Der Bahnhof Güstrow ging 1850 in Betrieb und entwickelte sich in den 1880er Jahren zu einem der wichtigsten Eisenbahnknoten in Mecklenburg. Seit den 1990er Jahren verlor der Bahnhof den größten Teil seiner Aufgaben im Fern- und Güterverkehr. Sein Empfangsgebäude und eine Reihe von weiteren Bauten im Bahnhofsbereich stehen unter Denkmalschutz.

Lage mini|links|hochkant=1.9|Übersichtsplan des Bahnknotens Güstrow 1914. Fett: Gleise mit Personenverkehr, mager: Gleise ohne Personenverkehr Der Bahnhof liegt in der Stadt Güstrow im Landkreis Rostock in Mecklenburg-Vorpommern nördlich des Stadtzentrums, etwa 600 Meter vom Marktplatz entfernt. Der Bahnhof ist mit der Innenstadt über die Eisenbahnstraße verbunden, die östlich der Bahnsteige die Gleise auf einem Bahnübergang kreuzt. Das Empfangsgebäude liegt auf der der Innenstadt zugewandten Seite der Gleisanlagen.

Der Bahnhof Güstrow liegt am Streckenkilometer 113,3 der Bahnstrecke Lübeck–Strasburg, gezählt von Lübeck Hauptbahnhof. Die Strecke verläuft annähernd in West-Ost-Richtung, im Bahnhofsbereich von Nordwesten nach Südosten. Der Bahnhof ist Ausgangspunkt (Streckenkilometer 0,0) der Bahnstrecke Güstrow–Schwaan. Die Strecken Richtung Bützow (– Lübeck) und Schwaan verlaufen vom Bahnhof zunächst parallel, ihre Trassen trennen sich etwa drei Kilometer nordwestlich des Bahnhofsgebäudes. Im drei Kilometer östlich vom Bahnhof Güstrow gelegenen Bahnhof Priemerburg zweigen die Bahnstrecke Priemerburg–Plaaz Richtung Nordosten und die Strecke nach Meyenburg Richtung Süden von der nach Neubrandenburg – Strasburg ab. Das nördliche Streckengleis zwischen Güstrow und Priemerburg gehört nominell zur Strecke nach Strasburg, das südliche zur Strecke nach Meyenburg, der Bahnhof Güstrow liegt dabei am Streckenkilometer 59,8, gezählt von der Landesgrenze nördlich von Meyenburg.

Geschichte

Die Anfänge

mini|links|hochkant|1850 erbaute Wasserstation, später als Bahnmeisterei genutzt. Die erste Eisenbahn in Mecklenburg war die Berlin-Hamburger Eisenbahn, die 1846 in Betrieb ging und von einer preußischen Gesellschaft gebaut worden war. Das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin war sehr an einer weiteren Erschließung der großen Städte des Landes interessiert. 1847 eröffnete die Mecklenburgische Eisenbahn-Gesellschaft (MEG) die Verbindung vom Bahnhof Hagenow in die Hauptstadt Schwerin und im Folgejahr deren Verlängerung nach Wismar. Im Anschluss wurde von Kleinen (heute Bad Kleinen) die Strecke nach Rostock gebaut, die eine im Bahnhof Bützow beginnende Zweigbahn nach Güstrow erhielt. Beide Strecken und damit auch der Bahnhof Güstrow wurden am 12. Mai 1850 feierlich eröffnet.Lothar Schultz: Friedrich-Franz-Eisenbahn in Mecklenburg. VBN Verlag B. Neddermeyer, Berlin 2014, ISBN 978-3-941712-36-2, S. 7. Das Bahnhofsgebäude wurde erst 1855 eröffnet, bis dahin war Güterschuppen als provisorisches Empfangsgebäude genutzt worden.Lothar Schultz: Friedrich-Franz-Eisenbahn in Mecklenburg. VBN Verlag B. Neddermeyer, Berlin 2014, ISBN 978-3-941712-36-2, S. 13.

Ein gutes Jahrzehnt später begann der Bau weiterer Bahnstrecken in Mecklenburg-Schwerin. 1861 wurde die Großherzogliche Friedrich-Franz-Eisenbahn, später Großherzoglich Mecklenburgische Friedrich-Franz-Eisenbahn (MFFE), gegründet. In dieser neuen Gesellschaft ging auch die MEG auf, die ihren Direktionssitz im östlich von Güstrow gelegenen Malchin bezog. Als erste neue Strecke der Gesellschaft ging am 11. November 1864 die Verlängerung der Strecke aus Bützow von Güstrow über Malchin zum Bahnhof Neubrandenburg in Betrieb. Ende 1866 folge eine weitere Verlängerung in Richtung Osten über Woldegk bis zur mecklenburgisch-preußischen Landesgrenze bei Strasburg, wo Anschluss an eine preußische Bahnstrecke nach Stettin bestand. Zusammen mit der 1870 eröffneten Bahnstrecke Lübeck–Bad Kleinen gibt es seitdem eine durchgehende West-Ost-Verbindung durch Mecklenburg, eine direkte Relation Hamburg – Stettin war entstanden. Der Bahnhof Bützow wurde in den 1870er Jahren umgebaut, so dass Güstrow seitdem ohne Fahrtrichtungswechsel aus Richtung Hamburg und Schwerin erreichbar ist. 1882 eröffnete die Güstrow-Plauer Eisenbahn mit der Nebenbahn nach Plau am See (später bis zur preußischen Grenze bei Meyenburg verlängert) eine Verbindung vom Bahnhof Güstrow in südliche Richtung. Der Bahnhof Güstrow wurde erweitert und erhielt in diesem Jahr einen Ringlokschuppen mit 13 Ständen und einer Drehscheibe, der in den folgenden Jahrzehnten vergrößert wurde.

Zu den ersten größeren Güterverkehrskunden für den Bahnhof gehörte die Mecklenburgische Maschinen- und Wagenbau AG, die seit 1884 Fahrzeuge vor allem für die Bahnen der Firma Lenz & Co. herstellte. Bereits 1896 musste sie wieder den Bau von Schienenfahrzeugen einstellen. Nach mehreren Besitzerwechseln siedelte sich dort das nach dem Ersten Weltkrieg von Tongel’sche Stahlwerk an, das bis 1945 der größte stahlverarbeitende Betrieb in Norddeutschland war. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Werksanlagen demontiert.Lothar Schultz: Friedrich-Franz-Eisenbahn in Mecklenburg. VBN Verlag B. Neddermeyer, Berlin 2014, ISBN 978-3-941712-36-2, S. 120–121.

Güstrow als Eisenbahnknotenpunkt mini|Gleisplan des Bahnhofs aus der Zeit kurz vor dem Bahnhofsumbau 1895. mini|Gleise und Empfangsgebäude, Anfang des 20. Jahrhunderts. Als wichtige Verbindung im Nord-Süd-Verkehr eröffnete der Deutsch-Nordische Lloyd die Bahnstrecke Neustrelitz–Warnemünde mit Anschluss Richtung Berlin und Kopenhagen. Diese berührte den Bahnhof Güstrow nicht, sondern kreuzte die Strecke nach Neubrandenburg im östlich von Güstrow gelegenen Bahnhof Lalendorf. Güstrow erhielt 1887 durch die Güstrow-Plauer-Eisenbahn mit der im nahegelegenen Bahnhof Priemerburg abzweigenden Bahnstrecke Priemerburg–Plaaz einen weiteren Anschluss an die Lloyd-Bahn. Zeitgleich baute die MFFE die Bahnstrecke Güstrow–Schwaan, die die kürzeste Verbindung nach Rostock herstellte. Der Bahnhof Güstrow war damit zu einem der wichtigsten Eisenbahnknoten in Mecklenburg geworden. Seine Bedeutung wuchs noch, nachdem in den 1890er Jahren die privaten Eisenbahngesellschaften verstaatlicht worden waren. Die MFFE übernahm einen Großteil der privaten Bahngesellschaften, darunter mit der Lloyd-Bahn und der Güstrow-Plauer Eisenbahn die in der Region Güstrow tätigen Gesellschaften. Ab Mitte der 1890er Jahre führte die MFFE die Fernzüge von Berlin nach Kopenhagen zwischen Lalendorf nach Rostock nicht mehr über die direkte Strecke, sondern über Güstrow. Die Rolle des Bahnhofs als Eisenbahnknoten wuchs damit weiter an. Hier kreuzten sich die wichtigste Ost-West und die wichtigste Nord-Süd-Verbindung in Mecklenburg. Der Bahnhof wurde 1895 umgebaut, der Personenbahnhof erhielt zwei neue Inselbahnsteige.

Seit 1896 war Güstrow auch mit Schiffen auf dem Wasserweg zu erreichen. Die Stadt erhielt einen Hafen am neu gebauten Bützow-Güstrow-Kanal, der mit dem Bahnhof Güstrow über eine kurze Hafenbahn verbunden war. Ende der 19. und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts siedelten sich im Umfeld des Bahnhofs mehrere größere Unternehmen an, die entsprechende Gleisanschlüsse erhielten. Es besaßen zwei Möbelfabriken, eine Brauerei, die Wollbörse und das Gaswerk, kurzzeitig in den 1910er Jahren eine Kartoffelveredlungsfabrik sowie weitere Betriebe der verarbeitenden Industrie Anschlüsse zum Güterbahnhof. Eine Zuckerfabrik existierte bis 1929. Nachdem sie abgebrannt war, entstand ein Neubau im Bereich Priemerburg.

Für den Handel mit landwirtschaftlichen Produkten entstanden zur Jahrhundertwende mehrere größere Speicher im Bahnhofsbereich, weitere Speicher folgten in den 1930er Jahren. In diesem Zusammenhang wurden die Güterverkehrsanlagen des Bahnhofs erneut umgebaut und erweitert. 1925 erhielt das Bahnbetriebswerk Güstrow völlig neue Anlagen am Strenzer Weg etwa 500 Meter nordwestlich der Bahnsteiganlagen. In den 1930er Jahren waren die verfügbaren Flächen für Industriebauten im Bahnhofsbereich komplett bebaut.Lothar Schultz: Friedrich-Franz-Eisenbahn in Mecklenburg. VBN Verlag B. Neddermeyer, Berlin 2014, ISBN 978-3-941712-36-2, S. 122–123. Spätere Betriebe siedelten sich weiter der östlich an den Bahngleisen in Richtung Priemerburg an. Dazu gehörte unter anderem eine Munitionsfabrik im Priemer Wald. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde deren Areal bis Anfang der 1990er Jahre von der sowjetischen Armee genutzt.Lothar Schultz: Friedrich-Franz-Eisenbahn in Mecklenburg. VBN Verlag B. Neddermeyer, Berlin 2014, ISBN 978-3-941712-36-2, S. 128–129.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

mini|Ehemaliges Gleisbildstellwerk B3 (mittlerweile abgerissen) und denkmalgeschützter Lokschuppen nordwestlich der Bahnsteige Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden mehrere Strecken in der Region als Reparationsleistungen an die Sowjetunion abgebaut. Dies betraf unter anderem die Bahnstrecke Neustrelitz–Warnemünde zwischen Neustrelitz und Plaaz sowie Bützow–Schwaan–Rostock. Rostock war die ersten Jahre nach dem Krieg nur über die Nebenbahnverbindung Rostock–Plaaz–Güstrow Richtung Süden angebunden. Der vorher zweigleisige Streckenabschnitt Bützow–Güstrow–Lalendorf wurde auf ein Gleis zurückgebaut. Damit konzentrierte sich fast der gesamte Verkehr Richtung Rostock auf den Bahnhof Güstrow, wobei ein Großteil der Züge im Bahnhof die Fahrtrichtung wechseln mussten. Auch nachdem 1952 Rostock wieder direkt von Bützow aus erreichbar war, blieb der Bahnhof Güstrow im Reise- und Güterverkehr außerordentlich hoch belastet. Der Rangierbahnhof war der mit Abstand wichtigste im Norden der DDR, täglich gab es 30 Zugbildungen und -auflösungen. 1952 erhielt der Bahnhof als einer der ersten in der DDR neue Gleisbildstellwerke der Bauform II.Lothar Schultz: Friedrich-Franz-Eisenbahn in Mecklenburg. VBN Verlag B. Neddermeyer, Berlin 2014, ISBN 978-3-941712-36-2, S. 126–127.

Mit dem Bau größerer Industrieanlagen im Norden der DDR wuchs die Bedeutung des Bahnhofs für den Güterverkehr weiter an. Eine kleine Erleichterung für den Bahnhof brachte eine 1951 eröffnete Verbindungsstrecke östlich des Bahnhofs Priemerburg zwischen den Strecken Richtung Neubrandenburg und Plaaz. Dadurch konnte ein Teil des Güterverkehrs den Bahnhof Güstrow umfahren. Zu einer größeren Entlastung kam es erst Anfang der 1960er Jahre mit dem Wiederaufbau der Strecke von Neustrelitz über Waren nach Plaaz, durch die Rostock und der dort neu entstandene Überseehafen direkt angebunden wurde, ohne dass der Bahnhof Güstrow angefahren wurde. Der Bahnhof Rostock Überseehafen löste Güstrow als größten Rangierbahnhof im Norden der DDR ab. Dennoch blieb der Güstrower Bahnhof für den Güter- wie für den Reiseverkehr eine der bedeutendsten Stationen der Region.

Im Dezember 1981 besuchte Bundeskanzler Helmut Schmidt im Rahmen eines dreitägigen Arbeitsbesuchs in der DDR auch Güstrow. Die Rückreise in die Bundesrepublik trat er mit einem Sonderzug vom Bahnhof Güstrow an. Vor der Rückfahrt besuchte er die Mitropa-Bahnhofsgaststätte, das dortige Personal war zuvor gegen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit ausgetauscht worden.Mitropa-Erinnerungen. Süppchen für den Bundeskanzler. In: Schweriner Volkszeitung, Ausgabe Güstrow, 2. Dezember 2016, svz.de Viele Medien in beiden Teilen Deutschlands berichteten von Schmidts Abfahrt vom Güstrower Bahnhof, wo DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker ihm zum Abschied einen Bonbon in das Zugfenster reichte.Ein Bonbon zum Abschied. In: Der Spiegel. 1/2015, S. 81, (magazin.spiegel.de)