die im Winter herabgesandten Verse angeht, so bringt er drei Verse, nämlich Q 24:11, 24:22 und 4:176, als Beispiele vor (Vgl. S. 79ff).
al-Firāschī: Hierbei handelt es sich um die Koranteile, die auf dem Nachtlager offenbart wurden. Beispiele hierfür sind Q 9:118 und 5:67 (Vgl. S. 83).
an-Nawmī: D. h. was im Schlaf empfangen wurde, wie z. B. Q 108:1–3 (Vgl. S. 84).
Asbāb an-nuzūl: In diesem Kapitel ist von Überlieferungen die Rede, die als Anlass für die Offenbarungen angesehen werden können.
- 13. Awwal mā nazal wa achir mā nazal: Diese Disziplin untersucht die Chronologie der Offenbarungen, d. h. was zeitlich zuerst geoffenbart wurde – wobei as-Suyūtı̄ sich der Ansicht anschloss, dass dies die ersten Verse der Sure 96 sind (Vgl. S. 89). Außerdem spricht der Autor darüber, was zuerst zu einem bestimmten Thema (z. B. über Wein oder Nahrung) geoffenbart wurde. Demgegenüber stehen die Koranteile, welche zuletzt offenbart wurden.
Mā ʿurif tārich nuzūlih: In diesem von as-Suyūtı̄ hinzufügten Kapitel geht es um Koranteile, deren genaues Offenbarungsdatum bekannt ist – auch wenn dieses im Falle von einigen dieser Verse umstritten ist. Zu den angeführten Beispielen (insgesamt 44) gehören die Sure 96, die im Ramadan des ersten Jahres der Botschaft Muhammads, d. h. im Jahre 610, offenbart wurde sowie die Verse 2:144 und 2:183, die im zweiten Jahr nach der Auswanderung nach Medina herabgesandt wurden, d. h. etwa 624 (Vgl. 97f.).
- 16. Mā lam yanzil ʿal ahadin qabla an-Nabī wa mā nazala minhu ʿalāʿbaʿd al-Anbiyāʾ: Eine Aufteilung basierend darauf, was vom Koran allein dem Propheten Muhammad offenbart wurde und was bereits auf einen früheren Propheten herabgesandt worden war. Zu den Beispielen der ersten Gruppe gehört Sure 1 und zur zweiten Kategorie Sure 87, die bereits auf Abraham und Mose herabgesandt worden war (Vgl. 107f).
Mā takrrara nuzūluh: Offenbarungen, die wiederholt wurden, wie z. B. das Ende der 16. Sure.
- 19. Mā nazala mufarraqn wa mā nazala dschamʿan: Die Koranoffenbarungen, die als einzelne Verse – was laut as-Suyūtı̄ oft der Fall war – oder als ganze Suren herabgesandt wurden, wie die Suren 77, 103 und 108 (Vgl. S. 114).
Kayfiyyat an-nuzūl: Hier werden die Modalitäten der Offenbarung erörtert.
- 23. Muwtātir wa ahād wa schādh: Diese Kapitel thematisiert die Bewertungskriterien für die Überlieferungen, durch welche die koranischen Lesearten übermittelt wurden. Dementsprechend gibt es Lesarten, die durch zahlreiche Überlieferungswege (muwtātir), durch einzelne Überlieferungswege (ahād) oder durch abweichende Überlieferungswege (šāḏ) tradiert wurden.
Qirāʾāt an-Nabī: Die Lesarten des Propheten.
- 26. ar-Ruwāt wa-l-huffāz: Hier kommt er auf die berühmten Prophetengefährten, wie ʿAlī bin Abī Ṭālib, Ibn Masʿūd und Zaid ibn Thābit, sowie anschließend auf die nachfolgenden Generationen zu sprechen, die den Koran auswendig kannten und rezitiert haben.
Fī kaifiyyat tahammulih: Über die Wege, den Koran auswendig zu lernen.
Fī al-ʿālī wa-n-nāzil: Über die Kriterien für die Einteilung in glaubwürdige und unglaubwürdige Lesarten.
al-Musalsal: Hierbei geht es um die Überlieferungen der Lesarten, deren Tradenten alle dieselben Eigenschaften aufweisen, wie z. B., dass diese alle aus demselben Ort stammten oder Anhänger der gleichen Rechtsschule waren.
- 31. al-waqf wa-l-ibtidāʾ: Über das Auslassungszeichen zum Signalisieren einer Pause und der anschließenden Wiederaufnahme der Rezitation.
al-Imāla: Über die Regeln der richtigen Aussprache von imāla.
al-Madd: Über die Verlängerung von Vokalen.
Takhfīf al-hamz: Über die Abschwächung der hamza.
al-Idghām: Über die Regeln der richtigen Aussprache bei der Assimilation.
- 37. al-Ichfāʾ wa-l- iqlāb: Über die Regeln der richtigen Aussprache bei der Abschwächung und Substitution von Buchstaben.
Machāridsch al-hurūf: Über die richtige Artikulation von Buchstaben.
al-Gharīb: Ungewöhnliche oder seltene Wörter im Koran.
al-Muʿarrab: Arabisierte bzw. nichtarabische Wörter im Koran.
al-Madschāz: Über die Metaphorik.