Die Geschichte Réunions umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet des französischen Übersee-Departements Réunion von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Die Insel Réunion ist heute ein Übersee-Département und eine Region Frankreichs.
Indischer Ozean vor der Ankunft der Europäer Vor der Ankunft der ersten Europäer im 16. Jahrhundert wurde der Indische Ozean nur von Arabern und Austronesiern erforscht. Bereits im 10. Jahrhundert war Réunion bei arabischen Seefahrern als diva maghrebin („Westinsel“) bekannt. Das benachbarte Mauritius wurde diva harab („verlassene Insel“ oder „Wüsteninsel“) und Rodrigues diva mashriq („Ostinsel“) genannt.
Die Schiffe der Araber, die Dhaus, waren widerstandsfähig genug, um den heftigen Monsunstürmen im Indischen Ozean zu widerstehen. Die Araber beherrschten vom 7. Jahrhundert an bis zu den Forschungsreisen des Portugiesen Vasco da Gama allein den Seeweg über die Molukken nach Indien und China. Diese marine Überlegenheit der Araber garantierte ihnen eine weitgehende Kontrolle des Handels mit Seide, Gewürzen und anderen exotischen Handelsgütern. Die Handelsrouten der Araber verbanden Ostafrika und Madagaskar mit der Arabischen Halbinsel, Indien und Indonesien. Entdeckt wurden die Maskarenen möglicherweise im Zuge eines tropischen Wirbelsturms; eine der ersten überlieferten Bezeichnungen für die Inselgruppe stammt von einem arabischen Seefahrer namens Suhliman, der die Inseln Tirakka nannte.
mini|hochkant=1.6|Cantino Planisphere, 1502
Zum ersten Mal erschienen die Maskarenen, zu denen auch Réunion gehört, im Jahre 1502 auf einer europäischen Seekarte, und zwar auf einer Kopie einer arabischen Karte von Alberto Cantino; dieser bezeichnete dort Réunion als Dina Margabim, Mauritius als Dina Arobi und Rodrigues als Dina Mozare. Auch mehrere andere portugiesische Kartographen stellten die drei Inseln dar und gaben so einen Hinweis auf ihre frühere Entdeckung durch die Araber. Als wahrscheinlich gilt auch, dass Araber und Malaien Ende des 14. Jahrhunderts oder Anfang des 15. Jahrhunderts auf der benachbarten Insel Mauritius landeten, worauf auch verschiedene später dort von Europäern gefundene Inschriften hindeuten.
Anfänge des Kolonialismus im Indischen Ozean Erst 1498 erreichte der Portugiese Vasco da Gama über die Südspitze Afrikas den Indischen Ozean, durchfuhr auf seinem Weg nach Kalikut den Kanal von Mosambik und erforschte Mosambik und die Insel Madagaskar. Bei seinem kurzen Aufenthalt auf Madagaskar verwüstete da Gama mit seiner Mannschaft die Stadt Kingani im Norden der Insel und leitete die Ära der europäischen Kolonisierung des Indischen Ozeans ein.
Nach den Portugiesen begannen nacheinander auch die Engländer, Holländer und Franzosen mit der Kolonisierung der Region, entdeckten die Inseln neu und gründeten Niederlassungen, wobei sie sich insbesondere auch der Arbeitskraft von Sklaven aus Afrika und Madagaskar bedienten.
Von der Entdeckung bis zur Besiedlung Bei der Erforschung der für die Europäer geeigneten Seerouten auf dem Weg nach Indien entdeckte der portugiesische Seefahrer Pedro Mascarenhas am 9. Februar 1512 die später nach ihm benannten Maskarenen. Genauso wie viele andere damaligen Seefahrer ihre Entdeckungen nach den Heiligen des Tages der Entdeckung benannten, gab auch er der Insel Réunion zu Ehren der Heiligen Apollonia den Namen nach der Santa Apollonia.
Erst über hundert Jahre nach der Entdeckung, am 23. März 1613, betrat der englische Freibeuter Blackwell (nach anderen Quellen ein holländischer Admiral namens Verhuff) die Insel und nannte sie England's forest („Englands Wald“). Er beschrieb eine paradiesische, unberührte Insel mit zahlreichen Wasserläufen und üppiger Fauna: Schildkröten, Papageien, Dodos, Turteltauben, Enten, Gänse, Wildschweine, Aale, alle „außerordentlich einfach zu fangen“.
Am 25. Juni 1638 wurden die Maskarenen erstmals formell von Frankreich beansprucht. Eine zweite formelle Inbesitznahme erfolgte am 29. Juni 1642, als die Franzosen bei Saint-Paul erstmals auf Réunion landeten.
1646 wurden zwölf Meuterer aus Fort Dauphin, einem kleinen Handelsstützpunkt auf dem Seeweg nach Indien im Süden Madagaskars, für drei Jahre auf Réunion ausgesetzt. Am 7. September 1649 wurden sie nach Fort Dauphin zurückgebracht, wobei, Berichten zufolge, einige der Verbannten nur widerwillig zurückkehrten.
Die verlockenden Beschreibungen der zurückgekehrten Meuterer lenkten das Interesse des französischen Gouverneurs auf Madagaskar, Étienne de Flacourt, auf die Insel. Mit dem Schiff Saint Laurent nahm er Réunion zum dritten Mal in Besitz und gab ihr dem französischen Königshaus der Bourbonen zu Ehre den Namen Île Bourbon („Insel Bourbon“). Er ließ vier Färsen und einen Stier auf der Insel zurück; ansonsten blieb die Insel weiterhin unberührt.
1654 wurde die Île Bourbon zum zweiten Mal vorübergehend von Kleinkriminellen besiedelt.
Am 10. November 1663 ankerte die Saint Charles vor Saint-Paul bei der Grotte des Premiers Français. Die Franzosen besetzten die Île Bourbon und machten sie zu einer vollwertigen Kolonie Frankreichs. Die neue Kolonie war zugleich die erste französische Niederlassung im Indischen Ozean.
Compagnie des Indes mini|Wappen der Compagnie des Indes Orientales mit der Devise „Florebo quocumque ferar“ (dt. „Ich blühe überall dort, wo ich gepflanzt werde“).
Während eines Jahrhunderts, von 1665 bis 1764, wurde die Réunion direkt von der Compagnie des Indes („Indien-Kompanie“) verwaltet, die vom französischen König eine entsprechende Konzession erhalten hatte. 1665 nahm der erste Gouverneur der Île Bourbon, Étienne Régnault, Vertreter der Compagnie des Indes, seine Tätigkeit auf der Insel auf. Die Kolonialverwaltung errichtete die ersten Siedlungen für die zunächst 30 bis 35 Einwohner der Insel, begann mit der Ausbeutung der Schätze der Insel (Schildkröten, Dodos, Wild …) und vergab die ersten Handelskonzessionen. Die erste Kolonie, Camp Jacques, lag an der Mündung der Lagune von Saint-Paul.
Der endgültige Startschuss für die Kolonisierung der Insel fiel mit der Ankunft der ersten französischen Siedler. Begleitet wurden sie von Arbeitskräften aus Madagaskar, die zwar offiziell (noch) keine Sklaven waren (sondern serviteurs, also „Diener“), de facto aber den Siedlern der Compagnie stets zu Diensten zu stehen hatten. 1667 wurde das erste bekannte Kind auf der Insel geboren, aber wahrscheinlich hatten bereits die ersten madagassischen Frauen, die 1663 mit Louis Payen auf der Insel angekommen waren, Kinder zur Welt gebracht.
1667 wurden Saint-Denis, die heutige Hauptstadt Réunions, und Sainte-Suzanne gegründet; bis 1671 steigt die Einwohnerzahl der Île Bourbon auf 76. 1674 wurden die Überlebenden des Massakers von Fort Dauphin auf der Insel aufgenommen, die damit auch zum einzigen verbleibenden französischen Stützpunkt auf dem Seeweg nach Indien wurde. Die Insel zählte zum damaligen Zeitpunkt 150 Einwohner und geriet im Mutterland für einige Jahre in Vergessenheit, gedieh aber dennoch weiter.
Erst im Jahr 1680 versuchte Pater Bernardin, die Aufmerksamkeit König Ludwig XIV. wieder auf die Île Bourbon zu lenken. 1686 lebten auf La Réunion 216 Einwohner, und 1689 wurde De Vauboulon als erster Administrator und Gesetzgeber auf die Insel entsandt. Die Bedeutung der Île Bourbon für den Seeweg nach Indien wurde aber im Mutterland erst um 1700 erkannt, wodurch die Bevölkerungszahl stark anstieg: 1704 zählt die Insel bereits 734 Einwohner.
mini|Kaffeeanbau auf La Reunion
Ab 1718 wurde Kaffee auf der Insel angebaut. Damit begann eine Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs. Bis 1735 erreichte die jährliche Exportmenge einen Wert von 100.000 Pfund. Für die Kaffeeplantagen wurden jährlich 1500 zusätzliche Sklaven aus Afrika, Indien und Madagaskar auf die Insel gebracht.
1730 verstarb auf der Insel der französische Pirat La Buse.
1735 wurde Bertrand François Mahé de la Bourdonnais erster Generalgouverneur der Île Bourbon und der Île de France (heute Mauritius). Die Île Bourbon verlor dadurch gegenüber ihrer Schwesterinsel Île de France allmählich an Bedeutung. 1738 wurde Saint-Denis anstelle von Saint-Paul die neue Hauptstadt der Insel. 1741 wurden die jungen Einwohner der Insel für den Krieg gegen die Briten in Indien rekrutiert. Die Kaffeeproduktion boomte weiter: 1744 werden bereits 2,5 Millionen Pfund exportiert, und die Insel hat bereits 2500 Einwohner.
Zwischen 1756 und 1763 diente die Insel im Siebenjährigen Krieg als wichtige Basis im Kampf gegen die Briten in Indien.
Unter königlicher Verwaltung mini|Gewürznelkenbaum
1764 kaufte der König nach dem Scheitern der Compagnie des Indes die Maskarenen zurück. Ab 1769 durften alle Franzosen mit der Insel Handel treiben, ab 1787 auch Angehörige anderer NationenRichard B. Allen, Merchant Capital and Slave Trading in the Western Indian Ocean, 1770–1830. In: Dale W. Tomich, Paul E. Lovejoy (Hrsg.), The Atlantic and Africa, The Second Slavery and Beyond. State University of New York Press 2021, 274. Stable URL: https://www.jstor.org/stable/jj.18254065.16. Die Insel erfuhr im folgenden Vierteljahrhundert einen erneuten Wirtschaftsaufschwung und war beim Export von Kaffee und vor allem von Gewürzen sehr erfolgreich. Wichtigste Persönlichkeit im Gewürzhandel war Pierre Poivre, der zahlreiche neue Gewürze einführte. 1772 wurden etwa die ersten Gewürznelken auf der Insel angebaut.
Auch das Verwaltungs- und Rechtssystem der Insel war zahlreichen Veränderungen unterworfen. Am 14. Juli 1767 übernahm Frankreich formell die Oberhoheit über die Maskarenen. 1768 lebten auf der Insel 45.000 Sklaven und 26.284 freie Einwohner. 1788, kurz vor dem Ende der königlichen Ära, lebten auf der Insel 47.195 (freie) Einwohner. Die Maskarenen waren weiterhin ein wichtiges Zentrum des Sklavenhandels. Sklaven stammten vor allem aus Mozambique und Madagaskar, aber wurden auch über Goa verkauftRichard B. Allen, Merchant Capital and Slave Trading in the Western Indian Ocean, 1770–1830. In: Dale W. Tomich, Paul E. Lovejoy (Hrsg.), The Atlantic and Africa, the Second Slavery and beyond. State University of New York Press 2021, Stable URL: https://www.jstor.org/stable/jj.18254065.16.
Zeit der Revolution und Napoleons auf der Insel Die Jahre der Französischen Revolution und Napoléon Bonapartes brachten insbesondere wegen der zahlreichen Nachwirkungen der Kriege eine schwierige Periode für die Insel. 1789 übernahm die während der Revolution gebildete Kolonialversammlung die Verwaltung auf der Insel. Zwischen 1793 und 1795 kam es wegen der weitgehend zusammengebrochenen Versorgung aus dem Mutterland zu schweren Engpässen bei Lebensmitteln, die die Inselbevölkerung aber mit Hilfe der Korsaren überstand.
Die Revolution warf auch die Frage eines neuen Namens für die Insel auf. Zunächst wurde 1793 eine Benennung als Île de Jemmapes erwogen, nach der Schlacht von Jemappes 1792. Am 8. April 1794 erhielt die Insel anstelle der alten Bezeichnung den Namen Île de la Réunion – zu deutsch etwa „Insel der Zusammenkunft“ oder „Insel der Vereinigung“, nach der Vereinigung der Revolutionäre aus Marseille und der Nationalgarden beim Sturm auf die Tuilerien, mit dem der Bourbonenkönig vom Thron verjagt worden war. Neben der Änderung des Namens wurde auch der royalistische Gouverneur verhaftet.
Zu starken Spannungen kam es, als sich die Kolonialversammlung 1795 entgegen den Vorgaben aus Paris weigerte, die Sklaverei abzuschaffen. Anstelle einer vollständigen Abschaffung der Sklaverei stärkte die Versammlung nur geringfügig die Rechte der Sklaven. Im selben Jahr übernahm die Bergpartei die Macht auf Réunion. 1796 wiederholte die Kolonialversammlung formell ihre Weigerung, die Sklaverei abzuschaffen. Ab 1798 wurde Réunion vom Mutterland als „gesetzlos“ oder „vogelfrei“ betrachtet. Die Insel kapselte sich von Frankreich in einer Autonomie ab, und 1799 errichtete die Kolonialversammlung auf der Insel eine Diktatur.