mini|Anzahl von Binnenvertriebenen weltweit nach Land (2025)
Intern Vertriebene, auch Binnenvertriebene oder Binnenflüchtlinge (aus dem Englischen internally displaced people/IDPs), sind Personen, die gewaltsam aus ihrer angestammten und rechtmäßigen Heimat vertrieben wurden, bei ihrer Flucht – im Unterschied zu Flüchtlingen im rechtlichen Sinn – keine Staatsgrenze überschritten haben und im eigenen Land verblieben sind. Gründe für diese interne Vertreibung sind Katastrophen, bewaffnete Konflikte, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen. Die Zahl der Binnenflüchtlinge weltweit wurde vom Internal Displacement Monitoring Centre (IDMC) für Ende 2025 auf 82,2 Millionen geschätzt. Dabei war die Weltregion mit den meisten Binnenvertriebenen Subsahara-Afrika mit 31,7 Millionen.
Rechtsstellung und Situation Status und Schutz von Binnenvertriebenen sind völkerrechtlich nicht klar geregelt. Die Genfer Flüchtlingskonvention, die die völkerrechtliche Grundlage für den Schutz politisch Verfolgter bildet, erstreckt sich nicht auf Binnenflüchtlinge. Es gibt auch keine andere internationale Konvention zum Schutz der intern Vertriebenen, keine internationale Organisation (wie das UNHCR für Flüchtlinge) mit einem klaren UN-Mandat zu ihrem Schutz und auch keine rechtliche Definition des Begriffs. Die Leitlinien des UN-Sonderbeauftragten zum Schutz der Menschenrechte Intern Vertriebener stellen einen internationalen Standard zum Schutz und zur Unterstützung der Betroffenen dar und werden von vielen Hilfsorganisationen und Regierungen respektiert, sind jedoch nicht im Sinne internationalen Rechts verbindlich.
Das UNHCR setzt sich auf Anfrage der betreffenden Regierung oder der UN-Generalversammlung auch für den Schutz von Binnenvertriebenen ein.
In Afrika gibt es die am 6. Dezember 2012 in Kraft getretene, verbindliche Kampala-Konvention, die in ihrer Definition von Binnenvertriebenen mit den Leitlinien der Vereinten Nationen übereinstimmt.
Manche Binnenvertriebene leben in Lagern, andere in städtischen Slums oder auch in der freien Natur. Oft verbleiben sie dabei innerhalb oder in der Nähe eines Konfliktgebietes. Damit ist ihre Sicherheitslage schlechter als diejenige von Flüchtlingen und internationale Organisationen haben größere Schwierigkeiten, sie zu unterstützen. Während Anfang der 2010er Jahre die meisten Binnenvertriebenen in Lagern in ländlichen Gebieten lebten, lebten Ende 2019 doppelt so viele in städtischen oder halbstädtischen Gebieten wie in ländlichen.
Vertreibungsgründe mini|Dorfbewohner nach Schüssen auf der Flucht nach Goma während des Dritten Kongokiregs im Jahr 2008
Gewaltsame Vertreibungen werden aus verschiedenen Gründen und von diversen Akteuren durchgeführt. Der wichtigste Grund für interne Vertreibung sind bewaffnete Konflikte, bei denen die Zivilbevölkerung zwischen die Fronten der sich bekämpfenden Parteien gerät. Zum Teil wird Vertreibung auch gezielt als Mittel eingesetzt, um Angehörige bestimmter ethnischer oder religiöser Gruppen oder tatsächliche oder angebliche politische Gegner aus einem Gebiet zu entfernen, wie es etwa in Myanmar/Burma (vgl. Bewaffnete Konflikte in Myanmar), Kenia nach den Wahlen 2007 und Irak geschah. Insbesondere in Kolumbien wurden Menschen durch paramilitärische Gruppen oder durch linke Guerilla vertrieben, um ihr Land zu rauben und es für den Anbau von Drogen zu nutzen oder Großinvestoren der Agrarindustrie zugänglich zu machen. Auch in Honduras, Guatemala und El Salvador sind organisierte Kriminalität im Zusammenhang mit Drogenhandel und Bandenaktivitäten Ursachen für interne Vertreibung.
Neben Konflikten verursachen auch Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Erdbeben interne Vertreibungen, die Hunderttausende oder sogar Millionen Menschen betreffen können. Jüngere Beispiele sind die Überschwemmungskatastrophe in Pakistan 2022, die Überschwemmungen am Horn von Afrika 2023 und das Erdbeben in der Türkei und Syrien 2023. Durch die globale Erwärmung werden extreme Wetterereignisse häufiger, die zudem eine höhere Intensität aufweisen.
Entwicklung in Zahlen
Das Internal Displacement Monitoring Centre (IDMC) sammelt Daten zur Anzahl der Binnenvertreibungen innerhalb eines Jahres, die auch mehrfache Vertreibungen von Menschen enthalten können, zum Beispiel bei Angriffen auf Vertriebenenlager wie dem Flüchtlingslager Zamzam im Sudan im April 2025 oder mehrfachen Katastrophen. Zudem gibt es in seinen Jahresberichten die Anzahl der in interner Vertreibung lebenden Menschen zum jeweiligen Ende eines Jahres pro überwachtem Land und Gebiet an. Die zeitnahe Verfügbarkeit von entsprechenden Daten ist jedoch nicht immer gewährleistet. So beobachtete das IDMC 2025 einen Rückgang der Verfügbarkeit von Vertreibungsdaten in 15 Prozent der von ihm überwachten Länder und Gebiete. Beispielsweise in Mosambik waren am Jahresende Daten nur für Stand März verfügbar, was im Herbst durch erneute Konflikte intern Vertriebene ausschließt.
Die Zahl der Binnenflüchtlinge weltweit wurde 1998 auf rund 20 Millionen geschätzt. Seitdem stieg sie nach Angaben des IDMC bis Ende 2024 auf 83,5 Millionen. Im Jahr 2025 sank die Zahl nach den vorhandenen Daten leicht auf 82,2 Millionen, die sich in 68,6 Millionen Binnvertriebene durch Gewalt und Konflikte und 13,6 Millionen durch Katastrophen aufteilte.
Nach Weltregion + Anzahl der Binnenvertriebenen in verschiedenen Weltregionen nach IDMC Jahr Subsahara-Afrika Nordafrika und Naher OstenOstasien und PazifikSüdasienAmerikaEuropa und Zentralasienweltweit 2013 12,4 Mio. 9,1 Mio.0,9 Mio.2,5 Mio.6,3 Mio.2,2 Mio.33,3 Mio. 2014 11,4 Mio. 11,9 Mio.0,9 Mio.4,1 Mio.6,8 Mio.2,9 Mio.37,9 Mio. 2015 11,9 Mio. 13,1 Mio.0,8 Mio.3,8 Mio.7 Mio.3,9 Mio.40,5 Mio.201612,2 Mio.11,9 Mio.0,8 Mio.3 Mio.8,1 Mio.4 Mio.38,9 Mio.201714 Mio.11,9 Mio.1,1 Mio.2,8 Mio.7,3 Mio.3,2 Mio.39,4 Mio.201816,5 Mio.10,8 Mio.0,8 Mio.3,7 Mio.6,6 Mio.3,2 Mio.40,6 Mio.201921 Mio.12,5 Mio.1,6 Mio.5,9 Mio.6,6 Mio.3,2 Mio.49,1 Mio.202024,1 Mio.12,1 Mio.1,5 Mio.7,8 Mio.6,2 Mio.3,3 Mio.54,1 Mio.202127,3 Mio.12,4 Mio.2,8 Mio.6,9 Mio.6,6 Mio.3,3 Mio.58,1 Mio.202231,7 Mio.12,8 Mio.2,6 Mio.8,8 Mio.6,7 Mio.8,6 Mio.69,8 Mio.202334,8 Mio.15,3 Mio.4,2 Mio.8,2 Mio.6,3 Mio.7,2 Mio.74,6 Mio.202438,8 Mio.16,6 Mio.5,2 Mio.7,1 Mio.9,7 Mio.5,9 Mio.83,4 Mio.202531,7 Mio.14,2 Mio.5,9 Mio.14 Mio.10,5 Mio.5,9 Mio.82,2 Mio.
Nach Ursache der Vertreibung Anzahl der Binnenvertreibungen (auch mehrfache Bewegungen)durch Gewalt und Konflikte (lila) und Katastrophen (grün) nach IDMC
Nach Jahr 2014 mini|Anzahl und Verteilung der intern Vertriebenen in der Demokratischen Republik Kongo nach OCHA (grün) und der Flüchtenden in (rot) und aus (blau) Nachbarstaaten nach UNHCR (Stand Januar 2018)
2014 lag die Zahl der weltweiten Binnenflüchtlinge bei rund 38 Millionen. mit Grafik
2018 Ende des Jahres 2018 lebten 41,3 Millionen Menschen in 55 Ländern aufgrund von Gewalt und Konflikten als Binnenflüchtlinge. Insgesamt wurden 2018 in 148 Ländern zusammengerechnet 28 Millionen neue Binnenvertreibungen aufgrund von Konflikten und Katastrophen verzeichnet und damit ein neuer Höchststand. Äthiopien, die Demokratische Republik Kongo und Syrien machten mehr als die Hälfte der durch Konflikte und Gewalt vertriebenen Menschen aus.
2019 Das Internal Displacement Monitoring Centre (IDMC) in Genf schätzte in ihrem Jahresbericht 2020 die Zahl intern Vertriebener Ende 2019 auf 50,8 Millionen, so viele wie nie seit Beginn der Berechnungen. Das waren 12,8 Millionen mehr als 2015. Die dramatischste Entwicklung durchlebten solche Staaten wie Syrien mit 5,6 Millionen Binnenvertriebenen und die Demokratische Republik Kongo mit 5,5 Millionen Binnenvertriebenen. Die DR Kongo verzeichnete etwa 1,9 Millionen neue Binnenvertreibungen, darunter 1,8 Millionen aufgrund von Gewalt und Konflikten. Kämpfe zwischen Militär und bewaffneten Gruppen in den Territorien Lubero und Rutshuru der Provinz Nord-Kivu trieben etwa 520.000 Menschen in die Flucht. Nach der DR Kongo verzeichnete in Subsahara-Afrika Äthiopien die meisten neuen Binnenvertreibungen, jedoch mit rund 1,6 Millionen deutlich weniger als im Vorjahr mit 2,9 Millionen. Mosambik trafen 2019 die Zyklone Idai im März und Kenneth einen Monat später, die Hunderttausende vertrieben (640.000 bzw. 45.000). Bis Ende des Jahres blieben noch etwa 132.000 von ihnen binnenvertrieben.
2020 Das IDMC berichtete von 55 Millionen intern Vertriebenen zum Ende des Jahres 2020. Darunter wurden 48 Millionen in 59 Ländern durch Gewalt und Konflikte vertrieben. Die meisten Binnenvertreibungen gab es in Subsahara-Afrika und dem Mittleren Osten. Die höchsten Zahlen an internen Vertriebenen zum Ende des Jahres wurden in Syrien (6,6 Mio.), der DR Kongo (5,3 Mio.), Kolumbien (4,9 Mio.), Jemen (3,6 Mio.) und Somalia (3,0 Mio.) verzeichnet. Tropische Wirbelstürme, Monsunregen und Überschwemmungen verursachten insbesondere in Ost- und Südasien und dem Pazifik Binnenvertreibungen. Im Mai wurden wegen Zyklon Amphan fast fünf Millionen Menschen in Bangladesch, Indien, Myanmar und Bhutan evakuiert. Der Monsun vertrieb ab Juni insbesondere in Bangladesch zahlreiche Menschen. In Mittelamerika, das von der bis dahin aktivsten Atlantische Hurrikansaison betroffen war, kam es in Guatemala, Honduras und Nicaragua zu Rekordzahlen an Binnenvertriebenen. Auch Konflikte und Gewalt vertrieben in Amerika rund 238.000 Menschen, darunter insbesondere in El Salvador, Kolumbien, Mexiko und Haiti. In Europa und Zentralasien waren es rund 85.000, die vor allem auf den Krieg um Bergkarabach zurückzuführen waren. Katastrophen wie zum Beispiel Extremwetterereignisse führten in der Region dagegen zu 234.000 Binnenvertreibungen und waren damit auf dem bis dahin zweithöchsten Stand.
2021 mini|Binnenflüchtlinge (IDPs) im Jahr 2021 nach Staat
2021 stieg die Zahl der intern Vertriebenen auf 59,1 Millionen. Neue Höchstzahlen an Binnenvertriebenen aufgrund von Gewalt und Konflikten wurden 2021 in Äthiopien, der Demokratischen Republik Kongo und Afghanistan erreicht. Katastrophen, darunter mehr als 94 Prozent wetterbedingte Naturkatastrophen, führten bis Ende 2021 zu einem Stand von 23,6 Millionen Binnenvertriebenen und waren damit für mehr als 60 Prozent aller Binnenvertriebenen verantwortlich. Die am schwersten betroffenen Länder waren erneut China, die Philippinen und Indien. In der DR Kongo kam es im Mai zu einem Vulkanausbruch des Nyiragongo nahe Goma, der rund 600.000 Menschen in die Flucht trieb. Die meisten internen Vertreibungen aufgrund von Naturkatastrophen wurden 2021 jedoch durch Stürme und Überschwemmungen verursacht.
2022 Für das Jahr 2022 betrug allein die Zahl der aufgrund des russischen Angriffs auf die Ukraine 2022 intern Vertriebenen in der Ukraine laut UNHCR im Mai 2022 mehr als 7 Millionen. Die Anzahl der weltweiten Binnenflüchtlinge erreichte mit 71,1 Millionen nach dem ICDM einen neuen Höchststand. Davon waren 62,5 Millionen durch Gewalt und Konflikte und die restlichen 8,7 Millionen durch Naturkatastrophen wie insbesondere die Überschwemmungskatastrophe in Pakistan verursacht. In Subsahara-Afrika verzeichnete aufgrund von Gewalt und Konflikten laut ICDM die Demokratische Republik Kongo mit 5,69 Millionen die meisten Binnenvertriebenen, gefolgt von Äthiopien (3,85 Mio.), Nigeria (3,65 Mio.), Somalia (3,86 Mio.) und dem Sudan (3,55 Mio.).
2023 mini|Zahl und Verteilung der intern Vertriebenen im Sudan und der in Nachbarländer Geflüchteten seit 15. April 2023 (Stand 15. Februar 2024)