mini|Innenansicht der Zentral-Synagoge in Manhattan, New York City. Die zugehörige Reformgemeinde wird zu den wichtigsten Zentren des Liberalen Judentums der Stadt gerechnet.Das Liberale Judentum (auch Progressives Judentum oder, besonders in Nordamerika, Reformjudentum) ist neben dem orthodoxen Judentum, dem konservativen Judentum und dem Rekonstruktionismus eine der vier heutigen jüdischen Haupt-Strömungen. Das liberale Judentum hebt die Bedeutung von ethischen gegenüber jener von zeremoniellen Aspekten sowie den Glauben an eine kontinuierliche Offenbarung, die eng mit der menschlichen Vernunft und dem Intellekt verbunden ist und sich nicht auf die Theophanie am Berg Sinai konzentriert, besonders hervor. Als liberaler Zweig des Judentums zeichnet es sich – besonders historisch – durch eine weniger ausgeprägte Betonung von Ritualen und der persönlichen Einhaltung der religiösen Ge- und Verbote des jüdischen Gesetzes aus, als es bei konservativeren jüdischen Strömungen der Fall ist, denn jeder einzelne Jude gilt im Liberalen Judentum als autonom. Es besteht eine große Offenheit gegenüber äußeren Einflüssen und fortschrittlichen Werten.
Die Ursprünge des Reformjudentums liegen im Deutschland des 19. Jahrhunderts und gehen auf die Rabbiner Abraham Geiger, Samuel Holdheim, David Einhorn und andere zurück. Ein bedeutender Vertreter in Deutschland war Leo Baeck (1873–1956), der jahrelang die unbestrittene Führungsfigur und Repräsentant der deutschen Judenheit war. Seit den 1970er Jahren verfolgt die Bewegung eine Politik der Inklusivität und Akzeptanz, die so viele wie möglich einlädt, an ihren Gemeinschaften teilzunehmen, anstatt strenger theoretischer Klarheit. Es besteht eine starke Identifikation mit progressiven politischen und sozialen Programmen, hauptsächlich unter der traditionellen jüdischen Rubrik Tikun Olam oder „Reparatur der Welt“. Tikun Olam ist ein zentrales Motto des Reformjudentums, und das Handeln dafür ist einer der wichtigsten Wege der Mitglieder, ihre Zugehörigkeit auszudrücken. Das bedeutendste Zentrum der Bewegung liegt heute in Nordamerika.
Das Liberale Judentum bildete in Deutschland bis zur Schoah die Mehrheit innerhalb der „Einheitsgemeinden“. Ab 1945 spielte das Liberale Judentum im Kontinentaleuropa zunächst kaum mehr eine Rolle, entwickelte sich aber in den folgenden Jahrzehten in einzelnen Ländern langsam aber stetig. Seit der Jahrtausendwende bestehen wieder liberale Rabbinerseminare in Kontinentaleuropa; im deutschsprachigen Raum gewinnt das liberale Judentum seit den 1990er Jahren aufgrund starken Zuwachs von Juden im Land ebenfalls wieder vermehrt an Bedeutung. In den USA ist das Reform-Judentum seit den 1990er Jahren die Richtung mit den meisten Mitgliedern.
Die meisten liberalen, progressiven und reformorientierten Gemeinden sind in nationalen oder supra-nationalen Dachverbänden organisiert. Die meisten dieser Dachverbände, darunter die nordamerikanische Union for Reform Judaism (URJ) als der Dachverband mit bei weitem am meisten Mitgliedern, aber auch die Union progressiver Juden in Deutschland, sind wiederum in der World Union for Progressive Judaism organisiert. Diese 1926 gegründete Union (WUPJ) vertritt nach eigenen Angaben mindestens 1,8 Millionen Menschen in 50 Ländern: fast eine Million registrierte erwachsene Gemeindeglieder sowie fast ebenso viele Personen, die sich mit der Konfession identifizieren. Damit ist sie die zweitgrößte jüdische Konfession weltweit.
Begriffe Die Begriffe „Liberales Judentum“, „Progressives Judentum“ und „Reformjudentum“ werden heute teils synonym verwendet. Mitunter werden die Begriffe aber auch abweichend davon verwendet, zum Beispiel auf Englisch der Begriff liberal als Oberbegriff für liberale Bewegungen (liberal movements) im Judentum für Reformjudentum, Konservatives Judentum und Rekonstruktionismus gebraucht. Ein Problem der Begriffe ist, dass sie in unterschiedlichen Sprachen und zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedliche Bedeutungen haben. Der Liturgie-Historiker Jakob Josef Petuchowski schrieb in der Beschreibung der europäischen Geschichte der (liberalen) jüdischen Liturgie von „Liberal and Reform Judaism“ und bezeichnet sie als unterschiedliche Spielarten (various constitutents) des Progressive Judaism. Dabei weist er darauf hin, dass die Berliner Reformgemeinde vor dem Zweiten Weltkrieg die radikalste der Gemeinden in Deutschland war und sich stark von denen sich als liberale jüdische Gemeinden bezeichnenden Gemeinden unterschied. Genau andersherum verhielt es sich im Vereinigten Königreich: Die liberalen Gemeinden wichen stärker vom traditionellen Verständnis ab als die Reform-Gemeinden. In der amerikanischen Literatur wird auch das deutsche liberale Judentum als Reform-Judentum bezeichnet.
1926 kam es auf Einladung des Liberalen Judentums im Vereinigten Königreichs zu einer Versammlung von Vertretern reformorientierter Juden, allen voran mit starken Delegationen aus Deutschland (liberales Judentum) und Nordamerika (Reformjudentum), um eine weltweite Bewegung für die gemeinsamen Interessen zu gründen. Nach Diskussionen über die unterschiedlichen Bedeutungen der Begriff Reform und liberal in den unterschiedlichen Sprachen wählten die Vertreter als Namen den Begriff progressive für die World Union for Progressive Judaism
Bis heute bennenen sich allerdings Gemeinden und Verbände mit einem dieser drei Begriffe. Der nordamerikanische Dachverband heißt heute Union for Reform Judaism. In Deutschland hingegen gründete sich 1997 als erster Dachverband für das Liberale Judentum in Deutschland nach dem Holocaust die Union progressiver Juden (UpJ). Als 2023 neun Gemeinden aus der UpJ austraten, gründeten sie mit JLEV (Jüdischer Liberal-Egalitärer Verband) einen neuen Dachverband mit Verwendung des Begriffs liberal, ohne dass bei der Neugründung eine abweichende theologische oder liturgische Neuerung im Vordergrund stand. Im Vereinigten Königreich hingegen gaben 2025 die beiden Denominationen Reform Judaism und Liberal Judaism bekannt, gemeinsam das Movement for Progressive Judaism zu begründen.
Merkmale mini|Der Rabbiner Abraham Geiger
Entscheidend für diese Richtung ist die Aufteilung der jüdischen Gebote in ethische und rituelle Gesetze unter besonderer Hervorhebung der Bedeutung des ethischen Charakters des Judentums. Des Weiteren besteht die Auffassung, dass die ethischen Gesetze zeitlos und unveränderlich seien, die rituellen Gesetze hingegen verändert werden könnten, um sie dem jeweiligen Lebensumfeld anzupassen. Vorrang wird dem inhaltlichen Sinns der Gebote (Mitzwot) vor ihrer verbindlichen Festlegung als „Zeremonialgesetz“ gegeben. Zum Beispiel sollte der Schabbat als Ruhetag gefeiert werden; das Schreiben oder das Fahren mit dem Auto zur Synagoge (nach orthodoxer Auffassung ist beides am Schabbat verboten) werden aber nicht als Entweihung des Feiertags betrachtet. Die Gebote sind also nicht aufgehoben, ihre Auslegung wird jedoch jedem Einzelnen überlassen. Das liberale Judentum ist zudem aktiv im interreligiösen und interkulturellen Dialog.
Theologie
Fortschreitende Offenbarung Im Gegensatz zur traditionellen und jüdisch-orthodoxen Vorstellung geht das Reformjudentum von einer fortschreitenden (progressive) Offenbarung Gottes in der Geschichte aus. Dabei wird die Offenbarung als ein von Gott ausgehender und durch Menschen vermittelter dynamischer und fortschreitender („progressiver“) Prozess begriffen und nicht als ein einmaliger Akt, bei dem Moses durch Gott wörtlich die Tora („schriftliche Lehre“) sowie alle Auslegungen („mündliche Lehre“, später im Talmud und der rabbinischen Literatur niedergeschrieben) erhalten hat. Daraus wird die Verpflichtung zur Bewahrung der jüdischen Tradition, aber auch zu ihrer beständigen Erneuerung abgeleitet. Die Texte des Tanachs sind einer historisch-kritischen Erforschung nicht entzogen.
Messianismus Anstatt der traditionellen Erwartung des Kommens eines Messias, der das Volk Israel zu ihrer Heimat zurückführen und den Tempel mitsamt Tempelkult in Jersualem wiedereinführen wird, obliegt in der liberal-jüdischen Vorstellung die Aufgabe den Menschen, eine messianische Ära, eine Zeit des Friedens ohne Armut, Krankheit und Krieg, hervorzubringen. Die Juden sollten demnach nicht ins biblische Land zurückkehren, sondern in ihren derzeitigen Heimstätten in der Diaspora bleiben und auf die messianische Zeit hinarbeiten. So lehnte sowohl das liberale Judentum in Deutschland als auch das Reformjudentum in den USA zu Beginn den politischen Zionismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts und mehrheitlich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ab. Typisch wurde die Benennung von Synagogen als „Tempel“, wie zum Beispiel der bedeutende Israelitische Tempel in Hamburg ab 1817 oder einer der wichtigsten reform-jüdischen Synagogen der USA, Temple Emanu-El in New York. Bei der Einweihung der ersten als Reformsynagoge gebauten Gebäudes in den USA (Charleston, South Carolina) sagte der Chasan Gustavus Poznanski, die Synagoge sei der Tempel der Gemeinde, Charleston ihr Jerusalem, das Land ihr Palästina.
Ethik Seit dem 19. Jahrhundert wird der ethische Charakter des Judentums im liberalen Judentum betont. So schrieb der einflussreiche liberale Rabbiner Leo Baeck in seinem Hauptwerk Das Wesen des Judentums (Erstausgabe 1905): „Das Judentum ist nicht nur ethisch, sondern die Ethik macht sein Prinzip, sein Wesen aus.“ Dabei wurden im Reformjudentum häufig die Prophetenschriften im Tanach betont, da diese die höchste Stufe des ethischen Monotheismus darstellen sollen, während die Texte des Toras nach der Geschichte des Auszugs des Volks Israels aus Ägypten (Exodus), die techische Gesetze und kultische Vorschriften beschreiben, vernachlässigt wurden. Einige Reform-Rabbiner in den USA, darunter der Chicagoer Rabbiner Emil Gustav Hirsch (1851–1923), sprachen sich dafür aus, die Torarollen aus dem Toraschrein zu nehmen. Hirsch argumentierte, die Juden hätten in der Tora Ideen und Praktiken von benachbarten Völkern des Nahen Ostens übernommen, der eigentliche eigenständige Beitrag des Judentums seien die Prophetenschriften.
Praxis
Liturgie Der Liturgieforscher Jakob J. Petuchowski beschrieb 1967 zehn Charakteristika der Gebete des Reform-Judentums: Die Kürzung von Gebeten und die Stellung einer Predigt als zentraler Teil des Gottesdiensts (1), der Gebrauch von Landessprachen anstatt Hebräisch (2), die Auslassung von Erwähnungen von Engeln und Dämonen in Gebetbüchern (3), die Abschwächung des Partikularismus und der Ausgewähltheit des jüdischen Volkes (4), die Auslassung der Bitte einer Rückkehr nach Zion (5) sowie der Gebete für die Wiedereinführung des Tempel-Opfer (6), das Konzept einer messianischen Zeit anstatt eines Messias (7), die Betonung spiritueller Unsterblichkeit anstatt der körperlichen Wiederauferstehung (8), eine größere Varietät in der Gestaltung von Gottesdiensten (9) und die Einführung neuer Gebete, um zeitgenössischen Fragen gerecht zu werden (10). An anderer Stelle schrieb Petuchowski, dass sich aus der Gesamheit der untersuchten Gebetbücher insgesamt aber keine einheitliche Linie herausfiltern lasse. Was eine Gemeinde einführte oder veränderte, konnte von einer anderen Gemeinde abgelehnt werden. Was jedoch den Ritus aller Gemeinden vereine, sei die Überzeugung jeder Generation gewesen, die aus der Vergangenheit übernommene Tradition zu verändern. Laut der Rabbinerin Dalia Marx zeigen die Gebetbücher seit dem Zweiten Weltkrieg ein traditionelleres Vorgehen als ihre Vorläufer im vermehrten Gebrauch der hebräischen Sprache und einer positiveren Einstellung gegenüber der Rückkehr nach Zion bzw. dem Zionismus.